Alice Schwarzer: Moderne Zeiten, 1991

Die Frauenbewegung ist tot, es lebe der Feminismus. Alle, die in den letzten zehn Jahren im Namen DER Frauenbewegung gesprochen haben, wußten es entweder nicht besser oder bedienten sich einer Chimäre. Denn eine „Frauenbewegung“ im politischen Sinne – also eine Bewegung mit organisatorischem Zusammenhalt und gemeinsamen Grundpositionen und Zielen -, die gibt es schon seit Ende der 70er Jahre nicht mehr. Die Analysen und Forderungen der Frauenbewegung aber existieren weiter. Sie sind längst öftentlicher Zustand und weit über die feministischen Gruppen hinaus eingedrungen in die Gesellschaft und die Köpfe der einzelnen Menschen.

Was nicht heißt, daß die Frauenbewegung alles erreicht hat. Im Gegenteil: ihren Zielen drohen nun Gefahren, von außen wie innen, von Männern wie Frauen. Sogar der Feminismus selbst befindet sich nicht selten auf Irrwegen, die bis hin zum Antifeminismus führen können.

Nichts wird uns geschenkt, alles Erreichte haben wir täglich wieder zu verteidigen oder noch immer zu erkämpfen (Beispiel § 218), und veränderten Verhältnissen mit neuen Chancen und Gefahren haben wir uns offen zu stellen (Beispiel Pornographie). Denn ein paar tausend Jahre Macht haben die Männer so sicher und so geschickt gemacht, daß sie die Angriffe auf ihre Privilegien nicht selten in der Luft umdrehen und zum Bumerang machen (Beispiel Quoten). Mit der Männergesellschaft ist es wie in der Geschichte vom Hasen und vom Igel: die Jungs sind immer schon da (und die Frauen haben das Nachsehen). Wir fordern die Vermenschlichung der Geschlechter? Sie nehmen sich die angenehmen Seiten der Weiblichkeit (Männer sind ja so verletzlich), lassen uns die Arbeit und versperren weiter den Zugang zur Macht. Wir fordern die Hälfte der Welt? Sie gewähren uns eine Quote, auf die sie Frauen ihrer Gnade setzen und nach ihrer Pfeife tanzen lassen. Wir sprechen von Lust? Sie vermarkten mehr denn je unsere Körper und Seelen und fügen den zwei Schichten der Doppelbelastung (Beruf und Haushalt) die dritte Schicht hinzu: den Sex-Service nach Porno-Vorbild, jetzt auch noch gratis und zuhause! – Moderne Zeiten. Sicher, wir haben viel erreicht in diesen 20 Jahren. Wir Feministinnen haben eine Kulturrevolution gemacht! Die einzig wahre seit 1945. Aber die Konterrevolte hat nicht auf sich warten lassen. Von außen ruht auch auf der selbstbewußtesten Frau der zunehmend pornographisierte Blick (vor allem des jungen, indoktrinierten Mannes): in seinen Augen ist sie nicht Handelnde, sondern sein Objekt. Und von innen? Da richtet sich der Würgeengel „Weiblichkeit“, auch „Andersartigkeit“ genannt, wieder auf. Er würgt die Frau, reißt sie runter und verstellt ihr den Griff nach der Männlichkeit, das heißt nach der von Männern okkupierten Welt.

Für die frauenbewegte Praxis von Millionen spielt diese Weiblichkeits-Renaissance bisher noch keine große Rolle. Für die feministische Theorie aber wirkt sie schon jetzt verheerend. Die Grunderkenntnis des Feminismus ist bedroht. Und die lautet: der Mensch ist frei geboren. Er wird zum „Mann“ oder zur „Frau“ (oder zum Schwarzen, Weißen, Juden, Araber, Polen usw.) überhaupt erst gemacht (durch die Verhältnisse und Prägungen). Heraus kommen zwei verstümmelte Hälften. Nicht zufällig hat sich dabei die männliche Hälfte die Eigenschaften und Rechte vorbehalten, die Herrschaft sichern (Besitz, Gewalt, Wissen, Zusammenhalt) und die weibliche Hälfte die Eigenschaften, die Ohnmacht und Ausbeutung zementieren (Besitzlosigkeit, Friedfertigkeit, soziale Verantwortung, Isolation).

Milliarden von Frauen leisten weltweit mindestens zwei Drittel aller Arbeit, bekommen dafür zehn Prozent des Lohns und haben ein Prozent des Besitzes. Das sind keine feministischen Statistiken, sondern UNO-Zahlen. Und die sprechen Bände. Frauen wie Männer sind Produkte dieser Machtverhältnisse. Männer sind nicht von Natur aus böse und Frauen nicht von Natur aus gut. Es sind Macht und Ohnmacht, die die Geschlechter korrumpieren oder lähmen.

Genau das machte die Frauenbewegung Anfang der 70er Jahre (wieder) öffentlich. Von New York bis Berlin gingen die Frauen zu Tausenden auf die Straße und nannten den Ehekrieg beim Namen. Ihre Forderungen: Das Recht auf erotische, berufliche und gesellschaftliche Teilhabe, auf Gleichheit und Selbstbestimmung! Die Herren der Schöpfung waren zunächst überrascht. Peinlichkeiten, die bis dahin unter einem Mantel des Schweigens verdeckt waren, wurden nun öffentlich bloßgestellt, von Inzest und Vergewaltigung bis zur unbezahlten Haus- und Seelenarbeit.

Wir revoltierenden Frauen standen nicht länger zur Verfügung. Wir sagten Nein, wenn wir keine Lust hatten. Wir lächelten nicht, wenn es ernst wurde. Wir bedienten nicht, um geliebt zu werden. Wir spielten nicht die Dummen, wenn wir klug waren. Wir baten nicht länger um Gnade, sondern forderten unsere Rechte.

Kurzum: Wir verzichteten auf die sogenannten „weiblichen Waffen“ (die Waffen von Sklaven) und intrigierten, schmeichelten und manipulierten nicht länger, sondern wagten die offene Konfrontation.

Dabei taten wir uns nicht immer leicht. Denn in uns trugen und tragen wir das Erbe weiblicher Verunsicherung, Demütigung und Zerstörung. Und um uns formierte sich der männliche Widerstand. Wir frühen Feministinnen wurden öffentlich so verhöhnt und durch den Dreck gezogen, daß es ein Wunder war, wenn wir überlebten. Viele Frauen begriffen die Lektion: sie nahmen sich in acht. So fanden Ängste und Zweifel auch in uns selbst bald wieder Nahrung.

Schon wenige Jahre nach dem feministischen Aufbruch schlug das Pendel zurück. Auch innerhalb der eigenen Reihen. Nicht nur Männer schlagen zurück, auch Frauen üben sich wieder in den Ritualen der Unterwerfung und Rivalität und zelebrieren erneut den Kult der „Weiblichkeit“ – jetzt unter modischen Etiketten (wie „neue Weiblichkeit“, „neue Mütterlichkeit“ oder „neue Lust“). Diese Frauen nehmen das Kreuz der „Weiblichkeit“ freiwillig wieder auf sich in der Hoffnung, den Männern zu gefallen, nicht selten sogar ausgerechnet im Namen des Feminismus!

Hauptfeind dieser „neuen Frauen“ und alten Weibchen sind die Radikalfeministinnen, die weiterhin uneingeschränkte Gleichheit für Frauen und Männer fordern und den Geschlechterkonflikt offen benennen. Vor allem in Deutschland grassiert die pseudofeministische Ideologie von der natürlichen „Andersartigkeit“ des Weibes. Kein Wunder, schließlich ist die Zeit der Ks (Kinder, Küche, Kirche) und ihrer Variante Kinder – Küche – Führer noch gar nicht so lange her. Wie schon in der historischen Frauenbewegung – in der die Radikalen ins Exil flüchteten und die Reformistinnen vom Führer vereinnahmt wurden – driften auch jetzt wieder die Erbinnen der Frauenbewegung in zwei Flügel auseinander. Die Reformistinnen werden mit offenen Armen von der Männergesellschaft aufgenommen und die Radikalen zunehmend abgedrängt und totgeschwiegen. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, wenn diese neuen Propagandistinnen der Weiblichkeit bei der Männergesellschaft auch heute wieder offene Türen einrennen. Und zwar in allen Lagern, von rechts bis links.

So behauptet zum Beispiel das 1988 u. a. von Rita Süßmuth herausgegebene „Frauenlexikon“, es gäbe drei feministische Varianten: die „sozialistischen Feministinnen“, die auch den Klassengegensätzen Rechnung tragen, die „Kulturfeministinnen“, die auf „weibliche Lebenszusammenhänge“ vertrauen und an eine „bessere, andere Kultur der Frauen“ glauben, sowie die „ökologischen Feministinnen“, die auf die „Aussöhnung von Kultur und Natur“ setzen und dabei der Frau eine besondere Rolle zuweisen. – Und wo sind wir, die radikalen Feministinnen? Die, die alles in Gang gesetzt haben? Die, die die Ideologie von einer „Natur der Frau“ (und des Menschen überhaupt) konsequent ablehnen, konsequent die Machtfrage stellen und selbstverständlich auch anderen gesellschaftlichen Widersprüchen (wie Klassen etc.) Rechnung tragen?

Ähnlich wie das konservative „Frauenlexikon“ verfahren die fortschrittlichen „Feministischen Studien“, die von der Frankfurter Frauenforschungsszene herausgegeben werden. Sie sprechen vom „politisch-sozialistischen Feminismus“ einerseits und vom „kulturkritischen Feminismus“ andererseits, der „unter Weiblichkeit etwas besonderes“ versteht, das „historisch oder/und biologisch begründet wird“. Besonders aufschlußreich: Hier werden die historisch gewachsene und eine biologisch angeborene „Weiblichkeit“ nicht mehr unterschieden – dabei ist genau diese Unterscheidung der Knackpunkt des Feminismus! Entsprechend verschweigen diese dem Differentialismus zuzurechnenden Frauenforscherinnen auch den radikalen Feminismus, für den immerhin historisch wie aktuell die größten Feministinnen stehen, von Hedwig Dohm über Simone de Beauvoir bis Kate Millett.

Die Abschaffung von Macht- und Abhängigkeitsverhältnissen und die Vermenschlichung der Geschlechter müssen das Ziel des Feminismus bleiben. Wir wollen keine „weibliche Zukunft“ – sowenig wie eine männliche Gegenwart. Wir wollen eine menschliche Zukunft – ohne Rollenzwänge, ohne Macht- und Gewaltverhältnisse, ohne Weiblichkeitswahn und Männerbündelei. Von derlei paradiesischen Verhältnissen sind wir allerdings noch weit entfernt. Und es sieht in diesen Zeiten der steigenden sexistischen Aggressionen und rassistischen Kriege nicht so aus, als würde uns der Fortschritt geschenkt.

Dieser vorliegende Sonderband zieht Bilanz. Drei Generationen von Feministinnen sprechen über sich: die Pionierinnen der Neuen Frauenbewegung, ihre Mütter – und ihre Töchter (deren Mut zu Widerspruch und Konsequenz auffällt). Aus ihren Zeugnissen, aus der Chronik der letzten 20 Jahre und aus den Analysen der aktuellen Entwicklungen können wir lernen: Lernen, daß es nichts bringt, die Augen zu verschließen, sondern daß nur die Wahrheit uns voranbringt.

ALICE SCHWARZER
Köln, im September 1991

(Quelle: Schwesternlust & Schwesternfrust – 20 Jahre Frauenbewegung. EMMA Sonderband, Oktober 1991, S. 4-5.)

Die Bibliothekssystematik

Der FrauenMediaTurm verfügt über eine bestandseigene Systematik, nach der die Titel in der Bibliothek aufgestellt sind. Im Folgenden ein Überblick über die einzelnen Ober- und Unterklassen. In unserer Online-Literaturdatenbank dient die Systematik ebenfalls als thematischer Rechercheeinstieg.

Bestand Bücherregal © FMT

NA Handbücher und Nachschlagewerke

NA.01 Allgemeine Nachschlagewerke
NA.03 Bibliographien und Bestandsverzeichnisse
NA.05 Literatur zu frauenrelevanten ABD-Einrichtungen
NA.07 Thesauri
NA.09 Kalender
NA.11 Spezielle Nachschlagewerke
(Adressenverzeichnisse, Frauenstadtbücher, etc.)

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AR Arbeit, Ökonomie

AR.01 Allgemeines, Gesamtdarstellungen
AR.03 Erwerbsarbeit
AR.05 Berufliche Bildung, Frauenförderung
AR.07 Unbezahlte Arbeit, Doppelbelastung
AR.10 Gewerkschaften, Arbeitskämpfe

© FMT
Media-Box

BG Biographien

BG.01 Sammelwerke mit mehreren Frauenbiographien
BG.03 Biographien über einzelne Frauen

© FMT

BI Bildung, Wissenschaft, Frauenforschung

BI.01 Allgemeines, Gesamtdarstellungen
BI.03 Vorschule, Schule
BI.05 Hochschule
BI.07 Erwachsenenbildung
BI.10 Frauenstudien, Frauenforschung
BI.12 Frauen in Naturwissenschaft und Technik

© FMT

FE Frauenbewegung, Fem. Theorien, Frauen- und Geschlechterforschung

FE.01 Allgemeines, Gesamtdarstellungen Frauenbewegung
FE.03 Neue Frauenbewegung Deutschland
FE.04 Neue Frauenbewegung International
FE.06 Historische Frauenbewegung bis 1933, Quellen
FE.08 Historische Frauenbewegung bis 1933, Sek.-Literatur
FE.10 Feministische Theorien
FE.12 Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung
FE.14 Frauen- und Geschlechterforschung: Soziologie, Ethnologie, Anthropologie
FE.16 Transkulturelle Geschlechterforschung: Black Feminism, Postkolonialismus, Intersektionalität

© FMT

GE Sozialgeschichte

GE.01 Allgemeines, Gesamtdarstellungen
GE.03 Vor- und Frühgeschichte
GE.05 Mittelalter bis 17. Jahrhundert
GE.07 18. und 19. Jahrhundert
GE.09 20. Jahrhundert bis 1933
GE.11 20. Jahrhundert 1933-1945
GE.13 20. Jahrhundert ab 1945
GE.15 Regionalgeschichte

© FMT

KO Körper, Psyche, Liebe, Sexualität

KO.01 Allgemeines, Gesamtdarstellungen
KO.03 Körper, Schönheit, Mode
KO.05 Psychologie, Psychoanalyse, Psychiatrie
KO.07 Medizin, Gynäkologie, Ernährung, Gesundheit
KO.09 Sucht, Autonomie und Abhängigkeit
KO.11 Sexualität (nicht Sexualgewalt)
KO.13 Sport

© FMT

KU Kultur, Kunst, Literatur

KU.01 Allgemeines, Gesamtdarstellungen
KU.03 Literatur (alphabetisch nach Autorinnen)
KU.07 Literaturwissenschaft
KU.09 Science Fiction, Fantasy, Kriminalroman, Cartoons
KU.11 Reisen, Abenteuer
KU.13 Darstellende Kunst
KU.15 Foto, Film
KU.17 Bildende Kunst, Design, Kunsthandwerk
KU.19 Musik
KU.21 Architektur, Humangeografie, Raum-/Stadtplanung
KU.23 Sprachwissenschaft
KU.25 Philosophie

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LE Lebensformen, Lebenslagen

LE.01 Allgemeines, Gesamtdarstellungen
LE.03 Mädchen (nicht Sexualgewalt gegen Mädchen)
LE.05 Mütter
LE.07 Alte Frauen, Älter Werden
LE.09 Behinderte Frauen
LE.11 Lesbische Frauen
LE.13 Ehe, Familie, Lebensgemeinschaft
LE.15 Jüdinnen
LE.17 Migrantinnen und Muslima in Deutschland
LE.18 Frauen in anderen Ländern
LE.19 Männer, Männerbünde

© FMT

ME Medien, Werbung

ME.01 Allgemeines, Gesamtdarstellungen
ME.03 Printmedien
ME.05 Fernsehen, Funk, Neue Medien
ME.07 Werbung

© FMT

SE Sexualpolitik, (Sexual-)Gewalt

SE.01 Allgemeines, Gesamtdarstellungen
SE.03 (Sexual-)Gewalt gegen Frauen
SE.05 (Sexual-)Gewalt gegen Mädchen
SE.07 Frauen-, Mädchenhäuser
SE.09 Pornographie
SE.11 Abtreibung
SE.13 Gen- und Reproduktionstechnologie
SE.15 Prostitution

© FMT

ST Staat, Gesellschaft, Politik

ST.01 Allgemeines, Gesamtdarstellungen
ST.03 Regierungen, Parlamente, staatliche Institutionen
ST.05 Europäische Union, Europapolitik
ST.06 Internationales
ST.07 Politische Parteien, Organisationen, Verbände
ST.09 Politikerinnen, Frauen in der Politik, Partizipation
ST.11 Kirchen, Religionen
ST.12 Fundamentalismus
ST.13 Recht
ST.15 Justiz
ST.17 Militär, Krieg, Terrorismus, Extremismus
ST.19 Politische / soziale Bewegungen

Der FrauenMediaThesaurus

Was ist ein Thesaurus?

Das Wort Thesaurus kommt aus dem Griechischen und ist ursprünglich ein Ort zur Aufbewahrung kostbarer Weihegaben, kurz: eine Schatzkammer. Im übertragenen Sinne ist ein Thesaurus ein Instrument, um die Schätze eines Archivs durch adäquate Verschlagwortung zugänglich zu machen.

ThesaurusFaust © Arloofs

Der FMT-Thesaurus ist das Herzstück der FMT-Datenbanken. Er enthält rund 1.600 Schlagworte und 600 Synonyme, die in 18 Sachgebiete geordnet sind: von Frauenbewegungen über Arbeit/Ökonomie bis Freizeit/Sport/Reisen. Im Unterschied zu den meisten wissenschaftlichen Thesauri, die sich auf ein Fachgebiet konzentrieren, ist der FrauenMediaThesaurus interdisziplinär angelegt – entsprechend der feministischen Gesellschaftsanalyse, die ihre Fragestellungen an alle Bereiche des politischen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Lebens richtet.

FMT-Thesaurus, Sachgruppen ©FMT

Warum ein feministischer Thesaurus?

Neue Gedanken benötigen neue Begriffe – von Androzentrismus bis Islamismus, von Männerjustiz bis Weiblichkeitswahn, von Backlash bis Gender. Der FrauenMediaThesaurus ist also auch ein politisches Instrument, mit dem n Aktivitäten von Frauen in der Geschichte und Neuzeit benannt und damit auffindbar gemacht werden.

Sprache ist nicht neutral, sie formt unsere Gedanken. Spätestens die feministischen Sprachforscherinnen haben bewiesen, wie ‚männlich’ unsere Sprache ist. Und dass sie ein Denken von Frauen oft schon deshalb unmöglich macht, weil es für ihre  Existenz, Lebensrealitäten und Interessen oft noch nicht einmal Begriffe gibt.

Der FrauenMediaThesaurus ist ab 1994 von Expertinnen für den FrauenMediaTurm auf Basis der Bibliotheksbestände entwickelt worden. Er war der erste feministische Thesaurus im deutschsprachigen Raum, auf den weitere Projekte, wie die Österreich-spezifische feministische ‚ThesaurA’, aufbauten. 2005 ist der FrauenMediaThesaurus komplett überarbeitet  worden und wird laufend aktualisiert.

Feministischer Thesaurus, Ausschnitt Sexualpolitik ©FMT

Wie funktioniert der FrauenMediaThesaurus online?

Der Thesaurus Online ist mit den Datenbanken des FMT verknüpft. Ein Thesaurus-Schlagwort funktioniert als Hyperlink, führt also per Mausklick direkt in die Datensätze der im Archiv vorhandenen Dokumente.

Den FMT-Thesaurus hier herunterladen:

Glossar und Abkürzungen

Ein Thesaurus (Wortschatz) ist eine kontrollierte Sammlung von Begriffen (Deskriptoren) in einem Netzwerk von Begriffsbeziehungen (Ober- und Unterbegriffe: OB und UB; Verwandte Begriffe: VB), mit dem Ziel der inhaltlichen Feinerschließung eines Fachgebietes.

Verwandte Begriffe (VB) sind jene Begriffe, die keine hierarchische Beziehung zulassen, die aber inhaltlich miteinander verknüpft sind. Im FrauenMediaThesaurus haben die verwandten Begriffe eine wichtige Funktion: sie vernetzen das Vokabular miteinander und ermöglichen eine assoziative Navigation im Datenbestand.

Ein Deskriptor ist ein Schlagwort, das für einen Thesaurus normiert wurde und für die Inhaltliche Erschließung und die Recherche zugelassen ist. Ein Deskriptor repräsentiert eine Klasse bedeutungsgleicher bzw. gleichgesetzter Benennungen, so genannter Synonyme.

Ober- und Unterbegriffe (OB, UB): Aus der Zuordnung der Schlagworte zu Oberbegriffen ergibt sich die hierarchische Struktur des Thesaurus.

Polyhierarchie: Der FrauenMediaThesaurus ist polyhierarchisch organisiert. Ein Begriff kann mehrere Oberbegriffe haben.

Ein Synonym ist eine bedeutungsgleiche Bezeichnung für einen Deskriptor. Mithilfe der Synonym-Regelung wird von einem Nicht-Deskriptor auf einen Deskriptor verwiesen. Synonyme und sind gekennzeichnet mit BS = Benutze Synonym, der dazugehörige Deskriptor mit BF = Benutzt für.

Top Term: Der oberste Begriff in der Thesaurusstruktur wird nicht als Schlagwort (Deskriptor) vergeben und enthält somit auch keine Einträge. Die Top Terms orientieren sich am inhaltlichen Konzept des FMT und benennen die übergreifenden Themen bzw. Sachgebiete.

Ditié de Jeanne d’Arc

Christine de Pizan, 1429

„Und Du, gesegnetes Mädchen, darfst Du jemals vergessen werden, der Gott so viel Ehre zuteil werden ließ, so daß Du die Fesseln, die Frankreich banden, lösen konntest? Kann man Dich je genug loben dafür, daß Du diesem vom Kriege mißhandelten Land Frieden brachtest? Gesegnet sei, der Dich schuf, Jeanne, die Du in einer glücklichen Stunde geboren wurdest…. Wie Moses Gottes Volk aus Ägypten führte, so hast Du uns aus dem Übel geführt.“ (Vers 21-23)

„Wenn Gott solch eine große Zahl von Wundern durch (Moses und) Joshua vollbrachte, so darf doch nicht vergessen werden, daß Joshua ein Mann war. Aber (in Frankreich) wirkte eine Frau – eine einfache Schafhirtin – tapferer als je ein Mann in Rom war. Für Gott ist das zwar eine Kleinigkeit, aber was uns angeht, so hörten wir noch nie von einem solch außergewöhnlichen Wunder, denn die Tapferkeit all der großen Männer der Vergangenheit kann nicht verglichen werden mit dem Wagemut dieser Frau, deren Aufgabe es war, unsere Feinde zu vertreiben. Das war Gottes Wirken: er leitete sie und gab ihr ein stärkeres Herz als allen Männern.“ (Vers 25 f.)

„Oh welche Ehre für das weibliche Geschlecht! Es ist klar und deutlich, daß Gott es besonders schätzt, da er in einer Zeit, als alle diese schrecklichen Leute, die das Königreich zerstörten, durch eine Frau überwunden und als Verräter überführt wurden. Das hätten 5000 Männer nicht tun können!“ (Vers 34)

„Ein junges Mädchen von 16 Jahren – ist das nicht ganz übernatürlich – das das Gewicht der Waffen, die sie trägt, kaum spürt – ihre ganze Erziehung scheint nur für diese Mission angelegt gewesen zu sein, so stark und entschlossen ist sie. Und ihre Feinde fliehen vor ihr, nicht einer kann ihr widerstehen. Sie tut das so, daß alle es sehen können, und verjagt ihre Feinde aus Frankreich, erobert Festungen und Städte zurück. Sie ist der oberste Heerführer über all unsere tapferen und fähigen Männer. Weder Hektor noch Achilles hatten solche Stärke! Das hat Gott bewirkt: er führte sie.“ (Vers 35 f.)

„Ich habe von Estehr, Judith und Deborah gehört, die Frauen von großer Bedeutung waren und durch die Gott sein Volk aus der Unterdrückung rettete, und ich habe auch von anderen tapferen Frauen gehört, die alle Heldinnen wurden, und durch die Gott viele Wunder geschehen ließ, doch die größte Heldentat vollbrachte die Jungfrau Jeanne.“ (Vers 38)

(Textauszüge aus: Pizan, Christine de (1429): Ditié de Jehanne d’Arc. – In: Jeanne d’Arc oder Wie Geschichte eine Figur konstruiert. – Röckelein, Hedwig [Hrsg.] ; Schoell-Glass, Charlotte [Hrsg.] ; Müller, Maria E. [Hrsg.]. Freiburg im Breisgau [u.a.] : Herder, 1996, S. 118-120; Ausführlicherer Text in: Pisan, Christine de (1429): Ditié de Jehanne d’Arc. – Kennedy, Angus J. [Hrsg.] ; Varty, Kenneth [Hrsg.]. Oxford : Society for the Study of Mediaeval Languages and Literature, 1977, 103 S.)

Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin

Zu verabschieden von der Nationalversammlung in ihrer letzten Sitzung oder in der folgenden Legislaturperiode.
Olympe de Gouges, 1791

Präambel
Wir Mütter, wir Töchter, wir Schwestern, Repräsentantinnen der Nation, fordern, Bestandteil der Nationalversammlung zu werden. In Anbetracht dessen, daß Unwissenheit, Vergessen oder Mißachtung der Rechte der Frauen, die alleinigen Ursachen öffentlichen Unglücks und der Korruption der Regierungen sind, haben wir beschlossen, in einer feierlichen Erklärung die natürlichen, unveräußerlichen und heiligen Rechte der Frau festzulegen, auf daß diese Erklärung allen Mitgliedern des Sozialkörpers ständig vor Augen steht und sie ohne Unterlaß an ihre Rechten und Pflichten erinnert; auf daß die Machtausübung von Frauen und Männern immer am Zweck aller politischen Institutionen gemessen und damit auch mehr respektiert wird; auf daß die Ansprüche der Bürgerinnen, fortan auf einfache und unbestreitbare Prinzipien gegründet, immer die Erhaltung der Verfassung, die guten Sitten und das Glück aller befördern.

In Konsequenz dessen, erkennt und erklärt das an Schönheit und Mut im Ertragen der Mutterschaft überlegene Geschlecht, in Gegenwart und unter den Auspizien des Höchsten Wesens, die folgenden Rechte der Frau und Bürgerin.

Erster Artikel
Die Frau ist frei geboren und bleibt dem Manne gleich an Rechten. Die sozialen Unterschiede können nur auf gemeinsamem Nutzen gegründet sein.

II.
Der Zweck jeder politischen Vereinigung ist die Erhaltung der natürlichen und unantastbaren Rechte der Frau und des Mannes: diese Rechte sind Freiheit, Eigentum, (Rechts-) Sicherheit und vor allem das Recht auf Widerstand gegen Unterdrückung.

III.
Das Prinzip aller Souveränität ruht wesentlich in der Nation, die nichts anderes ist als eine Vereinigung der Frau und des Mannes: keine einzige Körperschaft, kein einziges Individuum kann Macht ausüben, die nicht ausdrücklich daraus hervorgeht.

IV.
Freiheit und Gerechtigkeit bestehen in der Zurückgabe all dessen, was einem anderen gehört. Also wird die Frau an der Ausübung ihrer natürlichen Rechte gehindert durch die Grenzen, die die fortdauernde Tyrannei des Mannes ihr entgegensetzt. Diese Grenzen müssen durch die Gesetze der Natur und der Vernunft neu gesetzt werden.

V.
Die Gesetze der Natur und Vernunft verbieten alle Handlungen, die für die Gesellschaft schädlich sind: alles, was durch diese weisen und göttlichen Gesetze nicht verboten ist, darf nicht verhindert werden, und niemand darf gezwungen werden zu tun, was die Gesetze nicht gebieten.

VI.
Das Gesetz muß Ausdruck des allgemeinen Willens sein; alle Bürgerinnen und Bürger müssen an der Gesetzgebung persönlich oder durch ihre Vertretung mitwirken. Das Gesetz ist das gleiche für alle: alle Bürgerinnen und alle Bürger, gleich in den Augen des Gesetzes, müssen gleichen Zugang haben zu allen Würden, Stellen und öffentlichen Ämtern, entsprechend ihren Fähigkeiten und ohne andere Unterschiede als die ihrer Tugenden und Talente.

VII.
Keine Frau ist davon ausgenommen; sie wird angeklagt, verhaftet und gefangen gehalten in den Fällen, die das Gesetz bestimmt. Die Frauen gehorchen wie die Männer diesem rigorosen Gesetz.

VIII.
Das Gesetz darf nur Strafen verhängen, die strikt und offensichtlich notwendig sind, und man kann nur bestraft werden auf Grund eines geltenden Gesetzes, das vor der Übertretung in kraft war und legal auf Frauen angewendet wird.

VIX.
Alle Frauen werden in Übereinstimmung mit der Strenge des Gesetzes schuldig erklärt.

X.
Keine/r darf verfolgt werden wegen ihrer/seiner Meinung, wie grundsätzlich auch immer; die Frau hat das Recht das Schafott zu besteigen, sie hat gleichermaßen das Recht, die Tribüne zu besteigen, solange ihre Manifestationen die öffentliche Ordnung, festgelegt durch das Gesetz, nicht stören.

XI.
Die freie Mitteilung der Gedanken und Meinungen ist eines der wertvollsten Rechte der Frau, da diese Freiheit die Legitimität der Väter hinsichtlich der Kinder sichert. Alle Bürgerinnen können in aller Freiheit sagen: ich bin Mutter eines Kindes, das von Ihnen ist, ohne daß ein barbarisches Vorurteil sie zwingt, die Wahrheit zu verdunkeln, unter der Bedingung, daß sie den Mißbrauch dieser Freiheit verantworten muß, in Fällen, bestimmt vom Gesetz.

XII.
Die Garantie der Rechte der Frau und Bürgerin muß dem allgemeinen Nutzen dienen. Diese Garantie muß zum Vorteil aller sein und nicht im persönlichen Interesse derjenigen, denen die Garantie anvertraut ist.

XIII.
Für den Unterhalt der öffentlichen Gewalten und für die Kosten der Verwaltung sind die Beiträge der Frau und des Mannes gleich; hat die Frau Anteil an allen Lasten und Pflichten, dann hat sie auch gleichen Anteil bei der Verteilung der Stellen, Beschäftigungen, Dienste, Würden und Gewerbe.

XIV.
Bürgerinnen und Bürger haben das Recht, selbst oder durch ihre Vertretung die Notwendigkeit der Steuererhebung festzustellen. Bürgerinnen können dem Prinzip, Steuern in gleicher Höhe zu zahlen, nur dann zustimmen, wenn sie gleichen Anteil nicht allein am Einkommen, sondern auch an der öffentlichen Administration haben und Beträge, Verwendung, Einziehung und Zeitdauer der Steuern mitbestimmen.

XV.
Die Masse der Frauen, die gleich den Männern Steuern zahlt, hat das Recht, von allen öffentlichen Einrichtungen und ihrer Administration Rechenschaft zu verlangen.

XVI.
Eine Gesellschaft, in der die Garantie der Rechte nicht gesichert und die Teilung der Gewalten nicht festgelegt ist, hat gar keine Verfassung. Die Verfassung ist nichtig, wenn die Mehrheit der Individuen, aus denen die Nation besteht, nicht an der Verfassungsgebung mitgewirkt hat.

XVII.
Das Eigentum gehört beiden Geschlechtern, gemeinsam oder getrennt; jede Person hat darauf ein unverletzliches und heiliges Recht. Keiner/keinem darf es als ein wahres Erbe der Natur geraubt werden, außer in Fällen öffentlicher und gesetzlich festgestellter Notwendigkeit, und unter der Bedingung gerechter und im voraus festgesetzter Entschädigung.

Frauen, erwacht! Die Sturmglocke der Vernunft ist auf der ganzen Welt zu hören; erkennt eure Rechte. Das mächtige Reich der Natur ist nicht mehr umgeben von Vorurteilen, Fanatismus, Aberglauben und Lügen. Die Fackel der Wahrheit hat alle Wolken der Dummheit und Usurpation vertrieben. Der versklavte Mann hat seine Kräfte vervielfacht. Er hat eurer Kräfte bedurft, um seine Ketten zu brechen. Nun er frei ist, ist er ungerecht gegen seine Gefährtin geworden. O Frauen! Frauen, wann hört ihr auf, blind zu sein? Welches sind die Vorteile, die ihr in der Revolution gewonnen habt? Ihr werdet noch mehr verachtet, noch mehr verhöhnt. In den Jahrhunderten der Korruption habt ihr über die Schwächen der Männer regiert. Euer Reich ist zerstört! Was bleibt euch noch? Die Überzeugung von der Ungerechtigkeit des Mannes, die Ansprüche auf euer Erbteil, die auf den weisen Gesetzen der Natur beruhen. Was habt ihr zu befürchten, bei einer so hoffnungsvollen Unternehmung? Das Bonmot des Höchsten Gesetzgebers während der Hochzeit von Kanaan? Befürchtet ihr, daß unsere französischen Gesetzgeber, Korrektoren der Moral, die sich lange Zeit in allen Zweigen der Politik eingenistet hatte, aber heute keinen Platz mehr hat, wiederholen könnten: Frauen, was gibt es Gemeinsames zwischen euch und uns? Alles, müßtet ihr darauf antworten. Wenn sie in ihrer Schwäche trotzig in ihrer Inkonsequenz verharren, im Widerspruch mit ihren eigenen Prinzipien, dann setzt mutig die Macht der Vernunft den eitlen Ansprüchen auf Superiorität entgegen. Vereinigt euch unter dem Banner der Philosophie, entfaltet alle eure Charakterstärke, und bald werdet ihr diese größenwahnsinnigen, nicht ergebenen Anbeter zu euren Füßen haben, nun aber stolz, die Schätze der Vernunft mit euch zu teilen. Welches auch die Barrieren sind, die man euch entgegenstellt, es ist in eurer Macht, euch zu befreien. Ihr müßt es nur wollen. Kommen wir nun zu dem schrecklichen Bild euer Situation in der Gesellschaft. Und da im Augenblick die Rede ist von einer Nationalerziehung, wollen wir sehen, ob unsere weisen Gesetzgeber auf gesunde Weise über die Erziehung der Frauen denken.

Frauen haben mehr Böses als Gutes getan. Auferlegte Zwänge und Heimlichkeiten waren ihr Teil. Was ihnen mit nackter Gewalt entrissen war, haben sie sich mit List zurückgenommen. Sie haben alle Mittel ihres Charmes eingesetzt, und der ehrenwerteste Mann konnte ihnen nicht widerstehen. Das Gift, der Stahl, alles stand ihnen zu Diensten. Sie befahlen dem Verbrechen und der Tugend. Jahrhundertelang war besonders die französische Regierung abhängig von der nächtlichen Administration der Frauen. Alle Geheimnisse des Kabinetts kamen so in die Hände von Frauen; die Botschaft, das Kommando des Heeres, Ministerien, Präsidentschaft, Pontificat, Kardinalamt, kurzum alles was die Narretei der Männer charakterisiert, sei es auf profanem oder sakralem Gebiet; alles war der Begierde und Ambition dieses Geschlechts unterworfen, ein Geschlecht, früher verachtenswert, doch respektiert, und seit der Revolution respektabel, aber verachtet.

Wieviele Bemerkungen könnte ich nicht über diese Art von Antithese machen. Ich habe nur einen Augenblick, aber dieser Augenblick wird die Aufmerksamkeit der Nachwelt bis in die fernste Zukunft erregen. Unter dem alten Regime war alles untugendhaft, alles war schuldig. Doch konnte man nicht im Kern des Übels selbst eine Verbesserung aufglimmen sehen? Eine Frau brauchte nur schön und liebenswürdig zu sein; besaß sie beide Vorteile, dann lagen ihr hundert Reichtümer zu Füßen. Profitierte sie nicht davon, dann haue sie einen bizarren Charakter oder eine außergewöhnliche Philosophie, die sie Reichtümer verachten ließ. Sie wurde dann nur noch als querulanter Kopf betrachtet. Die indezenteste Frau verschaffte sich Ansehen mit Gold. Der Frauenhandel war eine Art Unternehmung, die in den höchsten Kreisen zum guten Ton gehörte, die fortan kein Ansehen mehr genießt. Wenn der Frauenhandel noch besteht, ist die Revolution für uns verloren, und in den neuen Verhältnissen sind wir noch immer die Korrumpierten. Kann die Vernunft wirklich leugnen, daß jeder andere Weg, Einkommen zu erwerben, der Frau verschlossen ist; die Frau wird vom Mann gekauft wie ein Sklave an der Küste von Afrika. Der Unterschied ist groß, das weiß man. Der Sklave (Frau) befiehlt seinem Herrn. Doch wenn der Herr ihr ohne Entschädigung die Freiheit gibt, oder in einem Alter, da die Sklavin all ihren Charme verloren hat, was geschieht dann mit dieser Unglücklichen? Ein Spielball der Verachtung. Selbst die Türen des Armenhauses bleiben ihr verschlossen. Eine arme, alte Frau, sagt man. Warum hat sie ihre Chancen verspielt? Andere Beispiele kann ich auch noch nennen, bieten sich der Vernunft dar. Ein unerfahrenes Mädchen, verführt von einem Mann, den sie liebt, wird ihre Eltern verlassen, um ihm zu folgen. Der Undankbare verläßt sie nach ein paar Jahren. Seine Treulosigkeit ist umso unmenschlicher, je älter sie mit ihm geworden ist. Hat sie Kinder, verläßt er sie trotzdem. Ist er reich, fühlt er sich nicht verpflichtet, sein Vermögen mit seinen edlen Opfern zu teilen. Hat er Verpflichtungen auf sich genommen, dann bricht er sein Wort und hat das Gesetz auf seiner Seite. Ist er verheiratet, dann verliert jede andere Verpflichtung ihr Recht. Welche Gesetze müssen noch gemacht werden, um das Übel bei der Wurzel zu packen? Gesetze, die die Teilung des Vermögens zwischen Männer und Frauen regeln, von der öffentlichen Administration (angewandt). Es ist leicht einzusehen, daß diejenige, die aus einer reichen Familie kommt, bei gleicher Verteilung des Vermögens, besser dasteht. Aber wie sieht das Los eines verdienstlichen und tugendhaften Mädchens aus armer Familie aus? Armut und Schande. Ist sie in Musik oder Malerei nicht höchst brillant, dann ist ihr jede öffentliche Ausübung verschlossen, auch wenn sie alle Fähigkeiten dafür besitzt.

Ich will hier nur eine kurze Übersicht über die Zustände geben; in der neuen Ausgabe all meiner politischen Schriften, die ich in einigen Tagen mit Anmerkungen versehen, zu veröffentlichen hoffe, werde ich gründlicher darauf eingehen. Kommen wir zurück auf die Sitten. Die Ehe ist das Grab des Vertrauens und der Liebe. Eine verheiratete Frau kann ihrem Mann ungestraft Bastarde geben, und den Bastarden ein Vermögen, das ihnen nicht gehört. Eine unverheiratete Frau hat kaum Rechte: Alte und unmenschliche Gesetze verweigern ihr das Recht, zu Gunsten ihrer Kinder Ansprüche auf Namen und Erbteil der Väter geltend zu machen, und neue Gesetze sind noch nicht gemacht. Wenn die Zuerkennung einer ehrenhaften und gerechten Lebensgrundlage an mein Geschlecht zu diesem Zeitpunkt von anderen als ein Paradox betrachtet wird, als ob ich etwas Unmögliches wollte, dann überlasse ich es dem Ruhm zukünftiger Menschen, diese Materie zu behandeln. Aber, inzwischen können wir das durch die nationale Erziehung, durch die Wiederherstellung der Sitten und durch die ehelichen Konventionen vorbereiten.

(Quelle: Gouges, Olympe de (1791): Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin. – In: Olympe de Gouges : Mensch und Bürgerin ; „Die Rechte der Frau“ (1791). – Schröder, Hannelore [Hrsg.]. Aachen : ein-Fach-verl., 1995, S. 107 – 119)

Hedwig Dohm

(1831-1919)

FT.01.Dohm.02, Public Domain
Hedwig Dohm, 1870

„Ich bin des Glaubens, dass die eigentliche Geschichte der Menschheit erst beginnt, wenn der letzte Sklave befreit ist, wenn das Privilegium der Männer auf Bildung und Erwerb abgeschafft, wenn die Frauen aufhören, eine unterworfene Menschenklasse zu sein.“

Die deutsche Frauenrechtlerin, Philosophin und Autorin zahlreicher Essays, Romane und Novellen gilt als brillanteste und radikalste Feder der Historischen Frauenbewegung und bedeutendste Vordenkerin des radikalen Flügels. Als zweite deutsche Frau fordert sie – nach Mathilde Franziska Anneke  – bereits 1873 das Frauenwahlrecht. Die sogenannte „Natur der Frau“ entlarvt sie – fast ein Jahrhundert vor Simone de Beauvoir – als soziales Konstrukt. Dem Geschlechterdualismus – hier das Gefühlswesen Frau, dort der rationale Mann – hält sie ihre Idee von Frauen und Männern als „Ganzmenschen“ entgegen und erklärt die Kategorie ‚Geschlecht’ zur „Privatsache“: „Gleichgültig, ob ich Mann, Weib oder Neutrum bin – vor allem bin ich Ich, eine bestimmte Individualität, und ein bestimmter Wert beruht auf dieser Individualität.“

Gemälde von Anna Schleh, Quelle: Ala Verlag Zürich
Die Schwestern Hedwig Dohm und Anna Schleh

Die Sklaverei der Schwarzen, Antisemitismus und Frauenunterdrückung analysiert sie als Ausdruck des selben Prinzips: der Abwertung des „Anderen“. In ihren Schriften attackiert sie mit Humor und Scharfsinn die Unterdrückung der Frauen auf allen Gebieten: Dohm will gleichberechtigte Bildung und Ausbildung für Mädchen sowie die freie Wahl eines Berufs, der Frauen die ökonomische Selbstständigkeit sichert. Sie fordert das Recht auf Abtreibung, kritisiert Eherecht und die Mystifizierung der Mutterschaft, Doppelmoral und Prostitution („diese abstoßende Karikatur von Erotik“), unzureichende sexuelle Aufklärung junger Mädchen sowie den Jugendwahn, der „das Weib entmenscht“. Viele ihrer Texte sind bis heute beklemmend aktuell.

„Gleichgültig, ob ich Mann, Weib oder Neutrum bin – vor allem bin ich Ich, eine bestimmte Individualität, und ein bestimmter Wert beruht auf dieser Individualität.“

Hedwig Dohm wird am 20. September 1831 in Berlin geboren. Sie ist das vierte Kind – und die erste Tochter von Gustav Adolph Schlesinger und Henriette Wilhelmine Jülich. Tochter Hedwig ist – zur damaligen Zeit eine Schande – unehelich, denn Mutter Henriette gilt als nicht standesgemäße Ehefrau für den Tabakfabrikantensohn Gustav. Daher heiratet das Paar erst 1838, nach dem Tod des Schwiegervaters. Es bekommt insgesamt 17 Kinder. Nachdem er zum Protestantismus konvertiert ist, ändert Gustav Adolph Schlesinger 1851 den jüdisch klingenden Namen Schlesinger in Schleh.

Quelle: Ala Verlag, Zürich
Die Kinder, links Gertrude Hedwig Anna

Während die Eltern bei Hedwigs Brüdern Wert auf eine gute Ausbildung legen, darf die hochintelligente älteste Tochter nur die Mädchenschule besuchen und fühlt sich dort komplett unterfordert. Zu Hause verbietet die strenge und gewalttätige Mutter dem Mädchen das Lesen und sperrt die wenigen Bücher der Familie in den „Giftschrank“. Mit 15 muss Hedwig ihre Schulausbildung gezwungenermaßen beenden. Sie ringt ihren Eltern ein Lehrerinnenseminar ab, das sie aber ebenfalls „stumpfsinnig“ findet und nur dazu geeignet, „einen lebendigen Geist in eine mechanische Lernmaschine zu verwandeln.“

Erst als sie im Alter von 22 Jahren den Autor Ernst Dohm heiratet, der als Redakteur beim Satiremagazin Kladderadatsch arbeitet, bekommt sie Zugang zu intellektuellen Kreisen. Hedwig Dohm betreibt in Berlin einen Salon, in dem Theodor Fontane, Fanny Lewald und Franz Liszt verkehren. Im Alter von 40 Jahren – da hat Dohm bereits fünf Kinder großgezogen (eine ihrer Töchter ist Gertrude Hedwig Anna, die spätere Hedwig Pringsheim und Mutter Katia Manns) – beginnt sie, über die Frauenfrage zu schreiben. Kurz zuvor haben sich Hedwig und Ernst Dohm kurzfristig getrennt: Ernst Dohm ist ein „Lebemann“, der seine Frau betrügt, spielt und 1870 vor der Schuldhaft aus Berlin fliehen muss. Hedwig Dohm verbringt ein Jahr allein bei ihrer Schwester, der Malerin Anna Schleh, in Rom. Bald darauf beginnt sie mit ihren Veröffentlichungen.

Plothow, Anna: Die Begründerinnen der deutschen Frauenbewegung - 4. Aufl., Leipzig: Friedrich Rothbarth, 1907, nach S. 138 (FE.08.104).
um 1880

Schon der erste ihrer vier feministischen Essaybände, der 1872 erscheint, macht sie schlagartig berühmt. In diesem ersten Text ‚Was die Pastoren von den Frauen denken’ attackiert Dohm die Kategorisierung der Geschlechter in Wesen des Geistes bzw. des Herzens. Diesen „Ergänzungstheoretikern“, die verhindern wollten, dass die „seelische Anmut der Frau durch angestrengtes Denken verloren geht“, hält die Feministin ihre Vision von Frauen und Männern als „Ganzmenschen“ entgegen: „Die Ergänzung der Geschlechter besteht nicht darin, dass der Eine von seinem Verstand, die Andere von ihrem Herzen abgibt. Nur bei annähernder Übereinstimmung der Herzen und Köpfe gibt es im höheren Sinne eine glückliche Ehe.“ Mit satirischer Bissigkeit entlarvt sie den Biologismus ihrer Gegner: „Der Mann hat längere Beine als die Frau, bemerkt sehr richtig Herr von Bischof. Ein Schlußsüchtiger könnte allenfalls daraus schließen, dass der Mann sich mehr zum Briefträger eigne als die Frau; ihr aber aus diesem Grunde die Fähigkeit zum Erlernen des Griechischen und Lateinischen absprechen zu wollen, ist mehr kühn als logisch gedacht.“

Ein Jahr später erklärt Dohm mit ihrer Schrift ‚Der Jesuitismus im Hausstande’ das Hausfrauendasein für gesellschaftlich überflüssig. 1874 folgt ‚Die wissenschaftliche Emanzipation der Frau’, und schließlich fordert Dohm 1876 in ‚Der Frauen Natur und Recht’  das uneingeschränkte Stimmrecht für Frauen: „Ich frage jeden aufrichtigen Menschen, wären Gesetze wie die über das Vermögensrecht der Frauen, über ihre Rechte an den Kindern, Ehe, Scheidungen usw. denkbar in einem Lande, wo die Frauen das Stimmrecht ausüben? Hätten sie die Macht, sie würden diese Gesetze von Grund auf ändern.“ Und sie fordert ihre Geschlechtsgenossinnen auf: „Mehr Stolz, ihr Frauen! Der Stolze kann missfallen, aber man verachtet ihn nicht. Nur auf den Nacken, der sich beugt, tritt der Fuß des vermeintlichen Herrn!“

Quelle: Koßmann, R. [Hrsg.] ; Weiß, Jul. [Hrsg.]: Mann und Weib : ihre Beziehungen zueinander und zum Kulturleben der Gegenwart. Stuttgart: Union Dt.-Verl.-Ges., 1908, Abb. 145, S. 270 (KU.01.144. Bd.1)
um 1910
Dem gemäßigten Flügel der Frauenbewegung, der den Geschlechter-Dualismus und die „natürliche Bestimmung“ der Frau zur Hausfrau und Mutter nicht in Frage stellt, sind Dohms Ideen schlicht zu radikal. „Radikal heißt wurzelhaft“, erklärt Dohm, „und bezeichnet am besten das Wollen und Handeln jener streitbaren Frauen, die die Axt an die Wurzel der Übel legen.“ Erst als der radikale Flügel um 1890 erstarkt und für Frauen „uneingeschränkte Freiheit fordert, Freiheit auch von dem Glauben, dass mit der Mutter oder der Gattin die Lebensaufgabe des Weibes erledigt sei, Freiheit von jeder autoritativen Vorschrift, von jedem Verbot, die der Frau den Daseinszweck bestimmen wollen“, findet Hedwig Dohm mit Minna CauerAnita Augspurg und Lida Gustava Heymann ein Forum, in dem sie sich organisiert.

Sie wird Gründungsmitglied des ‚Frauenverein Reform’, der eine umfassende Bildungsreform und den Zugang von Frauen zu den Universitäten fordert, und tritt auch Helene Stöckers ‚Bund für Mutterschutz und Sexualreform’ bei, der sich u.a. für das Selbstbestimmungsrecht der Frau über ihren Körper, das Recht auf Abtreibung und gegen die Stigmatisierung lediger Mütter einsetzt. Auch im von Minna Cauer gegründeten ‚Verein Frauenwohl’ für das Recht von Frauen auf Bildung und Berufstätigkeit engagiert sich Dohm. Die neu gegründeten Zeitschriften des radikalen Flügels der Frauenbewegung bieten der scharfsinnigen Schreiberin neue Möglichkeiten: Zwischen 1895 und ihrem Tod 1919 veröffentlicht sie über 80 Artikel.

„Mehr Stolz, ihr Frauen! Der Stolze kann missfallen, aber man verachtet ihn nicht. Nur auf den Nacken, der sich beugt, tritt der Fuß des vermeintlichen Herrn!“

Rohner, Isabel: Spuren ins Jetzt : Hedwig Dohm - eine Biografie. Helmer: Sulzbach/Taunus, 2010. [FMT-Signatur: BG.03.DOHM.004]
Isabel Rohner: Hedwig Dohm – eine Biografie, 2010.
Dohm sucht außerdem nach anderen literarischen Formen, um ein größeres Publikum zu erreichen. Sie beginnt, Romane und Novellen zu schreiben, in denen sie anhand individueller Frauenschicksale deren Unterdrückung und Wege der Befreiung aufzeigt. Als um die Jahrhundertwende die Attacken auf die Radikalen schärfer werden, schlägt Dohm mit ihren Schriften zurück. In ihrem Werk ‚Die Antifeministen’ unterteilt sie die Gegner der Frauenbewegung in vier Kategorien („Altgläubige“, „Herrenrechtler“, „praktische Egoisten“ und „Ritter der mater dolorosa“) und entlarvt Nietzsche, Schopenhauer und Maupassant als pathologische Frauenfeinde, die entweder pervertierte („Sie sehen vor lauter Dirnen das Weib nicht.“) oder gar keine Beziehungen zum anderen Geschlecht haben („Aus der Biografie seiner Schwester dürfen wir schließen, dass Nietzsche niemals intime Beziehungen zu Frauen gehabt hat.“)

Hedwig Dohm ist nicht nur Feministin, sondern auch Pazifistin. Im Ersten Weltkrieg ist sie eine der wenigen öffentlichen Stimmen in Deutschland, die mit Texten wie ‚Der Missbrauch des Todes’ dem allgemeinen nationalen Kriegswahn widersteht. „Es gibt keine Vaterlandsliebe, die den Feindeshass heiligt“, schreibt sie 1915. Nach Ende des Ersten Weltkriegs erlebt die Frauenstimmrechts-Pionierin als 87-Jährige, wie der ‚Rat der Volksbeauftragten’ im November 1918 das Wahlrecht für Frauen verkündet. Hedwig Dohm stirbt am 1. Juli 1919 in Berlin.

„Es gibt keine Vaterlandsliebe, die den Feindeshass heiligt“

Über ein halbes Jahrhundert lang war Hedwig Dohm, die zu ihrer Zeit eine berühmte Frau gewesen ist und über die zu ihren Lebzeiten eine Flut von Texten erschien, völlig vergessen. Die Neue Frauenbewegung entdeckte die Frauenrechtlerin wieder. Heute sind zahlreiche Schriften von ihr wieder aufgelegt und mehrere Biografien über sie erschienen. Zu ihrem 175. Geburtstag im September 2006 begann der trafo-Verlag mit einer kommentierten Edition ihres Gesamtwerks.

Biographie chronologisch

20.9.1831
Hedwig Dohm wird als Marianne Adelaide Hedwig Jülich in Berlin geboren. Sie ist das dritte uneheliche Kind und die älteste Tochter des Tabakfabrikanten Gustav Adolph Schlesinger und Henriette Wilhelmine Jülich.

1838
Henriette Jülich und Gustav Schlesinger heiraten nach dem Tod von Gustav Schlesinger senior.

1846
Hedwig muss ihre Schulausbildung beenden.

1851
Hedwig besucht ein Lehrerinnenseminar. Gustav Schlesinger lässt den Familiennamen in Schleh ändern.

21.3.1853
Hedwig Schleh heiratet den Kladderadatsch-Redakteur Ernst Dohm, vormals Elias Levy, dessen Familie ebenfalls vom Juden- zum Christentum konvertiert ist.

1854-1860
Hedwig Dohm bringt fünf Kinder zur Welt: einen Sohn und vier Töchter.

1867
Hedwig Dohm veröffentlicht unter dem geschlechtsneutralen Namen ,H. Dohm' ihr erstes Werk: ‚Die spanische Nationalliteratur’.

1869
Der überschuldete Dohm’sche Haushalt wird aufgelöst, Ernst Dohm flieht vor der Schuldhaft nach Weimar. Hedwig Dohm verbringt ein Jahr allein bei ihrer Schwester Anna Schleh in Rom.

1872-1879
Dohms erste vier feministische Essaybände erscheinen: ‚Was die Pastoren von den Frauen denken’, ‚Der Jesuitismus im Hausstande’, ‚Die wissenschaftliche Emancipation der Frau’ und ‚Der Frauen Natur und Recht’.

1883
Ernst Dohm stirbt. Hedwig Dohm bezieht eine Wohnung in der Villa ihrer Tochter Else und ihres Schwiegersohns Hermann Rosenberg.

1888
Gemeinsam mit anderen ‚Radikalen’ gründet Hedwig Dohm den 'Deutschen Frauenverein Reform'. Sie wird ebenfalls Mitglied im radikalen 'Verein Frauenwohl'.

1896
Dohms Roman ‚Sibilla Dalmar’ erscheint und löst in der Berliner Gesellschaft einen Skandal aus. Der Roman ist der erste Teil einer Trilogie, die sich mit den Lebenswegen von Frauen verschiedener Generationen befasst.

1902
In ihrem Buch ‚Die Antifeministen’ analysiert die so oft wegen ihrer Überzeugungen attackierte Feministin die Typologien und Taktiken ihrer Gegner.

1903
Dohms Buch ‚Die Mütter’ erscheint. Hier zieht Dohm die Existenz des Mutterinstinkts und der ‚angeborenen Mutterliebe’ in Zweifel.

1910
In ihrem Werk ‚Erziehung zum Stimmrecht der Frau’ beschreibt sie das Stimmrecht als ersten Schritt auf dem Weg zur Emanzipation.

1917
Dohms letzte größere Veröffentlichung erscheint: In ‚Der Missbrauch des Todes’ attackiert sie Nationalismus und Kriegswahnsinn. Auch in ihrem letzten Text ‚Auf dem Sterbebett’, der wenige Tage vor ihrem Tod in der Vossischen Zeitung erscheint, kommt ihre Verzweiflung über die Gräuel des Krieges zum Ausdruck.

1.6.1919
Hedwig Dohm stirbt im Alter von 87 in Berlin. Ein halbes Jahr zuvor haben die deutschen Frauen das Stimmrecht erhalten.

Textauszüge

Die Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau

Die Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau

Hedwig Dohm, 1874

Ich hoffe beweisen zu können, daß zwei Grundprincipien bei der Arbeitstheilung zwischen Mann und Frau klar und scharf hervortreten: die geistige Arbeit und die einträgliche für die Männer, die mechanische und die schlecht bezahlte Arbeit für die Frauen; ich glaube beweisen zu können, daß der maßgebende Gesichtspunkt für die Theilung der Arbeit nicht das Recht der Frau, sondern der Vortheil der Männer ist, und daß der Kampf gegen die Berufsarbeit der Frau erst beginnt, wo ihr Tagelohn aufhört nach Groschen zu zählen.

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Der Frauen Natur und Recht : 1. Die Frauen fordern das Stimmrecht als ein ihnen natürlich zukommendes Recht.

Der Frauen Natur und Recht : 1. Die Frauen fordern das Stimmrecht als ein ihnen natürlich zukommendes Recht.

Hedwig Dohm, 1876

Die unmittelbaren, praktischen Folgen des Stimmrechts sind vielleicht nicht die wichtigsten. Die Hauptsache aber ist dies: die Gewährung des Stimmrechts ist der Schritt über den Rubikon. Erst mit dem Stimmrecht der Frauen beginnt die Agitation für jene großartigen Reformen, die das Ziel unserer Bestrebungen sind.

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Herrenrechte

Herrenrechte

Hedwig Dohm, 1896

Julius Duboc fällt in dem Aufsatz "Die äusserste Linke der Frauenbewegung" (in ZUKUNFT vom 15. Febr. 1896) ein abfälliges Urteil über die modernen Frauenbestrebungen. Ich möchte einiges darauf erwidern.

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Frauen mit kurzen Haaren...

Frauen mit kurzen Haaren...

Hedwig Dohm 1900 über antifeministische Klischees, kurze Haare und kurzen Verstand

Feindseligkeiten von absoluten Gegnerinnen der Frauenfrage dürften uns nicht Wunder nehmen.

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Der Muttertrieb

Der Muttertrieb

Hedwig Dohm, 1903

Die Gegner der modernen Frauenbewegung freilich sehen in der Mütterlichkeit des Weibes die Verbürgung der Rechte des Kindes. Daher ihre feindliche Haltung gegen die umstürzlerischen Weiber der Emanzipation, die, wie es scheint, nichts Geringeres planen als einen neuen bethlehemitischen geistigen Kindermord.

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Frauenverehrer & Antifeminismus

Frauenverehrer & Antifeminismus

Hedwig Dohm 1912 über Frauenverehrer wie Mulford, den Lieblingsautor von Eva Herman

Was ist Antifeminismus? Der passive oder aktive Widerstand gegen die Aufwärtsbewegung des weiblichen Geschlechts. Passiv ist er, wenn er nur in der Meinung, in einer Gefühls- und Glaubensrichtung besteht; aktiv, wenn Gefühl und Glauben sich in Taten umsetzen, mögen sie sich in Schriften, Vorträgen, Gesetzes- oder Polizeiverordnungen äußern.

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Der Hass der Geschlechter

Der Hass der Geschlechter

Hedwig Dohm, 1913

In allen antifeministischen Reden und Schriften wird unentwegt die Feindschaft zwischen Mann und Frau als ein charakteristisches Merkmal der Zeit, als eine Folge der Frauenbewegung denunziert. Jawohl, der Hexensabbat der Emanzipierten ist's, der mit seinen Theorien den Hass zwischen den Geschlechtern gesät hat.

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Artikel über Hedwig Dohm

Mehr Stolz, ihr Frauen!

Louis, Chantal (2006): Mehr Stolz, ihr Frauen! - In: EMMA, Nr. 5, S. 38 - 42, 44, 46 - 48 : EMMA-Lesesaal

Unsere Schwestern von gestern: Hedwig Dohm

Bookhagen, Renate (1977): Unsere Schwestern von gestern: Hedwig Dohm. - In: EMMA, Nr. 2, S. 54 - 55 : EMMA-Lesesaal

Hedwig Dohm: Nachruf von Lida Gustava Heymann

Hedwig Dohm: Nachruf von Lida Gustava Heymann

Hedwig Dohm
Lida Gustava Heymann, 1919

Hedwig Dohm ist am 15. Juni, 86 Jahre alt, in Berlin entschlafen. Für die, die ihr nahe standen, kam die Nachricht ihres Todes nicht unerwartet, denn sie wußten, daß Hedwig Dohm, mit großer Verehrung und treuer Liebe von ihren Kindern gepflegt, seit Jahresfrist darniederlag, nicht eigentlich schwer leidend, meistens im Halbschlummer nach innen gekehrt, nur selten voll den Dingen dieser Welt zugewandt.

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Helene Stöcker zum 80. Geburtstag von Hedwig Dohm

Helene Stöcker zum 80. Geburtstag von Hedwig Dohm

Hedwig Dohm
Helene Stöcker, 1913

Unserer ältesten Mitarbeiterin, unserem ältesten Mitgliede haben wir heute zu ihrem vor kurzem vollendeten 80. Lebensjahre Glück zu wünschen und zu danken.

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Unserer Ehrenpräsidentin!

Unserer Ehrenpräsidentin!

Anita Augspurg, 1913

Am 20. September feiert Hedwig Dohm, die Ehrenpräsidentin des Deutschen Verbandes für Frauenstimmrecht, die Vollendung ihres 80. Lebensjahres, die uns voranleuchtete auf dein Pfade zu Recht und Freiheit zu einer Zeit, da hinsichtlich des Frauenlebens noch Finsternis das deutsche Erdreich deckte.

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Gruss & Glückwunsch: an Hedwig Dohm zum 75. Geburtstage

Gruss & Glückwunsch: an Hedwig Dohm zum 75. Geburtstage

Minna Cauer, 1925

Wer das Glück und die Freude hat, HEDWIG DOHM persönlich zu kennen, dem tritt sofort die strahlende Jugendlichkeit und Lebendigkeit dieser eigenartigen Persönlichkeit entgegen: Sprudelnd in der Unterhaltung, scharf im Denken, fein im Fühlen, - alles das fesselt; eins aber begeistert - das überzeugungstreue, niemals wankende Eintreten für Recht und Gerechtigkeit.

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Literaturhinweise

Primärliteratur

Dohm, Hedwig (1872): Was die Pastoren von den Frauen denken. - In: Was die Pastoren denken. - Zürich : Ala-Verl., 1977, S. 9 - 96

Dohm, Hedwig (1873): Der Jesuitismus im Hausstande : ein Beitrag zur Frauenfrage. - Berlin : Wedekind & Schwieger, 227 S.

Dohm, Hedwig (1874): Die wissenschaftliche Emancipation der Frau. - Berlin : Wedekind & Schwieger, 49 S.

Dohm, Hedwig (1876): Der Frauen Natur und Recht : zur Frauenfrage ; zwei Abhandlungen über Eigenschaften und Stimmrecht der Frauen. - Berlin : Wedekind & Schwieger, 185 S.

Dohm, Hedwig (1899): Schicksale einer Seele : Roman. - [Nachdruck]. - München : Frauenoffensive, 1988, 335 S.

Dohm, Hedwig (1902): Die Antifeministen : ein Buch der Verteidigung. - [Nachdruck]. - Widmann, Arno [Hrsg.]. Frankfurt/M. : Verl. Arndtstraße, 1976, 167 S.

Dohm, Hedwig (1903): Die Mütter : Beitrag zur Erziehungsfrage. - Berlin : Fischer, 224 S.

Hedwig Dohm : ausgewählte Texte ; ein Lesebuch zum Jubiläum des 175. Geburtstages mit Essays und Feuilletons, Novellen und Dialogen, Aphorismen und Briefen (2006). - Müller, Nikola [Hrsg.] ; Rohner, Isabel [Hrsg.]. Berlin : Trafo-Verl., 317 S. 

Liste aller im FrauenMediaTurm vorhandenen Publikationen von Hedwig Dohm als Autorin oder Herausgeberin: PDF-Download

Sekundärliteratur

Rohner, Isabel (2003): „Mehr Stolz, ihr Frauen!“ : die zentralen Themen im essayistischen Werk von Hedwig Dohm und die Umsetzung in ihrer Romantrilogie „Schicksale einer Seele“, „Sibilla Dalmar“ und „Christa Ruland“. - Köln : Universität, 75 Bl.

Brandt, Heike (1989): „Die Menschenrechte haben kein Geschlecht“ : die Lebensgeschichte der Hedwig Dohm. - Weinheim : Beltz, 128 S.

Meißner, Julia (1987): Mehr Stolz, ihr Frauen! : Hedwig Dohm, eine Biographie. - Düsseldorf : Schwann-Bagel, 128 S.

Reed, Philippa (1987): „Alles, was ich schreibe steht im Dienste der Frauen.“ : zum essayistischen und funktionalen Werk Hedwig Dohms (1833-1919). - Frankfurt/M. : Lang, 336 S.

Liste aller im FrauenMediaTurm vorhandenen Publikationen, die Hedwig Dohm zum Thema haben (nach Jahr absteigend sortiert): PDF-Download

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Helene Stöcker

(1869–1943)

„Es müssen Mittel und Wege gefunden werden, auch denen zu helfen, die durch das Übel der Schwangerschaftsunterbrechung ein noch größeres Übel – nämlich das der Zerstörung von Gesundheit und Lebensglück der schon Lebenden – vermeiden wollen.“

Foto: Erna Lendvai-Dircksen, Quelle: Unsere Zeit in 77 Frauenbildnissen. Leipzig [u.a.]: Niels Kampmann Verlag, 1930. [FMT-Signatur: KU.15.143]
Porträt aus „Unsere Zeit in 77 Frauenbildnissen“, 1930
Die deutsche Frauenrechtlerin, Philosophin und Publizistin gilt als die Vertreterin des radikalen Flügels der Historischen Frauenbewegung, die Fragen der Geschlechterbeziehungen sowie der Sexualreform in den Mittelpunkt ihres Wirkens stellte. In ihrer Philosophie der ‚Neuen Ethik’ erkennt Stöcker nicht die Ehe, sondern ausschließlich die Liebe als Legitimation für sexuelle Beziehungen an. Sie plädiert für die Überwindung der Unterdrückung der Sexualität wie sie die christliche Moral vertritt; gleichzeitig bekämpft sie den Status der Frauen als Sexualobjekt. Ihre Utopie ist der Einklang von Sexualität und Seele – eine zivilisatorische Stufe, die Frauen laut Stöcker schon weitgehend erreicht hätten und die sie nun den Männern vermitteln müssten. Stöcker geht davon aus, „dass in der Frau die Hoffnung erwacht ist, ihre vertiefte Auffassung der Liebe auch dem Mann suggerieren zu können. Die Erfüllung dieser Hoffnung würde die Freude und das Glück der Frau nicht nur, sondern in eben so hohem Grade das des Mannes und nicht in letzter Linie das der Kinder erhöhen.“

Quelle: Staatsarchiv Hamburg
Vortragsankündigung, 1918

Die Grundlage für diese ‚Kultur der Liebe’ ist die finanzielle Unabhängigkeit der Frauen. Stöcker kämpft mit ihrem ‚Bund für Mutterschutz und Sexualreform’ für die Abschaffung des § 218, den besseren Schutz lediger Mütter und gegen ihre gesellschaftliche Ächtung; für Sexualaufklärung und das Recht der Frauen auf Selbstbestimmung über ihren Körper – Anliegen, die die Frauenbewegung dieser Zeit auch international als zentrale Ziele verfolgt. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs engagiert sich Stöcker in pazifistischen Organisationen und ist damit eine der wenigen Stimmen in Deutschland, die gegen den Krieg protestieren.

Hulda Caroline Emilie Helene Stöcker wird am 13. November 1869 in Elberfeld (heute Wuppertal) geboren. Ihr Vater Peter Heinrich Ludwig Stöcker, der ein „Posamentiergeschäft“ besitzt, in dem Textilien mit Borten und anderen Besätzen versehen werden, wollte ursprünglich Missionar werden. Das Familienleben ist stark vom Calvinismus und der rigiden Frömmigkeit des Vaters geprägt.

Foto: Privatbesitz, Quelle: Wickert, Christl: Helene Stöcker, 1869 - 1943 : Frauenrechtlerin, Sexualreformerin und Pazifistin ; eine Biographie - Bonn : Dietz, 1991, S. 25 (BG.03.STOECK.002)
Helene und ihre Schwestern, ca. 1898

Im Alter von 21 Jahren geht Helene nach Berlin, wo sie eine Lehrerinnen-Ausbildung bei Helene Lange beginnt. Sie kommt mit Minna Cauer und anderen radikalen Vertreterinnen der Frauenbewegung in Kontakt, die mit Beginn der 1890er Jahre an Einfluss gewinnt. 1893 erscheint Stöckers erste Publikation: In ihrem Aufsatz ‚Die moderne Frau’ erklärt die 24-Jährige die finanzielle Unabhängigkeit der Frau von ihrem Ehemann zur Voraussetzung für ein erfülltes und freies Leben der Frauen und für eine partnerschaftliche Beziehung der Geschlechter.

Als 1896 in Berlin Frauen als Gasthörerinnen zugelassen werden, beginnt Stöcker – gegen den Willen ihrer Eltern – ein Studium der Nationalökonomie, der deutschen Literatur und der Philosophie. Ihr besonderes Interesse gilt Friedrich Nietzsche, zu dem sie bald Kontakt aufnimmt und dessen Ideen zu Staat, Kirche und Moral sie bei der Entwicklung ihrer ‚Philosophie der Neuen Ethik’ stark beeinflussen werden.

Deutscher Bund für Mutterschutz und Sexualreform [Hrsg.]; Stöcker, Helene [Hrsg.]: Mutterschutz : Zeitschrift zur Reform der sexuellen Ethik. Frankfurt /M:: Sauerländer, 1.Jg. Nr. 2, 1905. (Z-GE005)
Mutterschutz : Zeitschrift zur Reform der sexuellen Ethik, 1905
Gemeinsam mit Minna Cauer, Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann gründet Helene Stöcker im Oktober 1899 den ‚Bund fortschrittlicher Frauenvereine’ als radikalen Gegenpol zum gemäßigten ‚Bund deutscher Frauenvereine’. Weil sie als Gasthörerin keinen Universitätsabschluss machen darf, geht Helene Stöcker nach Bern, wo sie 1902 als eine der ersten Frauen in Literatur promoviert. Ihr Thema: ‚Die Kunstanschauung des 18. Jahrhunderts’. Im selben Jahr gründet sie, wiederum gemeinsam mit den führenden Köpfen der Radikalen, den ‚Verein für Frauenstimmrecht’.

1905 hebt Stöcker den ‚Bund für Mutterschutz und Sexualreform’ aus der Taufe. Ziel des Bundes, dessen Vorsitzende sie über viele Jahre sein wird, ist der Kampf für die sexuelle Selbstbestimmung der Frauen und Mädchen über ihren Körper. Die Gründerin kritisiert die gesellschaftliche Doppelmoral, die das Sexualverhalten von Männern und Frauen mit zweierlei Maß misst: „Für den Mann ist gewissermaßen die ganze Welt da, die Prostitution, das Verhältnis, die Ehe. Die Frau ist durch die moralische Ächtung, jedenfalls nach außen hin, zur vollkommenen Abstinenz gezwungen. Auf jede natürliche Befriedigung ihrer Liebessehnsucht ist der bürgerliche Tod gesetzt, der Verlust ihrer Existenz.“

Quelle: Bundesarchiv Koblenz, NL173, Schreiber34
Flugblattwerbung, ca. 1910

Da der Bann der Gesellschaft vor allem ledige Mütter trifft, richtet der ‚Bund für Mutterschutz und Sexualreform’ Heime für sie ein und fordert die rechtliche Gleichstellung ehelicher und unehelicher Kinder. Stöcker engagiert sich für frühzeitige Sexualaufklärung, den Zugang zu Verhütungsmitteln und die Streichung des § 218: „Solange die Gesellschaft die Mutterschaft nahezu ohne Schutz lässt, ja in gewissen Fällen die Mutterschaft mit Schande straft und den Mann von der Verantwortung für sein Kind entlastet, hat sie jedenfalls kein Recht, die Vermeidung der widerwilligen Mutterschaft der Frau als zuchthauswürdiges Verbrechen anzurechnen.“ Sie stellt die Frage, „wo und mit welchem Recht das Strafrecht einem Individuum verbiete, voll über sich selbst zu verfügen“. Mit der gleichen Begründung setzt sich Helene Stöcker auch für die Abschaffung des § 175 ein, der männliche Homosexualität unter Strafe stellt und über dessen Ausdehnung auf weibliche Homosexualität immer wieder debattiert wird.

Stöcker, Helene [Hrsg.]: Die _neue Generation : Publikationsorgan des Deutschen Bundes für Mutterschutz und der Internationalen Vereinigung für Mutterschutz und Sexualreform, Berlin: Oesterheld, Nr.1, 1908 (Z-GE006)
Erstausgabe Neue Generation, 1908
Als Philosophin entwickelt Helene Stöcker ihre Idee der ‚Neuen Ethik’. Ihr Ziel: „Wir können die Beziehungen zwischen den Geschlechtern auf eine reichere, tiefere Basis gründen.“ Sie wendet sich gegen die kirchliche Definition der körperlichen Liebe als Laster und forderte das Recht auf sexuelle Lust und Selbstbestimmung auch für Frauen. Gleichzeitig kritisiert sie die Trennung von Sexualität und Liebe und entwirft ein Beziehungsideal zweier gleichwertiger PartnerInnen, deren ökonomische Unabhängigkeit und geistiger Austausch Voraussetzung sind für die „Vereinigung der Seelen“. Diese stelle den Menschen auf eine höhere zivilisatorische Entwicklungsstufe. Stöcker, die von 1905 bis 1931 unverheiratet mit dem Berliner Rechtsanwalt Bruno Springer zusammenlebt, erklärt die Ehe für überflüssig. Erstens entmündige das geltende Eherecht die Frauen, zweitens bedeute Liebe in ihrer höchsten Form ohnehin Bindung und Verantwortung für das Glück des anderen.

Swarthmore College Peace Collection, WILPF-Congress, Zürich 1919; in der ersten Reihe: Helene Stöcker, Anita Augspurg, Lida G. Heymann, Gertrud Baer in der hintersten Reihe, 3. v. l.
WILPF-Congress, Zürich 1919

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs erschüttert Helene Stöcker, die an den Fortschritt der Menschheit und an eine Höherentwicklung von Kultur und Moral geglaubt hatte, zutiefst. Sie nimmt am ‚Internationalen Frauen-Friedenskongress’ in Den Haag teil und arbeitet von nun an in vielen pazifistischen Organisationen mit. Auch nach Kriegsende liegt Stöckers Schwerpunkt nun auf dem pazifistischen Engagement. Als sie am 13. November 1929 ihren 60. Geburtstag feiert, ist die Frauenrechtlerin und Pazifistin auf dem Höhepunkt ihrer Popularität. Rund 400 Zeitschriften im In- und Ausland würdigen ihre Arbeit.

Rantzsch, Petra: Helene Stöcker (1869 - 1943) : zwischen Pazifismus und Revolution - 1. Aufl. - Berlin : Buchverl. Der Morgen, 1984, Bildteil S. 1 [BG.03.STOECK.001]
Porträt des Pressezeichners Emil Stumpp, 1932
Nach dem Reichstagsbrand flüchtet die 63-Jährige vor den Nationalsozialisten über die Tschechoslowakei, die Schweiz, England, Schweden, Russland und Japan in die USA. Am 23. Februar 1943 stirbt Helene Stöcker verarmt und vereinsamt im New Yorker Exil.

Stöcker, eine der bekanntesten und schillerndsten Frauen der Weimarer Republik gerät in Vergessenheit. Erst die Neue Frauenbewegung und die Friedensbewegung entdecken die Vorkämpferin wieder. 1991 erscheint die Biografie ‚Helene Stöcker: Frauenrechtlerin, Sexualreformerin und Pazifistin’ von Christl Wickert. 1992 wird in Stöckers Geburtsstadt Wuppertal das Helene-Stöcker-Haus für obdachlose Frauen eingeweiht. Zu Stöckers 130. Geburtstag am 11. November 1999 gründet sich in Berlin die ‚Helene-Stöcker-Gesellschaft’, die erste philosophische Gesellschaft mit einer weiblichen Leitfigur.

Biografie chronologisch

13.11.1869
Helene Stöcker wird als Tochter des Textilfabrikanten Peter Heinrich Ludwig Stöcker und Hulda Stöcker in Wuppertal geboren. Sie ist das älteste von acht Kindern.

1891
Stöcker beginnt in Berlin ihre Lehrerinnenausbildung bei Helene Lange.

1892
Stöcker gehört zu den MitbegründerInnen der ‚Deutschen Friedensgesellschaft’ um Bertha von Suttner.

1893
Stöckers erste Publikation erscheint. In ihrem Aufsatz ‚Die moderne Frau’ erklärt sie die finanzielle Unabhängigkeit der Frau als Vorbedingung für ihre Freiheit und eine partnerschaftliche Beziehung zwischen Männern und Frauen.

1896
Nach ihrer Lehrerinnenausbildung studiert Stöcker in Berlin (als Gasthörerin), Glasgow und Bern Nationalökonomie, deutsche Literatur und Philosophie.

1897
Stöcker gründet in Berlin den ‚Verein Studierender Frauen’.

1899
Stöcker ist Mitbegründerin des ‚Verbands Fortschrittlicher Frauenvereine’, dem radikalen Gegenpol zum gemäßigten ‚Bund Deutscher Frauenvereine’.

1902
Stöcker promoviert in Bern über die ‚Kunstanschauung des 18. Jahrhunderts’. Im selben Jahr gründet sie, gemeinsam mit Anita Augspurg, Lida Gustava Heymann, Minna Cauer und anderen „Radikalen“ in Berlin den ‚Deutschen Verein für Frauenstimmrecht’.

1905
Gemeinsam mit Lily Braun, Henriette Fürth und Max Weber gründet Stöcker den ‚Bund für Mutterschutz und Sexualreform’. Sie gibt die Zeitschrift ,Mutterschutz' heraus, die später in ,Die neue Generation' umbenannt wird und bis 1933 erscheint. Stöcker lebt in nichtehelicher Lebensgemeinschaft mit dem Juristen Bruno Springer zusammen.

1915
Stöcker ist Delegierte auf dem ‚Internationalen Frauenfriedenskongress’ in Den Haag.

1921
Stöcker ist Mitbegründerin des ‚Bundes der Kriegsdienstgegner’.

1922
Stöckers einziger und stark autobiografisch geprägter Roman ‚Liebe’ erscheint.

1931
Stöckers Lebensgefährte Bruno Springer stirbt.

1933
Nach der Machtergreifung emigriert Stöcker zunächst nach Zürich.

1938
Stöcker geht nach London, dann nach Schweden, von wo sie nach der deutschen Besetzung Dänemarks in die USA emigriert.

24.2.1943
Helene Stöcker stirbt im New Yorker Exil.

Textauszüge

Zur Reform der sexuellen Ethik

Zur Reform der sexuellen Ethik

Helene Stöcker, 1905

»Nicht nur fort Euch zu pflanzen, sondern hinauf - dazu helfe Euch der Garten der Ehe.« Nietzsche

Die kritische Prüfung, die Erneuerung und Vertiefung der Ethik überhaupt - das ist die Aufgabe, die uns am Herzen liegt.

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Die beabsichtigte Ausdehnung des § 175 auf die Frau

Die beabsichtigte Ausdehnung des § 175 auf die Frau

Helene Stöcker, 1911

Wir haben es für eine Pflicht unserer Vereinigung für Mutterschutz und Sexualreform gehalten, an dieser drohenden Maßregel nicht mit blinden Augen und in falscher Scham vorüberzugehen, sondern zu versuchen, die Gefahr nach Kräften abzuwehren, daß der unselige § 175 nun auch auf die Frau ausgedehnt wird, wie es der Vorentwurf der Strafrechtsreform im § 250 vorsieht

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Generalstreik und Kriegsdienstverweigerung (Radikalpazifismus)

Generalstreik und Kriegsdienstverweigerung (Radikalpazifismus)

Helene Stöcker, 1922

Gesinnungsfreunde im Kampfe gegen den Krieg! Das deutsche Friedenskartell, in dem 15 pazifistische Organisationen zusammengeschlossen sind, hat mich beauftragt, den folgenden Antrag vor Ihnen zu vertreten: [...]

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Fort mit der Abtreibungsstrafe

Fort mit der Abtreibungsstrafe

Helene Stöcker, 1924

I.
Wenn wir als Vorkämpfer der Bewegung für Mutterschutz und Sexualreform heute wieder einmal in der Öffentlichkeit unsere Stimme erheben, um für die Abschaffung der §§218/219 des StGB, einzutreten - so geschieht es, weil das Problem der freiwilligen Unterbrechung der Schwangerschaft durch die Not des letzten Jahrzehnts noch eine besondere Aktualität erhalten hat.

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Fünfundzwanzig Jahre Kampf für Mutterschutz und Sexualreform

Fünfundzwanzig Jahre Kampf für Mutterschutz und Sexualreform

Helene Stöcker, 1930

Liebe Freunde und Mitkämpfer,

fünfundzwanzig Jahre sind vergangen, seit jener denkwürdigen öffentlichen Kundgebung im Architektenhause am 26. Februar 1905 in Berlin, in der Justizrat Dr. Sello, Ruth Bré und ich die Ziele unserer Bewegung zum ersten Male in ihrer Gesamtheit darzulegen versuchten. »Von dem Tage an haben wir eine Mutterschutzbewegung in Deutschland«, schrieb unsere tapfere Mitgründerin und Mitkämpferin Maria Lischnewska von ihr.

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Artikel über Helene Stöcker

Die "Neue Ethik" der Sexualreformerin Helene Stöcker

Die "Neue Ethik" der Sexualreformerin Helene Stöcker

Agnes Schmidt, 2001

Über Sexualität, Prostitution, außereheliche Lebensgemeinschaften von Mann und Frau zu reden und zu schreiben, erforderte es Zivilcourage und großes Selbstbewusstsein im kaiserlichen Deutschland im letzten Drittel der 19. Jahrhunderts.

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Literaturhinweise

Primärliteratur

Stöcker, Helene [1906]: Die Liebe und die Frauen. - Minden : Bruns, XII, 183 S.

Stöcker, Helene (1906): Zur Kritik der Weiblichkeit. - In: Mutterschutz : Zeitschrift zur Reform der sexuellen Ethik, Nr. 8, S. 299 - 303

Stöcker, Helene (1911): Das Werden der sexuellen Reform seit hundert Jahren. - In: Ehe? : Zur Reform der sexuellen Moral. - Berlin : Internat. Verl.-Ges., S. 36 - 58

Stöcker, Helene (1915): Geschlechtspsychologie und Krieg. - In: Die neue Generation : Publikationsorgan des Bundes für Mutterschutz und der Internationalen Vereinigung für Mutterschutz und Sexualreform, Nr. 9, S. 286 - 300

Stöcker, Helene (1925): Liebe : Roman. - Berlin : Verl. der Neuen Generation, 402 S.

Unveröffentlichte Quellen

Stöcker, Helene [1943]: Manuskript ihrer unveröffentlichten Autobiographie. - [ca. 450 S.] [Original in Swarthmore College Peace Collection, USA; Fotokopie im Stadtarchiv Wuppertal und im FrauenMediaTurm (Köln)]

Zeitschriften herausgegeben von Helene Stöcker

Mutterschutz : Zeitschrift zur Reform der sexuellen Ethik. Hrsg. von 1905-1907; späterer Titel: Die neue Generation : Publikationsorgan des Deutschen Bundes für Mutterschutz und der Internationalen Vereinigung für Mutterschutz und Sexualreform. Hrsg. von 1908-1932

Liste aller im FrauenMediaTurm vorhandenen Publikationen von Helene Stöcker als Autorin oder Herausgeberin: PDF-Download

Sekundärliteratur

Stopczyk-Pfundstein, Annegret (2003): Philosophin der Liebe : Helene Stöcker ; die "Neue Ethik" um 1900 in Deutschland und ihr philosophisches Umfeld bis heute. – Stuttgart : Books on Demand, 336 S.

Hamelmann, Gudrun (1992): Helene Stöcker, der "Bund für Mutterschutz" und "Die Neue Generation". - Frankfurt am Main : Haag + Herchen, 222 S.

Wickert, Christl (1991): Helene Stöcker, 1869 - 1943 : Frauenrechtlerin, Sexualreformerin und Pazifistin ; eine Biographie. – Bonn : Dietz, 199 S.

Liste aller im FrauenMediaTurm vorhandenen Publikationen, die Helene Stöcker zum Thema haben (nach Jahr absteigend sortiert): PDF-Download

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Lida Gustava Heymann

(1868–1943)

„Die politischen Rechte bedeuten keineswegs das Dach oder die Wetterfahne, sie sind das Fundament, auf dem das Gebäude der Frauenfreiheit gegründet werden sollte.“

Foto: Atelier Elvira. Quelle: Bayrisches Hauptstaatsarchiv, München
Lida Gustava Heymann

Die deutsche Frauenrechtlerin und Publizistin gilt als eine der bedeutendsten, schillerndsten und kreativsten Vertreterinnen des radikalen Flügels der Historischen Frauenbewegung. Zunächst setzt die Hamburger Patriziertochter ihr Vermögen für unterprivilegierte Frauen und Kinder ein: Sie gründet Deutschlands erstes Frauenzentrum, finanziert Mittagstische für Arme und Zufluchtsstätten für Prostituierte, deren Leben sie in der Hamburger Hafengegend nachts in Männerkleidung erkundet, und richtet die erste Handelsschule für Mädchen ein. Dann engagiert sich Heymann auch politisch für Frauenrechte und bedient sich dazu ungewöhnlicher Methoden. Sie initiiert eine Steuerverweigerungskampagne für Frauen, weil diese kein Wahlrecht haben; sie verklagt den Hamburger Senat wegen Zuhälterei.

Schiess, Helene [Hrsg.] ; Lewison, Helene [Hrsg.] ; Augspurg, Anita [Hrsg.] ; Heymann, Lida Gustava [Hrsg.] ; Cauer, Minna [Hrsg.] ; Welczeck, Adelheid von [Hrsg.] Deutscher Verband für Frauenstimmrecht. [FMT, Sicherungsschrank]
Deutscher Verband für Frauenstimmrecht
Gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin, der Journalistin und späteren Juristin Anita Augspurg, gründet sie den ersten deutschen Verband für das Frauenstimmrecht, kämpft für ein die Frauen nicht länger entmündigendes Familienrecht und für die Abschaffung des § 218. Nach Ausbruch des ersten Weltkriegs ist die Pazifistin Heymann die erste Stimme in Deutschland, die sich öffentlich gegen den nationalistischen Wahn ausspricht – und wird für ihre „unpatriotische Propaganda“ des Landes Bayern verwiesen. Bereits 1923 fordert Heymann, zusammen mit Augspurg, die Ausweisung Hitlers aus Deutschland. 1933 müssen die beiden Frauen, die schon jetzt vor Kriegsgefahr und Pogromen warnen, ins Zürcher Exil flüchten, von wo sie nicht mehr nach Deutschland zurückkehren werden.

Schwimmer-Lloyd Collection, 1852-1980; Portrait Lida Gustava Heymann, Box 15, #40; Manuscripts and Archives Division The New York Public Library, Room 328
Heymann beim Lesen

Lida Gustava Heymann wird am 15. März 1868 in Hamburg geboren. Sie ist das mittlere von fünf Mädchen, ihre Mutter Adele von Hennig und der 30 Jahre ältere Vater Gustav Christian Heymann halten Lida von der Außenwelt fern. Sie bekommt Hausunterricht und besucht später, von einem Diener begleitet, eine Töchterschule. Zwischen ihrem 17. und 28. Lebensjahr führt sie ein unausgefülltes „Höhere-Töchter-Leben“ ohne Aufgabe, das sie deprimiert. Als ledige Tochter betreut sie den Vater bis zu dessen Tod im Jahr 1896. Obwohl er Lida testamentarisch zur Verwalterin des Millionenvermögens bestimmt hat, muss die 28-Jährige gerichtlich um ihr Erbe kämpfen, das ihr als Frau zunächst von den Behörden verweigert wird. Sie gewinnt schließlich, indem sie einen Präzedenzfall aus dem 13. Jahrhundert nachweist.

Nachdem Heymann mit ihrem Geld Armenspeisung, Zufluchtsstätten, Kinderhorte und andere karitative Frauen-Projekte initiiert und finanziert hat, wird sie nun auch auf der politischen Ebene aktiv. Im Jahr 1896 lernt sie auf dem ersten Internationalen Frauenkongress in Berlin die radikale Feministin Anita Augspurg kennen, die bald ihre Lebens- und Arbeitsgefährtin wird. Heymann schließt sich dem radikalen Flügel der Frauenbewegung an, der, im Gegensatz zum „gemäßigten“, einen naturgegebenen Unterschied zwischen den Geschlechtern bestreitet.

Diese willkürlich, aber schlau erfundene Einteilung männlicher und weiblicher Eigenschaften wurde durch Jahrhunderte von den Männern solange gepredigt und der Frau suggeriert, bis die domestizierten Weibchen sie gläubig anbeteten, ohne der vielen lebendigen Gegenbeweise zu achten.

Augspurg, Anita [Hrsg.] ; Heymann, Lida Gustava [Hrsg.]: Die _Frau im Staat : eine Monatsschrift (Z-GE004)
Erstausgabe „Die Frau im Staat“, 1919
Aus der Internationalen Frauenkonferenz in Berlin entsteht die ‚International Union of Progressive Women’. Gemeinsam mit anderen Radikalen wie Minna Cauer und Hedwig Dohm gründen Heymann und Augspurg die deutsche Sektion, den ‚Verband fortschrittlicher Frauenvereine’ als radikalen Gegenpol zum gemäßigten ‚Bund deutscher Frauenvereine’. Sein Programm: politische Rechte für Frauen, allen voran das Wahlrecht; Bekämpfung der Doppelmoral der Gesellschaft gegenüber ledigen Müttern und Prostituierten; Abschaffung der Höhere-Töchter-Schulen zugunsten gleicher Bildungschancen für Mädchen; Zusammenarbeit mit der Arbeiterinnen-Bewegung.

1902 gründen Heymann und ihre Kampfgefährtinnen den ‚Verein für Frauenstimmrecht’. Ihr Versuch, auch die Sozialdemokratinnen für ihren Kampf zu gewinnen, scheitert. Die Genossinnen fühlen sich stärker ihren Genossen verpflichtet als den „bourgeoisen“ Frauenrechtlerinnen. Heymann klagt: „Leider haben noch viel zu wenige Frauen begriffen, dass hier alle Frauen der ganzen Welt dasselbe empfinden sollten. Welcher Nation, Religion, Standes oder politischen Bekenntnisses sie auch sind, leiden sie nicht alle unter der generellen Unterdrückung als Geschlechtswesen?“
Auch ihre forschen Kampfformen stoßen nicht immer auf Zustimmung. Als Heymann und Augspurg im Juni 1908 in London einem Protestmarsch mit 750.000 Suffragetten – Englands größter Demonstration aller Zeiten – beiwohnen und dies begeistert auch in Deutschland initiieren wollen, scheitern sie an der Zögerlichkeit ihrer Schwestern.

Quelle: Swarthmore College Peace Collection
1920er Jahre

Als im Juli 1914 der erste Weltkrieg ausbricht, lebt Heymann schon seit einigen Jahren mit Anita Augspurg im Münchner Umland, wo das (aus Überzeugung vegetarisch lebende) Paar einen Bauernhof betreibt. Als Pazifistin und Internationalistin erhebt Heymann die Stimme gegen den Krieg, den „Kulminationspunkt männlicher Raff- und Zerstörungswut“ und veröffentlicht in Minna Cauers Zeitschrift ,Frauenbewegung‘ den ersten Artikel gegen das „größte Verbrechen“: „Wir reichen den Frauen aller Nationen, die mit uns gleichen Sinnes sind, die Hand.“ Mit ihrer Kritik steht Heymann in der völlig kriegseuphorisierten Nation selbst in Frauenrechts- und Intellektuellenkreisen nahezu allein. Sie wagt es sogar, die systematische Vergewaltigung von Frauen im Krieg anzuprangern – 60 Jahre vor Susan Brownmillers ‚Gegen unseren Willen’. Heymann gelingt es, zum Motor einer Frauenfriedensbewegung zu werden. Sie gehört zu den Organisatorinnen des ‚Internationalen Frauen-Friedenskongresses’ 1915 in Den Haag und wird Mitbegründerin der ‚Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit’. Wegen ihrer „staatsfeindlichen“ Äußerungen wird sie 1917 aus Bayern ausgewiesen und lebt dort vorübergehend illegal.

Nach Ende des Ersten Weltkriegs erlebt die Frauenstimmrechtsaktivistin die Erfüllung ihrer wichtigsten Forderung: Frauen bekommen in der neuen Republik das Wahlrecht. Heymann kandidiert für den Nationalrat und sorgt dafür, dass in der bayerischen Regierung das erste Frauenreferat Deutschlands eingerichtet wird. Gemeinsam mit Augspurg gibt sie die Zeitschrift ,Die Frau im Staat‘ heraus.

Quelle: Swarthmore College Peace Collection
Lida G. Heymann und Anita Augspurg mit Unbekannter beim WILPF-Congress, Lubovice 1937

Im Jahr 1923 – Nazitruppen überfallen bereits Versammlungen und begehen politische Morde – fordern Heymann und Augspurg die Ausweisung des Österreichers Hitler. Bei der Machtergreifung zehn Jahre später sind Heymann und Augspurg gerade auf Auslandsreise auf Mallorca. Im Alter von 60 Jahren hatte Heymann noch den Führerschein gemacht und sich gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin auf ausgedehnte Reisen begeben. Das Paar, das, wie viele Radikalfeministinnen, auf der Todesliste der Nazis steht, geht ins Schweizer Exil. Unterstützt von Schweizer Frauenrechtlerinnen, kämpfen Heymann und Augspurg von dort aus weiter gegen Faschismus und für Frieden. Bereits 1934 warnt Heymann: „Unter faschistischer Diktatur wird Leib und Seele des Menschen militarisiert, von der Wiege bis zum Grabe auf Krieg gedrillt. Ein Volk, dessen Männer und Frauen so militärisch verseucht sind, muss sich, um überhaupt weiter existieren zu können, kriegerisch betätigen. Faschismus ist gleichbedeutend mit Krieg.“

Der Kampf der radikalen Frauen für die Befreiung des weiblichen Geschlechts war herrlich; voller Initiative, Begeisterung, geistiger Kraft, voller Wärme und Menschlichkeit: offen die Bahn für das Mädchen, frei im Staate die Frau!

Quelle: Swarthmore College Peace Collection
Altersbildnis

In der Zeitschrift ,Pax International‘ beklagt Heymann 1935 das Schweigen der Nachbarländer zum Hitler-Regime: „Im Herzen Europas werden Pogrome veranstaltet, und das zivilisierte Europa schweigt. (…) Es ist Komplize, weil es bedeutende Anleihen und Kredite gibt, Waren und Rohstoffe und dadurch zu Deutschlands Aufrüstung und Kriegsmacht beiträgt.“ Nach dem Einmarsch Hitlers in Österreich, der Übernahme von Böhmen und der Reichspogromnacht im Jahr 1938 fordert Heymann die Intervention der USA: „Wir wissen, dass die Gewaltmethoden des Faschismus durch pazifistische Mittel heute nicht mehr zu überwinden sind.“

Das Ende des Zweiten Weltkrieges und die Befreiung vom Nationalsozialismus erlebt Lida Gustava Heymann nicht mehr. Zwei Jahre nachdem sie gemeinsam mit Anita Augspurg ihre Lebenserinnerungen ‚Erlebtes – Erschautes’ veröffentlicht hat, stirbt sie im Juli 1943 in Zürich, wenige Monate vor ihrer Lebensgefährtin.

Nach 1945 war Lida Gustava Heymann, eine der aktivsten und prägendsten Vertreterinnen der Historischen Frauenbewegung, völlig in Vergessenheit geraten. Erst 1972 wird – im Zuge ihrer Wiederentdeckung durch die Neue Frauenbewegung – ihre Autobiografie wieder aufgelegt. Im Jahr 2002 erscheint die Heymann/Augspurg-Biografie ‚Die Rebellion ist eine Frau’ von Ursula Scheu und Anna Dünnebier.

Biografie chronologisch

15.3.1868
Lida Gustava Heymann wird in Hamburg als Tochter der sächsischen Adligen Adele von Hennig und des Großkaufmanns Gustav Christian Heymann geboren. Sie ist die mittlere von fünf Töchtern, die vier Brüder sterben alle früh. Das Mädchen bekommt zunächst Hausunterricht und besucht anschließend eine Töchterschule.

1884-1885
Aufenthalt in einem internationalen Mädchenpensionat in Dresden.

1896
Heymanns Vater stirbt. Er setzt Lida als Verwalterin des Millionenvermögens ein. Sie erstreitet sich ihr Recht auf Verwaltung des Erbes vor Gericht.
Heymann setzt das Vermögen für karitative Zwecke ein. Zu ihren ersten Projekten gehört ein Mittagstisch für berufstätige Frauen mit angeschlossenem koedukativem Kinderhort.
Auf dem Internationalen Frauenkongress in Berlin lernt Heymann die Fotografin und Journalistin Anita Augspurg kennen, die ihre Lebens- und Arbeitsgefährtin wird. Das Paar wird zum Kern des radikalen Flügels der Historischen Frauenbewegung.

1897
Heymann kauft ein Haus im Stadtzentrum Hamburgs und gründet darin das erste Frauenzentrum Deutschlands. Weitere Projekte entstehen: eine Zufluchtsstätte für Prostituierte, eine Bibliothek, eine Volksbadeanstalt, eine Handelsschule für Mädchen und ein koedukatives Reformgymnasium.
Schließlich übergibt Heymann ihre karitativen Projekte ihren Mitarbeiterinnen und beginnt, sich auf der politischen Ebene zu engagieren.

1898
Heymann gründet den Hamburger Zweigverein der ‚Internationalen Abolitionistischen Föderation’ (IAF), die die Abschaffung der Prostitution zum Ziel hat.

1899
Heymann wird Mitbegründerin des ‚Verbandes Fortschrittlicher Frauenvereine’.

1.1.1902
Heymann und Augspurg gründen in Hamburg den ‚Deutschen Verein für Frauenstimmrecht’. Er schließt sich zwei Jahre später dem ‚Weltbund für Frauenstimmrecht’ an.

1903
Heymann verlässt Hamburg und wird Gasthörerin an den Universitäten Berlin und München.

1908
Als sich die Parteien für Frauen öffnen, tritt Heymann der liberalen ‚Deutschen Freisinnigen Partei’ an, die sie bald darauf wieder verlässt, weil parteiinterne Machtinteressen über der Sachpolitik stehen.
Heymann zieht mit Anita Augspurg auf einen Bauernhof im Isartal.

1914
Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs veröffentlicht Heymann in der Zeitschrift ,Die Frauenbewegung', herausgegeben von Minna Cauer, die erste deutsche Anklage gegen den Krieg.

1915
Heymann ist Mitorganisatorin der Internationalen Frauenfriedenskonferenz in Den Haag. Der ‚Bund Deutscher Frauenvereine’ schließt Heymann wegen ihrer Kriegsgegnerschaft aus.

1917
Heymann wird vom Bayerischen Kriegsministerium des Landes verwiesen. Sie bleibt illegal und gründet den ‚Deutschen Frauenausschuss für Dauernden Frieden’, die Vorläuferorganisation der ‚Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit’ (IFFF).

1918
Heymann engagiert sich für die Münchner Räterepublik und tritt dem ‚Bund Sozialistischer Frauen’ bei. Als Parteiunabhängige kandidiert sie auf Platz zwei der Liste der USPD für den ‚Provisorischen Nationalrat’ und wird gewählt. Nach dem Scheitern der Räterepublik zieht sich Heymann aus der Parteipolitik zurück.
Sie wird Vizepräsidentin der ‚Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit’.

1919
Gemeinsam mit Anita Auspurg gibt Heymann die Zeitschrift ,Die Frau im Staat' heraus, die bis März 1933 erscheint.

1923
Nach der Störung einer Versammlung der ‚Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit’ durch Nazitruppen fordern Heymann und Augspurg in einem Gespräch mit dem bayerischen Innenminister Schweyer die Ausweisung des Österreichers Hitler aus Bayern. Schweyer lehnt ab.

1928
Im Alter von 60 Jahren erwirbt Heymann den Führerschein und begibt sich gemeinsam mit Augspurg auf ausgedehnte Reisen.

Januar 1933
Am Tag der Machtergreifung befinden sich Heymann und Augspurg auf einer Urlaubsreise auf Mallorca. Sie kehren nicht nach Deutschland zurück. Nach einer Konferenz der ‚Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit’ in Genf bleiben sie im Schweizer Exil. Sie leben zunächst in Genf, dann in Zürich.

18.9.1934
Das Land Bayern beschlagnahmt „aufgrund des Gesetzes über die Einziehung volks- und staatsfeindlichen Vermögens" Heymanns gesamtes Vermögen. Die Nationalsozialisten zerstören das Archiv von Heymann und Augspurg.

1934
Vor der ‚Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit’ analysiert Heymann die von Hitlerdeutschland ausgehende Kriegsgefahr.

1941
Zusammen mit Augspurg verfasst Heymann ihre Biografie: ‚Erlebtes – Erschautes : deutsche Frauen kämpfen für Freiheit, Recht und Frieden; 1850-1940’.

31.7.1943
Lida Gustava Heymann stirbt in Zürich.

Textauszüge

Suffragettes

Suffragettes

Lida Gustava Heymann, 1908

Suffragettes! Bin gewisses Unbehagen ergreift eine große Anzahl von Menschen, wenn dieses Wort genannt wird. Hyänen, Megären, Petroleusen, Suffragettes, all das ist für viele gleichbedeutend.

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National-International

National-International

Lida Gustava Heymann, 1915

Der internationale Gedanke war eben im Begriff zu erstarken, viele glaubten schon, er würde sich die Welt erobern. Nationales und Internationales suchten sich in inniger Gemeinschaft zu verbrüdern, feine Gewebe, sonnig und klar, spannen sich hin und her.

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Weiblicher Pazifismus

Weiblicher Pazifismus

Lida Gustava Heymann, 1917

I. Vergangenheit

Um die von Frauen für den Pazifismus geleistete Arbeit in der Vergangenheit objektiv zu beurteilen, müssen wir uns klar machen, daß die modernen Zivilisationsstaaten Männerstaaten sind.

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Die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit 1915-1924

Die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit 1915-1924

Lida Gustava Heymann, 1924

Amsterdam, Januar 1915. Haag, Mai 1915. Zürich, Mai 1919. Wien, Juni 1921. Haag, Dez. 1922. Dies sind die Tagungen der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit seit ihrer Gründung. In diesen Städten trafen sich die Mitglieder der Frauenliga, die dem Weltkrieg trotzten. Wer diese Tagungen mitmachen konnte, weiß, daß sie vielen von uns zu tiefem Erlebnis wurden.

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Lida Gustava Heymann: Frauenlisten - aus eigener Kraft!

Lida Gustava Heymann: Frauenlisten - aus eigener Kraft!

Lida Gustava Heymann, 1927

In allen Ländern, wo die Frauen die politische Gleichberechtigung bekamen und in die Parteien eintraten, sind sie im politischen Leben und besonders bei den Wahlen von den politischen Parteien und deren Geldmitteln abhängig.

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The open door council

The open door council

Lida Gustava Heymann, 1929

Bahn frei (Offene Tür) für Freiheit und Gleichheit aller Menschen!

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Nachkriegspsychose

Nachkriegspsychose

Lida Gustava Heymann, 1931

Leser der Fr. i. St. werden schon häufig gefragt haben, warum der Nationalsozialismus = Hitlerbewegung, in diesen Spalten nicht mehr in das Reich der Erörterung gezogen wurde. Die klipp und klare Antwort auf diese Frage lautet: Weil ungeistige Gewaltbewegungen und alles, was damit in Verbindung steht, von denkenden Frauen und Politikern nicht ernst genommen zu werden verdienen.

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Frauenbefreiung

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Lida Gustava Heymann, 1932

Frauenbewegung! Wie fern das klingt; es war einmal. Weltkrieg trat dazwischen, wer den und was folgte, mit allen Sinnen erlebte, glaubt Jahrtausende menschlichen Wahnsinns durchrast zu haben.

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Tatsachen, Erkenntnis, Hoffnung und Glaube

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Lida Gustava Heymann, Anita Augspurg, 1941

Seit Jahrhunderten ist Europa der Schauplatz vernichtender Kriege!

Immer waren es die Machtgelüste einzelner Despoten und ihrer Helfer, welche durch Intrigen und Verleumdungen in den Völkern Haß und Chauvinismus entfachten, um sie mit Erfolg zu Kriegen gegeneinander aufzuhetzen.

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Artikel über Lida Gustava Heymann

Gemeinsam unschlagbar

Wandel, Elke (1994): Gemeinsam unschlagbar. - In: EMMA, Nr. 2, S. 76 - 85 : EMMA-Lesesaal

Lida Heymann & Anita Augspurg

Lida Heymann & Anita Augspurg

Anna Dünnebier / Ursula Scheu, 2002

Sie sind zwei der mutigsten Menschen des ausgehenden 19. und 20. Jahrhunderts gewesen: Anita Augspurg (1857-1943) und Lida Gustava Heymann (1868-1943). Ihre Wege kreuzten sich um die Jahrhundertwende, und seither lebten, kämpften und reisten sie zusammen.

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Literaturhinweise

Heyman, Lida Gustava (1903): Die rechtlichen Grundlagen und die moralischen Wirkungen der Prostitution. - In: Die Frauenbewegung : Revue für die Interessen der Frau, Nr. 21, S. 161 - 164

Heymann, Lida Gustava (1907): Gleiches Recht, Frauenstimmrecht : wacht auf Ihr deutschen Frauen aller Stände, aller Parteien! - München : Deutscher Verband für Frauenstimmrecht, ca. 6 S.

Heymann, Lida Gustava (1909): Moderne Folterkammern im freien England. - In: Zeitschrift für Frauen-Stimmrecht, Nr. 12, S. 51 - 52

Heymann, Lida Gustava (1911): Wird die Mitarbeit der Frauen in den politischen Männerparteien das Frauenstimmrecht fördern? - Gautzsch bei Leipzig : Dietrich, 16 S.

Heymann, Lida Gustava (1915): Frauen Europas, wann erschallt Euer Ruf? - In: Frauen riefen, aber man hörte sie nicht : die Rolle der deutschen Frauen in der internationalen Frauenfriedensbewegung zwischen 1892 und 1933 ; Quellenband. - Hering, Sabine [Hrsg.] ; Wenzel, Cornelia [Hrsg.]. Kassel : Archiv der Deutschen Frauenbewegung, 1986, S. 30

Heymann, Lida Gustava (1916): Frauenstimmrechts-Parade im strömenden Regen. - In: Zeitschrift für Frauenstimmrecht, Nr. 18, S. 37

Heymann, Lida Gustava (1919): Frauenwahlrecht und Völkerverständigung . - Leipzig : Verl. Naturwiss., 35 S.

Heymann, Lida Gustava ; Augspurg, Anita (1972): Erlebtes – Erschautes : deutsche Frauen kämpfen für Freiheit, Recht und Frieden ; 1850-1940. - Twellmann, Margrit [Hrsg.]. Meisenheim am Glan : Hain, 310 S.

Zeitschriften herausgegeben von Lida Gustava Heymann

Die Frau im Staat : eine Monatsschrift. Hrsg. von 1919-1933

Liste aller im FrauenMediaTurm vorhandenen Publikationen von Lida Gustava Heymann als Autorin oder Herausgeberin: PDF-Download

Sekundärliteratur

Schroeder, Hiltrud (2005): „Übermächtig war das Gefühl, daß wir vereint sein müssen“ : Anita Augspurg (1857-1943) und Lida Gustava Heymann (1868-1943). - In: Berühmte Frauenpaare. - Horsley, Joey [Hrsg.] ; Pusch, Luise F. [Hrsg.]. Frankfurt am Main : Suhrkamp, S. 94 - 134

Dünnebier, Anna ; Scheu, Ursula (2002): Die Rebellion ist eine Frau : Anita Augspurg und Lida G. Heymann ; das schillerndste Paar der Frauenbewegung. - Kreuzlingen : Hugendubel, 319 S.

Himmelsbach, Christiane (1996): „Verlaß ist nur auf unsere eigne Kraft“ : Lida Gustava Heymann – eine Kämpferin für die Frauenrechte. - Oldenburg : BIS-Verl., 117 S.

Liste aller im FrauenMediaTurm vorhandenen Publikationen, die Lida Gustava Heymann zum Thema haben (nach Jahr absteigend sortiert): PDF-Download

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Quelle: Zeitschrift Kinderheil 1905, CC BY-SA 3.0
Johanna Elberskirchen, um 1905

Die deutsche Frauenrechtlerin, Medizinerin, Juristin und Publizistin gilt als eine der wenigen offen lesbisch lebenden Frauen und bedeutendste Homosexuellen-Aktivistin der Historischen Frauenbewegung. Während die meisten ihrer Kampfgefährtinnen des radikalen Flügels keine offene Parteinahme für die – teils selbst gelebte – Frauenliebe wagten, engagierte sich Johanna Elberskirchen im ‚Wissenschaftlich-Humanitären Komitee’ des Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld und in der ‚Weltliga für Sexualreform’ für die Rechte homosexueller Frauen und Männer: „Man gebe dem Homosexualen, was ihm gehört: seinen vollen Menschheitsrang.“

© I. Boxhammer, Quelle: http://www.lesbengeschichte.de
Gedenktafel am Geburtshaus in Bonn

Johanna Elberskirchen wird am 11. April 1864 in Bonn geboren. Ihr Vater Martin ist Kaufmann, ihre Mutter Julia ist im Haushalt für die insgesamt fünf Geschwister – ein älterer Bruder, drei jüngere Schwestern – zuständig. Johanna wird Buchhalterin, „emancipiert sich“ aber im Alter von 27 Jahren „aus dieser Tretmühle“ und geht in die Schweiz, wo das Frauenstudium, anders als in Deutschland, bereits zugelassen ist. Sie studiert Medizin und schreibt sich später auch für Jura ein, „um der Frauenwelt später mit einem wohl diplomierten Doctor juris mehr dienen zu können“.

Quelle: Klassik Stiftung Weimar (GSA 55/BS 1098), Leidinger, Christiane: Keine Tochter aus gutem Hause : Johanna Elberskirchen (1864-1943) - Konstanz : UVK, Univ.-Verl. Konstanz, 2008, S. 24 (BG.03.ELBE.001)
Im Alter von etwa 22 Jahren, um 1886

Kurz vor der Jahrhundertwende beginnt Johanna Elberskirchen – zunächst unter dem männlichen Pseudonym Hans Carolan – zu publizieren: 1896 erscheint ‚Die Prostitution des Mannes’, im Jahresabstand folgen ‚Socialdemokratie und sexuelle Anarchie’ und ‚Das Weib, die Klerikalen und die Christsozialen’. Die Sozialdemokratin (die später wegen ihrer Mitgliedschaft in einem Frauenstimmrechtsverein aus der SPD ausgeschlossen werden wird) wendet sich entschieden gegen die linke Theorie der Frauenfrage als „Nebenwiderspruch“: „Die Socialdemokratie bilde sich nicht ein, dass die Überwindung des ökonomischen Kapitalismus die Menschheit von allem Übel erlöst. (…) Die tiefsten Wurzeln liegen im Sexus. Der ökonomische Kapitalismus hat den sexuellen Kapitalismus gefördert und unterstützt.“ Klar ordnet sich Johanna Elberskirchen dem radikalen Flügel zu: „Die Frauenbewegung muss alle Rechte für alle Frauen verlangen, sie ist eo ipso radikal oder sie ist es nicht!“

Man gebe dem Homosexualen, was ihm gehört: seinen vollen Menschheitsrang.

Gemeinfrei, Quelle: Magazin-Verlag Berlin - Universitätsbibliothek Köln
Die Sexualempfindung bei Weib und Mann. 1903

1904 veröffentlicht Elberskirchen, die mit ihrer Lebensgefährtin Anna Eysoldt wieder in Bonn lebt, ihr erstes Buch zum Thema Homosexualität: ‚Die Liebe des dritten Geschlechts. Homosexualität, eine bisexuelle Varietät – keine Entartung, keine Schuld’. Sie erklärt: „Ich protestiere dagegen, dass der Homosexuale eo ipso als Psychopath, als entartetes, demoralisiertes, minderwertiges Subjekt gebrandmarkt wird.“ Und fordert: „Sind wir Frauen der Emanzipation homosexual – nun dann lasse man uns doch!“

In der Tat gibt es einige Paare unter den „Frauen der Emanzipation“ – wie zum Beispiel Anita Augspurg & Lida Gustava Heymann, Käthe Schirmacher & Karla Schleker oder Helene Lange & Gertrud Bäumer –, die meisten jedoch ziehen es vor, über ihr Privatleben zu schweigen und ihr politisches Engagement auf die klassischen Themen der Frauenbewegung zu beschränken. Sie befürchten, den Gegnern der Frauenbewegung noch mehr Angriffsfläche zu bieten. Denn diese versuchen, das Streben der Frauen nach Gleichberechtigung als „unnatürlich“ und „pervers“, als „Symptom krankhaften Mannweibtums“ zu diffamieren.

Die Frauenbewegung muss alle Rechte für alle Frauen verlangen, sie ist eo ipso radikal oder sie ist es nicht!

Quelle: Magnus Hirschfeld Gesellschaft, Berlin
Weltliga für Sexualreform, Wien 1930 (Elberskirchen rechts unten)

Auch im Wissenschaftlich-Humanitären Komitee (WHK) von Magnus Hirschfeld, der die Theorie der Homosexualität als ‚Drittes Geschlecht’ entwickelt hat, bleibt Johanna Elberskirchen eine Exotin: Im WHK sind überwiegend einflussreiche Männer organisiert und Frauen in der Minderheit. Ab 1928 referiert Elberskirchen bei den Kongressen der ‚Weltliga für Sexualreform’ in Kopenhagen, London und Wien und wird international bekannt.

Ab 1920 lebt Elberskirchen, die nun auch zu medizinischen Themen veröffentlicht, mit ihrer neuen Lebensgefährtin Hilde Moniac und zwei ihrer Schwestern in Berlin-Rüdersdorf, wo sie eine homöopathische Praxis eröffnet.

© Ingeborg Boxhammer 2004, Quelle: http://www.lesbengeschichte.de/Bildergalerie1/source/wohnhaus1.htm
Wohnhaus von Elberskirchen & Moniac in Rüdersdorf

Nach der Machtergreifung 1933 erhält Elberskirchen Berufsverbot, da weibliche Ärzte nur noch eingeschränkt praktizieren dürfen. Auch Hilde Moniac fällt als Lehrerin und Beamtin unter das Berufsverbot der Nationalsozialisten für Frauen bestimmter Berufsgruppen. 1938 wird Elberskirchens ‚Die Liebe des dritten Geschlechts’ auf die ‚Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums’ gesetzt. Dennoch bleibt das Frauenpaar – vermutlich aufgrund eines gut funktionierenden Netzwerks von UnterstützerInnen – weitgehend unbehelligt. Johanna Elberskirchen stirbt am 17. Mai 1943 in Rüdersdorf.

Johanna Elberskirchen wird erst in den 1980ern von der Neuen Frauenbewegung und noch später von der Homosexuellenforschung wiederentdeckt. Im Jahr 2002 wird bekannt, dass ihre Urne 1975 auf dem Rüdersdorfer Friedhof von zwei Frauen heimlich in das Grab ihrer Lebensgefährtin Hilde Moniac umgebettet wurde. Die Gemeindevertretung beschließt, das Grab des Frauenpaares unter Schutz zu stellen, erklärt es zum Ehrengrab und finanziert zwei Gedenktafeln. Am 23. August 2003 findet auf dem Friedhof eine offizielle Gedenkfeier für Johanna Elberskirchen und Hilde Moniac statt.

Biografie chronologisch

11.4.1864
Johanna Elberskirchen wird in Bonn als Tochter von Julia und Martin Elberskirchen geboren. Sie ist das zweite von fünf Geschwistern.

1884
Elberskirchen beginnt ihre siebenjährige Tätigkeit als Buchhalterin im westfälischen Städtchen Rinteln.

1891-1895
Elberskirchen geht zum Studium der Medizin und Philosophie in die Schweiz.

1896
Erste Texte von Elberskirchen erscheinen (teilweise unter dem männlichen Pseudonym Hans Carolan), darunter ‚Die Prostitution des Mannes’ (1896), ‚Socialdemocratie und sexuelle Anarchie’ (1897) und ‚Das Weib, die Klerikalen und die Christlichsocialen’ (1898).

1897
Sie wechselt an die Universität Bern, um dort Jura zu studieren. Im selben Jahr gründet der Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld in Berlin das Wissenschaftlich-Humanitäre Komitee.

1901
Mit ihrer Lebensgefährtin Anna Eysoldt zieht Elberskirchen zurück ins Rheinland.

1903
Elberskirchen beginnt, zu sexualwissenschaftlichen Themen zu veröffentlichen. Zunächst erscheint ‚Die Sexualempfindung bei Weib und Mann’, 1904 folgt ihr Buch ‚Die Liebe des dritten Geschlechts’, in dem sie sich gegen die vorherrschende Betrachtung von Homosexualität als ‚Krankheit’ und ‚Entartung’ wendet.

1905
Elberskirchen wird Herausgeberin der Zeitschrift ,Kinderheil : Zeitschrift zur leiblichen und geistigen Gesundung und Gesunderhaltung der Kinder'. Zum Teil gemeinsam mit Anna Eysoldt publiziert sie weitere Texte zu gesundheitlichen Themen.

1909
Elberskirchen wird Vorstandsmitglied im ‚Deutschen Verband für Frauenstimmrecht'.

1913
Elberskirchens Lebensgefährtin Anna Eysoldt stirbt.

1914
Elberskirchen wird Mitglied im Wissenschaftlich-Humanitären Komitee. Ab 1915 lebt sie in Berlin, wo sie in der Säuglingsfürsorge arbeitet.

1920
Gemeinsam mit ihrer neuen Lebensgefährtin Hilde Moniac kauft und bezieht Johanna Elberskirchen ein Haus in Berlin-Rüdersdorf, wo sie eine homöopathische Praxis eröffnet.

1928-1930
Elberskirchen referiert auf den internationalen Kongressen der ‚Weltliga für Sexualreform' in Kopenhagen, London und Wien.

1933
Nach der Machtergreifung fällt Johanna Elberskirchen unter das Berufsverbot für weibliche Mediziner und darf nur noch eingeschränkt praktizieren.

1938
Das Buch ‚Die Liebe des dritten Geschlechts : Homosexualität, eine bisexuelle Varietät ; keine Entartung – keine Schuld’ wird auf die ‚Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums’ gesetzt.

17.5.1943
Johanna Elberskirchen stirbt in Berlin-Rüdersdorf.

Textauszüge

Die Stellung der Frau zur Kunst und zum - Mann

Die Stellung der Frau zur Kunst und zum - Mann

Gedanken bei der Lektüre eines im heiligen römischen Reich deutscher Nation konfiszierten Buches von * * *

Johanna Elberskirchen, 1888

Gewisse ästhetische Theetischler stellen folgende Paradoxe als unantastbare Dogmen auf:

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Die Sexualempfindung bei Weib und Mann

Die Sexualempfindung bei Weib und Mann

Johanna Elberskirchen, ca. 1903/1904

Es ist merkwürdig, aber es ist Tatsache: die Behauptung, die Sexualempfindung des Mannes sei qualitativ von der des Weibes verschieden, wird nicht nur von Männern aufgestellt und verfochten, welche dieselbe zur Sanktion ihres ausschweifenden Geschlechtslebens bedürfen, sondern auch von Männern der Wissenschaft.

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Was hat der Mann aus Weib, Kind und sich gemacht?

Was hat der Mann aus Weib, Kind und sich gemacht?

Revolution und Erlösung des Weibes

Johanna Elberskirchen, 1904

Was ist Homosexualität?

I.
In der wissenschaftlichen, präziser in der naturwissenschaftlich-medizinischen Welt besteht eine Strömung, welche die Emanzipation der Frau auf eine sexuelle Entartung der Frau, auf sexuell annormale Individuen - auf homosexuale Individuen zurückführen will.

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Artikel über Johanna Elberskirchen

Urnenfund im Pferdestall oder: ein Ehrengrab für zwei lesbische Frauen bei Berlin

Urnenfund im Pferdestall oder: ein Ehrengrab für zwei lesbische Frauen bei Berlin

Christiane Leidinger, 2003

„Die Urne von Frau Elberskirchen liegt im Grab von Frau Moniac." Ich versuche ruhig zu bleiben und lächle meine Zeitzeugin erwartungsvoll an. Okay: Die nächste Tram fährt auch ohne mich. Was sie mir dann - zunächst - unter dem Siegel der Verschwiegenheit weiter erzählte, wäre eine nette Story für einen historischen Lesbenkriminalroman [...]

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Literaturhinweise

Primärliteratur

Elberskirchen, Johanna (1896): Die Prostitution des Mannes : auch eine Bergpredigt - auch eine Frauenlektüre. - Zürich : Verl. Magazin Schabelitz, 31 S.

Elberskirchen, Johanna (1898): Das Weib, die Klerikalen und die Christlichsocialen. - Zürich : Verl. Magazin Schabelitz, 37 S.

Elberskirchen, Johanna (1903): Feminismus und Wissenschaft. - Leipzig : Magazin-Verl., 22 S.

Elberskirchen, Johanna [ca. 1903/1904]: Die Sexualempfindung bei Weib und Mann: betrachtet vom physiologisch-soziologischen Standpunkte. - Leipzig : Magazin-Verl., 56 S.

Elberskirchen, Johanna (1904): Die Liebe des dritten Geschlechts : Homosexualität, eine bisexuelle Varietät ; keine Entartung - keine Schuld. - Leipzig : Spohr, 39 S.

Elberskirchen, Johanna [1904]: Was hat der Mann aus Weib, Kind und sich gemacht? : Revolution und Erlösung des Weibes ; eine Abrechnung mit dem Mann - ein Wegweiser in die Zukunft! - [Berlin [u.a.]] : Magazin-Verl., 115 S.

Liste aller im FrauenMediaTurm vorhandenen Publikationen von Johanna Elberskirchen als Autorin oder Herausgeberin: PDF-Download

Digitalisierte Werke finden sich in der Digitalen Bibliothek des Münchener Digitalisierungszentrums

Sekundärliteratur

Leidinger, Christiane (2008): Keine Tochter aus gutem Hause : Johanna Elberskirchen (1864-1943). Konstanz : UVK, 479 S.

Leidinger, Christiane (2001): Johanna Elberskirchen und ihre Rüderdorfer Zeit 1920-1943 : eine erste Skizze. - In: Forum : Homosexualität und Literatur, Jg. 39, S. 79 - 106

Oellers, Norbert (1992): Die Bonner Schriftstellerin Johanna Elberskirchen - von der Zeit verschluckt? - In: Bonn und das Rheinland : Beiträge zur Geschichte und Kultur einer Religion ; Festschrift zum 65. Geburtstag von Dietrich Höroldt. - Rey, Manfred van [Hrsg.] ; Schloßmacher, Norbert [Hrsg.]. Bonn : Bouvier, S. 527 - 544

Liste aller im FrauenMediaTurm vorhandenen Publikationen, die Johanna Elberskirchen zum Thema haben (nach Jahr absteigend sortiert): PDF-Download

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Bertha Pappenheim

(1859–1936)

Quelle: Pappenheim, Bertha: Sisyphus : gegen den Mädchenhandel - Galizien - Freiburg i.Br. : Kore, 1992, Frontispiz (SE.15.104)
Bertha Pappenheim in ihrer Wiener Jungmädchenzeit, 1880

„Wenn wir den Lebenslauf dieser Frauen kennen, ihre Jugend, ihre Psyche, dann werden wir verstehen, was sie so weit brachte, Prostituierte zu werden. Dann werden wir in vielen Fällen zugeben müssen, dass von einer Freiwilligkeit im Sinne eines freien Entschlusses nicht die Rede sein kann.“

Die deutsch-jüdische Frauenrechtlerin, Sozialarbeiterin und Schriftstellerin gilt – neben der Britin Josephine Butler – als bedeutendste Kämpferin gegen den Mädchen- und Frauenhandel. Bertha Pappenheim bekämpfte das Geschäft mit der Ware Frau politisch als Teilnehmerin internationaler Konferenzen und konkret als Gründerin diverser Wohlfahrtsorganisationen und Mädchenheime. Pappenheim stritt auch für eine Stärkung der Frauen in den jüdischen Gemeinden. Sie übersetzte nicht nur die ‚Verteidigung für die Rechte der Frauen’ der englischen Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft, sondern auch mehrere Werke aus dem Jiddischen, die den Frauen starke weibliche Figuren der jüdischen Tradition nahe bringen sollten. Bertha Pappenheim, die mit 21 an „Hysterie“ erkrankte, wurde außerdem posthum berühmt als Sigmund Freuds ‚Fall Anna O.’. Ihre aktive Mitarbeit bei der Therapie machte Pappenheim laut Freud zur „eigentlichen Entdeckerin der Psychoanalyse“.

Archiv des Leo Baeck Instituts, New York , Quelle: Pappenheim, Bertha: Sisyphus : gegen den Mädchenhandel - Galizien - Freiburg i.Br. : Kore, 1992, S. 18 (SE.15.104)
Pappenheim als Patientin (Anna O.) im Sanatorium Bellevue Prof. Binswanger in Kreuzlingen, 1882

Bertha Pappenheim wird am 27. Februar 1859 in Wien geboren. Ihr Vater Sigmund Pappenheim ist ein jüdisch-orthodoxer Getreidehändler, die Mutter Recha stammt aus der alteingesessenen Frankfurter Familie Goldschmidt. Bertha ist die dritte Tochter. Als ein Jahr später Bruder Wilhelm geboren wird, spürt Bertha zum ersten Mal die Kluft zwischen den Geschlechtern. „Trotzdem den alten Juden die Erfahrung der Unentbehrlichkeit der Frau nicht entgangen sein konnte, wird das weibliche Kind bei ihnen als Geschöpf zweiter Güte betrachtet“, notiert sie später. Bertha muss ihre Schulausbildung – sie besucht in Ermangelung einer jüdischen Mädchenschule in Wien eine private katholische Schule – mit 16 beenden und das Dasein einer ‚Höheren Tochter’ führen.

Als Bertha 21 Jahre alt ist, erkrankt ihr Vater schwer und die Tochter pflegt ihn (die beiden Schwestern sind gestorben). Im selben Jahr machen sich die „hysterischen“ Symptome bei Bertha Pappenheim bemerkbar. Ihre Schwächeanfälle werden zunächst nicht beachtet, bis es zu Lähmungen, Sehstörungen und Angstzuständen kommt. Sie selbst bezeichnet die Flucht vor dem monotonen Frauenalltag in einen anderen Bewusstseinszustand als „Privattheater“. Ihr Arzt Dr. Josef Breuer führt die Symptome – die bei vielen ‚Höheren Töchtern’ dieser Zeit auftreten – darauf zurück, dass die Familie die überdurchschnittlich begabte Tochter unterfordert und ihre Wünsche und Talente völlig brach liegen lässt. Breuers Behandlung besteht in langen Gesprächen, zum Teil unter Hypnose, in denen die Patientin dank ihrer Intelligenz selbst das Prinzip der ‚Talking Cure’ – der Heilenden Rede entwickelt. 1895 werden Breuer und Sigmund Freud gemeinsam ihr Werk ‚Studien zur Hysterie’ veröffentlichen, in dem Bertha Pappenheim als ‚Anna O.’ zum berühmten Fall wird – ein Geheimnis, das erst ein Freud-Biograf 1953 lüften wird. Pappenheim selbst hat über ihre seelische Erkrankung und deren Behandlung nie öffentlich gesprochen.

Quelle: Pappenheim, Bertha: Sisyphus.Gegen den Mädchenhandel-Galizien. Kore Verlag. Freiburg.1992. [SE.15.104]
Warnendes Plakat, ca. 1904
Nach mehreren Sanatoriumsaufenthalten lebt Pappenheim einige Zeit bei ihrer Cousine, der Schriftstellerin Anna Ettlinger in Karlsruhe, die sie ermutigt, ihren eigenen schriftstellerischen Ambitionen nachzugehen. Tatsächlich veröffentlicht Pappenheim – zunächst noch unter dem männlichen Pseudonym Paul Berthold – ein Buch mit Kindergeschichten. Es folgen weitere Werke.

Im Jahr 1888 zieht Bertha Pappenheim mit ihrer Mutter in deren Heimatstadt Frankfurt. Dort beginnt Pappenheim, sich in der jüdischen Wohlfahrt zu engagieren. Sie schenkt in Armenküchen Suppe aus, arbeitet im städtischen Armenamt und wird später Leiterin eines jüdischen Mädchen-Waisenhauses. Am größten ist die Not unter den Pogrom-Flüchtlingen aus Russland und Osteuropa. Bei ihrer Arbeit wird Pappenheim konfrontiert mit den Folgen des Mädchen- und Frauenhandels, dessen bevorzugte Opfer die diskriminierten und bedrohten Jüdinnen in Galizien, Russland und dem Balkan sind.

Deutsche Bundespost: Briefmarke Bertha Pappenheim, Wohlfahrtsmarke, 28. Dezember 1954
Briefmarke von 1954

Die Arbeit gegen den Mädchenhandel und die Prostitution – deren „Freiwilligkeit“ Pappenheim immer bestritt – wird zum Schwerpunkt ihrer Arbeit. Sie bezeichnet dieses Verbrechen als ‚Weiße Sklaverei’ – ein Begriff, der sich heute wieder durchsetzt. Mehrfach reist Pappenheim in die betroffenen Gebiete, um sich dort über den Mädchenhandel und Möglichkeiten seiner Bekämpfung zu informieren, und veröffentlicht ihre Ergebnisse in mehreren Büchern. Dabei verhehlt sie nie die große Rolle, die jüdische Mädchenhändler bei dem Verbrechen spielen. Die Kritik aus jüdischen Kreisen, diese Informationen könne für antisemitische Propaganda benutzt werden, lässt Pappenheim nicht gelten. Sie publiziert aber nicht nur, sondern leistet praktische Unterstützung vor Ort: So organisiert sie Aktionen an den Bahnhöfen, wo sie die ankommenden, gutgläubigen jungen Frauen vor den drohenden Gefahren warnt. Im Jahr 1901 gründet sie den Verein ‚Weibliche Fürsorge’, der aus Osteuropa geflüchtete Mädchen unterstützt. Ein Jahr später findet in Frankfurt die erste Konferenz zur Bekämpfung des Mädchenhandels statt.

Jüdischer Frauenbund in Deutschland (JFB) [Hrsg.]: Blätter des Jüdischen Frauenbundes für Frauenarbeit und Frauenbewegung. Berlin: Frauenbund, 1930.
Blätter des Jüdischen Frauenbundes für Frauenarbeit und Frauenbewegung, 1930
1904 gründet Bertha Pappenheim den ‚Jüdischen Frauenbund’ (JFB). Obwohl Pappenheim dem gemäßigten Flügel der Historischen Frauenbewegung zuzurechnen ist und sie Sozialarbeit und Wohlfahrt als natürliche Bestimmung der Frau betrachtet, streitet sie für die Modernisierung der Rollenverteilung von Frauen und Männern im jüdischen Gemeindeleben. Pappenheim gibt außerdem das Verbandsorgan des Bundes, die ,Blätter des JFB‘, heraus.
Mädchenheim Neu-IsenburgDas Heim für sozial entwurzelte jüdische Mädchen und ledige Mütter mit ihren Kindern, Quelle: Seminar- und Gedenkstätte Bertha Pappenheim, Neu-Isenburg

Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs betätigt sich Bertha Pappenheim, wie große Teile der „Gemäßigten“ weiter in der Wohlfahrt, ohne sich – wie die meisten führenden „Radikalen“ – als Pazifistin und Kriegsgegnerin zu positionieren. Ihr Schwerpunkt bleibt der Kampf gegen den Mädchenhandel und für seine Opfer. Mitte der Zwanziger Jahre veröffentlicht sie ihr wichtigstes Werk zum Thema: ‚Sisyphus – gegen den Mädchenhandel’. Fast 20 Jahre lang, bis zu ihrem Tod, leitet Pappenheim das Mädchenheim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg bei Frankfurt.

Passfoto von Bertha Pappenheim, die eine Brosche mit den Initialen JFB (Jüdischer Frauenbund) trägt, Bertha Pappenheim Collection AR 331; Jüdisches Museum Frankfurt am Main
Passbild, 1907

Nach der Machtergreifung hofft Pappenheim zunächst noch auf eine baldige Beendigung der Nazi-Herrschaft. Als sie begreifen muss, dass diese nicht eintritt, bringt die 75-Jährige selbst einige ihrer Schützlinge nach England und Schottland in Sicherheit. Bald darauf erkrankt Bertha Pappenheim schwer. Dennoch wird sie, obwohl schon bettlägrig, 1936 von der Gestapo vorgeladen. Angeblich hat sich eine Heimbewohnerin regimekritisch geäußert. Pappenheim kann den Verdacht zerstreuen, erholt sich aber nicht wieder von dem Verhör. Sie stirbt am 28. Mai 1936 in Neu-Isenburg.

In der Reichspogromnacht werden zwei der vier Heim-Gebäude niedergebrannt. Im Jahr 1942 lösen die Nationalsozialisten das Heim auf. Die vier Sozialarbeiterinnen und 15 Bewohnerinnen werden nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Der Name Bertha Pappenheim blieb zumindest innerhalb der Tradition der jüdischen Frauenbewegung erhalten. In welchem Maße sie eine offensive Frauenrechtlerin und Kämpferin gegen Frauenhandel und Prostitution war, geriet erst in jüngerer Zeit wieder ins Bewusstsein, als Anfang der 1990er Schriften von ihr neu veröffentlicht wurden.

Biografie chronologisch

27.2.1859
Bertha Pappenheim wird in Wien als Tochter des jüdischen Getreidehändlers Sigmund Pappenheim und Recha Goldschmidt geboren. Sie ist das dritte von vier Kindern.

1875
Mit 16 Jahren ist Berthas Schulausbildung auf einer privaten katholischen Mädchenschule beendet.

1880
Sigmund Pappenheim erkrankt schwer. Bertha übernimmt seine Pflege. Sie entwickelt selbst verschiedene Krankheitssymptome, die als „Hysterie“ diagnostiziert werden: Bewusstseinstrübungen und -spaltungen, Lähmungen, Halluzinationen. Sie kommt in Behandlung beim Hausarzt der Familie, Dr. Josef Breuer.

April 1881
Sigmund Pappenheim stirbt. Tochter Bertha erleidet einen schweren Rückfall. Durch eine mehrere Monate währende „Redekur“ mit Breuer, die dieser später in Zusammenarbeit mit Sigmund Freud als Ursprung der Psychoanalyse bezeichnen wird, überwindet sie die „Hysterie“. Die Therapie Pappenheims wird später als ‚Fall Anna O.’ in die Geschichte der Psychoanalyse eingehen.

Bis 1888
Pappenheim muss sich immer wieder für mehrere Monate in Sanatorien begeben. Schließlich lebt sie bei ihrer Cousine Anna Ettlinger in Karlsruhe. Die Autorin fördert das schriftstellerische Talent Pappenheims.

1888
Unter dem Pseudonym Paul Berthold veröffentlicht Bertha Pappenheim ihr erstes Buch ‚Kleine Geschichten für Kinder’.

Nov. 1888
Bertha Pappenheim zieht mit ihrer Mutter nach Frankfurt a.M. Sie engagiert sich in verschiedenen Wohlfahrtsvereinen, u.a. dem ‚Hilfscomité für die notleidenden osteuropäischen Juden’ und der ‚Israelitischen Suppenanstalt’.

1890
Pappenheims Novellenband ‚In der Trödelbude’ erscheint.

1895
Pappenheim beginnt ihre Arbeit in einem jüdischen Mädchenwaisenhaus, dessen Leitung sie ab 1897 übernimmt.

1899
Die von Pappenheim aus dem Englischen übersetzte ‚Verteidigung für die Rechte der Frauen’ der britischen Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft aus dem Jahr 1792 erscheint. Gleichzeitig veröffentlicht Pappenheim ihr erstes Theaterstück ‚Frauenrecht’.

1900
Pappenheims erstes Buch, das sich speziell mit der Lage osteuropäischer Jüdinnen befasst, erscheint: ‚Zur Judenfrage in Galizien’.

1901
Gemeinsam mit Henriette Fürth gründet Pappenheim den Verein ‚Weibliche Fürsorge’. Der Verein unterstützt aus Osteuropa geflüchtete jüdische Frauen und Mädchen.

1903
Pappenheim reist nach Osteuropa, um sich dort über den Mädchenhandel und Möglichkeiten seiner Bekämpfung zu informieren. Weitere Reisen folgen.

1904
Pappenheim gründet den ‚Jüdischen Frauenbund’ (JFB), den sie als Vorsitzende 20 Jahre lang leitet und gibt die ,Blätter des JFB' heraus.
Mit ihrer neuen Veröffentlichung über den Mädchenhandel ‚Zur Lage der jüdischen Bevölkerung in Galizien’ wird Pappenheim zur internationalen Expertin für die Bekämpfung des Mädchenhandels.

1906
Pappenheim reist nach Russland in die Gebiete der Oktoberpogrome. Sie gibt die Leitung des Mädchenwaisenhauses auf, um ihre soziale Arbeit im Ausland leisten zu können.

1907
Pappenheim gründet in Neu-Isenburg ein Mädchenheim des ‚Jüdischen Frauenbundes’.

1910
Die Übersetzung der ‚Erinnerungen der Glückl von Hameln’ aus dem Jiddischen erscheinen.
Pappenheim besucht mehrere Kongresse zur Bekämpfung des Mädchenhandels in London, Leipzig und Madrid.

1914
Der ‚Weltbund jüdischer Frauen’ wird in Rom mit Pappenheim als Vorsitzender gegründet und wegen des Kriegsbeginns wenige Wochen später wieder aufgelöst. Pappenheim wird in den Vorstand des ,Bundes Deutscher Frauenvereine' gewählt.

1917
Aus Pappenheims Initiative zur Bündelung der jüdischen Wohlfahrt geht die ‚Zentralwohlfahrtstelle der Juden in Deutschland’ hervor.

1918
Pappenheim wird Mitglied im Ausschuss über die neue jüdische Gemeindeverfassung, die die Frau dem Mann gleichstellt.

1924
Der erste Teil des Buches ‚Sisyphus-Arbeit’ erscheint. Die Dokumentation über den Mädchenhandel in Osteuropa und dem Orient gilt als Pappenheims bekanntestes Werk.

1929
Pappenheim bringt eine Übersetzung des ‚Zenne-Renne-Buchs’, dem ‚Frauen-Talmud’, aus dem Jiddischen heraus.

1930
Teil zwei der ‚Sisyphus-Arbeit’ erscheint.

1934
Pappenheim reist nach England und Schottland, um eine Gruppe Isenburger Heimkinder in dortige Heime und damit in Sicherheit vor den Nazis zu bringen.

1935
Pappenheim erkrankt schwer.

1936
Bertha Pappenheim wird trotz schwerer Krankheit von der Gestapo vorgeladen. Nach dem Verhör verschlimmert sich ihre Krankheit.

28.5.1936
Bertha Pappenheim stirbt in Neu-Isenburg.

Textauszüge

Die Immoralität der Galizianerinnen

Die Immoralität der Galizianerinnen

Bertha Pappenheim, 1901

Sie sprachen und sprechen von der «Immoralität der Galizianerinnen», als ob das eine ganz exceptionelle für sich bestehende Abnormität einer besonderen Menschenklasse wäre. Ja, wissen die Herren nicht oder wollen sie es nicht wissen, daß unter den deutschen, hier heimatberechtigten jüdischen Mädchen dasselbe Sinken des moralischen Niveaus zu bemerken ist - dasselbe Sinken wie unter allen Mädchen, die durch die bestehenden sozialen Verhältnisse moralisch haltloser und schwächer geworden sind?

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Zur Sittlichkeitsfrage

Zur Sittlichkeitsfrage

Bertha Pappenheim, 1907

Fast könnte es überflüssig erscheinen, in einer Versammlung wie der heutigen noch im allgemeinen zur Sittlichkeitsfrage sprechen zu wollen. Man könnte darauf hinweisen, daß die Arbeit nach dieser Richtung schon eine so differenzierte geworden ist, daß es sich nur um eine Wiederholung längst bekannten Stoffes handeln kann.

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Die Frau im kirchlichen und religiösen Leben

Die Frau im kirchlichen und religiösen Leben

Bertha Pappenheim, 1912

Um meinen Ausführungen die Basis zu geben, die sie zu ihrem Verständnis in weiten Kreisen brauchen, muß ich mit wenigen Worten auf einige grundlegende Unterschiede hinweisen, die für die verschiedene Entwicklung des Gemeindelebens der christlichen und der jüdischen Religionsgemeinschaften maßgebend sind.

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Mädchenhandel : Herrn Zevi Aberson, Vertreter der Jüdischen Welthilfskonferenz bei den internationalen Institutionen in Genf

Mädchenhandel : Herrn Zevi Aberson, Vertreter der Jüdischen Welthilfskonferenz bei den internationalen Institutionen in Genf

Bertha Pappenheim, 1922

Der Jüdische Frauenbund bittet Sie, sehr geehrter Herr Aberson, als Vertreter jüdischer Interessen bei den Beratungen des Völkerbundes dahin zu wirken, daß die Frage der Bekämpfung des Mädchenhandels vor diesem Forum zur Sprache komme.

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Schutz der Frauen und Mädchen : das Problem in allen Zeiten und Ländern

Schutz der Frauen und Mädchen : das Problem in allen Zeiten und Ländern

Bertha Pappenheim, 1923

Das Programm, das wir in die Hand bekommen haben, hat mir in Bezug auf die Tagesordnung eine kleine Ueberraschung bereitet, da ich bei Vorbereitung des Programmes gebeten habe, über den Mädchenhandel sprechen zu dürfen. Dieses einfache Wort, das so schrecklich ist, hat sich durch die liebenswürdige Form, in die man es gekleidet hat, in das Thema «Schutz der Frauen und Mädchen, das Problem aller Zeiten und Länder» verwandelt.

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Artikel über Bertha Pappenheim

Mutterland Europa: können Frauen sich verkaufen ohne Käufer?

Brentzel, Marianne (2004): Dossier : Mutterland Europa : können Frauen sich verkaufen ohne Käufer? - In: EMMA, Nr. 3, S. 70 - 71 : EMMA-Lesesaal

Die Galizien-Connection: gelobtes Land

Schapira, Esther (1987): Die Galizien-Connection : gelobtes Land. - In: EMMA, Nr. 1, S. 37 - 39 : EMMA-Lesesaal

Literaturhinweise

Primärliteratur

Berthold, P. (1897): Zur Frauenfrage vor hundert Jahren. - In: Ethische Kultur : Wochenschrift zur Verbreitung ethischer Bestimmungen, Nr. 51, S. 405 - 406

Pappenheim, Bertha (1899): Frauenrecht : Schauspiel in drei Aufzügen von P. Berthold. - In: Pappenheim, Bertha: Literarische und publizistische Texte. - Kugler, Lena [Hrsg.] ; Koschorke, Albrecht [Hrsg.]. Wien : Turia und Kant, 2002, S. 269 - 294

Pappenheim, Bertha (1963): Bertha Pappenheim : Leben und Schriften. - Edinger, Dora [Hrsg.]. Frankfurt am Main : Ner-Tamid-Verl., 156 S.

Pappenheim, Bertha (1992): Sisyphus : gegen den Mädchenhandel - Galizien. - Heubach, Helga [Hrsg.]. Freiburg i. Br. : Kore, 315 S.

Pappenheim, Bertha (2002): Literarische und publizistische Texte. - Kugler, Lena [Hrsg.] ; Koschorke, Albrecht [Hrsg.]. Wien : Turia und Kant, 325 S.

Zeitschriften herausgegeben von Bertha Pappenheim

Blätter des jüdischen Frauenbundes. Hrsg. von 1924-1938

Liste aller im FrauenMediaTurm vorhandenen Publikationen von Bertha Pappenheim als Autorin oder Herausgeberin: PDF-Download

Sekundärliteratur

Konz, Britta (2005): Bertha Pappenheim (1859-1936) : ein Leben für jüdische Tradition und weibliche Emanzipation. - Frankfurt am Main : Campus-Verl., 410 S.

Brentzel, Marianne (2002): Anna O. - Bertha Pappenheim : Biographie. - Göttingen : Wallstein-Verl., 319 S.

Duda, Sibylle (1992): Bertha Pappenheim : 1859-1936 ; Erkundungen zur Geschichte der Hysterie oder "Der Fall der Anna O.". - In: WahnsinnsFrauen. - Bd. 1. - Duda, Sibylle [Hrsg.] ; Pusch, Luise F. [Hrsg.]. Frankfurt am Main : Suhrkamp, 363 S.

"Das unsichtbare Isenburg" : über das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg 1907 bis 1942 (1994). - Heubach, Helga [Hrsg.]. Neu-Isenburg : Kulturamt der Stadt Neu-Isenburg, 218 S.

Kaplan, Marion A. (1981): Die jüdische Frauenbewegung in Deutschland : Organisation und Ziele des Jüdischen Frauenbundes 1904-1938. - Hamburg : Christians, 354 S.

Liste aller im FrauenMediaTurm vorhandenen Publikationen, die Bertha Pappenheim zum Thema haben (nach Jahr absteigend sortiert): PDF-Download

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