1979

Die Frauenbewegung löst sich im politischen Sinne auf. Sie tritt den Gang in Projekte und durch die Institutionen an – oder den Rückzug in die neue Innerlichkeit. Feminismus ist allgegenwärtig.

Wex, Marianne: "_Weibliche" und "männliche" Körpersprache als Folge patriarchalischer Machtverhältnisse. Hamburg: Wex, 1979. (FMT-Signatur: KO.03.022)
Marianne Wex: Körpersprache

Von Marianne Wex erscheint das Buch „Weibliche“ und „männliche“ Körpersprache als Folge patriarchalischer Machtverhältnisse. Über mehrere Jahre hatte die Malerin und Kunsthochschul-Dozentin rund 6.000 Frauen und Männer fotografiert und ihre Körpersprache analysiert. Sie kommt zu dem Schluss: „Die Selbstverständlichkeit, mit der die Männer von dem Raum um sie herum Besitz ergreifen, ist physischer Ausdruck ihrer psychischen und ökonomischen Besatzung.“

Januar 1979
Auf das Berliner Haus für geschlagene Frauen, das meist mit über hundert Frauen belegt ist, wird ein Brandanschlag verübt. Es ist bereits der zweite Anschlag innerhalb von zwei Jahren auf das Frauenhaus.

k.A.
Frauendemo Rom

In Rom überfällt eine neofaschistische Terrorgruppe den Frauensender Radio Donna. Die Täter setzen die Redaktion in Brand und verletzen die fünf Mitglieder des ‚Hausfrauenkollektivs’, das an diesem Tag über Empfängnisverhütung und Abtreibung informieren will, mit Schüssen in Beine und Unterleib lebensgefährlich. Noch am selben Abend beschließen Frauengruppen einen Generalstreik aller Italienerinnen . Am nächsten Abend gehen allein in Rom über 30.000 Frauen auf die Straße. Sie skandieren: „Da schoss nicht nur ein Faschist, sondern der ganze organisierte Männlichkeitswahn!“

Bild: Franzis von Stechow / EMMA-Archiv (FMT-Signatur: FT.02.0033)
Senta Trömel-Plötz

5. Februar 1979

Mit ihrem Artikel ‚Linguistik und Frauensprache’ sowie einer aufsehenerregenden Antrittsvorlesung an der Universität Konstanz gibt die Sprachwissenschaftlerin Senta Trömel-Plötz den Startschuss zur Feministischen Linguistik, die Sprache als ‚Männersprache’ und ‚Herrschaftsinstrument’ entlarvt.

März 1979
Aus dem Iran ereilt die westeuropäischen Feministinnen nach dem Sturz des Schahs ein verzweifelter Hilferuf der iranischen Frauen. Nach der Machtübernahme Khomeinis entrechten die islamischen Fundamentalisten die Frauen, mit denen sie noch kurz zuvor Seite an Seite gegen das Schah-Regime gekämpft hatten: Koedukation und Familienrecht werden aufgehoben, der Schleierzwang eingeführt. In Paris gründen 18 Frauen, darunter Simone de Beauvoir und Alice Schwarzer, das Comité International de Défense du Droit des Femmes (Komitee zur Verteidigung der Rechte der Frauen). Um den Iranerinnen, die jetzt verzweifelt um ihre Rechte kämpfen, eine „demonstrative Geste der Solidarität zu geben“, reist das Komitee in den Iran.

Nach ihrer Rückkehr schreibt Alice Schwarzer über den quasi schon verlorenen Kampf der Iranerinnen (‚Um ihre Hoffnung betrogen’) und warnt damit als erste vor der Gefahr des islamischen Fundamentalismus für die Frauen- und Menschenrechte. Von der BRD-Linken wird die Aktion des Komitees als „reaktionär“ und „schahfreundlich“ verhöhnt.

Quelle: EMMA-Archiv
Pädagogik-Professorin Metz-Göckel

20.-24. März 1979
Über 5.000 Frauen kommen zum 1. Frauenforum im Revier in die Pädagogische Hochschule Dortmund. Motto: ‚Frauen begreifen ihren Alltag’. Organisiert wird die Frauenbildungs-Veranstaltung mit Filmen, Vorträgen und Kursen von einer Gruppe Dozentinnen, darunter der Pädagogik-Professorin Sigrid Metz-Göckel, und Studentinnen der Universität Dortmund. Die Initiatorinnen wollen vor allem „Hausfrauen, Mütter und ältere Frauen“ ansprechen, was ihnen gelingt: 90 Prozent der Teilnehmerinnen sind keine Akademikerinnen. Aus dem Frauenforum im Revier, dem weitere folgen werden, werden an die Universität Dortmund zwei Jahre später die ‚Frauenstudien’ (EMMA 5/97) entstehen: Ein Studiengang mit frauenspezifischen Inhalten für Nichtakademikerinnen, Frauen nach der ‚Familienphase’ und andere Frauen, die mit dem ‚Du heiratest ja sowieso“-Argument von Bildung ferngehalten wurden. In den folgenden Jahren werden an weiteren Universitäten ‚Frauenstudien’ etabliert.

4.-6. Mai 1979
Der Berliner Notruf und Beratung für vergewaltigte Frauen initiiert einen ‚Kongress für alle Notrufzentralen und Initiativgruppen für vergewaltigte Frauen’. Erklärtes Ziel der Veranstalterinnen ist es, „nicht die Gesamtproblematik ‚Gewalt gegen Frauen’ zu diskutieren, sondern praxisbezogen mit Euch, die ihr in Notrufzentralen arbeitet, zu diskutieren“.

Wir wollen gleiche Löhne! : Dokumentation zum Kampf der 29 "Heinze"-Frauen. Kaiser, Marianne [Hrsg.]. Reinbek bei Hamburg: Rowolt, 1980. (FMT-Signatur: AR.10.013)
Marianne Kaiser (Hrsg.), 1980
10. Mai 1979
29 Angestellte aus der Abteilung Filmentwicklung der Gelsenkirchener Firma Photo Heinze klagen auf gleichen Lohn. Die ‚Heinze-Frauen’ gewinnen den aufsehenerregenden Arbeitsgerichts-Prozess in erster Instanz. (Dokumentation eines Kampfes: Die ‚Heinze-Frauen’)

Juni 1979
Das Frauenferienhaus Zülpich eröffnet. Schon 1976 hatten in Graiganz und Stemmen bei Bremen Frauen den Versuch gemacht, Frauenferien- und –bildungshäuser zu betreiben, waren aber an Geldmangel und Widerstand der Landbevölkerung gescheitert. Schon bald nach dem Frauenbildungshaus Zülpich, das in seinem Konzept auf eine Mischung aus Bildung und Erholung setzt, gründen sich weitere Frauenbildungs- und ferienhäuser. In den folgenden Jahren entsteht ein breites Angebot an Urlaubs- und Bildungskultur für Frauen.

12. Juni 1979

Foto: Noreen Flynn
Rechtsanwalt Niclas Becker

Eine Gruppe von 50 Frauen aus dem Berliner Frauenzentrum stattet dem Rechtsanwalt Nicolas Becker einen Besuch in seiner Kanzlei ab. Der Anwalt, der als „links“ gilt und das Büro mit RAF-Verteidiger Otto Schily teilt, hatte in einem Vergewaltigungsprozess einen als Vergewaltiger verdächtigten verteidigt. Die Aktion löst eine heftige Kontroverse zwischen Feministinnen und Linken aus. Auch Becker-Kollege Schily nimmt Stellung: „Gerade weil Vergewaltigung ein schweres Verbrechen ist, kann nach unserer Ansicht keinem Anwalt ein Vorwurf gemacht werden, weil er jemanden verteidigt, der unter dem Verdacht eines solchen Verbrechens steht.“

30. Juni 1979
In Berlin, Köln und Bremen demonstrieren homosexuelle Frauen und Männer zum zehnten Jahrestag des Christopher-Street-Day. Am 28. Juni 1969 hatten sich Schwule und Lesben im Homosexuellen-Café Stonewall in der New Yorker Christopher Street zum ersten Mal gegen eine Razzia zur Wehr gesetzt und eine regelrechte Straßenschlacht ausgelöst.

Gay Pride, 1979, Bildquelle: EMMA-Archiv
Gay Pride, 1979

Während zehn Jahre später in New York rund 60.000 Lesben und Schwule für Akzeptanz und gegen Diskriminierung auf die Straße gehen, sind es in der BRD nur einige Hundert. Dennoch sind die deutschen Proteste die bisher spektakulärste Demonstration homosexuellen Selbstbewusstseins. Auch lesbische Frauen, die sich in den letzten Jahren weniger der Schwulen- und stärker der Frauenbewegung zugehörig gefühlt hatten, zeigen Präsenz.

Juli 1979
Am 1. Juli tritt das Gesetz zum Mutterschaftsurlaub in Kraft. Es verlängert den bezahlten „Urlaub“ der Mutter nach der Geburt eines Kindes von bisher acht Wochen auf ein halbes Jahr.

Plakat zur Demonstration gegen den Paragraphen 218 in Essen, 22.09.1979 (FMT-Signatur: in PD-SE.11.22)
Plakat zur Demo in Essen, 1979

Feministinnen kritisieren das Gesetz als „Zementierung einer Lebensregel aus der Steinzeit: Vati ernährt die Familie – Mutti gehört zum Kind“. Sie warnen vor der Falle, die die lange Abwesenheit aus dem Beruf für berufstätige Frauen bedeutet und fordern einen ‚Elternurlaub’, der auch die Väter in Sachen Kinderbetreuung in die Pflicht nimmt.

Die CSU und die katholische Kirche machen im Vorwahljahr mobil gegen den § 218. Die CSU kündigt für den Fall eines Wahlsieges die Rücknahme der Reform des Abtreibungsgesetzes an und attackiert die Frauen als „Massenmörderinnen“. Kardinal Höffner, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz: „Wenn Abtreibung Mord ist, dann sind 73.000 Abtreibungen doch ein Mord in Massen.“ Der CSU-Funktionär und Arzt Hartwig Holzgartner zieht Parallelen zwischen Schwangerschaftsabbrüchen und dem Holocaust. „Die Nationalsozialisten haben die Juden getötet, die internationalen Sozialisten töten ungeborenes Leben.“ Die sogenannten „Lebensschützer“ organisieren sich im Dachverband Bewegung für das Leben.

Flugblatt: Frauen gehen zu Frauen (Detail), München (FMT-Signatur: FB.01.078)
Flugblatt: Frauen gehen zu Frauen

21. Juli 1979
In München gründen 18 regionale Frauenprojekte von der Münchner Frauenkneipe bis zum Frauen-Handwerkskollektiv den Verein Frauen gehen zu Frauen. Ziel ist die Vernetzung der Projekte und die Gründung eines gemeinsamen Fonds, um sich von der Kreditvergabe durch Banken unabhängig zu machen.

15./16. September 1979
Auf Initiative der Zeitschrift Courage findet in Köln der ‚Anti-Militär- und Anti-Atom-Kongress der Frauenbewegung’ statt. Mit einem „Die-in“ auf der Domplatte protestieren die rund 1.000 Teilnehmerinnen gegen die „Nachrüstung“ der Bundesrepublik. Der sogenannte NATO-Doppelbeschluss sieht die Stationierung von Mittelstreckenraketen in der BRD vor. Damit, so befürchtet die sich formierende Friedensbewegung, würde die Bundesrepublik zum potenziellen Ziel sowjetischer Raketen. Nach wie vor tobt die Kontroverse um die Öffnung der Bundeswehr für Frauen.

Quelle: EMMA-Archiv
Frauenuniversität mit Charlotte Wolff

Oktober 1979
In Warendorf gründen 24 Frauen – überwiegend ehemalige SPD-Mitglieder, die von der Frauenpolitik ihrer Partei enttäuscht sind – eine ‚Frauenpartei’. Neben konkreten Forderungen wie die nach einem Antidiskriminierungsgesetz, die Quotierung von Arbeits- und Ausbildungsplätzen und die Abschaffung der Atomenergie bekennt sich die Partei zu den Werten „Kreativität, Spontaneität und Emotionalität“. Die Gründerinnen werden auf der 4. Frauen-Sommeruniversität in Berlin für ihren „Alleingang“ scharf kritisiert.

© Franziska Becker
Cartoon zur Sommeruniversität, Frankziska Becker

Die 4. Frauen-Sommeruniversität in Berlin (1.-6.10.) spiegelt in ihrer Themenpalette den gegenwärtigen Stand der Frauenbewegung. Unter dem Motto ‚Autonomie oder Institutionalisierung’ geht es einerseits um die Frage der politischen Einmischung in den etablierten Institutionen und Politikfeldern. Andererseits wird auf die Gefahr der Zerfaserung der Frauenbewegung in der Frauenprojekte-Kultur hingewiesen. Auch der Trend zur Mystifikation von Weiblichkeit und der ‚neuen Innerlichkeit’ und Esoterik manifestiert sich in einigen Veranstaltungen.

November 1979

Aus: Ulrike Rosenbach: Schule für kreativen Feminismus : Beispiel einer autonomen Kulturarbeit. Köln: Selbstverlag, 1980. (FMT-Signatur: KU.17.021)
Frauen gegen Pornographie, 1979

In Köln gründet sich die Gruppe Frauen gegen Pornographie. Sie erklärt: „Die sexuelle Liberalisierung seit den 50er Jahren ist auf Kosten der Frauen gegangen, denn sie hat mit der Freizügigkeit gegenüber pornographischen Darstellungen auch die sexuelle Manipulation der Weiblichkeit für kommerzielle Zwecke verstärkt.“ In einem Offenen Brief fordert die Gruppe, der auch die Künstlerin Ulrike Rosenbach angehört, Familienministerin Antje Huber zu gemeinsamen „Informationsgängen“ durch Sex-Shops auf, um sich die „unglaubliche Brutalität“ anzusehen, „mit der die Menschenwürde der Frau verletzt wird“. Die Ministerin, die „nichts von direktem staatlichen Eingreifen mit Gesetz und Polizei“ hält, lehnt ab.

Ausblick:

Von einer Bewegung im politischen Sinn – also einem locker organisatorischen Zusammenhang von Gruppen und Projekten mit den gleichen Zielen – kann von nun an nicht mehr gesprochen werden. Die Feministinnen haben den Marsch durch die Institutionen und in die Welt angetreten: Sie sind engagierte Lehrerinnen, Journalistinnen oder Politikerinnen geworden, sie organisieren Projekte oder gründen Unternehmen. Sie ziehen sich zurück auf „Frauenland“ oder erklären den Feminismus für „überholt“. Sie werden Mütter oder machen Karrieren. Der Feminismus ist von nun an nicht mehr innerhalb einer „Bewegung“ verordnet, sondern durchzieht die gesamte Gesellschaft und nimmt in den 80er und 90er Jahren vielfältige Formen an.

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