Social Media Beitrag vom 01.05.2026
„Eine Mark mehr!“ 🪧🪙 Mit diesem Ruf begann im August 1973 einer der bedeutendsten Arbeitskämpfe der westdeutschen Nachkriegsgeschichte. Zum Tag der Arbeit erzählen wir euch seine Geschichte:

Im August 1973 legten rund 2.000 Arbeiterinnen beim Autozulieferer Pierburg in Neuss die Arbeit nieder. Die meisten von ihnen waren sogenannte Gastarbeiterinnen aus Griechenland, Italien, dem (ehem.) Jugoslawien und der Türkei. Sie forderten nicht nur mehr Lohn, sondern Respekt und Gerechtigkeit. Ihre körperlich schwere Fließbandarbeit war in die sogenannte Leichtlohngruppe II eingestuft. Diese Kategorie galt offiziell für „leichte Tätigkeiten“. Faktisch bedeutete sie: Frauenarbeit gleich Niedriglohn.


Als die Frauen sich zusammenschlossen und „Eine Mark mehr für alle!“ forderten, begann ein „wilder Streik“, d.h. selbstorganisiert, ohne gewerkschaftliche Führung. Die IG Metall, damals von deutschen Männern dominiert, reagierte zunächst zögerlich. Doch als auch die deutschen Kollegen solidarisch die Arbeit niederlegten und das Werk stillstand, musste die Gewerkschaft handeln. Nach fünf Tagen gaben Geschäftsleitung und IG Metall nach. Die Leichtlohngruppe II wurde abgeschafft – ein bedeutender Erfolg für Lohngerechtigkeit und die Anerkennung migrantischer Frauen als politische Akteurinnen.


Der Pierburg-Streik war Teil eines breiteren Aufbegehrens im Streikjahr 1973, das vor allem von MigrantInnen getragen wurde. Nur Wochen zuvor z.B. hatten tausende Arbeiter (hier überwiegend türkische Männer) im Ford-Werk Köln einen wilden Streik begonnen. 1973 markiert damit eine Transformation in der deutschen Arbeitsgeschichte, denn migrantische Beschäftigte organisierten sich selbstbestimmt und sichtbar. ♀️


Im Bestand des FMT finden sich zahlreiche Materialien zu diesem Kapitel feministischer Arbeitsgeschichte, wie z.B. Presseberichte aus den 1970ern (PD-AR.10.01), oder der Aufsatz von Barbara Schleich in „efa“ (1974/4) über das Ende der Leichtlohngruppen. Bis heute erinnert der Pierburg-Streik daran, dass Gleichberechtigung und faire Arbeit immer (weiter) erkämpft werden müssen.



🔗Rosa-Luxemburg-Stiftung NRW: Materialien zu spontanen Streiks und migrantischen Arbeitskämpfen
🔗DOMiD: Wilde Streiks 1973
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01.05.2026