Kunst trifft Geschichte: Gemeinsam mit dem LVR-Landesmuseum Bonn begrüßen wir dieses und nächstes Jahr Maria Trabulo zur Künstlerinnen-Residenz im FMT-Archiv. Während ihres Aufenthalts wird sie sich auf die ihr unverwechselbare Weise mit den Beständen beider Archive auseinandersetzen.


Die Residenz findet im Rahmen des Programms Artist Meets Archive #5 (AMA) statt.
Künstlerische Praxis und bisherige Arbeit
Trabulo (*1989) lebt und arbeitet in ihrer Heimatstadt Porto und in Berlin. Sie versteht sich als bildende Künstlerin und Forscherin; diese Doppelrolle prägt ihre gesamte interdisziplinäre Arbeit an den Schnittstellen von bildender Kunst, Geschichte und Soziologie. Sie nutzt Installationen, Fotografie, Skulptur, Video und Sound, um die Mechanismen kollektiven Erinnerns und Vergessens wissenschaftlich fundiert zu untersuchen. Sie interessiert sich dabei besonders dafür, wie politische Umbrüche, Konflikte und gesellschaftliche Transformationen die Bewahrung oder Zerstörung von kulturellem Erbe beeinflussen und wie dadurch geschichtliche Überlieferung geformt wird. Dabei setzt sie sich auch für die Rettung und Restituierung gefährdeter Artefakte ein.
Internationale Aufmerksamkeit erlangte Trabulo unter anderem durch langfristig angelegte Rechercheprojekte in Krisenregionen und über Krisenzeiten. Hier eine Auswahl:
„Wake up the Statues“ (ab 2017/2018)
In Zusammenarbeit mit europäischen und westasiatischen Institutionen sowie NGOs untersuchte Trabulo das kollektive Vergessen anhand von Artefakten, die während des syrischen Bürgerkriegs aus Archiven und Museen verschwanden. Die Rekonstruktion unvollständiger Bilddaten in physische Objekte wurde unter anderem in der Towards Gallery in Toronto (2021) präsentiert.
„The Reinvention of Forgetting“ (2018) & „Fragile Stones“ (2022/23)
Diese Arbeiten setzen sich mit der Materialität von Erinnerung und dem bewussten gesellschaftlichen Vergessen auseinander. Sie wurden unter anderem im Serralves Museum für zeitgenössische Kunst in Porto sowie in der Galeria Presença gezeigt.
„The Spared Museum“ (2024)
Dieses vielbeachtete Projekt wurde im Rahmen der Frieze Art Fair in London sowie während ihrer Residenz an der Cité Internationale des Arts in Paris gezeigt. Es untersucht die Fragilität von Museumssammlungen und den Schutz von Kulturgütern in Krisenzeiten.
Institutionelle Kooperationen und Präsenzen: Trabulo blickt auf Zusammenarbeiten mit Institutionen wie den Staatlichen Museen zu Berlin, der Kunsthalle Wien, dem MAAT Museum in Lissabon sowie der EIB Foundation in Luxemburg zurück. Frühe institutionelle Verankerungen im deutschen Raum umfassen zudem Ausstellungen im Karat in Köln (2013) und im Super Tokonoma in Kassel (2012).
Gründungen und Auszeichnungen: Die Künstlerin gründete in Porto die unabhängigen Kultur- und Ausstellungsräume Expedição (2013) und In Spite Of (2018). Ihre künstlerische Arbeit wurde außerdem bereits mit bedeutenden Preisen ausgezeichnet, darunter dem Novo Banco Revelação Prize (2018, Serralves Museum) und dem Norberto Fernandes Award (2024, Altice Foundation). Zudem war sie 2022 für den Young Artists Award der EDP Foundation im MAAT Lissabon nominiert.


Ihre laufenden Projekte und visuellen Einblicke in ihre Arbeit dokumentiert die Künstlerin auf ihrer offiziellen Website sowie über ihren Instagram-Kanal @mariatrabulo.
Ausbildung und Qualifikationen
Außerdem verfügt sie über einen vielseitigen, international ausgerichteten akademischen Hintergrund, der das Fundament für ihre forschungsbasierte Arbeitsweise bildet:
Bachelor in Bildender Kunst: Ihr grundständiges Studium im Fach Freie Kunst (Schwerpunkt Malerei) absolvierte sie bis 2012 an der Faculdade de Belas Artes da Universidade do Porto (FBAUP) in Portugal. Während dieser Zeit erweiterte sie ihren Horizont durch einen Auslandsaufenthalt an der Iceland Academy of the Arts in Reykjavík.
Interdisziplinärer Master: Anschließend vertiefte sie ihre Praxis in Österreich und erwarb einen Master-Abschluss (MFA) im forschungsorientierten Studiengang Art & Science an der Universität für angewandte Kunst Wien. Dieses Studium wurde durch ein Stipendium der renommierten Calouste Gulbenkian Foundation unterstützt.
Aktuelle Promotion: Ihre akademische Laufbahn setzt sie derzeit als Doktorandin und PhD-Anwärterin an der School of the Arts der Universidade Católica Portuguesa (UCP).
Das Residency-Projekt – Fokus Angela Neuke
Während ihres Aufenthalts in Deutschland im Sommer 2026 widmet sich Maria Trabulo dem umfangreichen Werk der deutschen Fotografin Angela Neuke (1943–1997). Neuke gilt als prägende Vertreterin des sozialkritischen Bildjournalismus nach 1960. Sie dokumentierte die gesellschaftliche und politische Lebenswelt der Bundesrepublik bis in die 1990er-Jahre mit einem dezidiert politisch ausgerichteten und feministischen Blick. Ihre Arbeiten wurden regelmäßig in Medien wie EMMA oder Brigitte publiziert.

Die Recherche der Künstlerin erstreckt sich über zwei Standorte, die unterschiedliche Teilbestände des fotografischen Erbes von Neuke bewahren:
1) Das LVR-Landesmuseum Bonn hütet den zentralen Nachlassbestand der Fotografin und bereitet für Mai 2027 eine umfassende Einzelausstellung vor.
2) Der FrauenMediaTurm Köln verwahrt in seinen Archivbeständen zahlreiche zeithistorische Fotografien Neukes, darunter Dokumentationen der ersten feministischen Demonstrationen gegen Gewalt an Frauen und Mädchen aus den 1970er-Jahren.
Die Bestände beider Institutionen dienen Trabulo als Materialbasis, um die (Foto-)Geschichtsschreibung aus einer zeitgenössischen, feministischen Perspektive zu analysieren. Die Ergebnisse dieser künstlerischen Archivrecherche werden im Rahmen des Festivals der Internationalen Photoszene Köln im Jahr 2027 in einer Ausstellung öffentlich präsentiert.