Olympe, die Schöne

Anna Dünnebier, 1989

Wenn eine Frau das Recht hat, auf das Schafott zu steigen, muß sie auch das Recht haben, die Tribüne zu besteigen. – Diesen stolzen Satz formulierte Olympe de Gouges 1791. Zwei Jahre später bestieg sie das Schafott.

Ich bin ein Lebewesen ohnegleichen; ich bin nicht Mann noch Frau, besitze allen Mut des einen und zuweilen die Schwächen der anderen. Meine Liebe gilt dem Nächsten, mein Haß dagegen mir allein. Stolz bin ich, einfach, aufrichtig und empfindsam. Meine Rede zeichnet sich durch Gleichmut und Ausgewogenheit aus, mein Antlitz trägt die Züge der Freiheit, und in meinem Namen wird man Himmlisches entdecken.“ Außerordentlich war sie, das mußten selbst ihre Gegner zugeben. Olympe de Gouges, umschwärmte Schönheit in den Salons des vorrevolutionären Paris, Autorin von fast 30 Theaterstücken und politischen Streitschriften, in die Geschichte eingegangen als die Verfasserin der ,,Rechte der Frau und Bürgerin“. Olympe de Gouges, uneheliches Kind einer Bäckersfrau aus der Provinz, Autodidaktin und Selfmadefrau. Olympe de Gouges, Revolutionärin, die öffentlich vor der Hinrichtung des Königs warnte und nach den Septembermorden 1792 Robespierre zum Duell forderte. Olympe de Gouges, die unter der Guillotine starb – wie hätten die Jacobiner sie ertragen sollen.

Über sie wurde manche Verleumdung in die Welt gesetzt und viel geredet – mehr als über andere Frauen, die zu dieser Zeit politisch aktiv waren. So sollten ihre Stücke nicht von ihr verfaßt worden sein, sondern von einem Freund, dem Autor Louis Sebastien Mercier. Sie schmeiße sich beim König und bei den Aristokraten an, sie lasse sich als Mätresse aushaken. Restif de le Bretonne führte sie in seiner ,,Liste der Pariser Prostituierten“ und nannte sie ,,Furie de Gouges, ein Name, der besser zu ihr paßt als Olympe“. Sie sei das uneheliche Kind von Ludwig XV. Sie sei wahnsinnig und rede mit ihren Vögeln und Katzen, die sie für wiedergeborene Menschen halte. Und natürlich, da sie ja schön war: Sie sei eben nichts als schön…

In einer Zeit, in der die Revolutionäre in der Nationalversammlung elegant mit dem Widerspruch jonglierten, daß sie zwar für Freiheit und Menschenrechte kämpften, aber eben doch nur für die eigenen und nicht auch die von weiblichen Menschen, in einer solchen Zeit war eine politische Frau schwer zu ertragen. De Gouges machte es ihnen umso schwerer, als sie nicht einzuordnen war. Sie war eine Einzelgängerin. Sie gehörte zu keinem politischen Club. Sie schrieb in keiner der zahlreichen politischen Frauenzeitschriften. Sie druckte Flugblätter und klebte sie an Wände. Und sie stand politisch zwischen den Fronten.

Olympe de Gouges war Anhängerin einer durch Verfassung und Menschenrechte geregelten Monarchie. Sie war gegen Zentralismus. Sie hätte also soweit zu den ,,Gemäßigten“ zählen können. Aber in der Frage der Menschenrechte war sie weit radikaler als die Jacobiner. Sie bezog die Menschenrechte nämlich auch auf schwarze Menschen – in den Kolonien herrschte damals ja noch Sklaverei – und sogar auf weibliche Menschen. Und auch da herrschte Sklaverei. Olympe de Gouges in ihrem Nachwort zu ihrer ,,Erklärung der Frauenrechte“: ,,Müssen wir nicht zugeben, daß in einer Gesellschaft, wo der Mann die Frau gleich einem Sklaven von der afrikanischen Küste kauft, ihr jeder andere Weg, Wohlstand zu erwerben, verwehrt ist?“ Für sie, die lieblos Zwangsverheiratete, war die Ehe ,,das Grab des Vertrauens und der Liebe“. Sie geißelte den recht- und besitzlosen Zustand der Frauen, vor allem der Ehefrauen und forderte ,,die Aufteilung des Vermögens zwischen Männern und Frauen“. Im Sommer 89 – die Nationalversammlung hatte schon die Menschenrechte erklärt, der König hatte sie aber noch nicht unterschrieben – verfaßte eine Frauengruppe ein ,,Gesuch der Damen an die Nationalversammlung“, in dem sie die Wählbarkeit von Frauen in alle politischen Gremien forderten: „Ihr habt alle alten Vorurteile zerstört, aber ihr laßt das älteste und allgemeinste bestehen, nach dem die Hälfte aller Einwohner des Königreichs ausgeschlossen wird von Ämtern, Würden und Ehren und vor allem von dem Recht, mit euch zu tagen. Ihr habt erklärt, daß alle Personen gleich sind. Ihr habt bewirkt, daß einfache Hüttenbewohner gleichberechtigt neben Prinzen gehen. Ihr habt das Szepter des Despotismus zerbrochen. Und doch duldet ihr alle Tage, daß 13 Millionen Sklavinnen die Ketten von 13 Millionen Tyrannen tragen.“

Innerhalb der folgenden zwei Jahre arbeitete die Nationalversammlung eine neue Verfassung aus. Der Girondist Condorcet hatte zunächst ausdrückliche Rechte für Frauen gefordert, war davon aber ziemlich bald wieder abgekommen; der Jacobiner Robespierre hatte sich noch schneller von diesem Gedanken verabschiedet. Überhaupt war die gebildete Frau der Salons den Revolutionären ein Greuel; sie denunzierten sie als „dekadent“.

Als der Wortlaut der Verfassung bekannt wurde, belehrte der Text alle die eines Schlechteren, die erwartet hatten, daß die Frauen, die für die Revolution mitgekämpft und mitgelitten hatten, nun auch die Früchte miternten könnten. Frauenrechte kamen schlicht nicht vor. In dieser Situation veröffentlicht Olympe de Gouges ihre „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“: „Frau, erwache! Erkenne deine Rechte!“ ruft sie den Enttäuschten zu. Und bitter fährt sie fort: „Welche Vorurteile sind euch aus der Revolution erwachsen? Man bringt euch eine noch tiefere Verachtung, eine noch unverhohlenere Geringschätzung entgegen. In der Zeit der Korruption habt ihr wenigstens über die Schwächen der Männer geherrscht. Dies Imperium liegt nun in Trümmern, was bleibt euch denn noch? Das Wissen um die Ungerechtigkeit des Mannes.“

Die frühe Feministin ersetzt in der ganzen Menschenrechts-Erklärung das Wort „hommes“ (was Männer bedeutet, aber im Französischen auch im Sinne von „Menschen“ verwendet wird; die „droits des hommes“ sind also recht eigentlich Männerrechte) durch „femmes“ oder „hommes et femmes“. Ihre „Erklärung der Frauenrechte“ folgt Artikel für Artikel und zum Teil Wort für Wort der Menschenrechtserklärung; gelegentlich setzt sie Erklärungen und Interpretationen hinzu. Dem Artikel der freien Meinungsäußerung fügt sie an: dies bedeute auch, daß eine Mutter frei den Vater ihres Kindes nennen dürfe, und jener dann auch gesetzlich der Vater sei. (Im Code Napoleon wird später dieses Recht ausdrücklich verneint: nach dem Vater darf nicht geforscht werden).

Es war sicher auch Olympe de Gouges eigene Erfahrung, die ihr diesen Zusatz so wichtig machte. Sie war ja ein uneheliches Kind, wuchs ohne besondere Bildung auf, hatte keinen Anspruch auf das Erbe des Vaters und wurde möglichst früh an den ersten besten verheiratet, „noch nicht mal an einen Reichen oder Adligen“, wie sie später spöttisch schreibt. Den größten Gefallen, den ihr Mann ihr tun konnte, war, bald zu sterben. Mit ihrem kleinen Sohn ging sie nach Paris und schlug sich durch, mit nichts ausgerüstet außer Geist und Mut. Statt Marie Gouze, verheiratete Aubry, nahm sie den Namen Olympe de Gouges an, kokettierte mit ihrer adligen Herkunft. Sie ließ durchblicken, der Marquis de Pompignan, Autor und Mitglied der Academie Francaise, sei ihr Vater. Sie verschaffte sich Zugang zu den Pariser Salons. Leicht war das gewiß nicht, und die Verletzungen lassen sich erahnen, die eine uneheliche Bäckerstochter aus der Provinz erfährt, welche sich mit ihrem Kind als Mätresse und unbekannte Autorin durchschlagen muß. In zahlreichen Briefen und Schriften an den Herzog von Orleans bat sie, er möge sie ebenso großzügig unterstützen, wie er andere Autoren zu unterstützen pflegte. Und ständig lag sie Freunden und Bekannten im Ohr, etwas für ihren Sohn zu tun. Sie wußte, wovon sie sprach, wenn sie Rechte für Unterprivilegierte einklagte. Die kämpferische Olympe de Gouges forderte in Flugblättern und Pamphleten, die sie an König und Nationalversammlung verschickte, eine Steuerreform zugunsten der Armen und Wohnheime für Arbeitslose, besonders für mittellose junge Frauen. Sie verlangte eine Verbesserung der hygienischen Zustände in den städtischen Krankenhäusern. Sie forderte besseren Unterricht für Mädchen. Und sie schrieb sozialkritische Theaterstücke. Eines über ein junges Mädchen, das in ein Kloster gezwungen wird. Ein anderes, „Zamore und Mirza“, ergreift Partei gegen die Sklaverei. „Wodurch unterscheiden sich denn die Weißen von den Negern“, schrieb sie im Vorwort, „durch die Farbe? Dann müßte ja auch eine fade Blonde einen Vorzug gegenüber der Brünetten haben, die der Mulattin ähnelt…“

Das Stück gegen den Rassismus lag fünf Jahre bei der Comedie Francaise, die es schon angenommen hatte. Erst während der Revolution wurde es 1790 aufgeführt, und immer noch war es ein Skandal: Befürworter und Gegner der Sklaverei prügelten sich im Publikum bei der Premiere. Nach wenigen Aufführungen wurde das Stück abgesetzt.

Aber de Gouges scheute keinen politischen Ärger. Sie war mutig, oft übermütig, mit dem Mut der Außenseiterin, die ohnehin nichts zu verlieren hat. Doch so kühn und aufmüpfig sie auch sein konnte, sie paßte sich auch oft an, versuchte, dazuzugehören, es besonders recht zu machen. Manches an ihr ist heute schwer zu verstehen. Etwa ihr Aufruf an die französischen Frauen im Revolutionsjahr 1789.

In Versailles verhandelte die Nationalversammlung seit August mit dem König um die Erklärung der Menschenrechte. In Paris herrschte Hungersnot, und der Staat war so gut wie bankrott. Da erschien eine Gruppe Künstlerinnen in der Nationalversammlung und überreichte ihren Schmuck. Diese törichte Geste, angesichts der munter weitergehenden Verschwendung und Prasserei am Königshof und in den Adelshäusern, pries Olympe de Gouges in einem Flugblatt als „heroische Tat“ und „Rettung des Vaterlands“ und empfahl sie allen Frauen zur Nachahmung: ,,Eure Namen werden so in die Geschichte eingehen. In einem Atemzug wird man euch nennen mit all diesen berühmten Männern, diesen genialen Beschützern, deren Bemühungen, Frankreich aus der Sklaverei zu befreien, ohne euren Beistand nutzlos geblieben wären.“

Daß die „genialen Beschützer“ auch genial darin waren, ihre Rechte gegen die der Beschützten zu verteidigen, merkte sie dann allerdings schnell. Die „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ erschien zwei Jahre später, 1791. ,,Diese Revolution wird sich erst dann vollziehen, wenn sämtliche Frauen von ihrem beklagenswerten Los durchdrungen und sich des Verlustes ihrer Rechte in dieser Gesellschaft bewußt sind“, schrieb sie im Vorwort. Und widmete es – der Königin Marie Antoinette. Ausgerechnet der Königin, deren Geheimverhandlungen mit den europäischen Fürsten grade aufgedeckt wurden, und deren Verschwendungssucht beim immer noch hungernden Volk wohlbekannt war. Die politische Logik dieses provozierenden Aktes: Frankreich war ja 1791 immer noch eine revolutionäre Monarchie, kein Gesetz galt ohne des Königs Unterschrift, grade hatte er die neue Verfassung unterzeichnet. Warum sollte die Königin dann nicht die Frauenrechte unterzeichnen? Die feministische Logik dabei: Alle Frauen sind gemeint. Königin oder Bäuerin, Adlige oder Bürgersfrau, rechtlos waren sie alle in der Tat.

Olympe de Gouges warnte, daß ohne Monarchie Unruhe und Anarchie ausbrechen würden – bis der König 1792 als ,,Verräter“ abgesetzt wurde. Und auch dann warnte sie davor, ihn hinzurichten, da er sonst nur zum Mythos werde. Sie bot sich als seine Verteidigerin an. Der Terror der Revolution entsetzte sie. Nach den Septembermorden 1792, bei denen viele hundert Adlige, Kinder, Alte, Männer wie Frauen als ,,Royalisten“ umgebracht wurden, legte sie sich in zwei Schriften furchtlos mit Robespierre an. Kurz zuvor war sie selbst als Royalistin angezeigt worden und hatte sich nur mühsam rechtfertigen können. Die Gefahr war ihr durchaus bewußt.

Ihr erster Angriff auf den gefürchteten Robespierre erschien anonym als Plakat. ,,Dein Atem verpestet die reine Luft, die wir heute einatmen, deine zuckenden Lider verraten wider deinen Willen die Niedertracht deiner Seele und jedes einzelne deiner Haare steht für ein Verbrechen“, hielt sie Robespierre vor und forderte ihn wie ein Mann zum Duell: „Schreibe auf dieses Plakat Tag, Stunde und Ort des Zweikampfes, und ich werde zur Stelle sein!“

Im zweiten enthüllte sie ihre Identität: ,,Ich bin es, Maximilien, ich, Olympe de Gouges, mehr Mann als Frau“. Und sie verhöhnt Robespierre: ,,Ich schlage dir vor, mit mir ein Bad in der Seine zu nehmen; um dich von den Makeln reinzuwaschen, die dir seit dem 10. (Datum der Septembermorde) anhaften, werden wir Kanonenkugeln, Sechzehn- und Vierundzwanzigpfünder, an unsere Fesseln hängen und uns gemeinsam in die Fluten stürzen.“

Gemessen daran war das Flugblatt fast harmlos, das zu ihrer Verhaftung und schließlich Verurteilung führte: eine Schrift, in der sie eine Volksabstimmung darüber verlangt, ob Frankreich eine zentralistische Demokratie, eine föderalistische, oder eine konstitutionelle Monarchie sein solle. Es ging bei ihrer Verhaftung eigentlich nicht um diesen Text. Es ging darum, diese Person, die die Prinzipien der Gleichheit ernst nahm, diese Frau, die sich das Recht nahm, Politik zu machen wie ein Mann, auszuschalten. Der Tod hätte eine Märtyrerin aus ihr machen können, darum versuchten die Jacobiner, Olympe de Gouges – wie Theroigne de Mericourt – zur Irren zu stempeln. Nach fünf Monaten Haft wurde sie in ein Irrenhaus überwiesen, aus dem sie leicht hätte entfliehen können. Aber sie wollte nicht als entlaufene Verrückte weiterleben. Sie bestand auf dem Prozeß. Sie konnte sich ausrechnen, wie er ausging. Im November 93 wurde Olympe de Gouges verurteilt und hingerichtet. In ihrer ,,Erklärung der Frauenrechte“ hatte sie gefordert: ,,Hat die Frau das Recht, das Schaffott zu besteigen, so muß sie auch das Recht haben, die Tribüne zu besteigen.“

Hundert Jahre später wurde sie posthum zur Verrückten gemacht, durch den Militärarzt Guillois, der sich in seiner Dissertation mit dem ,,Fall de Gouges“ beschäftigte und einen eigens für sie erfundenen ,,revolutionären Wahn“ (Paranoia reformatoria) konstatierte, den er auch bei anderen in der Revolution aktiven Frauen feststellte. Da die Symptome dieses Wahns ja offensichtlich darin bestehen, weiblich zu sein, politisch aktiv zu sein und gleiche Rechte zu fordern, gäbe es auch heute noch so allerlei Stoff für den Doktor Guillois und seine Kollegen… Olympe de Gouges, das warnende Beispiel. Schon wenige Tage nach ihrer Hinrichtung sprach es der Revolutionär Chaumette unverhüllt aus. An die Adresse der Frauen aus seinen eigenen Reihen richtete er die Worte: „Erinnert euch an die schamlose Olympe de Gouges, die als erste Frauengesellschaften gründete, die Sorge für ihren Haushalt aufgab, um sich in die Republik einzumischen, und deren Kopf unter dem rächenden Beil der Guillotine fiel!“ Und die Pariser Republikaner-Zeitschrift „Moniteur“ triumphierte: ,,Olympe de Gouges, geboren mit einer überspannten Phantasie, hielt ihren Wahnsinn für Eingebungen der Natur. Ein Staatsmann wollte sie sein; das Gesetz hat diese Verschwörerin dafür bestraft, daß sie die Tugenden vergessen hat, die sich für ihr Geschlecht ziemen.“

,,Ich bin ein Lebewesen ohnegleichen“, hatte Olympe de Gouges geträumt. „Ich bin nicht Mann noch Frau.“ Falsch. Die Kämpfer für die Menschenrechte stellten richtig: Sie war eine Frau.

(Quelle: Dünnebier, Anna (1989): Olympe, die Schöne. – In: EMMA, Nr. 7, S. 23 – 26)

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