„Meine Herren und Damen!“: Die ersten Jahre im Parlament

Wahl zur Nationalversammlung 1919 - erstmals sind Frauen stimmberechtigt ©ullstein Bild (FMT-Signatur FT.03.0528)

Das Frauenwahlrecht erkämpft, der Frauenanteil beachtlich, doch die ersten Parlamentarierinnen hatten es nicht leicht. Von den Herren belächelt und auf soziale Themen beschränkt, war es schwierig, eine eigene Stimme zu finden.

Die ersten Parlamentarierinnen, Weimar 1919, Quelle:FMT (Signatur FT.03.0486)
Die ersten Parlamentarierinnen, Weimar 1919

37 Frauen wurden in die Nationalversammlung gewählt (8,7 %), vier rückten nach (9,7%) und stellten so den mit Abstand höchsten Frauenanteil, der weltweit bis dahin in einem Parlament erreicht worden war. Doch wie sah die Realität der frisch gebackenen Parlamentarierinnen dann aus?

Im Spiegel der Männer zwiespältig: So lobte der konservative Publizist Adolf Stein die einen („Dabei kann die Bäumer was [er meint Dr. Gertrud Bäumer]. In der Debatte in der Volksversammlung steht sie ihren Mann“). Er wertete gleichzeitig die vielen anderen aber gerne ab („Auch die Parlamentarierinnen bleiben meist Frauen“, oder: „Die Frauen des Zentrums haben allesamt etwas Mütterliches an sich […]. Politisch aber sind sie zumeist unmündig.“).

Wenn Frau im Parlament das Wort ergriff, konnte sie es nicht recht machen: Sprachen die Frauen leise, waren sie zwar „weiblich“, aber nicht zu hören, wurden sie lauter, wurde das als „Kreischorgie“ abgekanzelt; wenn sie mit tiefer, voller Stimme sprachen, galt ihre Rede als „männlich“. Wenn es um Frauenrechte und den sozialen Bereich ging, durften Frauen mitreden, ansonsten wurden sie in der öffentlichen Rede abgewertet. Bis heute wirken solche Stereotypen nach, belegt die Historikerin Barbara von Hindenburg in der aktuellen Publikation des Historischen Museums zu 100 Jahre Frauenwahlrecht (FMT-Signatur FE.08.288).

Vom Kaffeekränzchen und „Herrenzimmern“

Ministerin Dr. Elisabeth Schwarzhaupt © Bundesbildstelle (FMT-Signatur FT.02.1779)
Die erste Ministerin gab es erst 1961: Dr. Elisabeth Schwarzhaupt

Die Frauen wurden auch physisch an ihren Platz verwiesen: Die Pausen verbrachten die Parlamentarierinnen in einem für sie eigens eingerichteten Bereich – getrennt von den männlichen Parteikollegen. Während die Frauen über Kaffee Freundschaften knüpften, trafen die männlichen Abgeordneten sich an der Theke von Weinstuben oder Bierkellern bis zur „heiteren Berauschtheit“. Das Auskochen von Absprachen im „Herrenzimmer“ bleibt bis heute eine der wirkungsvollen Maßnahmen, Frauen aus der Politik rauszuhalten.

Ihre Themenschwerpunkte legten die Parlamentarierinnen der Weimarer Republik weitgehend im sozialen Bereich: Jugendfürsorge, Mutterschutz, Stellung der nichtehelichen Kinder, das Staatsbürgerrecht verheirateter Frauen oder die Stellung von Beamtinnen. Viele der damaligen Probleme sind bis heute aktuell, etwa die Besetzung von Staats- und Verwaltungsämtern mit Frauen und die Forderung nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit.

Ein weiteres Problem war das Ausbleiben der Reform vom Familienrecht, wie Prof. Dr. Marion Röwekamp in einem Aufsatz aufzeigt: Die familienrechtliche Gleichberechtigung stand weiterhin im krassen Gegensatz zum traditionellen Eheverständnis der bürgerlichen Familie. (vgl. dazu Wolff, Kerstin und Richter, Hedwig (Hrsg.): Frauenwahlrecht, Demokratisierung der Demokratie in Deutschland und Europa, Hamburg 2019, S. 109ff.)

Trotzdem konnten Abgeordnete wie Tony Sender und Marie Juchacz in der Weimarer Republik eine politische Karriere aufbauen. Es gab auch Frauenrechtlerinnen, die sich dem deutschnationalen Kurs anschlossen, wie etwa Käthe Schirmacher.

Mit der Machtergreifung der Nazis wurde es jedoch für viele Parlamentarierinnen schwierig: Helene Weber etwa wurde 1933 als „politisch unzuverlässig“ entlassen. Erst nach 1945 konnte sie wieder politisch tätig werden. Als eine von vier Frauen war sie Mitglied im Parlamentarischen Rat und wurde eine der „Mütter des Grundgesetzes“, die die politische Gleichstellung der Frau in der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland festschrieben. Wieso dies fast vergessen ging, wird bei Ansicht des Fotos unten deutlich: Politik war nach dem Zweiten Weltkrieg erst mal wieder Männersache. Bis zur ersten deutschen Ministerin, Elisabeth Schwarzhaupt, dauerte es noch bis 1961, bis zur ersten Kanzlerin bis 2005.

Parlamentarischer Rat 8.3.1949 © Haus der Geschichte Bonn (FMT-Signatur FT.03.0284)
Und wo sind die Frauen? Parlamentarischer Rat 1949

Literatur zu den Parlamentarierinnen der Weimarer Republik im FMT

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