Vorfrühling: 1968

Ein Tomatenwurf wird zum Symbol für das Aufbegehren der Frauen in der Außerparlamentarischen Opposition. Die Genossinnen wollen nicht länger nur die ganze Welt befreien, sondern auch sich selbst.

Anfang 1968

Selbstverständnis des Aktionsrats zur Befreiung der Frauen, Berlin 16.10.1968 (FMT-Signatur: FB.04.161)
Selbstverständnis des Aktionsrats

‚Das Private ist politisch!’ Mit diesem Slogan fordern Frauen aus dem Umfeld des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) ein neues Politikverständnis ein. Sie setzen sich zur Wehr gegen die Behandlung der Frauenfrage als ‚Nebenwiderspruch’ des Klassenkampfes, der als ‚Hauptwiderspruch’ gilt und dessen Beseitigung die Geschlechterproblematik nach Ansicht der Genossen automatisch mitlösen würde.

In Berlin gründet sich der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen. Hunderte Frauen treffen sich wöchentlich im Republikanischen Club zum ‚Mittwochsplenum’. Männer sind nicht zugelassen. Die Frauen – Studentinnen und Berufstätige – erkennen in ihrer alleinigen Zuständigkeit für Haushalt und Kinder ein Haupthindernis für ihre gleichberechtigte Teilhabe an Politik und Beruf. Mütter und Nichtmütter gemeinsam gründen die ersten ‚autonomen Kinderläden’. Die ‚Kinderladenbewegung’, die später als typisches Produkt der ‚antiautoritären’ 68er gilt, wurde nicht – wie später behauptet – von männlichen Theoretikern initiiert, sondern von Frauen, die praktisch gegen ihre Mutterrolle aufbegehrten.

Das andere Geschlecht
Beauvoir: Das andere Geschlecht

Aufgerüttelt, aber auch euphorisiert von den Ereignissen auf der Frankfurter SDS-Konferenz, gründen die heimgekehrten Delegierten in mehreren Städten ‚Weiberräte’. Diese Weiberräte bleiben jedoch innerhalb der stark links-studentisch geprägten APO verhaftet und beschäftigen sich mit Marx-Schulungen mindestens ebenso intensiv wie mit der Lektüre von Simone de Beauvoirs Das andere Geschlecht.

Zwei Jahre zuvor, 1966, ist in Deutschland Betty Friedans Weiblichkeitswahn  erschienen. Diese Studie, die den Mythos von der ‚glücklichen Hausfrau’ entlarvt hatte, war schon 1963 in den USA zum Bestseller avanciert und hatte zum Start der amerikanischen Frauenbewegung beigetragen. Autorin Friedan wurde 1966 zur Mitbegründerin der NOW (National Organization of Women), der größten Organisation der Women’s Liberation, kurz: Women’s Lib.

3. Juni 1968

Bildquelle: Wikipedia, Foto: Fred W. McDarrah
Valerie Solanas im Februar 1967

In New York verübt Valerie Solanas ein (missglücktes) Attentat auf Andy Warhol. Die Frau aus Warhols Künstlerkreis Factory ist Gründerin der Society for Cutting Up Men (Gesellschaft zu Vernichtung der Männer), kurz: SCUM. In ihrem gleichnamigen Manifest erklärt sie provokant: „Der Mann ist eine biologische Katastrophe. Mann sein heißt kaputt sein; Männlichkeit ist eine Mangelkrankheit und Männer sind seelische Krüppel.“ Solanas’ Geschichte wird 1997 verfilmt (EMMA 2/97).

Übrigens hatte Valerie Solanas eine historische Vorgängerin: Im Jahr 1905 veröffentlichte Helene von Druskowitz ihre Schrift: „Der Mann als logische und sittliche Unmöglichkeit und als Fluch der Welt“.

September 1968

Bild: AP
Protest gegen Miss America

In den USA demonstrieren Feministinnen gegen die Miss-Amerika-Wahl. Es ist die erste große und militante Aktion der Women’s Lib.

Auf der 23. Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) in Frankfurt fordert Helke Sander, Filmemacherin und Aktivistin im Berliner Aktionsrat zur Befreiung der Frauen, in ihrer Rede: „Wir können mit der Lösung der gesellschaftlichen Unterdrückung der Frauen nicht auf Zeiten nach der Revolution warten, da eine nur politisch-ökonomische Revolution die Verdrängung des Privatlebens nicht aufhebt.“

Privatbesitz
Ulrike Meinhof, 1961

Erbost über die Ignoranz und Arroganz, mit der die SDS-Genossen auf Sanders Rede reagieren, wirft die Romanistik-Studentin Sigrid Rüger drei Tomaten – und trifft auf dem Podium den SDS-Cheftheoretiker Hans-Jürgen Krahl. Die Presse von Spiegel bis Zeit berichtet. Einer der klügsten Kommentare zur Tomatenwurf-Debatte erscheint in konkret. Sein Titel: „Die Frauen im SDS oder: In eigener Sache“. Autorin: Ulrike Meinhof, die zwei Jahre später als Teil der ‚Baader-Meinhof-Gruppe’ (später RAF) untertaucht und in den ‚bewaffneten Widerstand’ geht.

November 1968

Flugblatt des Frankfurter Weiberrats, 1968 (FMT-Signatur: FB.04.188)
Flugblatt des Frankfurter Weiberrats

Auf der 24. Delegiertenkonferenz des SDS in Hannover treten die Weiberräte formiert und selbstbewusst auf. Der Frankfurter Weiberrat verteilt ein Flugblatt mit dem Titel ‚Rechenschaftsbericht’ und der provokativen und legendären Forderung: ‚Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen!’

Januar 1969
Das Kursbuch 17 Frau, Familie, Gesellschaft erscheint. Der Text Die kulturelle Revolution der Frau der Wienerin Karin Schrader-Klebert darin macht Geschichte als erste eigenständige feministische Analyse in Deutschland.

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