Zwischen Objektivität & Konstruktion

Social Media Beitrag vom 25.09.2026

Wie neutral können wir Geschichte überhaupt rekonstruieren? 👓📜


In unserem letzten Beitrag haben wir über Metanarrative gesprochen und wie Euro- und Androzentrismus unseren Blick verzerren. In Teil (4) unserer #Feministory-Reihe tauchen wir tief in ein zentrales Spannungsfeld ein: das Ringen um Objektivität und die Konstruktion von Geschichte.

Innerhalb der Geschichtstheorie stehen sich zwei fundamentale wissenschaftliche Positionen gegenüber. Auf der einen Seite steht das Ideal der Objektivität. Geprägt durch Leopold von Rankes methodisches Postulat, Geschichtswissenschaft solle bloß zeigen, „wie es eigentlich gewesen“ sei, vertraut diese Position auf die rigide, quellenkritische Arbeit am Material. Das Ziel: Die Vergangenheit durch akribische Quellentreue unverfälscht aus sich selbst heraus verständlich zu machen.

Auf der anderen Seite steht die Position des Konstruktivismus: Sie betont, dass historische Fakten zwar real sind, geschichtliche Erzählungen jedoch erst im Geist der Forschenden entstehen – geprägt durch Quellenauswahl, Fragestellungen und theoretische Vorannahmen.

Feministische Geschichtswissenschaft muss sich hierbei zweier methodischer Denkfallen bewusst sein:

1. Präsentismus: Die unbewusste Neigung, vergangene Epochen an heutigen Werten und Moralvorstellungen zu messen.

2. Anachronismus: Das fehlerhafte Importieren moderner Begriffe und Konzepte in Zeiten, die diese nicht kannten (z. B. der Begriff „Homosexualität“, der erst 1869 durch Karl Maria Kertbeny aufkam).


Doch hier zeigt sich ein methodisches Paradox: Kontrolliert eingesetzt, kann ein moderner Begriff als heuristisches Werkzeug dienen, um Vergessenes sichtbar zu machen. Warum wir beim retroaktiven Labeling (z. B. bei den androgynen Looks der 1920er-Jahre) dennoch methodisch sehr vorsichtig sein müssen, um Quellen nicht zu verfälschen, erfahrt ihr mit Beispielen auf den Kacheln.

Gute Wissenschaft muss dieses Dilemma produktiv aushalten: das unermüdliche Streben nach Quellentreue gepaart mit der Reflexion der eigenen Gegenwart.

👇 Welche modernen Begriffe empfindet Ihr als besonders knifflig? Ab in die Kommentare!

#geschichtswissenschaft #geschichtstheorie #anachronismus #genderhistory





Zurück zur Übersicht

Diese Webseite verwendet Cookies.

Weitersurfen bedeutet: Zustimmung zur Cookie-Nutzung.

Mehr Informationen

OK