Frauenarbeit – Frauenbefreiung

Beim Erscheinen des Buches 1973 war Hausarbeit noch qua Gesetz Frauensache, unbezahlt, versteht sich. Als Lohn sollte – so das gesellschaftliche Versprechen – die Liebe dienen. Vielen Frauen fällt es bis heute schwer, den „Liebesdienst“ an der Familie als Arbeit wahrzunehmen. Das Ergebnis: Eine Ökonomie, die auf Millionen unbezahlter Arbeitsstunden beruht, die Frauen zusätzlich zur Erwerbsarbeit leisten. Die Debatte darum ist hier nachzulesen.

Als erste in der BRD benannte die Journalistin Alice Schwarzer in ihrem 1973 erschienenen Buch Frauenarbeit – Frauenbefreiung (1985 neu aufgelegt unter dem Titel Lohn: Liebe) das enorme Ausmaß der Gratisarbeit, die Frauen in Form von Haus- und Familienarbeit leisteten. Sie zitierte eine Studie der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, der zufolge Frauen 45 bis 50 Milliarden Stunden jährlich an Hausarbeit erbrachten. Das entsprach in etwa der Anzahl der gesamtgesellschaftlich geleisteten Lohnarbeitsstunden.

Gleichzeitig wies sie auf die Bedeutung von Berufstätigkeit als fundamentale Voraussetzung für die Befreiung der Frauen hin: Sie sei die Voraussetzung für die relative Unabhängigkeit der Frau – auch vom Ehemann.

In einem weiteren Schritt analysierte Schwarzer die Fallstricke dieser Erwartungen, die an die Frauen der 1970er Jahre herangetragen wurden: „Es wäre zynisch, Frauen, die die unentlohnte Haus- und Erziehungsarbeit leisten, zur zusätzlichen Erwerbsarbeit zu ermutigen, ohne sie gleichzeitig vor der modernen KKK-Idylle (Kinder – Küche – Konsum) zu warnen.“[1] Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Notwendigkeit der Frauenerwerbstätigkeit als Reservearmee des Arbeitsmarktes längst bis zur CDU herumgesprochen.

Im westeuropäischen Ausland und den USA diskutierten feministische Gruppen bereits seit 1972 über einen sogenannten „Lohn für Hausarbeit“. In der BRD griff die Politik die Idee ebenfalls auf. Vor allem die CDU erwärmte sich für diese Möglichkeit, Frauen die Hausfrauenehe wieder schmackhaft zu machen – für eine Art Taschengeld. Diskutiert wurde die Initiative auch von Teilen der deutschen Frauenbewegung.

In der Zeitschrift Pardon warnte Alice Schwarzer bereits 1974 vor einer „Hausfrauen-Renaissance“ sowie den Fallstricken des diskutierten „Hausfrauenlohns“, der als „ein als Lohn kaschiertes Almosen“ die Arbeitsteilung der Geschlechter festschreiben würde: Männer in der Welt und Frauen im Haus.[2] Und das genau zu einem Zeitpunkt, zu dem bereits 90 % der Hausfrauen zumindest zeitweise berufstätig waren. Eine Lösung sei die Forderung nach einer gerechten Verteilung der Reproduktionsarbeit. Denn wieso, so schließt der Text, sollte „ein Mensch mit Vagina eigentlich qualifizierter für’s Windelwaschen und Tellerspülen und Trösten sein als ein Mensch mit Penis?“ Das Fernziel, so formuliert es Schwarzer in Frauenarbeit – Frauenbefreiung, sei die Teilzeitarbeit für beide Geschlechter. Ein Großteil der Sorgearbeit solle außerdem durch den Staat organisiert und von Männern wie Frauen zu gleichen Teilen erledigt werden, also zum Beispiel durch Großküchen und Kinderkrippen.

1977 kam die „Lohn für Hausarbeitskampagne“ noch einmal auf den Tisch, während Familienrechtsreform in Kraft tat und die Verpflichtung der Frauen zur Haushaltsführung abschaffte. Gleichzeitig kämpften auch die Arbeiterinnen für gerechte Löhne und gleichberechtigte Arbeitsbedingungen, so zum Beispiel die sogenannten „Heinze-Frauen“, die 1979 in einem Prozess gleichen Lohn für gleiche Arbeit erstritten.

In den folgenden Jahrzehnten fielen dank zahlreicher feministischer Initiativen nach und nach die gesetzlichen Hürden zur Gleichberechtigung auf dem Arbeitsmarkt. Bis heute aber bestehen informelle Hürden bei Lohn und Karriere. Und ein ökonomisches System, das nach wie vor auf millionenfach unbezahlter Arbeit beruht, die hauptsächlich von Frauen geleistet wird.

Mehr zum Thema

Schwarzer, Alice (Hg.): Frauenarbeit – Frauenbefreiung: Praxisbeispiele und Analysen, Frankfurt a.M. 1973,

[1] Schwarzer, Alice: Vorwort, in: dies.: Frauenarbeit – Frauenbefreiung: Praxisbeispiele und Analysen, Frankfurt a.M. 1973, S. 7 – 8.)

[2] Schwarzer, Alice: Nehmt euch in acht vor dem Hausfrauenlohn!, in: Pardon; Heft 9, Sept. 1974, S. 26 – 27.

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