1986

Broschüre „Lesben-Was Sie über sie wissen sollten.“, FMT, FB.07.087

8. März
Zum 75. Internationalen Frauentag erscheint in Wiesbaden die Broschüre „Lesben. Was sie über Lesben wissen sollten“ von der „Bundesministerin für Tugend, Sitte und Moral“.

Die Wiesbadenerin und Gründerin des Frauenbuchladens Sappho Anke Schäfer erhält im Februar die Aufklärungsbroschüre „Was Sie über Aids wissen sollten“, welche die Bundesministerin Rita Süssmuth an alle Haushalte verschickt. Die Aufforderung der Wiesbadener Frauenbeauftragten etwas zum Internationalen Frauentag beizusteuern, im Hinterkopf, macht sich Anke Schäfer an die Arbeit und erstellt eine Broschüre, die sich an die AIDS-Broschüre anlehnt. Der Clou: Sie ersetzt das Wort AIDS durch Lesbe. Den Bundesadler lässt sie abändern, so dass dieser das Lesbensymbol in den Krallen hält.

„LESBEN haben in unserer Gesellschaft in der Vergangenheit und leider auch in der Gegenwart immer gegen Vorurteile anzukämpfen und unter Benachteiligungen zu leiden. Das muß in Zukunft – wenigstens in der BRD – nicht so bleiben. Es muß alles getan werden, weiteren Diskriminierungen vorzubeugen“, schreibt sie im Vorwort.

Die neue Broschüre „Was sie über Lesben wissen sollten“ lässt sie der Wiesbadener Frauenbeauftragten zukommen und verteilt sie am 8. März in der Fußgängerzone. Die Frauenbeauftragte Hannelore Rönsch informiert am nächsten Tag die Presse und erreicht somit versehentlich, dass das Flugblatt über die Stadtgrenzen hinaus bekannt wird und innerhalb der Lesbenbewegung für Begeisterung sorgt. Jahre später wird die Broschüre auf Demonstrationen immer wieder hervorgeholt.[1]

28.-31. März
In Genf kommen mehr als 500 Lesben aus ca. 30 Staaten für das 8. ILIS – International Lesbian Information Service – Treffen zusammen. In vier Tagen tauschen die Frauen ihre Erfahrungen aus. Sie hätten „diskutiert, wie Lesben ihr Leben gemeinsam und für andere Lesben sichtbar machen können, Strategien überlegt, wie sich Lesben gegen ihre Unterdrückung und Verfolgung in der heterosexistischen Gesellschaft wehren können, aufgezeigt und kritisiert, daß nicht nur Männer sondern auch heterosexuelle Frauen das Leben von Lesben unterdrücken und bekämpfen und Lesben daran hindern, öffentlich über ihre Existenz zu reden, anstatt sie offensiv in ihrem Kampf gegen patriarchalisch-kapitalistische Gesellschaftsverhältnisse einzubeziehen.“[2]

8. ILIS Internationales Lesbentreffen Genf, FMT, Z217

Die Organisatorinnen stehen bald in der Kritik. Eine Schwarze Frau wundert sich, dass weiße Mittelstandsfrauen aus Amerika und Europa eine Veranstaltung “international“ nennen, an der nur wenige Frauen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und dem Ostblock teilnähmen. Women of Color sind auf der Veranstaltung deutlich in der Unterzahl. Eine Schwarze Teilnehmerin fragt sich angesichts dieser Tatsache, ob sie extra „als exotisches Beiwerk“ eingeladen worden wäre.[3] Viele der Anwesenden weisen den Vorwurf des Rassismus zurück und behaupten, dass ihre Homosexualität Rassismus automatisch ausschließe. Die Organisatorinnen äußern sich gar nicht erst. Trotzdem diskutieren viele Arbeitsgruppen im Verlauf der Veranstaltung weiter über das Thema Rassismus.

Eine Frau mit Gehbehinderung, die als „special guest“ geladen ist, kritisiert die Veranstalterinnen am Ende des Treffens ebenfalls. Sie hat, neben einer Blinden Frau, keine Unterstützung von Seiten der Organisatorinnen erhalten und große Schwierigkeiten beim Zugang zu den Räumlichkeiten erlebt. insgesamt kritisiert sie „das Weltbild der meisten Lesben auf dem Kongreß, das an den Standards von weißen, relativ wohlhabenden, europäischen und gesunden Frauen orientiert sei und alle Abweichungen von dieser Norm an den Rand auch dieser lesbischen ‘Gesellschaft‘ verdränge […].“[4] Trotz oder gerade wegen der Kritik an der Veranstaltung brachte das 8. ILIS Treffen Ergebnisse: Die Gründung eines asiatischen Lesben-Netzwerkes und des 3. world-information network sowie die Veranstaltungsankündigung eines Lesbentreffens in Mexico im Anschluss an die lateinamerikanische Frauenkonferenz im nächsten Jahr.[5]

Lesbenparade 1986, FMT, FB.04.147

16. April
Gründung der Gruppe SAFIA alleinlebende lesbische Frauen im Alter. Lesben organisieren sich, um abseits von Heteronormativität und familiären Netzwerken, im Alter nicht allein zu sein.

29-30. April
Die Erlanger Lesben laden zur „Außerirdisch lesbisch radikalen Krönungsparade“ mit anschließender Disco. Die Aktion will das „Unterschiedliche“ feiern.

16.-19. Mai
„Lust auf München – Lesbenglühn” lautet das Motto 1986, das 600 Lesben zum Lesbenpfingsttreffen nach München lockt. Höhepunkt des Treffens ist eine Lesung von Verena Stefan, der Autorin des Bestsellers „Häutungen“.

Lesbenfest zu Pfingsten, FMT, VAR.01.127

Wie im Jahr zuvor ist S/M ein brisantes, umstrittenes Thema. Die Filmvorführung des S/M-Werkes „Mano destra“ stößt auf heftigen Protest. Das Treffen hat kein festes Programm und Diskussionen kommen nicht in Gang. „Das ganze war mehr Flop, leidlich organisiert, ohne thematische Vorgabe und Zusammenhalt …“[6] Vor allem Diskussionen über politische Gleichberechtigung werden nicht geführt: „…jegliche Auseinandersetzung im Publikum über mögliche Gleichberechtigungsforderungen von Lesben auf Gesetzesebene unterbunden und immer wieder der plumpe Gegensatz von „Jung- und Altlesben“ konstruiert, um das Fehlen einer Lesbenbewegung zu beweisen…?!“[7]

3. Frankfurter Lesben-Ralley

4.-8. Juni
Als Programmteil der Rosa Woche des Frankfurter Schwulenreferats gibt es unter dem Motto „Kultur was das Zeug hält – Lesbenkultur“ eine Lesbenwoche. Neben Lesungen und Ausstellungen werden Vorträge über „Lesbische Frauen in der Weimarer Republik und im Faschismus“ und „Zusammenarbeit der Frauen- und Homosexuellenbewegung 1905-1929“ gehalten.[8] Die Besucherinnen sind eher mäßig begeistert: „Die Möglichkeit kreativ ‚lesbenkultur‘ zu erfinden, auch nach verschiedenen Ausdrucksformen zu suchen, wurde kaum genutzt und übrig blieb nur die Präsentation einzelner Frauen auf der Bühne.“[9]

September
Am 6. September findet die dritte Frankfurter Lesbenrallye statt.

25. Oktober-01. November
Die 2. Berliner Lesbenwoche bietet dem internationalen Publikum „neben Kultur, Kennenlernen und (Hexen)Kost inhaltlich wenig Aufregendes.“[10]

2. Berliner Lesbenwoche, FMT, VAR.01.111

Dezember
Gründung des Vereins ADEFRA (Afro-deutsche Frauen) in Berlin, der sich als Motor für den Schwarzen Feminismus versteht und zugleich die organisierte Schwarze Gemeinschaft initiiert. Die Gründungsfrauen, die sich alle als lesbisch verstehen, wollen mit dem Verein menschliche Bindungen vertiefen. Im gleichen Jahr wird die Organisation ISD (zuerst Initiative Schwarzer Deutscher, mittlerweile Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland) gegründet. Zusammen mit ADEFRA gilt die ISD als Initialzündung einer organisierten Bewegung Schwarzer Menschen in der BRD. Durch die Veröffentlichung von „Farbe bekennen“ entsteht ein „öffentlicher Diskurs über Schwarzsein in Deutschland“.[11]

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[1] Vgl.: Schäfer, Anke: Ein Flugblatt macht Furore. In: Schäfer, Anke; Lahusen, Kathrin [Hrsg.]: Lesbenjahrbuch 1. Rücksichten auf 20 Jahre Lesbenbewegung, Wiesbaden 1995, S. 83-85.

[2] 8. ILIS Internationales Lesbentreffen Genf 1986. Und abends ging’s in den Atombunker… In: Tarantel April/Mai, 1986 (PD.LE.11.04).

[3] Vgl.: Ebd.

[4] Ebd.

[5] Vgl.: Ebd.

[6] Krieger, Hanne: München der Flop. Zum diesjährigen Pfingsten-Lesbentreffen 16.-19. Mai 1986. In: Unsere Kleine Zeitung, 7+8/1986.

[7] Lesbenglühn ’86. In: Primadonna, 1/1986 (PD.LE.11.04).

[8] Vgl.: Flyer Lesbenwoche (PD.LE.11.04).

[9] Hark, Sabine: Kultur was das Zeug hält. Lesbenkultur. Nachbemerkungen zu 1. Frankfurter Lesbenwoche vom 4.6-8.6.86. In: Primmadonna, 2/1986.

[10] Hentschel, Gitti: Spirit, Magic, Politics – Lesben wollen alles. In: taz vom 03.11.1986 (PD.LE.11.04).

[11] Vgl.: Ekpenyong, Ani; Eding, Jasmin; Eggers, Maisha; Kinder, Katja: Piesche, Peggy: Transformationspotentiale, kreative Macht und Auseinandersetzungen mit einer kritischen Differenzperspektive. Schwarze Lesben in Deutschland. In: Dennert [u.a.]: In Bewegung bleiben.100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben, Berlin 2007, S. 164-167, hier S. 166.

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