Der Karneval und der Frauenturm. Dreimal Alaaf!

Die fünf tollen Tage in Köln beginnen. Dabei spielt der Bayenturm, in dem das feministische Archiv FrauenMediaTurm und EMMA beherbergt sind, eine ganz besondere Rolle.

Karneval ist im Rheinland die „fünfte Saison“. Eine Ausnahmezeit über fünf Tage: von Weiberfastnacht bis Rosenmontag. Da geht nichts mehr. Nur noch Schunkeln, Kölle alaaf! rufen und Kölsch trinken. Ein Gebäude steht in diesen Tagen im besonderen Fokus: Es ist der Bayenturm. Der mittelalterliche Wehrturm, in dem seit 20 Jahren auch EMMA beheimatet ist (als Mieterin des FrauenMediaTurm, das Frauenarchiv, das seit 1994 im Turm ist).

In diesem Turm – Motto: Wer den Turm hat, hat die Macht! – wurde tatsächlich der organisierte Kölner Karneval erfunden! Und zwar im Jahr 1823. Da tagte im 4. Stock des Turms die „Große Kölner Karnevalsgesellschaft e.V.“ und gründete in aller Form den Karneval (auch wenn die KölnerInnen sich schon zuvor erlaubt hatten, ohne Gründung auf den Straßen zu tanzen).

Genau 172 Jahre später, 1995, ernannte dieselbe „Große Kölner Karnevalsgesellschaft“ den historischen Bayenturm zum „Frauenturm“. Denn in dem wiederaufgebauten mittelalterlichen Turm – der bis zur Vollendung des Doms (1880) 600 Jahre lang das Wahrzeichen der Stadt war – war inzwischen der von Alice Schwarzer initiierte FrauenMediaTurm eingezogen (so nannte sich von nun an das feministische Archiv).

Die Große Kölner gestaltete einen ganzen Mottowagen zum „Frauenturm“ und lud die lebendige Alice Schwarzer neben die Pappkarikatur auf den riesigen Zugwagen zum Kamellewerfen ein. So ein Karnevalswagen wirkt von oben wie ein Schiff, das durch die Wogen der jubelnden Menschen fährt.

Und die „Kölner Klutengarde“ gestaltete sogar einen Extraorden zu dem Anlass: Alice Schwarzer als Rapunzel, die ihren langen blonden Zopf aus dem 4. Stock hängen lässt. Da wusste noch niemand etwas von der Karnevalsgründung im Turm, rein jecke Intuition.

Alice Schwarzer Karneval 1995EMMA berichtete damals über das karnevalistische Top-Event: „Allen voran steigt Alice in den tollen Tagen über Tische und Bänke, denn sie ist eine ‚gebürtige Elberfelderin aus einer sehr rheinischen Familie‘ und stolz darauf. In der Session 1995 nun war sie selbst Thema im Karnevalszug. (…) Alice, als Pappmachee-Figur auf dem Wagen karikiert, durfte auch im Original mitfahren und schmiss drei Stunden lang begeistert Kamellen.“

Kommentar Kölner Express: „‘Und ewig bockt das Weib‘, das Motto der ‚Großen Kölner‘. Auf dem Wagen Kölns bekannteste Feministin – Alice Schwarzer – aber die bockte nicht, sondern warf Kamelle wie jeck. Jot jemaat, Alice.“ Alice selbst erinnert sich bestens. „Das war wie ein Rausch. Tausende Menschen rufen ‚Alice‘ – und du wirfst Kilo von Kamellen und Pralinen ins Volk. Unter knallblauem Himmel und begleitet von den Liedern der Bläck Fööss. Mehr geht nicht.“

Und EMMA fuhr, konsequent feministisch, damals fort: “Bei der Großen Kölner bocken inzwischen auch die eigenen Weiber: Erstmals hat eine Kölner Karnevalsgesellschaft auch eine Frau im sogenannten ‚Elferrat‘, dem Vorstand der Gesellschaft. Fehlt nur noch, dass auch mal der Prinz, der Bauer oder die, traditionell von einem Mann verkörperte, Jungfrau eine Frau ist.“

Doch die Frauen bleiben bis heute an den Spitzen des Karnevals sehr rar. Die Große Kölner hat gerade mal eine Frau in dem sechsköpfigen Vorstand. Bei den Blauen und Roten Funken bleiben die Herren unter sich. Denn im organisierten Karneval geht es nicht nur um „Spaß an der Freud“, sondern auch ums Kungeln, um die Macht in der Stadt.

Ins traditionelle Dreigestirn – Prinz, Jungfrau, Bauer – haben es die Frauen noch nie geschafft. In diesem Jahr sind drei offen homosexuelle Männer Prinz, Jungfrau und Bauer. Und die Frauen? Weiterhin abwesend. alice hat da eine Idee: „ Ein einmaliges, echtes Frauen-Dreigestirn wäre doch ein echter Gag. Zum Beispiel im Jahr 2027. Das würde Schlagzeilen bis nach New York machen, lieber Herr Kuckelkorn (Präsident des Festkomitees Kölner Karneval). Ab 2028 könnten die Jungs ja dann wieder unter sich weitermachen.“

In diesem Jahr gehört Alice übrigens wieder zum Fußvolk und muss Kamellen sammeln, statt sie zu werfen. Übung in Demut.

 

Zuerst erschienen auf EMMAonline

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