1978

Die Klage gegen die sexistischen Titelbilder des Stern macht den beginnenden Kampf gegen Pornografie populär. Autonome Feministinnen und traditionelle Frauenpolitikerinnen suchen den Austausch.

Quelle: EMMA 3/1979, S.49.
EMMA-Artikel über Rote Zora

Januar 1978
Die Rote Zora überfällt sechs Kölner Dr. Müller’s Sexshops und raubt Porno-Artikel im Wert von 100.000 Mark. In einem anonymen Flugblatt erklärt die militante Gruppe, die sich den Zielen der autonomen Frauenbewegung verpflichtet fühlt: „Diese Läden stinken uns schon lange. Die Frau wird auf ihren Körper reduziert – zur Sexmaschine degradiert, die nach Belieben der Käufer zu handhaben ist. Mit List und Tücke hauen wir die Pornoshops in Stücke!“

7. Januar 1978

Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis, Nr.1 (FMT-Signatur: Z-F014:1978-1)
Erstausgabe der Beiträge, 1978

In Berlin eröffnet der erste Frauen-Notruf. Nach amerikanischem Vorbild – in den USA haben Feministinnen nicht nur 24-Stunden-Notrufe, sondern bereits so genannte ‚Rape Crisis Centers’ eingerichtet – haben rund 40 Frauen den Notruf und Beratung für vergewaltigte Frauen initiiert. Über eine Notruf-Nummer sind sie rund um die Uhr erreichbar. Außerdem kündigen sie an, vergewaltigte Frauen beim Gang zu Polizei, Gerichten und ÄrztInnen unterstützen.

12. Februar 1978
In Darmstadt gründen Sozialwissenschaftlerinnen den Verein Sozialwissenschaftliche Forschung und Praxis für Frauen. „Berufliche Diskriminierungen von Sozialwissenschaftlerinnen – dazu gehören alle Disziplinen, die sich mit Gesellschaftswissenschaft befassen – müssen öffentlich gemacht werden, ebenso die Verweigerung von feministischen Forschungsprojekten und Lerninhalten.“ Der Verein beginnt mit dem Aufbau von Frauenarchiven an den Universitäten und gibt noch im selben Jahr die erste Ausgabe der Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis heraus.

Kofra, Nr. 20, 1985
Artikel über Mädchentreff

8. März 1978
In Frankfurt eröffnet der erste Mädchentreff. Er ist offen für „alle deutschen und ausländischen Mädchen ab 13 Jahren, für Schülerinnen, arbeitslose Mädchen und Lehrlinge“. Themen sind „Beziehungen, Liebe, Sexualität“, aber auch die schwierige Situation der Mädchen auf dem Arbeitsmarkt: „Mädchen stellen 2/3 der arbeitslosen Jugendlichen, obwohl sie bessere Schulabschlüsse haben und sich ausdauernder bewerben als Jungen. Sie werden häufiger auf Berufe mit geringerer Qualifikation orientiert, die unterbezahlt und stärker rationalisierungsgefährdet sind.“ Der Treff will auch „andere Einrichtungen, Betriebe, Lehrer/innen, Eltern für die besondere Situation der Mädchen sensibilisieren.“ Die feministische Mädchenarbeit beginnt.

10.-12. März 1978
In Frankfurt treffen sich rund 300 Frauen zum Kongress ‚Frauenbewegung und Repression’. Die Teilnehmerinnen diskutieren den Status Quo und die Perspektiven der Frauenbewegung vor dem Hintergrund von Terrorismus und Kriminalisierung.

Externer Link: Wildwasser Berlin
Logo Wildwasser Berlin

Erstmalig wird der „Rückzug der Frauenbewegung“ thematisiert. Das Frauenzentrum Köln klagt: „Die desolate Situation in den Frauenzentren ist gekennzeichnet von einer unüberschaubaren Auflösung in Einzelaktionen und – initiativen. Frauen ziehen sich resigniert oder desillusioniert von der Gruppenarbeit zurück. Der eindeutige Zusammenhang während der Anfangsphase der Frauenbewegung, der durch die § 218-Kampagne da war, ist in der gleichen Form heute nicht mehr möglich.“

April 1978
Die Zeitschrift EMMA veröffentlicht ein Dossier über ‚Das Verbrechen, über das niemand spricht’. Zum ersten Mal im deutschsprachigen Raum wird damit das bisher vollständig tabuisierte Thema ‚Sexueller Missbrauch’ thematisiert. Der Bericht wird zum Auslöser der ersten Wildwasser-Gruppen gegen sexuellen Missbrauch.

Schwabingerbräu : Frauenbeziehung Frauenliebe, Aufkleber (FMT-Signatur: VAR.01.109)
Aufkleber Frauenbeziehung Frauenliebe

15. April 1978
Im Münchner Schwabingerbräu lädt das Frauenzentrum München zur Informationsveranstaltung ‚Frauenbeziehung – Frauenliebe’. Anlass ist die Hetzkampagne, mit der die christlich-fundamentalistische Schauspielerin Anita Bryant aus Florida in den USA gegen Homosexualität zu Felde zieht. Bryants Hetze gegen die „homosexuellen Sünder“ zieht Kreise bis nach Deutschland. Themen der Münchner Veranstaltung sind: ‚Lesben und Frauenbewegung’, ‚Weibliche und männliche Homosexualität’ oder ‚Wie erfahren wir als Lesben die Arbeitssituation?’

20. April 1978
Die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (AsF) initiiert in Bonn eine Gesprächsrunde ‚Parteifrauen und Feministinnen’. Nach der ‚Berliner Frauenkonferenz’ vom September 1977 kommt es nun zu einer weiteren öffentlichen Annäherung zwischen traditionellen Frauenpolitikerinnen und Vertreterinnen der autonomen Frauenbewegung.

Plakat: Walpurgisnacht, undatiert (FMT-Signatur: PT.042)
Frauen, wir erobern uns die Nacht zurück!

28.-30. April 1978
Auf Initiative des Kölner Frauenzentrums veranstalten Delegierte aus den Frauenzentren ein nationales Tribunal ‚Gewalt gegen Frauen’. Der „Gewaltkatalog“, den die Initiatorinnen aufgestellt haben reicht von „Gewalt in der Ehe“ über den „Mode- und Schönheitsterror“ bis zur „Männerorientierten Sprachentwicklung“.

30. April 1978
Zum zweiten Mal demonstrieren in der ‚Walpurgisnacht’. Tausende Frauen in vielen deutschen Städten gegen Gewalt gegen Frauen. In den darauffolgenden Jahren wird die Protestnacht zur Tradition werden.

Juni 1978
Ein Editorial von Alice Schwarzer über ‚Frauen ins Militär?’ löst heftige Debatten innerhalb der Frauenbewegung und linker Gruppen aus. Schwarzer räsonniert darin aus aktuellem Anlass über das Recht auf Kriegsdienstverweigerung („Ich wäre ein Kriegsdienstverweigerer“), das Frauen nicht haben, weil sie im Namen der ‚Natur der Frau’ vom Kriegsdienst ausgeschlossen sind. Die erklärte Pazifistin fordert, im Namen der Gleichberechtigung, den uneingeschränkten freiwilligen Zugang von Frauen zum Militär.

EMMA 12/1980, S.18f.
Plogstedt vs. Schwarzer

Die Aufregung ist groß. Der Kommentar erscheint in einer Zeit, in der die ‚natürliche Friedfertigkeit’ von Frauen in großen Teilen der Frauenbewegung Konsens ist. Eine DKP-nahe Frauengruppe startet die Initiative ‚Frauen in die Bundeswehr – nein danke!’ Courage-Macherin Sybille Plogstedt bezieht in einem Pro und Kontra gegen Alice Schwarzer Position.

4. Juni 1978
Zu den Hamburger Bürgerschaftswahlen kandidiert zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik ein Frauenbündnis. In der Bunten Liste/Wehrt euch haben sich rund 30 Fraueninitiativen zusammengeschlossen. Denn: „Wir Frauen sehen nicht mehr schweigend zu, wie die Herren in den großen und kleinen Parteien unsere Interessen verschaukeln.“ Im Wahlprogramm der Bunten Liste stehen die Forderungen nach Streichung des § 218, öffentlich finanzierten Frauenhäusern oder gleichem Lohn für gleiche Arbeit.

Die Bunte Liste hat historische Vorgängerinnen.
(Lida Gustava Heymann: Frauenlisten – aus eigener Kraft, 1927)

Quelle: EMMA-Archiv / Uwe Schaffrath
Erika Wild, Inge Meysel und Alice Schwarzer

23. Juni 1978
Vor dem Hamburger Landgericht klagen Alice Schwarzer und weitere neun Frauen – darunter Inge Meysel, Erika Pluhar und Margarete von Trotta – exemplarisch gegen die sexistischen Titelbilder des Stern. Ihre Rechtsanwältin Dr. Gisela Wild fordert, „die Beklagten dazu zu verurteilen, es zu unterlassen, die Klägerinnen dadurch zu beleidigen, dass auf den Titelseiten Frauen als bloße Sexualobjekte dargestellt werden und dadurch beim Betrachter der Eindruck erweckt wird, der Mann könne beliebig über die Frauen verfügen und sie beherrschen.“ (Klageschrift)

EMMA 8/1978
EMMA-Titel zur Stern-Klage

Initiiert wird diese erste ‚Sexismus-Klage’ der Bundesrepublik durch die Zeitschrift EMMA. Der Deutsche Frauenrat, Dachverband der Frauenverbände mit sechs Millionen Mitgliedern, schließt sich der Initiative an.

Stern-Herausgeber Henri Nannen wirft den „freudlosen Grauröcken“, sprich: den Klägerinnen, eine „Zwangsfixierung aufs Objektsein“ vor, Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein diagnostiziert solidarisch „ärgerliches Selbstmitleid“ bei den Klägerinnen. Ein differenzierter Artikel von Spiegel-Ressortleiter Hellmuth Karasek wird in letzter Minute vom Herausgeber aus dem Blatt genommen.

Die Klage wird abgewiesen. Allerdings begründet das Gericht die Abweisung rein formal. Zum politischen Anliegen der Klägerinnen erklärt Richter Engelschall in seiner Urteilsbegründung: „Die Kammer verkennt nicht, dass es ein berechtigtes Anliegen sein kann, auf eine der wahren Stellung der Frau in der Gesellschaft angemessenen Darstellung des Bildes der Frau in der Öffentlichkeit und insbesondere in den Medien hinzuwirken.“ Und: „In 20 oder 30 Jahren werden die Klägerinnen vielleicht gewinnen können.“

Quelle: EMMA-Archiv / Uwe Schaffrath
Henry Nannen und Alice Schwarzer

Die sogenannte Stern-Klage ist über Wochen Thema in den Schlagzeilen und trägt entscheidend dazu bei, den alltäglichen Sexismus ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.

12. Juli 1978
Das Bonner Frauenforum kippt vor das Bonner Korrespondentenbüro des Spiegel rund 2.000 Spiegel-Ausgaben und überschüttet ihn mit grüner und gelber Götterspeise. Die Protestaktion richtet sich gegen die frauenfeindliche Berichterstattung und Titelgestaltung des Magazins, insbesondere aber gegen den „glitschigen schleimigen Kommentar“ des Herausgebers Rudolf Augstein zur Stern-Klage.

Erstausgabe der Troubadoura September 1978 (FMT-Signatur: Z-F012)
Troubadoura, 1978

Am selben Tag gründen rund 70 Journalistinnen aus ganz Deutschland die Aktion Klartext (AKT) zur Gleichstellung der Frauen in den Medien. Ihre Ziele: Ein realistischeres Bild der Frau in den Medien und mehr Frauen in Gremien und Führungspositionen der Medienanstalten.

September 1978
Die erste Frauenmusikzeitschrift Troubadoura erscheint.

14.–16. Oktober 1978
Der Münchner Verlag Frauenoffensive lädt zur 1. Internationalen Konferenz Feministischer Verlage. 30 Teilnehmerinnen aus fünf Ländern beraten über Vernetzung und Koproduktionen (Bericht). Zu diesem Zeitpunkt gibt es in Deutschland 20 Frauenbuchläden und Frauenbuchvertriebe.

27.-29. Oktober 1978

Wir wollen nicht mehr nach Holland fahren : nach der Reform des § 218 ; betroffene Frauen ziehen Bilanz. Pro Familia [Hrsg.] Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt, 1978. (SE.11.021)
Pro Familia Taschenbuch
Die ‚Sekretärinnen-Gruppe’ des Frankfurter Frauenzentrums lädt zum ‚Büroarbeiterinnen-Kongress’. 111 Teilnehmerinnen aus ganz Deutschland, Österreich und Frankreich diskutieren über „Widerstand im und Alternativen zum Büro“.

9.-11. November 1978
Im Frankfurter Frauengesundheitszentrum tauschen sich rund 100 Teilnehmerinnen aus 30 Frauenzentren über die Erfahrungen mit dem reformierten § 218 aus. Speziell in den CDU-regierten Bundesländern und Bayern wird das Gesetz besonders rigide ausgelegt: Ärzte weigern sich, Indikationen auszustellen, es werden keine Krankenhausbetten für Schwangerschaftsabbrüche zur Verfügung gestellt. Nach wie vor müssen Zehntausende bundesdeutsche Frauen für einen Schwangerschaftsabbruch nach Holland fahren. Zum fünften Jahrestag des Verfassungsgerichtsurteils, das die Fristenlösung im Februar 1975 kippte, planen die Aktivistinnen ein Tribunal (Presseerklärung).

Illustration aus Bericht über das Herbsttreffen Frauen in den Medien. In: Frauenblatt, Dezember 1978 (FMT-Pressedokumentation: PD-FE.03.01-1978)
Illustration Medienfrauen, 1978

Bereits im Juli hatte Pro Familia Bremen das Buch ‚Wir wollen nicht mehr nach Holland fahren’ herausgegeben. Es prangert an: „Zwei Jahre nach der Neuregelung des § 218 verdichtet sich die Handhabung und Wirkungsweise des Gesetzes in der Öffentlichkeit zu einem bedrückenden Bild von Willkür und Schikane.“

Am 30. November 1975 wird in Frankreich die Fristenlösung Gesetz.

18./19. November 1978
Rund 130 Frauen aus Medienberufen kommen auf Einladung der Aktion Klartext zum Herbsttreffen Frauen in den Medien nach Frankfurt. Sie fordern „eine wirklichkeitsgetreue Darstellung der Interessen und Lebensbedingungen von Frauen. Voraussetzung dafür ist, dass Frauen Programm machen und bestimmen.“

Quelle: Chronik der Neuen Frauenbewegung, 1978 (FMT-Signatur: PD-FE.03.01-1978)
Plakat zum Kongress, 1978

24.-26. November 1978
Der Verein Sozialwissenschaftliche Forschung und Praxis für Frauen veranstaltet den Kongress ‚Feministische Theorie und Praxis in sozialen und pädagogischen Berufsfeldern’. Die rund 1.200 Teilnehmerinnen tauschen sich aus über ‚Feministische Pädagogik in der Schule’ oder ‚Feministische Praxis in der Sozialpädagogik’.

In Berlin eröffnet das Frauenforschungs, -bildungs- und informationszentrum, kurz: FFBIZ. Die FFBIZ-Initiative, die sich nach der ‚Berliner Frauenkonferenz’ im September 1977 gegründet hat und sich dementsprechend aus Vertreterinnen der traditionellen Frauenverbände und der autonomen Frauenbewegung zusammensetzt, erklärt: „Wir brauchen weder eine neue ‚Akademie der Wissenschaft’ noch ein ‚Museum für Deutsche Geschichte’. Wir schaffen das Wissen und machen die Geschichte selbst.“

FFBIZ-Berlin, Bildquelle: EMMA-Archiv
FFBIZ Berlin, 1978

7. Dezember 1978
Der Deutsche Presserat ergänzt seinen Ehrenkodex um das Merkmal Geschlecht. Ab jetzt heißt es: „Niemand darf wegen seines Geschlechts, seiner Zugehörigkeit zu einer rassischen, religiösen oder nationalen Gruppe diskriminiert werden.“ Das Selbstkontrollorgan hat dait dem Antrag der EMMA-Redaktion auf Ergänzung des Pressekodex stattgegeben, den sie im Zuge der Stern-Klage im Juni gestellt hatte.

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