Fünfundzwanzig Jahre Kampf für Mutterschutz und Sexualreform

Helene Stöcker, 1930

Liebe Freunde und Mitkämpfer,

fünfundzwanzig Jahre sind vergangen, seit jener denkwürdigen öffentlichen Kundgebung im Architektenhause am 26. Februar 1905 in Berlin, in der Justizrat Dr. Sello, Ruth Bré und ich die Ziele unserer Bewegung zum ersten Male in ihrer Gesamtheit darzulegen versuchten. »Von dem Tage an haben wir eine Mutterschutzbewegung in Deutschland«, schrieb unsere tapfere Mitgründerin und Mitkämpferin Maria Lischnewska von ihr. Ein solcher Zeitabschnitt – ein Vierteljahrhundert – rechtfertigt es vielleicht einen Augenblick stille zu stehen und den zurückgelegten Weg zu überschauen – sich der Situation zu entsinnen, aus der heraus die Arbeit überhaupt entstanden ist.

Um die Jahrhundertwende mit den wachsenden Bildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten für die Frau – im Frühjahr 1896 eröffneten sich ihr die deutschen Universitäten – entstand in der jüngeren Frauengeneration auch das Bedürfnis, ihr Verhältnis zum Mann und zum Kinde, zu Liebe, Ehe und Mutterschaft aufs neue zu ordnen. Sie wollte sich nicht mehr mit der ein wenig herablassenden Neutralität den Liebesproblemen gegenüber, wie die offiziellen Führerinnen der Frauenbewegung sie bis dahin zeigten, zufrieden geben. In der Zeitschrift »Frauenrundschau«, deren Redaktion ich zum Januar 1903 nach kurz zuvor beendetem Studium übernahm, versuchte ich gerade diese Probleme in den Mittelpunkt zu stellen. Es erschien mir – wie das Programm es u. a. formulierte – als Ziel: »die Trennung und Entfremdung zwischen den Geschlechtern vermindern zu helfen, die Frau von der Erbitterung gegen den Mann, den Mann von der Geringschätzung gegenüber der Frau zu befreien, beide zur Anerkennung ihrer wechselseitigen Vorzüge zu führen und so die Versöhnung der Gegensätze zu erreichen, welche mir als die höchste Blüte der Kultur galt und gilt«. Mein Hinweis – und meine Zustimmung zu ihm – auf das soeben erschienene Werk von Edward Carpenter. »Wenn die Menschen reif zur Liebe werden«, erregte so starke Entrüstung unter den bürgerlichen Frauenrechtlerinnen, daß sie meine Entfernung aus der Redaktion nach einem Jahr erzwangen.

Der »Verband fortschrittlicher Frauenvereine«, dessen Vorstand außer Frau Minna Cauer, Dr. Anita Augspurg, Lida Gustava Heymann, Maria Lischnewska und ich angehörten, ließ auf seiner Herbsttagung 1903 in Hamburg das Problem der außerehelichen Mutterschaft durch die Juristin Dr. jur. Frida Duensing und mich erörtern. »Es war eine Tat, daß zum erstenmal auf einer großen Frauentagung diese Frage mit solchem Ernst und mit Sittlichkeit und Würde erörtert wurde«, bekannte man hernach in Diskussion und Presse. Maria Lischnewska und ich versuchten zunächst, innerhalb des »Verbandes fortschrittlicher Frauenvereine« dem Studium all dieser Probleme Raum zu schaffen. Wir beantragten die Gründung einer besonderen Kommission zum Studium der Liebe, Ehe und Mutterschaftsprobleme. Da man seltsamerweise das Problem mit der Bekämpfung der Reglementierung der Prostitution – die auch wir erstrebten – für erledigt hielt, so gingen Maria Lischnewska und ich am 30. November 1904 aus der Vorstandssitzung – die unseren Antrag abgelehnt hatte – nach Hause, mit dem festen Entschluß, nunmehr eine eigene unabhängige Bewegung zu schaffen. Ich hatte schon vorher mit Verlegern wegen eines Organs verhandelt, das die in der »Frauenrundschau« begonnene Diskussion fortsetzen sollte.

Zu gleicher Zeit hatte Ruth Bré mit Dr. Walther Borgius über die Gründung einer ähnlichen Bewegung korrespondiert. Sie hatte, als außereheliches Kind, die ganze Schwere der sozialen Ächtung außerehelicher Kinder zu fühlen bekommen und als Lehrerin die ganze Härte des Zölibates. In einem warmherzigen Buch »Das Recht auf die Mutterschaft« hatte sie den alten Gedanken der Ehe nach Mutterrecht wieder aufgenommen. Mir schien im Gegensatz dazu, die Dauergemeinschaft zwischen Mann und Frau, das Recht des Kindes auf beide Elternteile als notwendige Voraussetzung jeder höheren menschlichen Kultur. Daher hatte ich in meinem Referat – September 1903 in Hamburg – neben der Mutterschaftsversicherung den Kampf gegen das Zölibat, gegen die Ächtung des außerehelichen Kindes und seiner Mutter, Reformen des Ehe- und Familienrechtes gefordert, im Sinne einer Fortentwicklung der sogenannten Vaterrechtsehe zu einer Ehe nach Elternrecht, die beiden Teilen die Verantwortlichkeit für jedes Kind, ob ehelich oder außerehelich, auferlegen sollte. Außer in diesem nicht ganz unwichtigen Punkt differierte aber die große Mehrzahl der Gründer und Ausschußmitglieder der Bewegung mit Ruth Bré noch in einigen anderen. Vor allem an ihrem Plan, alle Mütter »auf die Scholle« zu verpflanzen, scheiterte unsere organisatorische Gemeinschaft schon am 26. Februar – also nach etwa 7 Wochen. Die persönliche blieb bis zu ihrem Tode erhalten. Ruth Bré hatte den schönen, treffenden, heute aus unserer Sprache nicht mehr hinwegzudenkenden Namen »Mutterschutz« geprägt. Aber, wie wir sowohl in der konstituierenden Sitzung am 5. Januar 1905, als auch in der öffentlichen Gründungsversammlung am 26. Februar 1905, sofort feststellten: er drückte nicht den ganzen Umfang dessen aus, was uns als Aufgabe und Ziel des Bundes bei seiner Gründung vorschwebte. Wir erstrebten einen »Bund zur Reform der sexuellen Ethik« und haben in Konsequenz dieser Erkenntnis 1911 bei der Gründung einer internationalen Organisation diese »Internationale Vereinigung für Mutterschutz und Sexualreform« genannt, einen Zusatz, den dann auch der Deutsche Bund später annahm. (…)

Wer sich heute erst, oder nach dem Kriege, mit unserer Arbeit und ihren Zielen vertraut gemacht hat, vermag gewiß nicht mehr zu verstehen, wieso unser Versuch, die soziale Ächtung von hilfsbedürftigen Frauen und Kindern zu nehmen, eine reinere, verantwortungsbewußtere sexuelle Sittlichkeit zu schaffen, eine so ungeheuerliche Feindseligkeit erwecken konnte. Heute, wo man durch die Psychoanalyse über die Folgen der Sexualverdrängung besser unterrichtet ist, wirkt es nicht mehr so erstaunlich wie damals. Nicht nur die schwärzeste Reaktion griff uns als »weibliche Apostel des Satans« an. Fast die Gesamtheit der bürgerlichen Frauenvereine – bis auf Minna Cauer und ihre Freunde – ächtete uns. Man lehnte den Anschluß des Bundes für Mutterschutz an den Bund Deutscher Frauenvereine ab, da unsere Ziele, wie man meinte, »nicht dem Volkswohle dienten«. Es dauerte einige Jahre, bis wenigstens Gertrud Bäumer nicht umhin konnte, zu bemerken, daß die Neue Ethik von 1900 mit der Neuen Ethik von 1800 – d.h. von Schleiermachers »Vertrauten Briefen« – sich auf das innigste berühre. Ja, sogar die Einbeziehung der außerehelichen Mütter in eine Mutterschaftsversicherung hielten viele – u.a. der Freiherr von Soden – für eine Gefahr, und sogar Alice Salomon hat anfänglich diese Befürchtung geteilt (siehe Frauenrundschau 1903). Noch 1912 hat uns der Bund Deutscher Frauenvereine von dem Kongreß, der im Anschluß an die Ausstellung »Die Frau in Haus und Beruf« stattfand – ebenso wie unsere Zeitschrift aus der Zeitschriftenabteilung ausgeschlossen, obwohl man »sogar« sozialdemokratische zuließ! Einzelne Ausläufer dieses moralischen Boykotts finden sich sogar noch heute.

(…)

Wer nur an der Arbeit für Sexualreform im engeren Sinne Interesse nimmt, könnte manchmal meinen, diese Aufgabe sei heute erfüllt. Aber inzwischen ist eine Katastrophe über die Menschheit hinweggegangen. Der Weltkrieg mit seiner wahnsinnigen gegenseitigen Zerstörung und Verhetzung hat uns gezeigt: wer eine höhere menschliche Kultur heraufführen will – das war der Sinn unserer Arbeit -, kann sich nicht damit begnügen, nur die persönlichen Beziehungen zwischen Mann und Frau, zwischen Eltern und Kindern auf eine neue Grundlage zu stellen. Er muß zugleich das Verhältnis zwischen den Menschen im allgemeinen einer gründlichen Revision unterziehen. Auch für das soziale Verhältnis, auch für die Beziehungen zwischen verschiedenen Klassen, Rassen und Nationen gilt es, sich selbst im Anderen zu sehen, Glück und Unglück des Anderen zu empfinden als sei es das eigene. Wir haben die Freude sagen zu dürfen, daß die Mehrzahl unserer prägnantesten Führer und Kämpfer für eine höhere Sexualmoral sich auch in der Stunde der Prüfung – beim Ausbruch und während des Weltkrieges – als Vorkämpfer einer höheren menschlichen Moral überhaupt bewährt hat. In unseren Spalten oder in den von uns veranstalteten Versammlungen wurde vom ersten bis zum letzten Tage des Krieges niemals jener einseitig nationalistisch-verblendete, haßerfüllte Standpunkt eingenommen, dem während des Weltkrieges die große Mehrheit der Menschen, leider auch so viele Intellektuelle, verfallen sind. Wir haben im Gegenteil versucht, gegen diesen verhängnisvollen Rückfall in untermenschliche Stadien zu wirken. Der Grundton unserer Bewegung, ihre tiefste Überzeugung auf dem Gebiet der Sexualmoral hat sich in Not und Gefahr auch für das allgemein-menschliche Zusammenleben bewährt: »Nicht mit zu hassen, mit zu lieben sind wir da!« So zogen wir nach beendetem Kriege auch die Konsequenz dieser Vertiefung und Erweiterung unserer Bewegung, als wir uns neue »Richtlinien« gaben und in ihnen »eine Umgestaltung des gesellschaftlichen Lebens als Ziel unseres Strebens« erklären, »in dem nicht mehr das Eigentum, der tote Besitz, wohl aber der Mensch, die lebendige Persönlichkeit Selbstzweck und unantastbar ist«.

Wir erkennen darin zugleich an, »daß die Erhöhung unseres persönlichen Daseins in Liebe, Ehe und Elternschaft sich nur auf dem Untergrund einer Gesellschaft erheben kann, die sich von blutiger Gewalt, von liebloser Unterdrückung anderer Klassen, Rassen oder Geschlechter mehr und mehr befreit«. Wir lehnen »den Krieg als organisierten Massenmord, die Gewalt als Prinzip der Völkerbeziehungen, als den größten Frevel an der Grundlage aller Zivilisation, an der Unverletzlichkeit des Lebens« ab als »Reste einer barbarischen Zeit und als stärkste Hindernisse auf dem Weg zu einer höheren Kultur«.

So sind wir durch die Erfahrungen des Krieges in die Reihen derer getreten, die auch die Völkermoral wie die zwischen den einzelnen Klassen im Innern der Staaten erhöhen und verfeinern wollen, sie vor der Zerstörung durch die staatliche Willkür durch Krieg und Unterdrückung schützen wollen. Vom Mutterschutz sind wir zum Menschenschutz vorgeschritten. Wir wollen nicht nur das werdende, sondern auch das blühende Leben geschützt wissen vor sinnloser Vernichtung. Damit gilt es, alle jene Kräfte in der Welt zu unterstützen, die in dieser Richtung wirken, alle als unheilvoll zu brandmarken und zu bekämpfen, die sich der Erreichung dieses Zieles entgegenstellen.

Aufgaben genug – nicht nur für ein neues Vierteljahrhundert, vielleicht für Jahrhunderte. Wir wissen, der Einzelne vermag wenig gegenüber den wirtschaftlichen Kräften. Und doch! Wenige klardenkende mutige Einzelne vermögen allmählich das Gesicht der Erde, die Art des menschlichen Zusammenlebens zu verändern im guten, wie im bösen Sinne. Tausendmal haben wir das in der Geschichte erfahren. Auch der überzeugteste Marxist – und wir in unserer Bewegung sind wohl mehr freie Sozialisten, ethische Sozialisten im Sinne unserer englischen Gesinnungsfreunde, der Unabhängigen Arbeiterpartei -, auch der Marxist weiß, daß ohne die Persönlichkeit Lenins z. B. der Ausgang der russischen Revolution vermutlich ein anderer gewesen wäre. So darf es uns auch nicht schrecken, daß wir eine Minorität sind. Wir waren nie eine Massenbewegung und können es wohl auch – dem Charakter unserer Bewegung entsprechend als Protest gegen leere Konventionen – gar nicht sein. Wir müssen als eine Minderheitsbewegung unseren eigentlichen Sinn erfüllen. Aber eben deshalb dürfen wir doch vielleicht das schöne Wort von Carlyle in Anspruch nehmen: »Ehre den kleinen Gruppen, wenn sie nur echt sind. Ihr Kampf ist manchmal hart, aber immer siegreich wie der Kampf der Götter.«

Auch viele unserer ehemaligen Gegner gestehen heute, daß ein großer Teil dessen, was wir zuerst erstrebten, heute anerkannt oder verwirklicht sei. Ich erinnere nur an die größere Zahl von Mütterheimen, Mütterberatungsstellen, an die teilweise Abschaffung des Zölibates der Beamtinnen, an die Reichswochenhilfe, die doch zumindest ein Schritt auf dem Wege zu der von uns erstrebten umfassenderen Mutterschaftsversicherung und Kinderrente ist. Ich erinnere an den Artikel 121 der deutschen Verfassung, der den außerehelichen Kindern die gleichen Entwicklungsmöglichkeiten zu sichern verspricht wie den ehelichen. Denken wir ferner an die gänzlich veränderte Bewertung der außerehelichen Liebesbeziehungen zwischen Mann und Frau, an die Milderung des § 218, an die Tatsache, daß schon die weitblickenden Leiter von Krankenkassen die Frauen in den Geburtenverhütungsmethoden unterweisen lassen und vieles andere mehr. Wir wissen, wieviel auch da noch zu tun bleibt; aber eine Entwicklung zum Besseren ist auch vom ärgsten Pessimisten nicht zu leugnen.

Und so wollen wir an diesem Gedenktag des ersten Vierteljahrhunderts unserer Arbeit sagen: Wenn in abermals 25 Jahren die allgemeine Moral, die Antikriegsmoral sich in gleichem Grade verändert hat wie die sexuelle Moral in dem jetzt hinter uns liegenden Abschnitt – wenn wir uns im gleichen Maße einer höheren Form des allgemein menschlichen Zusammenlebens zu nähern vermochten, wie es in bezug auf die Geschlechtermoral inzwischen der Fall war -, dann – ja dann dürfen wir bekennen, daß alle unsere Mühe und Arbeit – nicht vergebens gewesen ist. Und es war unsagbar viel Mühe und Arbeit – wie man vielleicht in diesem Augenblick einmal sagen darf. Zu einem solchen Leben hätte man dann wohl den Mut zu sagen: »Es sei wert, ewig gelebt zu werden. Wohlan, noch einmal!«

(Textauszug aus: Stöcker, Helene (1930): Fünfundzwanzig Jahre Kampf für Mutterschutz und Sexualreform. – In: Frauen und Sexualmoral. – Janssen-Jurreit, Marielouise [Hrsg.]. Frankfurt/M. : Fischer-Taschenbuch-Verl., 1986, S. 268 – 274; Ausführlicherer Text in: Die Neue Generation, Nr. 3/4, 1930, S. 47 – 55)

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