Neue Frauenbewegung: Pornografie

Women Against Pornography March on Times Square 20. Oct. 79, N.Y.C. (FMT-Signatur: FT.02.1899)

Pornografie ist nicht neu. Allerdings hat sie mit Aufkommen der Neuen Frauenbewegung eine quantitativ wie qualitativ neue Dimension erreicht. Und mit Aufkommen der neuen Medien eine allgegenwärtige Verbreitung. Die Debatte im Namen des Feminismus ist in der Frage der Pornografie ähnlich zerrissen wie in der der Prostitution. Die Frontlinien verlaufen quasi identisch. Vielen linken Feministinnen gilt Pornografie als unproblematisch. Die meisten autonomen Feministinnen bekämpfen Pornografie als verbale und bildliche Sexualgewalt und ,sexualisierten Frauenhass‘. Ihre auch von EMMA in Deutschland, Vorreiterin des Anti-Porno-Kampfes, vertretene Definition lautet: Pornografie ist die Verknüpfung von sexueller Lust mit Lust an Erniedrigung und Gewalt.

Lovelace, Linda ; MacGrady, Mike (1980): Ich packe aus. - München: Heyne (FMT-Signatur: SE.09.039).
Die Geschichte hinter „Deep Throat“

1972

In den USA startet Deep Throat,1 der bis heute wohl berühmteste Pornofilm der westlichen Welt. Der Film gilt als direkte Reaktion auf die amerikanische Frauenbewegung, die ab Ende der 1960er-Jahre zu einer starken gesellschaftlichen Kraft geworden ist. Deep Throat (dt. Tiefe Kehle, Handlung: Eine beim Geschlechtsverkehr lustlose Frau entdeckt, dass ihre Klitoris im Hals sitzt) holt den Porno vom Schmuddelkino in den Mainstream und macht Pornografie ,chic‘. Der Film, den auch Prominente demonstrativ besuchen, spielt 600 Millionen Dollar ein. Feministinnen protestieren vor den Kinos. Acht Jahre nach dem Filmstart wird Hauptdarstellerin Linda Lovelace in ihrem Buch Ordeal2 (dt. Martyrium) erzählen, unter welchen Umständen Deep Throat gedreht wurde: Linda Lovelace (bürgerlich: Linda Boreman) wurde von ihrem ,Lebensgefährten‘ Chuck Traynor schwer misshandelt, brutal zur Prostitution und auch zu ihrer Rolle in Deep Throat gezwungen. Das Drehteam hatte die Misshandlungen mitbekommen, aber nicht eingegriffen. Linda Boreman wird von nun an an der Seite von Feministinnen zur Kämpferin und Kronzeugin gegen die Pornoindustrie.

 

Flugblatt Frauenprotest, 1975

07. Juni 1973

Der Deutsche Bundestag beschließt mit den Stimmen der sozialliberalen Koalition und gegen die Stimmen der CDU/CSU die vierte Sexualstrafrechtsreform, die unter anderem die Freigabe ,einfacher‘ Pornografie an Erwachsene vorsieht. Weiterhin verboten sind pornografische Handlungen, die ,Gewalttätigkeiten‘ beinhalten, sexuelle Handlungen mit Tieren zeigen sowie Kinderpornografie. Außerdem dürfen pornografische Darstellungen Jugendlichen unter 18 Jahren nicht zugänglich gemacht werden. Die deutsche Frauenbewegung reagiert zunächst nicht auf die Reform, die am 27.01.1975 in Kraft tritt.

November 1975

In den Kinos startet der Film Geschichte der O3 nach dem Buch von Pauline Réage (eigentlich: Anne Desclos). In dem Film geht es um eine Frau, die von ihrem Liebhaber ihrer Identität beraubt, auf einem Schloss sexuell versklavt wird und in ihrer Unterwerfung unter die sadistischen Wünsche von Männern Erfüllung findet. Frauengruppen in Aachen, Berlin, Bonn und Frankfurt a. M. stürmen die Kinos mit Stinkbomben und Farbsprühdosen, werfen Eier auf die Leinwände und sorgen so dafür, dass zahlreiche Vorstellungen des Films abgebrochen werden müssen. Sie erstatten Anzeige wegen „Verharmlosung von Gewalt“ und „Verstoßes gegen das Gesetz gegen Gewaltpornografie“. Es sind die ersten Frauenproteste gegen Pornografie in Deutschland.

23. Juli 1977

Zum ersten Mal in der bundesdeutschen Pressegeschichte spricht der Deutsche Presserat eine Rüge wegen Sexismus aus.4 Der Spiegel hatte seine Titelgeschichte über Kinderpornografie mit dem Foto einer nackten Zwölfjährigen in Strapsen illustriert. Es handelt sich um Eva Ionesco, die von ihrer Mutter, der Fotografin Irina Ionesco, als Nacktmodell vermarktet wird. Eva Ionesco wird ihre Geschichte 2011 mit ihrem Spielfilm I’m not a F***ing Princess5 verarbeiten und ihre Mutter auf 200.000 Euro Schadenersatz und Herausgabe aller Nacktfotos verklagen.6 Die Schlagzeile des Spiegel lautet: Kinder auf dem Sex-Markt – Die verkauften Lolitas. Die Zeitschriften EMMA, Courage, Unsere kleine Zeitung und der Kinderschutzbund protestieren gegen das Foto auf dem Cover beim Presserat: „Was in einer pornografischen Publikation direkt angeboten würde, wird hier wie zum Hohn auch noch moralisch kaschiert.“ Der Presserat rügt, dass „ein Kind in derart plakativer Form als Sexualobjekt abgebildet wird.“

Januar 1978

Die militante Rote Zora überfällt in Köln sechs Kölner Dr. Müller’s Sexshops und raubt Porno-Artikel im Wert von 200.000 Mark. In einem anonymen Flugblatt erklärt die Gruppe, die sich den Zielen der autonomen Frauenbewegung verpflichtet fühlt: „Diese Läden stinken uns schon lange. Die Frau wird auf ihren Körper reduziert – zur Sexmaschine degradiert, die nach Belieben der Käufer zu handhaben ist […] Die neuesten Errungenschaften der Pornoindustrie – Peep-Show und Oben-Ohne-Boxen – werden uns auch noch als emanzipatorischer Fortschritt verkauft. Die Gewalttätigkeiten, die wir täglich auf der Straße zu spüren bekommen, stehen im krassen Gegensatz zu der landläufigen These, die besagt, dass gerade die Freigabe der Pornografie dazu beitrage, die Gewalt gegen Frauen zu verringern.” Slogan:  „Mit List und Tücke hauen wir die Pornoshops in Stücke!”
Die Pornoindustrie setzt inzwischen allein in Deutschland jährlich 1,1 Milliarden Mark um.

Sexistisches Stern-Cover 1978, 13. April 1978 (Nr. 16) © Stern
Sexistisches Stern-Cover 1978

23. Juni 1978

Vor dem Hamburger Landgericht schließen sich neun Frauen – darunter Inge Meysel, Erika Pluhar, Margarete Mitscherlich und Margarete von Trotta – einer von Alice Schwarzer initiierten Klage gegen die sexistischen Titelbilder des Stern an. Ihre Rechtsanwältin Dr. Gisela Wild fordert, „[…]die Beklagten dazu zu verurteilen, es zu unterlassen, die Klägerinnen dadurch zu beleidigen, dass auf den Titelseiten des Magazins Stern Frauen als bloße Sexualobjekte dargestellt werden und dadurch beim männlichen Betrachter der Eindruck erweckt wird, der Mann könne beliebig über die Frauen verfügen und sie beherrschen.“ Bei Zuwiderhandlung sollen die Beklagten ein Ordnungsgeld bis zum 500.000 DM zahlen. Die Klageschrift erläutert: „Die Darstellung der Frau ist auf diesen Bildern völlig entpersönlicht und reduziert auf geschlechtliche Benutzbarkeit. Zugleich wird damit weibliche Unterlegenheit und männliche Dominanz ausgedrückt. Die Beklagten mögen sich darauf berufen, daß sie Bilder von vor allem ästhetisch schönen Frauenkörpern wählen, sie mögen anführen, daß das Bekenntnis zur Nacktheit und Sexualität zur weiblichen Emanzipation gehöre — das aber ist hier nicht die Frage. Wesentlich ist hier: Die Frau wird so dargestellt, als sei sie männlicher sexueller Lust jederzeit verfügbar und unterstehe damit seiner Beherrschung.“

Quelle: EMMA-Archiv / Uwe Schaffrath
Erika Wild, Inge Meysel und Alice Schwarzer

Die Klägerinnen wissen, dass sie die Klage juristisch nicht gewinnen können, weil es (noch) keine gesetzliche Grundlage gibt, um die sexistische Darstellung von Frauen straf- oder zivilrechtlich zu verfolgen. Genau auf diese Gesetzeslücke wollen sie aufmerksam machen und die Öffentlichkeit für die so selbstverständliche Darstellung von Frauen als Sexualobjekt sensibilisieren. Der gesamte Deutsche Frauenrat – Dachverband der deutschen Frauenverbände mit insgesamt sechs Millionen Mitgliedern – schließt sich der Klage an.

26. Juli 1978

Stern-Prozess, 1978, Quelle: EMMA-Archiv
Stern-Prozess, 1978

Die Klage wird abgewiesen. Allerdings begründet das Gericht die Abweisung wie erwartet rein formal. Zum einen geht es um die Frage, ob die zehn Klägerinnen im Namen der „großen Gruppe“ der Frauen überhaupt Klage erheben dürfen. In der Klageschrift hatte Anwältin Wild erklärt: „Jede der Klägerinnen ist durch die vorgelegten Titelbilder als Mitglied der Gruppe Frauen persönlich betroffen und in ihrer Ehre verletzt […] Auch die Frauen, die jetzt in Deutschland leben, bilden eine Personenmehrheit, die beleidigungsfähig ist und durch deren Beleidigung jedes einzelne Mitglied in seiner Ehre verletzt wird.“ Das Gericht verneint den Klageanspruch: Es liege kein „direkter Angriff auf die Persönlichkeitsrechte der Klägerinnen“ vor.

Quelle: EMMA-Archiv / Uwe Schaffrath
Henry Nannen und Alice Schwarzer

Zu dem sexualpolitischen Anliegen der Klägerinnen erklärt Richter Engelschall: „Die Kammer verkennt nicht, dass es ein berechtigtes Anliegen sein kann, auf eine der wahren Stellung der Frau in der Gesellschaft angemessenen Darstellung des Bildes der Frau in der Öffentlichkeit und insbesondere in den Medien hinzuwirken.“ Hierfür seien jedoch „die Gerichte nicht zuständig“. Mit ihrem Anliegen müssten sich die Klägerinnen „an den Gesetzgeber wenden“. Und: „In 20 oder 30 Jahren werden die Klägerinnen vielleicht gewinnen können.“

Die Stern-Klage ist über Monate Thema in den Schlagzeilen, bewegt die Nation und trägt entscheidend dazu bei, den alltäglichen Sexismus ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.

EMMA 8/1978 © EMMA
Klage-Begründung in Emma 8/1978

07. Dezember 1978

Der Deutsche Presserat ergänzt seinen Kodex um das Merkmal Geschlecht. Ab jetzt heißt es: „Niemand darf wegen seines Geschlechts, seiner Zugehörigkeit zu einer rassischen, religiösen oder nationalen Gruppe diskriminiert werden.“ Das Selbstkontrollorgan hat dem Antrag der EMMA-Redaktion auf Ergänzung des Pressekodex‘ stattgegeben, den sie im Zuge der Stern-Klage im Juni gestellt hatte. Der Presserat erklärt: „Der Deutsche Presserat hat in seiner Sitzung vom 4. Oktober 1978 die Beschwerden über die vier Titelbilder der Illustrierten Stern als unbegründet zurückgewiesen. Er nimmt aber diese Beschwerden zum Anlass, die Anregungen an die Presse weiterzugeben, dem heutigen Selbstverständnis der Frau in der Gesellschaft Rechnung zu tragen.“

© Brigitte Lhomond, Women Against Pornography, Demonstration am Times Square, 20. Oktober 1979, N.Y.C.
Women Against Pornography, 1979

1979

In New York gründet sich die Initiative Women Against Pornography (WAP), Gründungsmitglieder sind u.a. Gloria Steinem, Susan Brownmiller, Adrienne Rich, Shere Hite, Andrea Dworkin und Catharine MacKinnon. Women Against Pornography wird bald zu einer einflussreichen Gruppe, die zunächst mit Aktionen in Sexshops und Pornokinos sowie einem Protestmarsch zum Times Square von sich reden macht, an dem mehrere Tausend Aktivistinnen teilnehmen. Später werden speziell die Aktivistin Dworkin und die Juristin MacKinnon Gesetzentwürfe entwickeln, die die Erniedrigung und Entwürdigung von Frauen durch pornografischen Darstellung stoppen sollen. Sie unterscheiden zwischen erotischen Darstellungen, die ,Gegenseitigkeit und Umkehrbarkeit‘ voraussetzen und pornografischen Darstellungen, die sie als Verstoß gegen die Bürgerrechte von Frauen und Verstoß gegen die Menschenwürde definieren.7

© Catherine A. Joritz: Catharine A. MacKinnon, Chicago 1988
Juristin Catharine A. MacKinnon

Dezember 1979

Auch in Deutschland wird der Kampf gegen die erniedrigende und entwürdigende Darstellung von Frauen in der Pornografie zum Thema für die Frauenbewegung.
In einem offenen Brief fordert eine Kölner Frauengruppe gegen Pornografie Familienministerin Antje Huber (SPD) auf, sich bei gemeinsamen Rundgängen durch Sexshops die „unglaubliche Brutalität“ anzusehen, „mit der die Menschenwürde der Frau verletzt wird.“ Die Initiative, der auch die Künstlerin Ulrike Rosenbach angehört, erklärt: „Die sexuelle Liberalisierung seit den 50er-Jahren ist auf Kosten der Frauen gegangen, denn sie hat mit der Freizügigkeit gegenüber pornographischen Darstellungen auch die sexuelle Manipulation der Weiblichkeit für kommerzielle Zwecke verstärkt.“8 Die Ministerin lehnt ab. Zwar „bin ich mit Ihnen einig, dass das Gros der Produkte der Pornoindustrie Frauen als allzeit verfügbare Objekte darstellt“ Aber: Sie halte „nichts von direktem staatlichen Eingreifen mit Gesetz und Polizei.“

Anti-Playboy-Aufkleber, um 1985, © Autonomes Frauen- u. Lesbenreferat, Ruhr-Uni Bochum: Bestellformular für Aufkleber (FMT-Signatur: FB.02.057)
Anti-Playboy-Aufkleber, um 1985

1986

Das österreichische Lifestyle-Magazin Wiener, das ab diesem Jahr auch mit einer deutschen Ausgabe erscheint, veröffentlicht unter dem Titel Zeitgeist eine Fotostrecke mit sadistischen Bildern von gefesselten und gefolterten Frauen. Das Magazin bezeichnet diese ,Männerphantasien‘ als „Träume eines Bürgers“. Alice Schwarzer analysiert die Fotostrecke als Reaktion der ,neuen Männer‘ auf die ,neuen Frauen‘. Sie schreibt: „Ihnen genügt es nicht mehr, uns mit Netzstrümpfen, Dekolleté und Häschenohren darzustellen. Sie fesseln uns. Foltern uns. Ermorden uns. Denn genau das macht den neuen Mann heiß: die kalt gemachte Frau. Ihm reicht’s endgültig mit der Emanzipation.“ Und Schwarzer kündigt an: „Wir werden das nicht hinnehmen. Wir werden uns ernsthaft fragen, was zu tun ist. Und wir werden ihnen zu antworten wissen.“

Aufkleber EMMA-PorNo-Kampagne, © EMMA (FMT-Signatur: VAR.01.019)
Aufkleber EMMA-PorNo-Kampagne

Oktober 1987

EMMA startet die Kampagne PorNO. In ihrer Oktober-Ausgabe beklagt sie das Ausmaß der  Pornografisierung aller gesellschaftlichen Bereiche sowie die sich immer schneller drehende Gewaltspirale („Monatlich werden 500.000 Porno-Videos ausgeliehen, 200.000 davon sind ‚besonders gewalttätig‘.“) EMMA definiert ihre Kriterien für Pornografie: „,Pornografisch‘ sind diejenigen Darstellungen zur sexuellen Anregung, die Frauen erniedrigen, sie in einer Ohnmachtsposition gegenüber Männern zeigen und zum Frauenhass oder gar -mord aufstacheln.“ Und EMMA dokumentiert die Wirkungsforschung über den deutlichen Zusammenhang von Pornografie und Gewaltbereitschaft und entlarvt die entwürdigenden Arbeitsbedingungen der Porno-‚Darstellerinnen‘. Im EMMA-Verlag erscheint die deutsche Ausgabe von Andrea Dworkins Buch unter dem deutschen Titel Pornographie – Männer beherrschen Frauen9 (1981: Pornography – Men Posessing Women10).

Dworkin, Andrea (1987): Pornographie : Männer beherrschen Frauen. - Köln : Emma-Frauen-Verlag (FMT-Signatur: SE.09.014-1987)
Pornographie – Männer beherrschen Frauen

25. November 1987

Alice Schwarzer entwickelt in Zusammenarbeit mit der späteren Hamburger und Berliner Justizsenatorin Lore Maria Peschel-Gutzeit (SPD) einen Gesetzentwurf, der eine wirksame Handhabe gegen die frauenverachtende Pornografie sein soll, und verschickt ihn an diesem Internationalen Tag gegen Gewalt gegen Frauen an alle Bundestagsabgeordneten sowie Justizminister Hans Engelhard (FDP) und Familienministerin Rita Süssmuth (CDU). Bisher definiert der Gesetzgeber Pornografie als Darstellungen, die „auf Erregung eines sexuellen Reizes beim Betrachter abzielen und dabei die im Einklang mit allgemeinen gesellschaftlichen Wertvorstellungen gezogenen Grenzen des sexuellen Anstands eindeutig überschreiten.“

Der in EMMA veröffentlichte Gesetzentwurf definiert in § 2 Pornografie wie folgt: „Pornografie ist die verharmlosende oder verherrlichende, deutlich erniedrigende Darstellung von Frauen oder Mädchen in Bildern und/oder Worten.“ Dazu gehören Elemente wie der Genuss von „Erniedrigung, Verletzung oder Schmerz“, Vergewaltigung oder „die als Sexualobjekte dargestellten Frauen/Mädchen sind „gefesselt, geschlagen, verletzt, misshandelt, verstümmelt, zerstückelt oder auf andere Weise Opfer von Zwang und Gewalt“. Außerdem will der Gesetzentwurf die Lücke schließen, die sich im Stern-Prozess offenbarte. In § 3 verlangt der Entwurf: „Jede Frau, die mit einer pornografischen Darstellung konfrontiert ist, ist berechtigt, ihre Rechte […] geltend zu machen.“

© Bettina Flitner: Andrea Dworkin, 1986
Anti-Porno-Aktivistin Andrea Dworkin

26. November 1987

Im Kölner Volkshochschul-Forum veranstaltet EMMA eine Podiumsdiskussion zum Thema Frauen gegen Pornographie?. Über den EMMA-Gesetzesentwurf und das Buch der anwesenden Anti-Porno-Aktivistin Andrea Dworkin diskutieren mit Rita Süssmuth (CDU) und Renate Schmidt (SPD) neben Alice Schwarzer weitere Unterstützerinnen der Kampagne. Außerdem auf dem Podium sitzen Verena Krieger (Die Grünen), Markus Peichl (Chefredakteur von TEMPO) und Hellmuth Karasek (Kultur-Chef des Spiegel). Karasek fasst das Ergebnis der Diskussion aus seiner Sicht mit den folgenden Worten zusammen: „Wir wissen nicht, welche Hydra wir mit diesem Gesetz in Gang setzen, wir wissen nur, wie es jetzt ist, kann es nicht weitergehen.“11

Pressekonferenz PorNo, 25.11.1987, © Bettina Flitner (FMT-Signatur: FT.02.2235)
Pressekonferenz PorNo, 25.11.1987

12. – 13. September 1988

Die SPD veranstaltet auf Initiative der Abgeordneten Renate Schmidt in Bonn ein Hearing zum Thema, das allerdings folgenlos bleibt. Vier von fünf anwesenden RechtsexpertInnen plädieren für das Modell einer ,Verbandsklage‚. Demnach soll auch ein Verband, d.h. eine rechtsfähige Vereinigung bestehend aus mindestens sieben Personen, Klage einreichen dürfen, wenn der Schutz von Frauen vor Pornografie in dessen Satzung festgeschrieben ist.

Der Gesetzentwurf und die Kampagne lösen eine breite gesellschaftliche Debatte über die Folgen der Pornografie aus.

Juristin Lore Maria Peschel-Gutzeit, Quelle: EMMA-Archiv
Juristin Lore Maria Peschel-Gutzeit

Wie geht es weiter?

1998 greift ein überparteiliches Politikerinnen-Bündnis – dem u.a. die Ministerinnen Lore Maria Peschel-Gutzeit und Ulla Schmidt (SPD), Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) und Parlamentspräsidentin Rita Süssmuth (CDU) sowie Rita Grieshaber (Die Grünen) angehören – die PorNO-Diskussion auf und fordert in EMMA eine Neufassung des Pornografie-Gesetzes sowie die Aufnahme der Kategorie ,Frauenhass‘ in das Gesetz gegen Volksverhetzung. Nach den Bundestagswahlen im Herbst 1998 kündigt die neue Justizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD) ein „überfälliges Anti-Porno-Gesetz“ an. Nach ihrem überraschenden Rücktritt greift ihre Nachfolgerin Brigitte Zypries das Vorhaben nicht wieder auf. – Bis heute ist weder der ,Frauenhass‘ eine juristische Kategorie, noch gibt es ein adäquates Gesetz gegen Pornografie.

© EMMA
PorNo, die dritte: Emma 5/2007

2007 startet EMMA die dritte Phase ihrer PorNO-Kampagne. Durch die neuen Medien, allen voran das Internet, ist die Verbreitung von Pornografie massiv angestiegen.13 Die Porno-Konsumenten werden immer mehr und immer jünger.14 Wissenschaftler schlagen Alarm: So konstatiert der Münchner Neuropsychologe Prof. Henner Ertel: „Emotionale Intelligenz und Empathiefähigkeit haben bei den Jugendlichen enorm abgenommen. Sexualität ist heute für die Mehrheit der jungen Männer, aber auch für viele junge Frauen, unlösbar mit Gewalt verknüpft.“15 Dem Leiter des Instituts für Sexualwissenschaft an der Berliner Charité, Prof. Klaus Beier, bereitet der „[…] leichte Zugang zur ganzen Bandbreite pornografischer Bilder und Filme Sorgen. Also auch sexuelle Kontakte mit Tieren, mit Demütigungshandlungen, mit Zufügung von Schmerzen und Verletzungen“. Beier bezeichnet die Konfrontation besonders Jugendlicher, deren „Gehirne sich noch in der Entwicklung befinden“, mit dem im Internet verfügbaren pornografischen Material als „unethischen Menschenversuch.“16

2009 startet Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen den Versuch, ein Gesetz zur Sperrung kinderpornografischer Internet-Seiten durchzusetzen. Nach massiven Protesten („Zensursula“) vor allem linker Netzaktivisten wird das Gesetz zwar verabschiedet, gleichzeitig allerdings beschließt der Bundestag, es nicht anzuwenden. Ein juristischer Präzedenzfall.17

EMMA 5/2007, S.101, © EMMA
EMMA 5/2007, S.101

Ganz wie die Prostitution ist die Pornografie ein Milliardengeschäft. Allein im Jahr 2015 wurden weltweit 70 Milliarden Euro mit Pornografie umgesetzt, davon 5,3 Milliarden in Deutschland.18 Die beiden Branchen überschneiden sich: Oft sind Frauen, die sich prostituieren, auch Pornodarstellerinnen – oder Pornodarstellerinnen rutschen ab in die Prostitution. Und es verdienen dieselben daran. Die einstige Unter-dem-Ladentisch-Pornografie ist längst abgelöst von der virtuell im Netz weltweit und für jedermann zugänglichen Pornografie. Deren Härte eskaliert kontinuierlich, weil die Reizschwelle sinkt. Der feministische Protest gegen Pornografie – dem „Prüderie“ vorgeworfen wird – ist zurzeit nicht offensiv. Die Pornografie und Pornografisierung von Kultur, Mode und Medien ist zu allgegenwärtig und nicht nur in die Köpfe der Männer gedrungen, sondern auch in die mancher Frauen.

Im April 2016 kündigt Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) ein Gesetz gegen sexistische Werbung an. Verboten werden sollen Darstellungen, die Frauen oder Männer „auf Sexualobjekte reduzieren“. Die Proteste in Medien und Politik sind massig. FDP-Chef Lindner spricht von Zensur und einem „Nanny-Staat“.19

Quellen

1 Damiano, Gerard: Deep Throat (1972). - USA, Kinofilm.
2 Lovelace, Linda ; MacGrady, Mike (1980): Ich packe aus. - München: Heyne (FMT-Signatur: SE.09.039).
3 Jaeckin, Jack: Geschichte der O (1975). - Frankreich, Kinofilm.
4 Frauen klagen gegen den Stern: Polit- und Pornopresse (1978). - In: Emma, Nr. 10, S.14f.. Verfügbar unter: www.emma.de/lesesaal/45153
5 Ionesco, Eva: I’m not a F***ing Princess (2010). - Rumänien/Frankreich, Kinofilm.
6 Frank, Charlotte (2011): Von der nackten Prinzessin : Die Lebensgeschichte der Regisseurin Eva Ionesco. – In: Süddeutsche Zeitung, 29.10.2011. Verfügbar unter: www.sueddeutsche.de/leben/lebensgeschichte-der-regisseurin-eva-ionesco-von-der-nackten-prinzessin-1.1176396
7 Dworkin, Andrea (1987): Pornographie : Männer beherrschen Frauen. Köln: EMMA-Frauen-Verlag, S. 14. (FMT-Signatur: SE.09.014-1987).
8 Die Chronik der Frauenbewegung (2012). - Emma Online, 01.01.2017. Verfügbar unter: www.emma.de/artikel/die-chronik-der-frauenbewegung-265834
9 Dworkin, Andrea (1987): Pornographie : Männer beherrschen Frauen. - Köln : Emma-Frauen-Verlag (FMT-Signatur: SE.09.014-1987).
10 Dworkin, Andrea (1981): Pornography : Men Posessing Women. - New York : Putnam (FMT-Signatur FE.09.014-1981).
11 Lukoschat, Helga ; Neef, Uthoff, Maria (1989): De Sade schuf Verwirrung auf dem Podium. - In: Die Tageszeitung, 28.11.1987, siehe Pressedokumentation: Pressereaktionen auf die PorNo-Kampagne I, 1987-1989 (FMT-Signatur: PD-SE.09.04).
12 Siehe Pressedokumentation: Pressereaktionen auf die PorNo-Kampagne I 1987-1989 (FMT-Signatur: PD-SE.09.04).
13 Pornografie nimmt im Jahr 2007 13% des gesamten Datenverkehrs in Deutschland ein und nimmt damit den dritten Platz ein nach Film und TV. Das geht aus der Internetstudie Ipoque hervor, die in der nachfolgenden Publikation zitiert wird: Grimm, Petra ; Rhein, Stefanie ; Müller, Michael (2011): Porno im Web 2.0. - Berlin : Vistas Verlag, S. 13 (FMT-Signatur: SE.09.064).
14 Eine Studie aus dem Jahr 2008 ergibt, dass in Deutschland 45,4 % der Jugendlichen im Alter zwischen 16 und 19 Jahren mindestens einmal im Monat Pornografie konsumieren, davon 9,9% täglich. Ebenda, S. 28 (FMT-Signatur: SE.09.064).
15 Schwarzer, Alice (2009): Die Tat eines Frauenhassers. - In: Die Welt (16.03.2009). Verfügbar unter: www.welt.de/welt_print/article3382633/Die-Tat-eines-Frauenhassers.html
16 Ein unethischer Menschenversuch : Interview mit Prof. Dr. Klaus M. Beier (2010). - In: Frankfurter Rundschau, 12.05.2010. Verfügbar unter: www.fr-online.de/wissenschaft/pornografie--ein-unethischer-menschenversuch-,1472788,4456424.html
17 Reißmann, Ole (2009): Stoppschild für Zensursula. - Spiegel Online (16.10.2009). Verfügbar unter: www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/fdp-sieg-bei-buergerrechten-stoppschild-fuer-zensursula-a-655565.html
18 Rötterkamp, Anne (2016): Internet Pornografie - Zahlen, Statistiken, Fakten. - Netzsieger, 05.01.2016. Verfügbar unter: www.netzsieger.de/ratgeber/internet-pornografie-statistiken
19 Pickert, Nils (2016): Nackte Tatsachen gegen Sexismus. - Zeit Online (20.04.2016). Verfügbar unter: www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-04/sexismus-pinkstinks-werbung-verbot/komplettansicht

Alle Internetlinks wurden zuletzt abgerufen am 08.02.2018.

Auswahlbibliografie

Empfehlungen

Lovelace, Linda ; MacGrady, Mike (1980): Ich packe aus. - München : Heyne (FMT-Signatur: SE.09.039).

Dworkin, Andrea (1987): Pornographie. Männer beherrschen Frauen. - Köln : EMMA-Frauen-Verlag (FMT-Signatur: SE.09.014-1987).

Dines, Gail (2014): Pornland : wie die Pornoindustrie uns unserer Sexualität beraubt. - Mainz : Thiele (FMT-Signatur: SE.09.060-2).

Pressedokumentation

Pressedokumentation zum Thema Pornografie: PDF-Download

Die Pressedokumentation des FMT umfasst strukturierte, thematisch aufbereitete und inhaltlich erschlossene Beiträge der allgemeinen und feministischen Presse, meist angereichert mit weiteren Materialien wie z.B. Flugblättern und Protokollen.

Weitere Bestände im FMT (Auswahl)

FMT-Literaturauswahl Pornografie: PDF-Download

EMMA-Artikel Pornografie: PDF-Download

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