Neue Frauenbewegung: Kunst & Fotografie

In Deutschland durften Frauen überhaupt erst ab 19191 an die Kunsthochschulen. Vorher mussten Künstlerinnen im Ausland (vorwiegend Paris) studieren, Privatunterricht nehmen (wie Gabriele Münter bei Wassily Kandinsky) oder in Eigenregie sogenannte Damenakademien gründen (z.B. in Berlin und München). Noch bis in die 1970er-Jahre galten Frauen in der Kunst vor allem als Musen. Die Spuren der Künstlerinnen, die es in den Jahrhunderten zuvor gegen alle Widerstände dennoch geschafft hatten, Kunst zu machen, waren ganz verweht bzw. mussten mühsam wieder freigelegt werden. Das taten Feministinnen ab Mitte der 70er-Jahre.

© Ulrike Rosenbach, Art is a criminal action
Ulrike Rosenbach, 1968

Ende 60er-/Anfang 70er-Jahre

Die ersten Künstlerinnen provozieren mit feministisch geprägten Werken. Sie tun das vor allem in Performances und Videos, in denen sie die Geschlechterrollen mit dem eigenen Körper thematisieren: Wie Linda Benglis mit ihrer provokanten Penis-Skulptur in Self (1970), Ulrike Rosenbach in ihrem Presley-Zitat Art is a criminal Action (1968) oder Valie Export in ihrem Tapp- und Tastkino (1968) oder ihrer Aktionshose (1969). Die Künstlerinnen stoßen damit nicht nur der Kunstszene auf Unverständnis, sondern nicht selten auch in der Frauenbewegung.

1971

Pär Henning, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3033634
Niki de Saint Phalle, Nana, 1974

Why Have There Been No Great Women Artists? fragt die amerikanische Kunsthistorikerin Linda Nochlin 1971 provokant in einem Essay, das als Auftakt feministischer Kunstwissenschaft gilt.

1974

Am Leibnizufer in Hannover werden drei Nanas von Niki de Saint Phalle aufgestellt. Mit den farbenfrohen, monumentalen Frauenfiguren wird die französische Künstlerin auch in Deutschland bekannt. „Mit ihrer Parole ‚Alle Macht den Nanas‘ griff Niki de St. Phalle die in der Luft liegenden Ideen der Frauenbewegung auf.“2

1975

1972 beginnt VALIE EXPORT die Konzeption der Ausstellung MAGNA.Feminismus: Kunst und Kreativität. Ein Überblick über die weibliche Sensibilität, Imagination, Projektion und Problematik, suggeriert durch ein Tableau von Bildern, Objekten, Fotos, Vorträgen, Diskussionen, Lesungen, Filmen, Videobändern und Aktionen3, die im März und April 1975 in der Wiener Galerie nächst St. Stephan gezeigt wird. Die Ausstellung kann sich gegen eine „höchst konservative staatlich organisierte Ausstellung zum ‚Jahr der Frau‘ abgrenzen“ und mit täglichen BesucherInnenzahlen von 200-250 Personen überzeugen.4

© Valie Export: Tapp- und Tastkino, 1968
Valie Export, 1968

Dezember 1975

Mit der Performance Permanente Demonstration in der Darmstädter Galerie Kunstwerkstatt wird die feministische Künstlerin Annegret Soltau zu einer Pionierin der sogenannten Body-Art. Im gleichen Jahr entwickelt Soltau die Methode der ‚Fotovernähung‘ – eine Art Fotocollage mit Nadel und Faden. Im Zentrum ihres Werkes steht die stetige Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper- und Selbstbild: „Mein zentrales Anliegen ist, körperliche Prozesse in meine Bilder miteinzubeziehen, um Körper und Geist als gleichwertig zu verbinden.“5

© Annegret Soltau, http://www.annegret-soltau.de/de/galleries/selbst-1975-76
Soltau, Fotovernähung 1975/76

1976

Unter dem Titel Photographie und Gesellschaft6 erscheint die deutsche Übersetzung der erweiterten Neuauflage von Gisèle Freunds kunstsoziologischer Dissertation, die als „Meilenstein in der Erforschung der modernen Bildkultur“7 gilt. Die deutsch-französische Fotografin und Fotohistorikerin ist assoziiertes Mitglied der Agentur Magnum und vor allem durch Ihre Porträts berühmter Intellektueller des zwanzigsten Jahrhunderts (darunter auch Virginia Woolf und Simone de Beauvoir) bekannt.  Ab 1968 wird Freund mit großen Einzelausstellungen als Fotokünstlerin gewürdigt und ab Mitte der 1970er-Jahre – spätestens seit der documenta 6 in Kassel 1977 – erfreut sie sich besonderer Beliebtheit in Deutschland.8

Zusammen mit Anne Sutherland Harris kuratiert Linda Nochlin die Ausstellung Women Artists: 1550-1950 im Los Angeles County Museum of Art. Präsentiert und dokumentiert werden erstmals 150 Werke von 83 teils bis dahin noch unbekannten Künstlerinnen aus 400 Jahren.9 Von der feministischen Kunsttheoretikerin und Kuratorin Lucy R. Lippard erscheint in Toronto ein Essay mit dem Titel From the center: feminist essays on women’s art.10

Elles at Centre Pompidou : women artists in the collection of the Musée National d'Art Moderne, Centre de Création Industrielle (2009). - Paris : Éd. du Centre Pompidou (FMT-Signatur KU.17.511)
Plakat „Elles at Centre Pompidou“

Nach ihrer Rückkehr aus den USA gründet Ulrike Rosenbach in Köln eine Schule für kreativen Feminismus und startet einen Aufruf in feministische Zeitschriften. Im Frühjahr 1977 trifft sich die Arbeitsgruppe erstmals und 1980 erscheint ein 50-seitiger Katalog über dieses „Beispiel einer autonomen Kulturarbeit“.11

1977

Die Malerinnen Sarah Schumann, Evelyn Kuwertz und fünf weitere Frauen der Arbeitsgruppe Frauen in der Kunst des Westberliner Kunstvereins Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) präsentieren im Schloss Charlottenburg die Ausstellung Künstlerinnen international: 1877 – 1977 mit über 500 Werken von 182 Künstlerinnen, unter anderem Hannah Höch, Meret Oppenheim und Eva Hesse. Intention der Ausstellungsmacherinnen ist es, zu „untersuchen, ob es in der Kunst Inhalte gibt, die als frauenspezifisch anzusehen sind, und inwieweit innerhalb unseres männerbestimmten Kunstbetriebs Beispiele zu finden sind, wo es Künstlerinnen gelungen ist, diese Inhalte zu vermitteln.“12

Plakat zur Ausstellung "Künstlerinnen international" (FMT-Signatur: PT.1977-01)
„Künstlerinnen international“, 1977

In Berlin erscheint die erste Kassandra: Feministische Zeitschrift für die visuellen Künste.13

1978

Die Künstlerin Ebba Sakel eröffnet am 15. Januar die erste Frauengalerie (Galerie Andere Zeichen) in der Berliner Bleibtreustraße.14

1979

In der Ausstellung Künstlerinnen International werden auch Werke der britischen Fotografie-Pionierin Julia Margaret Cameron (1815-1879) in Deutschland gezeigt. Vier Jahre später, im März 1979 – genau hundert Jahre nach dem Tod der Fotografin – wird für das Porträt Stella (1867) von Julia Margaret Cameron im Londoner Auktionshaus Sothebys der höchste Preis erzielt, der je für eine Fotografie gezahlt wurde.15

© Judy Chicago Externer Link: Website von J. Chicago
Künstlerin Judy Chicago

Nach sechsjähriger Vorbereitung wird im San Francisco Museum of Modern Art erstmals Judy Chicagos Rauminstallation Dinner Party präsentiert. Die Installation würdigt mythische und historische Frauengestalten von der Frühgeschichte bis ins zwanzigste Jahrhundert.  An einer dreieckigen Tafel ist für 39 Vertreterinnen der Frauengeschichte je ein Platz mit einem eigens für sie gestalteten Keramikteller gedeckt, dessen Gestaltung das Vulva-Motiv variiert. Das kulturelle Erbe von Frauen wird durch 999 Frauennamen symbolisiert, die auf Porzellanfliesen eingeschrieben den Boden der Installation bilden. Neben der Repräsentation weiblicher Kulturgeschichte hat Judy Chicago mit Dinner Party die Absicht, das weiblich konnotierte und geringer geschätzte Kunsthandwerk (Textilarbeiten, Keramik und Porzellanmalerei) mit der männlich dominierten, so genannten Hochkunst gleichzusetzen. In Deutschland wird die Dinner Party 1987 in der Kunsthalle Schirn in Frankfurt am Main gezeigt.16 Seit 2007 ist Dinner Party dauerhaft im Brooklyn Museum, New York zu sehen.

Greer, Germaine (1980): Das unterdrückte Talent : die Rolle der Frauen in der bildenden Kunst. – Berlin (u.a.): Fischer (FMT-Signatur KU.17.NA.008)
Das unterdrückte Talent

Germaine Greer veröffentlicht Das unterdrückte Talent: die Rolle der Frauen in der bildenden Kunst (1979 eng./1980 dt.).17 Die Studie gilt bis heute als Standardwerk zum Thema (zur Rezension von Linda Nochlin). Die in London lebende Australierin war 1979 mit ihrem Bestseller Der weibliche Eunuch18 zu einer der Stimmen des internationalen Feminismus geworden.

1980

Parallel zur Weltkonferenz der United Nations Decade for Women findet vom 14.-30. Juli 1980 in Kopenhagen das International Festival of Women Artists statt. Künstlerinnen aus mehr als 30 Ländern treffen sich zum kreativen Austausch.19 Die Malerin Maria Lassnig kehrt aus den USA zurück, um eine Professur an der Wiener Hochschule für angewandte Kunst anzutreten. Sie wird damit die erste Professorin für Malerei an einer Akademie im deutschsprachigen Raum.

Cindy Sherman, Quelle: Emma (FMT-Signatur: FT.03.1064)
Künstlerin Cindy Sherman

Ab Anfang der 1980er-Jahre wird die Fotokünstlerin Cindy Sherman international bekannt. Ihre Methode: Sie stellt selbst die Frauenrollen ihrer Zeit dar, von der braven Hausfrau bis zur ermordeten Frau. Sherman sensibilisiert mit ihrer Arbeit den Blick auf die Frauenrollen und prägt die ihr nachfolgenden Künstlerinnen.

1981

In Bonn wird am 2. Mai 1981 das weltweit erste Frauenmuseum gegründet. Mitbegründerin und Leiterin ist Marianne Pitzen. Ziel des Museums ist es, „die Kunst der Frauen zu fördern und in der Kunstgeschichte zu verankern“.20 Im gleichen Jahr entsteht in Washington D.C. / USA das National Museum of Women in the Arts (NMWA), gegründet von Wilhelmina Cole Holladay and Wallace F. Holladay auf Basis ihrer persönlichen Kunstsammlung aus über zwanzig Jahren. Beide Frauenmuseen existieren bis heute.

1982

Frauen, Kunst, Wissenschaft : Halbjahreszeitschrift. - Marburg: Jonas-Verlag. (FMT-Signatur: Z-F042: 1987-1))
Erstausgabe FKW, 1987

Unter dem Motto Frau – Kunst – Gesellschaft – kritische Wissenschaft findet an der Universität Marburg vom 22. bis 24. Oktober 1982 die erste Kunsthistorikerinnen-Tagung  statt und bildet den Auftakt einer feministisch orientierten Kunstgeschichte im deutschsprachigen Raum.21

In Berlin, Hannover und Hamburg werden erstmals in Deutschland die Werke der mexikanischen Malerin Frida Kahlo zusammen mit den Fotografien von Tina Modotti gezeigt. Kuratiert wurde die Ausstellung von der seit 1975 bekannten feministischen Filmtheoretikerin Laura Mulvey und ihrem Mann Peter Wollen.22

1985

In New York tritt die anonyme Künstlerinnengruppe Guerilla Girls mit ihren Gorillamasken in Aktion. Sie protestiert mit Plakataktionen gegen den Ausschluss von Frauen und ‚Nichtweißen‘ im Kunstbetrieb.  Mit viel Humor und Subversivität verstehen sich die Guerilla Girls als feministisches „Gewissen der Kunstwelt“.23 Sie sind bis heute in Aktion.

1986

Das Verborgene Museum, Bd. 1: Dokumentation der Kunst von Frauen in Berliner öffentlichen Sammlungen. - Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) [Hrsg.]. Berlin : Ed. Hentrich. (FMT-Signatur: KU.17.377-Bd.1)
Das Verborgene Museum
In Berlin wird der Verein Das Verborgene Museum e.V. gegründet. Ziel der beiden Malerinnen und Initiatorinnen Gisela Breitling und Evelyn Kuwertz ist die Sichtbarmachung der Kunst von Frauen, insbesondere jener Künstlerinnen, die aus verschiedensten Gründen in Vergessenheit geraten sind. Das Verborgene Museum versteht sich selbst als „die weltweit einzige Einrichtung, die sich programmatisch um die öffentliche Präsentation und wissenschaftliche Aufarbeitung der Lebenswerke von Künstlerinnen zurückliegender Jahrhunderte bzw. nicht mehr aktiv tätiger Künstlerinnen kümmert“.24

1987

Im Anschluss an die 3. Kunsthistorikerinnentagung in Wien 1986, erscheint die erste Ausgabe von Frauen Kunst Wissenschaft als Rundbrief. Der Themenschwerpunkt gilt Judy Chicagos Ausstellung Dinner Party. 2007 wird der Titel umgenannt in FKW -Zeitschrift für Geschlechterforschung und visuelle Kultur. Es erscheinen bis 2013 insgesamt 54 Ausgaben der Zeitschrift in Print, ab 2014 wird auf elektronische Publikation umgestellt.

Der künstlerische Leiter der internationalen Kunstausstellung documenta 8 in Kassel, Manfred Schneckenburger, rechtfertigt die Relation von Künstlerinnen und Künstlern von 317 zu 36 (also 11 %)25 bei seiner Auswahl mit dem Argument, dass der Anteil von Frauen in der Kunstszene lediglich acht Prozent betrage. Mehr Raum wird Frauen in den achtziger Jahren im Kunstbetrieb nicht zugestanden.26

Rosemarie Trockel, 2004 © Andi Goral für report-k.de/Köln
Künstlerin Rosemarie Trockel

Wie geht es weiter?

Ab den 1990er-Jahren steigt auch der Anteil der deutschen Künstlerinnen, die sich auf dem Kunstmarkt behaupten können, wie z.B. Rosemarie Trockel oder Rebecca Horn. Ebenso drängen immer mehr Frauen in das Kunstmanagement, in Galerien wie Museen. 1993 beträgt der Anteil der Frauen unter Kunststudierenden 53 Prozent.27

Die politische Konzeptkünstlerin Jenny Holzer aus den USA ist 1990 die erste Frau mit einer Einzelausstellung bei der Biennale von Venedig. Sie erhält den Goldenen Löwen für den besten Pavillon.28 Im gleichen Jahr zeigt der Frankfurter Kunstverein die erste europäische Retrospektive der franco-amerikanischen Bildhauerin Louise Bourgeois, deren zentrales Thema die sexuelle Gewalt ist. Es ist auffallend, wie häufig Gewalt und sexueller Missbrauch in der Kindheit Thema der aktuellen Künstlerinnen sind, von Niki de St. Phalle bis Anette Messager.

© Jenny Holzer, http://www.dazeddigital.com/artsandculture/article/23205/1/jenny-holzer-texty-lady
Goldener Löwe: Jenny Holzer

1994 werden Gudrun Wassermann und Thea Richter als ersten Trägerinnen des Gabriele-Münter-Preises von Angela Merkel (in deren Funktion als Bundesfrauenministerin) ausgezeichnet. Mit dem Preis – nach der lange Zeit als Lebensgefährtin Kandinskis unterschätzten Pionierin der Moderne benannt – werden bis heute über vierzigjährige Künstlerinnen gefördert. Damit soll der Nachteil von Frauen ausgeglichen werden, „die oft für viele Jahre durch Kinder und Familie in ihren künstlerischen Möglichkeiten stark eingeschränkt sind.29 Initiatorinnen des Preises sind der Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler e.V., GEDOK – Verband der Gemeinschaften der Künstlerinnen und Kunstförderer e.V., das Frauenmuseum Bonn sowie das Bundesministerium für Frauen.30

Wack! : art and the feminist revolution(2007). - Museum of Contemporary Art Los Angeles [Hrsg.]. Cambridge, Mass : MIT Press (FMT-Signatur KU.17.036).
Wack! Art and the feminist revolution
WACK! Art and the Feminist Revolution ist 2007 im Museum of Contemporary Art von Los Angeles ist die erste Ausstellung, die auf feministisch inspirierte Kunst zwischen 1965 und 1980 zurückblickt und die Arbeit von 120 internationalen Künstlerinnen vorstellt.31Am 27. Mai 2009 wird im Pariser Centre Pompidou die Ausstellung elles@centrepompidou eröffnet.32 Zwei Jahre lang präsentiert das Museum 350 Werke von 150 Künstlerinnen des 20. und 21. Jahrhunderts. Verantwortlich für die Neupräsentation der ständigen Sammlung des Centre Pompidou ist die Kuratorin Camille Morineau, nach deren Einschätzung ein „Überblick über das zwanzigste Jahrhundert nur anhand von Künstlerinnen extremer, radikaler, in der Performance auch gewalttätiger ausfällt“.33Mit der Ausstellung Abisag Tüllmann. 1935–1996. Bildreportagen und Theaterfotografie. würdigt das Historische Museum Frankfurt im Jahr 2010 das Lebenswerk einer großen Fotografin der Nachkriegsgeneration in Deutschland. Tüllmann war – wie ihre Kollegin Angela Neuke-Wiedmann in München – Chronistin der Neuen Frauenbewegung. Mit ihren Sozialreportagen34, begleitete Tüllmann die Aktionen gegen den Paragraphen 218, gab Einblicke in Frankfurter Frauenprojekte, dokumentierte Frauenkongresse und Seminare.35Die Wiener Sammlung Verbund stellt 2015 mehr als 150 Werke feministischer Künstlerinnen aus.36 Kuratorin Gabriele Schor prägt den Begriff der Feministischen Avantgarde, deren Verdienst es sei, das Bild der Künstlerin provokativ vom Objekt des männlichen Blickes zum souveränen Subjekt gewandelt zu haben.37

Frauen die forschen : 25 Porträts von Bettina Flitner (2008). - Rubner, Jeanne [Hrsg.] ; Flitner, Bettina [Ill.]. München : Heyne (FMT-Signatur: BI.12.055)
Cover „Frauen die forschen“
Bei dem Thema Frauen und Bilder geht es nicht nur um Bilder von Frauen, sondern es geht auch um Bilder über Frauen. Denn mit der bildlichen Darstellung von Frauen wird mindestens ebenso stark eine anti-feministische Politik gemacht wie mit entsprechenden Texten. Darum hat der FrauenMediaTurm (FMT) – mit der Förderung des Bundeswissenschaftsministeriums – das Projekt FMTvisuell gestartet. Am achten März 2013 ist der FMT mit rund 8.000 Dokumenten online gegangen: Porträts von Frauen, hier vor allem Feministinnen und Pionierinnen (aus Kultur, Politik, Sport etc.), Fotos von historisch relevanten Events, Flugblätter etc..38Im Rahmen des Projektes FMTvisuell gab der FMT bei der Fotografin Bettina Flitner eine Porträtserie über Frauen, die forschen in Auftrag. Die Fotos wurden erstmals ab dem 5. September 2008 im FMT ausgestellt. Im Rahmen eines Symposiums, das Wissenschaftsministerin Annette Schavan eröffnete und auf dem u.a. die Nobelpreisträgerin Prof. Christiane Nüsslein-Volhard wie Prof. Christina Holtz-Bacha sprachen. Thema der Kommunikationsforscherin: Die Funktion von Bildern in der Geschlechterpolitik am Beispiel der Darstellung von Frauen in den Männermedien.
Aus der Ausstellung wurde 2008 der Bildband Frauen die forschen39 mit 25 Porträts von Wissenschaftlerinnen von Bettina Flitner, Texte Jeanne Rubner (Collection Rolf Heyne). Das visuelle Archiv des FrauenMediaTurms soll das vielfältige Bild von Frauen und Frauengeschichte sichern und den Blick für einen manipulativen frauenfeindlichen Umgang mit Bildern schärfen. FMTvisuell ist nach unserer Kenntnis das erste und bisher einzige feministische Bildarchiv unter diesem Aspekt, in diesem Umfang und mit dem Erschließungsgrad. Das Bildarchiv des FMT wird kontinuierlich aktualisiert.

Quellen

1 Seit der Weimarer Verfassung vom 01.08.1919 § 109 gilt: "Männer und Frauen haben grundsätzlich dieselben Rechte und Pflichten". Die Akademien in Berlin und Dresden sind die ersten, die Frauen generell zulassen. Siehe: Herber, Ann-Kathrin (2009): Frauen an deutschen Kunstakademien im 20. Jahrhundert : Ausbildungsmöglichkeiten für Künstlerinnen ab 1919 unter besonderer Berücksichtigung der süddeutschen Kunstakademien ; Dissertation Universität Heidelberg. - Verfügbar unter: Deutsche Nationalbibliothek: http://d-nb.info/1007430338/34
2 Rochner, Renate: Niki de Saint Phalle. - Verfügbar unter: FemBio. Frauen.Biographieforschung: http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/niki-de-saint-phalle/
3 Dies ist der Titel der 1977 realisierten Gruppenausstellung, deren Konzeption 1972 begann.
4 Gerhardt, Renate ; Kuwertz, Evelyn ; Schuhmann, Sarah (1975): Weibliche Inhalte auf weibliche Weise darstellen. Frauenspezifisches in der Kunst, am Beispiel von sechs Künstlerinnen. - In: Magazin Kunst, Nr. 4, S.76 (FMT-Signatur: KU.17.-a, Obj.Nr. 8870).
5 Zitat von Annegret Soltau, zitiert nach Annegret Soltau: Statements. - Verfügbar unter: [Webseite von Annegret Soltau]: www.annegret-soltau.de/de/pages/statements
6 Die deutsche Übersetzung der Erstausgabe erschien bereits 1968 in München unter dem Titel: Photographie und bürgerliche Gesellschaft. (frz. Originaltitel La Photographie en France au dix-neuvième siècle, Paris, 1936). 1974 erschien in Paris eine völlig überarbeitete und erweiterte Fassung: Photographie et société, die dann schließlich 1976 in München in deutscher Übersetzung veröffentlicht wurde.
7 Gisèle Freund. - Verfügbar unter: www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/gisele-freund/
8 Siehe Wittlich, Angelika (1977): „Aus Ihnen wird nie etwas!“ - In: EMMA, Nr. 9, S. 52-58. Verfügbar unter: www.emma.de/lesesaal/45140
9 Harris, Ann Sutherland ; Nochlin, Linda (1978): Women artists: 1550-1950. - Los Angeles, Calif.[u.a.] : Los Angeles County Museum of Art [u.a.] (FMT-Signatur: KU.17.380)
10 Lippard, Lucy R.(1976): From the center: feminist essays on women's art. - Toronto [u.a.] (FMT-Signatur: KU.17.133)
11 Kreativer Feminismus (1980). - In: EMMA, Nr. 12, S. 56f.. Verfügbar unter: www.emma.de/lesesaal/45179
12 Gerhardt, Renate ; Kuwertz, Evelyn ; Schuhmann, Sarah (1975): Weibliche Inhalte auf weibliche Weise darstellen. - In: Magazin Kunst, Nr. 4, S.76 (FMT-Signatur KU.17.-a / Obj.Nr. 8870).
13 Kassandra : Feministische Zeitschrift für die visuellen Künste. Oellerich, Monika [Hrsg.] ; Corradini, Bigina [Hrsg.] ; Dech, Jula [Hrsg.]. - Berlin: Kassandra-Verl., 1977. (FMT-Signatur: Z-F007, zwei Ausgaben)
14 Nachrichten aus der Frauenbewegung : Es gibt endlich eine Frauengalerie (1978). - In: Courage, Nr. 1, S. 55. Verfügbar unter: library.fes.de/courage/pdf/1978_01.pdf
15 Strobl, Ingrid (1979): Julia Margaret Cameron : die Pionierin mit der Camera. - In: EMMA, Nr. 8, S.54-58. Verfügbar unter: www.emma.de/lesesaal/45163
16 Judy Chicago, The Dinner Party : Schirn Kunsthalle Frankfurt, 1. Mai - 21. Juni 1987. Kunsthalle [Hrsg.] ; Kulturgesellschaft [Hrsg.]. - Frankfurt am Main: Athenäum-Verlag (FMT-Signatur: KU.17.072)
17 Greer, Germaine (1980): Das unterdrückte Talent : die Rolle der Frauen in der bildenden Kunst. – Berlin (u.a.): Fischer (FMT-Signatur KU.17.NA.008) bzw. Greer, Germaine (1979): The obstacle race : the fortunes of women painters and their work. - New York: Farrar, Straus and Giroux.
18 Greer, Germaine (1971): Der weibliche Eunuch : Aufruf zur Befreiung der Frau. - Frankfurt am Main : Fischer (FMT-Signatur FE.10.013-1971[02]).
19 Dokumentiert ist die Veranstaltung im Archiv des National Museum of Women in the Arts (Washington D.C.). The international festival of women artists, 1980. - Verfügbar unter: National museum of women in the arts: https://nmwa.org/sites/default/files/shared/4.3.4.2-international_festival_of_women_artist_collection.pdf [PDF-Dokument]
20 Über uns. Zielsetzung. - Verfügbar unter: Frauenmuseum Bonn: http://www.frauenmuseum.de/ueber-uns-zielsetzung.php
21 Frauenkunstgeschichte : zur Korrektur des herrschenden Blicks (1985). - Bischoff, Cordula [Hrsg.] : Dinger, Brigitte [Hrsg.] ; Ewinkel, Irene [Hrsg.] ; Merle, Ulla [Hrsg.]. Gießen : Anabas-Verlag (FMT-Signatur: KU.17.159).
22 Frida Kahlo und Tina Modotti (1982). - Francis, Mark [Hrsg.]. Frankfurt am Main : Verlag Neue Kritik.
23 Auf ihren Plakaten bezeichnen sich die Guerilla Girls selbst als „conscience of the art world“. Ein Überblick der Plakate und Aktionen findet sich auf der Webseite der Guerilla Girls. Siehe: Projects. - Verfügbar unter: Guerilla Girls: https://www.guerrillagirls.com/projects/
24 Siehe Das Museum. - Verfügbar unter: Das Verborgene Museum: http://www.dasverborgenemuseum.de/das-museum
25 Siehe documenta Archiv – Statistiken. Anteil der Künstlerinnen (2014). - Verfügbar unter: documenta Archiv für die Kunst des 20. Und 21. Jahrhunderts [Bibliotheksdatenbank des documenta Archives, Stand 05.03.2014]:  http://feuerwehr.stadt-kassel.de/imperia/md/images/cms04-miniwebs/documenta-archiv/documenta_ausstellungen_-_k__nstlerinnen_d1-d13.pdf [PDF-Dokument]
26 Eromäki, Aulikki ; Herter, Renate ; Wagner-Kantuser (1989): Zur Situation von Frauen im Kunstbetrieb : Dokumentation eines Seminar- und Forschungsprojektes 1983-1989. - Berlin : HdK, S. 9 (FMT-Signatur KU.17.387).
27 Olaf Zimmermann: Wie brotlos ist die Kunst. - Verfügbar unter: Konrad Adenauer Stiftung: http://www.kas.de/upload/dokumente/frau/9803zimmermann.pdf [PDF-Dokument]
28 Chadwick, Whitney: Frauen, Kunst und Gesellschaft (2013). - Berlin [u.a.] : Deutscher Kunstverlag, S. 496 (FMT-Signatur KU.17.536).
29 Merkel, Angela (2011): Grußwort zur 1. Vergabe des GABRIELE MÜNTER PREISES 1994. - Verfügbar unter: Dokumentation Gabriele Münter Preis, Frauenmuseum Bonn (Hrsg), Bonn, S.7: http://gabrielemuenterpreis.de/wp-content/uploads/muenter-doku_web.pdf [PDF-Dokument]
30 Heute Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
31 Wack! : art and the feminist revolution ; [catalogue accompanying an exhibition held at the Museum of Contemporary Art, Los Angeles, Mar. 4 - July 16, 2007 and at the National Museum of Women in the Arts, Washington, D.C., Sep. 21 - Dec. 16, 2007] (2007). - Museum of Contemporary Art Los Angeles [Hrsg.]. Cambridge, Mass : MIT Press (FMT-Signatur KU.17.036).
32 Elles at Centre Pompidou : women artists in the collection of the Musée National d'Art Moderne, Centre de Création Industrielle ; [published to coincide with the exhibition-collection "Elles at Centrepompidou. Women artists in the Collection of the Musée National d'Art Moderne, Centre de Création Industrielle", presented at the Centre Pompidou, Paris, from 27 may 2009] (2009). - Musée National d'Art Moderne Paris [Hrsg.] ; Centre de Création Industrielle Paris [Hrsg.] ; Centre National d'Art et de Culture Georges Pompidou Paris [Hrsg.]. Paris : Éd. du Centre Pompidou (FMT-Signatur KU.17.511).
33 Schwerfel, Heinz Peter (2009) : Künstlerinnen unter sich, 26.05.2009. - In: art - das kunstmagazin.
34 So bezeichnetet Tüllmann ihre bildjournalistischen Arbeiten selbst. Quelle: siehe Fußnote 22.
35 Die Filmemacherin Claudia von Alemann widmet ihrer langjährigen Freundin und Wegbegleiterin 2015 eine filmische Hommage: Alemann, Claudia von (2015): Die Frau mit der Kamera : Porträt der Fotografin Abisag Tüllmann. [92 Minuten, Deutschland]. Siehe Die Frau mit der Kamera : Porträt der Fotografin Abisag Tüllmann, Deutschland 2015, Dokumentarfilm. - Verfügbar unter: filmportal.de: http://www.filmportal.de/film/die-frau-mit-der-kamera_e74f52bfa5db45baa7559ba60369aa05
36 Feministische Avantgarde der 1970er Jahre : Werke aus der SAMMLUNG VERBUND, Wien (2015). - Schor, Gabriele [Hrsg.]. München (u.a.) : Prestel (FMT-Signatur KU.01.172).
37 Schor, Gabriele (2016): Die Feministische Avantgarde. - In: EMMA, Nr. 6, S. 58 - 68. Verfügbar unter: www.emma.de/lesesaal/61385
38 Siehe FMTvisuell mit 8.000 Bildern online. - Verfügbar unter: FrauenMediaTurm. Das Archiv und Dokumentationszentrum: http://www.frauenmediaturm.de/recherche/bilddatenbank/
39 Frauen die forschen : 25 Porträts von Bettina Flitner (2008). - Rubner, Jeanne [Hrsg.]. München : Heyne. (FMT-Signatur: BI.12.055)

Alle Internetlinks wurden zuletzt abgerufen am: 30.01.2018

Auswahlbibliografie

Empfehlungen

Renate Gerhardt, Evelyn Kuwertz, Sarah Schumann (1975): Weibliche Inhalte auf weibliche Weise darstellen. Dokumentation: Frauenkunst ; Frauenspezifisches in der Kunst am Beispiel von sechs Künstlerinnen. In: Magazin Kunst, 15. Jg., Nr. 4/1975, S. 76-86. (FMT-Signatur: KU.17-a / Obj. Nr. 8870)

Germaine Greer (1980): Das unterdrückte Talent : die Rolle der Frauen in der bildenden Kunst. - Berlin: Ullstein. (FMT-Signatur: KU.17.NA.008)

Anja Zimmermann [Hrsg.] (2006): Kunstgeschichte und Gender : eine Einführung. - Berlin: Reimer. (FMT-Signatur: KU.17.NA.005)

Gabriele Schor [Hrsg.] (2015): Feministische Avantgarde : Kunst der 1970er-Jahre aus der Sammlung Verbund, Wien. - München: Prestel. (FMT-Signatur: KU.01.172)

Whitney Chadwick (2013): Frauen, Kunst und Gesellschaft. – Berlin u.a.: Deutscher Kunstverlag. (FMT-Signatur: KU.17.536)

Pressedokumentation

Pressedokumentation zum Thema Kunst & Fotografie: PDF-Download

Die Pressedokumentation des FMT umfasst strukturierte, thematisch aufbereitete und inhaltlich erschlossene Beiträge der allgemeinen und feministischen Presse, meist angereichert mit weiteren Materialien wie z.B. Flugblättern und Protokollen.

Weitere Literatur im FMT (Auswahl)

Wichtige Ausstellungskataloge: PDF-Download

Neue Frauenbewegung: Religion & Kirche

„Das Weib schweige in der Gemeinde.“1 Aber die Frauen wollen eine Stimme in der Kirche haben, und zwar nicht nur als Gemeindemitglieder, sondern im Dialog mit Gott und bis an die Spitze der Kirchenhierarchie.

Göttin auf Leopardenthron, Catalhöyük © Anadolu Medeniyetleri Müzesi
Muttergöttin, Neolithikum

Ab Anfang der 1970er-Jahre entwickelt sich, auf den Spuren der Vorreiterinnen in den USA, auch in Deutschland eine Feministische Theologie. Die feministischen Theologinnen entlarven gängige Bibelauslegungen als patriarchal bis hin zur ‚Vermännlichung‘ ursprünglich weiblicher Figuren; sie hinterfragen das männliche Gottesbild und entdecken ‚die Göttin‘. Sie fordern eine weniger männerzentrierte Sprache in Liedern und Liturgie sowie die Zulassung von Frauen zum Priesteramt. Als die feministische Theologie in Deutschland startet, sind von rund 13.000 Pfarrern nur zwei Prozent Pfarrerinnen. 1958 hatte die evangelische Kirche die erste Frau auf eine Pfarrstelle ordiniert. Die katholische Kirche, die Frauen erst seit 1946 zum Theologiestudium zugelassen hatte, hält bis heute am Ausschluss von Frauen vom Priesteramt fest.

1970

© Ulrich Baatz
Uta Ranke-Heinemann, ca. 1988

Uta Ranke-Heinemann, die 1969 als erste Frau der Welt als Konvertitin in katholischer Theologie habilitiert hatte, tritt an der Pädagogischen Hochschule Neuss eine Professur in Katholischer Theologie an, ebenfalls als erste Frau. Von Anfang an kritisiert Heinemann die Haltung der katholischen Kirche zur Rolle der Frau.

1971

In Würzburg beginnt die Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland. Sie hat die Aufgabe, „in ihrem Bereich die Verwirklichung der Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils zu fördern“. Das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965), bei dem die Befürworter einer Modernisierung der katholischen Kirche eine starke Stimme gehabt hatten, hatte sich auch mit der Rolle und Teilhabe der Frau befasst.

© Ida Raming (ganz links), 2009 Externer Link: Roman Catholic Women Priests
Theologin Ida Raming (ganz links)

Die Theologin Ida Raming, die 1970 ihre Dissertation über die Stellung und Wertung der Frau in der römisch-katholischen Kirche abschloss, hatte gemeinsam mit einer Kollegin eine Eingabe für die volle Gleichberechtigung von Frauen beim Diakonat und Priesteramt formuliert. Die Eingabe war abgelehnt worden. Auf der Würzburger Synode ist die Frauenfrage nun wieder Thema. Zwar wird die Zulassung von Frauen zum Priesteramt nach wie vor ausgeschlossen, die Synode empfiehlt aber die Weihe von Diakoninnen.

1973

Mary Daly (1973): Beyond God the Father / Daly, Mary (1980): Jenseits von Gottvater Sohn und Co. : Aufbruch zu einer Philosophie der Frauenbefreiung. - München : Frauenoffensive (FMT-Signatur: ST.11.007).
Beyond God the Father

In den USA erscheint Beyond God the Father: Toward a Philosophy of Womens’s Liberation (Deutsch: Jenseits von Gottvater, Sohn & Co., 1980) der feministischen Theologin und Philosophin Mary Daly (1928-2010).4  Die Katholikin Daly, die am jesuitischen Boston College lehrt, ist eine der bedeutendsten feministischen Theologinnen. Sie übt in ihren Texten scharfe Patriarchatskritik an der Kirche, unter anderem am männlichen Gottesbegriff: „Wenn Gott männlich ist, muss das Männliche Gott sein“, lautet ihr berühmtester Satz. Schon 1968 hatte die Theologin in ihrem Werk The Church and the Second Sex5  die Frauenfeindlichkeit der katholischen Kirche kritisiert und eine Öffnung der Kirche für Frauen in sämtlichen Kirchenämtern gefordert. In ihrem jetzt erschienenen zweiten Buch Beyond God the Father scheint ihr jedoch die Vorstellung von Gleichberechtigung von Frauen in der katholischen Kirche „ebenso lächerlich und mitleiderregend wie der Gedanke, dass schwarze Personen im Ku Klux Klan Gleichberechtigung suchten“. Das Buch wird von gläubigen deutschen Feministinnen breit rezipiert.

15. Oktober 1976

© EMMA-Archiv
Theologin und Feministin Mary Daly

In der Erklärung Inter insigniores verkündet die Glaubenskongregation, dass sich die Kirche „aus Treue zum Vorbild ihres Herrn nicht dazu berechtigt [hält], die Frauen zur Priesterweihe zuzulassen“. Grundlegend dafür sei, dass Christus ausschließlich Männer in den Zwölferkreis der Apostel berufen habe sowie die Handlungsweise der Apostel, die nur Männer als ihre Nachfolger wählten und die daher grundlegende Tradition und bleibende Bedeutung dieser Praxis. Da die Diskussionen um die Priesterweihe der Frau andauern, lehnt Papst Johannes Paul II. am 22. Mai 1994 in dem Apostolischen Schreiben Ordinatio Sacerdoti die Zulassung von Frauen zum Priesteramt erneut explizit ab und erinnert an die Begründung der Erklärung der Glaubenskongregation aus dem Jahr 1976. Die Kirche habe nicht die Vollmacht, Frauen die Priesterweihe zu spenden.6

1977

© Elisabeth Moltmann-Wendel, 1991 Externer Link: Landeskirche Hannover
Elisabeth Moltmann-Wendel

Auf dem Evangelischen Kirchentag in Berlin gründet sich die ökumenische Gruppe Homosexuelle und Kirche (HuK).

Januar 1978

In allen evangelischen Landeskirchen der EKD (ausgenommen die kleine Landeskirche Schaumburg-Lippe, die sich dieser Regelung erst 1991 anschließt), werden Frauen als Pfarrerinnen den Pfarrern gleichgestellt.7 In der DDR war diese Gleichstellung schon vier Jahre zuvor erfolgt.

Februar 1979

Die Evangelische Akademie Bad Boll bei Göppingen lädt auf Initiative der feministischen Theologinnen Herta Leistner, Elisabeth Moltmann-Wendel und Heidemarie Langer zur ersten Tagung Feministische Theologie. Im Einladungstext heißt es: „Frauen müssen bei ihrer Suche nach ihrer eigenen Identität selbst Subjekt des theologischen Arbeitens und Handelns werden und ihre eigenen Erfahrungen einbringen.“8  Die Resonanz ist groß. Bis zu 200 Teilnehmerinnen kommen zu den rund 30 Feministisch-Theologischen Werkstätten, die die Akademie ab jetzt regelmäßig veranstalten wird.

Flugblatt anlässlich des Papstbesuches im November 1980 (FMT-Signatur: FB.02.101)
Flugblatt zum Papstbesuch, 1980

„In den ersten Jahren waren die Werkstätten Feministische Theologie in Bad Boll noch bestimmt von Themen, die die Befreiung von einer patriarchalen Theologie und Kirche zum Ausdruck bringen: Gottesbilder, Sprache, Tradition, Struktur, Spiritualität, Leibfeindlichkeit und vor allem die Befreiung von einem männlich definierten Sündenverständnis, das sich wie ein roter Faden durch alle Bereiche zieht“, schreibt Elisabeth Moltmann-Wendel. „Den Frauen wurde dann ziemlich schnell deutlich, diese Themen selber zu besetzen und für sich zu füllen: Eine eigene feministische Hermeneutik zu entwickeln und zu erproben, verschüttete Frauengeschichte zu entdecken und in ihrer Bedeutung zu erfassen, eigene Gottesdienstformen zu gestalten, Frauen mit ‚Macht‘ auszustatten und in Leitungspositionen zu bringen.“9 Auf den Kirchentagen sind die feministischen Theologinnen von nun an mit ihren Themen präsent.

Externer Link: EMMA-Lesesaal
EMMA 11/1980

16. November 1980

In Fulda findet anlässlich des Besuches von Papst Johannes Paul II. in Deutschland eine Demonstration gegen die Bevormundung der Frauen in der Kirche statt. Die Teilnehmerinnen fordern die rechtliche Gleichstellung von Frauen in allen kirchlichen Bereichen und Funktionen und volle Chancengleichheit für Theologinnen in Lehre und Forschung an den Universitäten.10

1981

Die Arbeitsgemeinschaft Feminismus und Kirche e.V. gründet sich als überkonfessioneller Zusammenschluss feministischer Theologinnen aus dem deutschsprachigen Raum.

21. September 1981

© Erika Sulzer-Kleinemeier, Katholischer Kirchentag 1982, AG Feministische Theologinnen (FMT-Signatur: FT.12.104)
Katholischer Kirchentag,1982

In einer Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz bejahen die Bischöfe grundsätzlich das Streben der Frauen nach kritischer Auseinandersetzung mit einer überwiegend von Männern geprägten Welt sowie die Forderungen nach Gleichstellung der Frau und nach dem Abbau jeder Form von Diskriminierung auch in der Kirche. Das neue kirchliche Gesetzbuch, das Ende 1983 in Kraft treten wird, beseitigt viele Diskriminierungen der Frau innerhalb der Kirche. Frauen haben jedoch nach wie vor keinen Zugang zu dem Priestertum und zum Diakonat.11

1983

Von der amerikanischen Theologin Rosemary Radford Ruether erscheint Sexism and God-Talk. Toward a Feminist Theology (deutsch: Sexismus und die Rede von Gott, 1985).12 Die Katholikin ist Vorsitzende der Organisation Catholics for a Free Choice, die sich für das Recht auf Abtreibung einsetzt. Sie lanciert u.a. die Kampagne A Catholic Statement on Pluralism and Abortion: Am 7. Oktober 1984 veröffentlicht die New York Times einen ganzseitigen Aufruf, in dem die 80 UnterzeichnerInnen erklären, dass die Haltung der katholischen Kirche, die Abtreibung „unter allen Umständen als moralisch falsch“ bewertet, „nicht die einzige legitimierte römisch-katholische Position“ sei.13

FMT-Signatur: Z-F181
Schlangenbrut 1/1983

Deutsche feministische Theologinnen gründen die Zeitschrift Schlangenbrut, in der Texte von und für Frauen aus verschiedenen religiösen Traditionen und gesellschaftlichen Kontexten vierteljährlich erscheinen. Jede Ausgabe umfasst ein eigenes Schwerpunktthema, Interviews, Rezensionen, Nachrichten und Termine. Die Zeitschrift erscheint bis zum Jahr 2013.14 Von 2014 bis 2016 erscheint die Nachfolgezeitschrift INTA.Interreligiöses Forum, die erste interreligiöse und feministische Zeitschrift in deutscher Sprache.

18. April 1984

In Hamburg traut erstmals Mal ein Pfarrer ein Frauenpaar (siehe Dossier Homo-Sexualität) : die Taxifahrerin Sabine Löschenkohl und die Hausfrau Sylvia Hansen. Das Medienecho ist groß. „Lesben-Hochzeit: Liebe auf den ersten Blick“ (Bild), „Das lesbische Ehepaar: Ein Herz und eine Seele“ (Bild der Frau). EMMA berichtet in einer Titelgeschichte über die historische Trauung. In ihrem Kommentar plädiert Alice Schwarzer für die Homo-Ehe, die zu diesem Zeitpunkt von einem Großteil der feministischen homosexuellen Frauen selbst als „patriarchales Herrschaftsinstrument“ abgelehnt wird. Schwarzer postuliert: „In einer zwangsheterosexuellen Welt wie der unseren ist und bleibt es eine Unerhörtheit, die homosexuelle Liebe so ernst zu nehmen wie die heterosexuelle.“15  Das scheint sich zu bewahrheiten: Die nordelbisch-lutherische Kirche strengt ein Verfahren wegen Amtsmissbrauch gegen Pfarrer Christian Arndt an, die Trauung wird für ungültig erklärt.16 Der Pastor erhält von der Kirche einen Verweis.17

Dezember 1985

Im Rahmen einer Tagung in der Akademie Bad Boll gründet sich das Netzwerk Lesben und Kirche (LuK). Das Netzwerk versteht sich als „Zusammenschluss von Frauen, die sich in unterschiedlicher Weise dem Glauben und der Kirche verbunden fühlen, die ihr Lesbischsein in Verbindung mit dem Glauben selbstbewusst leben wollen und (…) die die patriarchale Form der Kirche und Gottesdienste kritisieren und nach neuen Formen suchen“.18  Die LuK gibt zweimal im Jahr die Zeitschrift LuK-LekTüre mit u.a. Infos, Artikeln und Veranstaltungshinweisen heraus.

1986

Einladung zum Vortrag: Feministische Theologie und ihre Herausforderung an eine patriarchale Kirche (FMT-Signatur: FB.01.107)
Flugblatt, 1986

Die Arbeitsgemeinschaft Feminismus und Kirche e.V. gibt das Handbuch Feministische Theologie heraus. Darin schreiben sie: „In verschiedenen Frauengruppen wurde deutlich, daß wir ein Buch brauchen, das Frauen unterschiedlicher Hintergründe und Vorerfahrungen einen ‚Einstieg‘ in Feministische Theologie ermöglicht, Diskussionen und Streitpunkte verdeutlicht, die Praxis Feministischer Theologie darstellt, eine Grundlage zur eigenen feministisch-theologischen Weiterarbeit bietet.“19  

Dezember 1987

Die evangelische Theologin und Pfarrerin Helga Trösken wird von der Evangelischen Kirche Hessen-Nassau (EKHN) zur Pröpstin von Frankfurt gewählt. Trösken ist damit die erste Frau in Deutschland, die in der evangelischen Kirche ein Leitungsamt übernimmt.

© Helga Tröskens, 2004 Externer Link
Erste Pröpstin: Helga Tröskens

15. Juni 1987

Uta Ranke-Heinemann, die inzwischen an der Universität Essen katholische Theologie lehrt, wird vom Essener Bischof Franz Hengsbach die Lehrerlaubnis entzogen, weil sie öffentlich erklärt hatte, nicht an die Jungfrauengeburt zu glauben.20 Ein Jahr später wird ihr Buch Eunuchen für das Himmelreich – Katholische Kirche und Sexualität21 erscheinen und zum Bestseller werden. Ranke-Heinemann wird zu einer der schärfsten und bekanntesten Kritikerinnen der katholischen Kirche, insbesondere der Diskriminierung von Frauen.

Christine Schaumberger und Luise Schottroff (1988): Schuld und Macht. Studien zu einer feministischen Befreiungstheologie. (FMT-Signatur: ST.11.121)
Schuld und Macht

3. – 5. August 1987

In Kassel initiieren Luise Schottroff, Professorin für Neues Testament an der Gesamthochschule Kassel, und ihre Assistentin Christine Schaumberger die erste Sommeruniversität für feministische Theologie. 55 Frauen und 6 Männer aus der BRD, Dänemark und der Schweiz diskutieren in Vorträgen und Projektgruppen das Thema „Schuld und Macht aus der Perspektive feministischer Befreiungstheologie“.22

Herbst 1987

Das von Frauen aus dem Umkreis beider Kirchen herausgebrachte Buch Hättest Du gedacht, dass wir so viele sind? Lesbische Frauen in der Kirche erscheint. Autorinnen sind Herta Leistner, Monika Barz und Ute Wild.23 

Barz, Monika; Leistner, Herta; Wild, Ute (1987): Hättest Du gedacht, daß wir so viele sind? : Lesbische Frauen in der Kirche. - 1. Aufl. - Stuttgart : Kreuz-Verlag (FMT-Signatur: LE.11.210).
Hättest du gedacht, daß wir so viele sind?

1988

Der Ökumenische Rat der Kirchen ruft die Dekade „Solidarität der Kirchen mit den Frauen“ aus.24 Am 15. August desselben Jahres veröffentlicht Papst Johannes Paul II. den apostolischen Brief Die Würde der Frau (mulieres dignitatem), in dem erklärt, die Stunde sei gekommen, „in der sich die Berufung der Frau voll entfaltet, die Stunde, in der die Frau in der Gesellschaft einen Einfluss, eine Ausstrahlung, eine bisher noch nie erreichte Stellung erlangt“. Die zwei „Dimensionen der Berufung der Frau im Licht der göttlichen Offenbarung“ sieht der Papst jedoch in ‚Mutterschaft‘ und ‚Jungfräulichkeit‘. Dem Priestertum der Frau erteilt er mit Blick auf die Tatsache, dass Jesus nur männliche Apostel berufen habe, weiterhin eine entschiedene Absage.

Juni 1988

Bartsch, Gabriele; Dehlinger, Gisela; Kaden, Kathinka; Renninger, Monika [Hrsg.] (1996): Theologinnen in der Männerkirche.
Theologinnen in der Männerkirche
In Bendorf (Rheinland) laden der Katholische Deutsche Frauenbund und der Evangelische Deutsche Frauenbund zum Ersten ökumenischen Kongress christlicher Frauen. Die Teilnehmerinnen diskutieren über den „Stellenwert der Frauenordination und die Situation der Frau in beiden Kirchen“.25  Von rund 16.700 PfarrerInnen in der EKD sind 9,4 Prozent Frauen.

1989

Auf der 7. EKD-Synode in Bad Krozingen wird unter der Überschrift Gemeinschaft von Frauen und Männern in der Kirche beschlossen, die „ausgewogene Repräsentanz von Männern und Frauen in kirchlichen Gremien anzustreben“.26 Außerdem will man die theologische Frauenforschung fördern.27 Zu der Synode entsteht auf Anregung Dietlinde Cunows, der damaligen Vorsitzenden des Konvents Evangelischer Theologinnen in der BRD, eine Ausstellung zum Thema Das Weib schweigt nicht mehr – Wie das Amt der Theologin Wirklichkeit wird. In Folge der Synodenbeschlüsse richtet die zu Beginn der 90er-Jahre ein Frauenstudien- und bildungszentrum  sowie ein Frauenreferat ein. Die erste Professur für Kirchliche Zeitgeschichte und Historische Frauenforschung entsteht 1994 an der Theologischen Fakultät in Marburg.

Wie geht es weiter?

© epd-bild, Margot Käßmann, ca. 2005
1. EKD-Ratsvorsitzende Käßmann

Am 4. April 1992 wird die evangelische Theologin Maria Jepsen zur Bischöfin von Hamburg gewählt. Jepsen ist die erste evangelisch-lutherische Bischöfin der Welt. 1999 wird Margot Käßmann Bischöfin der Landeskirche von Hannover und 2009 die erste weibliche Ratsvorsitzende der EKD. Im März 2009 wird Ilse Junkermann in Mitteldeutschland die dritte deutsche Bischöfin. Im November 2011 wird Annette Kurschus zum Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen ernannt, übt also als Leiterin der Landeskirche das Amt einer Bischöfin aus. Der 15-köpfige Rat der EKD ist mit sieben Frauen und acht Männern nahezu paritätisch besetzt. Seit November 2013 wird die Synode der EKD von einer Frau geleitet, der ehemaligen FDP-Ministerin Irmgard Schwaetzer.

Bibel in gerechter Sprache (2006) (FMT-Signatur der Taschenbuchausgabe von 2011: ST.11.167)
Bibel in gerechter Sprache

2006 wird die Bibel in gerechter Sprache herausgegeben.28 Initiiert wurde das Projekt von einem „Herausgabekreis“ aus 13 TheologInnen, rund 50 TheologInnen übersetzen das Alte und das Neue Testament neu, wobei die geschlechtergerechte Sprache nur ein Aspekt einer ‚gerechten‘ Neuübersetzung ist, jedoch ein zentraler: „In der Bibel in gerechter Sprache wird durchgängig sichtbar gemacht, wo es nicht nur um Männer, sondern um beide Geschlechter geht. So begegnen im Wortlaut Apostelinnen, Diakoninnen, Prophetinnen und Pharisäerinnen. Es wird erkennbar, dass Frauen an den Geschehnissen aktiv beteiligt sind […], dass sie damals wie heute angesprochen und nicht nur mitgemeint sind.“29 (Link zum Dossier Sprache der Geschlechter)

Im April 2014 eröffnet die EKD in Hannover ihr Studienzentrum für Genderfragen in Kirche und Theologie. Das Zentrum veröffentlicht am 8. März 2015 den ersten Atlas für die Gleichstellung von Frauen und Männern in der EKD.30 Demnach ist heute jeder dritte evangelische Pfarrer in Deutschland weiblich. In den Synoden auf Landes- und Bundesebene liegt der Frauenanteil bei 38 Prozent. Bei TheologiestudentInnen liegt der ‚Frauenanteil‘ inzwischen bei über 50 Prozent.

Die katholische Kirche verweigert sich der Öffnung des Priesteramtes weiterhin. Mit dem Pontifikat von Papst Franziskus scheint jedoch ein neuer Ton im Vatikan eingekehrt zu sein. „Der weibliche Genius ist nötig an den Stellen, wo wichtige Entscheidungen getroffen werden“31, erklärte der Papst, der immer wieder Zeichen in Richtung Frauen sendet. So lud er zum Beispiel an Ostern 2016 erstmals vier Frauen zu seiner rituellen Fußwaschung.

Ebenfalls Ostern 2016 stimmt der Vatikan einer Neufassung der sogenannten Einheitsübersetzung der Bibel zu. Die offizielle Bibel-Übersetzung für alle KatholikInnen des deutschsprachigen Raums war seit 1978 nicht verändert worden. In der Neuübersetzung gibt es entscheidende Veränderungen, die auch die Rolle der Frauen in den biblischen Geschichten betrifft. So wird in Paulus‘ Römerbrief der Apostel Junias ersetzt durch die Apostelin Junia, die Anrede „Brüder“ in den Paulusbriefen ersetzt durch „Brüder und Schwestern“. Auch die Jungfräulichkeit Marias wird in Frage gestellt: Die Neu-Übersetzer weisen darauf hin, dass das „hebräische Wort almáh eigentlich junge Frau“32 bedeutet.

Im Mai 2016 kündigt der Papst anlässlich einer Audienz von 900 Oberinnen eine Kommission an, die die Möglichkeit der Weihe von Frauen zu Diakoninnen eruieren soll.33

Quellen

1 1. Brief des Paulus an die Korinther (1 Kor 14,33b - 35.) Die gleiche Textstelle in der Einheitsübersetzung.
2 Elisabeth Haseloff wurde 1958 in Lübeck die durch eine Ausnahmeregel, die sog.  'Lex Haseloff' erste Pastorin der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands. Haseloff war Mitherausgeberin der Zeitschrift Die Theologin.
3 Ida Raming wird sich 2002 auf einem Donau-Schiff zur Priesterin weihen lassen und daraufhin wegen Verstoßes gegen das Kirchenrecht exkommuniziert.
4 Daly, Mary (1980): Jenseits von Gottvater Sohn und Co. : Aufbruch zu einer Philosophie der
Frauenbefreiung. - München : Frauenoffensive (FMT-Signatur: ST.11.007).
5 Deutsche Übersetzung: Daly, Mary (1970): Kirche, Frau und Sexus. - Olten : Walter (FMT-Signatur: ST.11.022).
6 "Wir sind Priesterinnen" : aus aktuellem Anlass: die Weihe von Frauen 2002 (2002): Ertel, Werner [Hrsg.] ; Forster, Gisela [Hrsg.]. - Düsseldorf : Patmos-Verl., 207 S., S. 154 (FMT-Signatur: ST.11.092). Demel, Sabine (2004): Frauen und kirchliches  Amt. - Freiburg (u.a.) : Herder, 152 S., S. 78 f. (FMT-Signatur ST.11.112); Laurien, Hanna-Renate (1995): Abgeschrieben?, S. 11 f (FMT-Signatur: ST.11.086).
7 Raming, Ida (1989): Frauenbewegung und Kirche. - Weinheim : Dt. Studien-Verl., 179 S., S. 19 f (FMT-Signatur: ST.11.029) und Theologinnen in der Männerkirche (1996). -  Bartsch, Gabriele [Hrsg.] ; Dehlinger, Gisela [Hrsg.] ; Kaden, Kathinka [Hrsg.] ; Renninger, Monika [Hrsg.]. Stuttgart : Quell, S. 144 (FMT-Signatur ST.11.088).
8 Rivuzumwami, Carmen (2007): Die Evangelische Akademie Bad Boll - ein Ort der (kirchlichen) Frauenbewegung. – In: Online-Texte der Evangelischen Akademie Bad Boll. Verfügbar unter: http://www.ev-akademie-boll.de/fileadmin/res/otg/07-08-Rivuzumwami.pdf
9 Ebenda.
10 Flugblatt zur Demonstration anlässlich des Papstbesuches am 16.11.1980 (FMT-Signatur: FB.02.101).
11 Seibel, Wolfgang (1986): Die Stellung der Frau in der Kirche. - In: Stimme der Zeit : Die Zeitschrift für christliche Kultur, Nr. 4, S. 217 - 218.
12 Radford Ruether, Rosemary (1983): Sexism and God-Talk: Toward a Feminist Theology. - Boston : Beacon Press.
13 Hunt, Mary E. ; Kissling, Frances (1987): The New York Times Ad: A Case Study in Religious Feminism. - In: Journal of Feminist Studies in Religion Nr. 1, S. 115 - 127.
14 Berger, Katrin (2014): Ausgebrütet : 30 Jahre Schlangenbrut. - In: Schlangenbrut, Nr. 121, S. 3. Alle Ausgaben der Schlagenbrut sind zu finden unter der FMT-Signatur: Z-F033.
15 Schwarzer, Alice (1984): Auch das noch?. - In: EMMA, Nr. 7, S. 23.
16 Roggenkamp, Viola (1984): Lesbenehe. - In: EMMA, Nr. 7, S. 14 - 22.
17 Missionar zeigt „Lesben-Pastor“ an (1984). – In: Bild, 04.05.1984 und Pastor erhielt Verweis. - In: Kieler Nachrichten, 29.06.1984, siehe Pressedokumentation: Homosexuellenehe und Kirche (FMT-Signatur: PD-LE.11.20, Kapitel 3).
18 Pagenstecher, Lising (1992): Abschied von der liebgewonnenen Heimat „Diskriminierung“?. - In: Lesbenring-Info, Sept., S. 6 - 15, S. 13 (FMT-Signatur: Z-L304-a).
19 Handbuch feministische Theologie (1986): Schaumberger, Christine [Hrsg.] ; Maaßen, Monika [Hrsg.] . 1. Aufl. - Münster : Morgana-Frauenbuchverlag (FMT-Signatur: ST.11.024).
20 Uta Ranke-Heinemann (1987). -  In: Der Spiegel, Nr. 33, 10.08.1987.
21 Ranke-Heinemann, Uta (1988): Eunuchen für das Himmelreich : katholische Kirche und Sexualität. - Hamburg : Hoffmann und Campe (FMT-Signatur: ST.11.030).
22 Dokumentation der Sommeruniversität für feministische Theologie siehe Pressedokumentation: Feministische Debatten und Ereignisse 1987 (FMT-Signatur: PD-FE.03.02-1987, Kapitel 3.2.). Eine Publikation mit dem gleichen Titel erscheint im folgenden  Jahr: Schaumberger, Christine ; Schottroff, Luise (1988): Schuld und Macht : Studien zu einer feministischen Befreiungstheologie. - München : Kaiser (FMT-Signatur: ST.11.121).
23 Barz, Monika; Leistner, Herta; Wild, Ute (1987): Hättest Du gedacht, daß wir so viele sind? : Lesbische Frauen in der Kirche. - 1. Aufl. - Stuttgart : Kreuz-Verlag (FMT-Signatur: LE.11.210).
24  Theologinnen in der Männerkirche (1996). -  Bartsch, Gabriele [Hrsg.] ; Dehlinger, Gisela [Hrsg.] ; Kaden, Kathinka [Hrsg.] ; Renninger, Monika [Hrsg.], Stuttgart : Quell, S. 124 (FMT-Signatur: ST.11.088).
25 Raming, Ida (1989): Frauenbewegung und Kirche. - Weinheim : Dt. Studien-Verl., S. 109 (FMT-Signatur ST.11.029).
26 Evangelische Kirche in Deutschland (EKD): Gleichstellungsatlas der evangelischen Kirche in Deutschland, Pressemitteilung vom 15.03.2015. Verfügbar unter:  https://www.ekd.de/presse/pm26_2015_gleichstellungsatlas.html
27 Feministische Theologie - Politische Theologie : Entwicklungen und Perspektiven (2012). -
Schõfer-Bossert, Stefanie [Hrsg.] ; Hartlieb, Elisabeth [Hrsg.]. Sulzbach/Taunus : Helmer, S. 229 (FMT-Signatur: ST.11.169).
28 Bibel in gerechter Sprache (2006). - Bail, Ulrike [Hrsg.] ; Crüsemann, Marlene
[Hrsg.] ; Crüsemann, Frank [Hrsg.] ; Domay, Erhard [Hrsg.] ; Ebach, Jürgen [Hrsg.] ; Janssen, Claudia
[Hrsg.] ; Köhler, Hanne [Hrsg.] ; Kuhlmann, Helga [Hrsg.] ; Leutzsch, Martin [Hrsg.] ; Schiffner, Kerstin
[Hrsg.] ; Schottroff, Luise [Hrsg.] ; Taschner, Johannes [Hrsg.] ; Wacker, Marie-Theres [Hrsg.]. Gütersloh : Gütersloher Verl.-Haus (FMT-Signatur der Taschenbuchausgabe von 2011: ST.11.167).
29 Köhler, Hanne (2006): Pressemitteilung. Online unter: http://www.bibel-in-gerechter-sprache.de/downloads/hgundandere/Presserklaerung_zum_Erscheinen.pdf
30 Atlas zur Gleichstellung von Frauen und Männern in der evangelischen Kirche in Deutschland : Eine Bestandsaufnahme (2015): Evangelische Kirche in Deutschland (Hrsg.). - Frankfurt am Main : Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP) GmbH. Verfügbar unter: https://www.gender-ekd.de/projekte/28507.html
31  Spadaro, Antonio (2013): Das Interview mit Papst Franziskus, Teil 2: Römische Dikasterien, Synodalität, Ökumene. Verfügbar unter:  http://www.stimmen-der-zeit.de/zeitschrift/online_exklusiv/details_html?k_beitrag=3906433
32 Wiegelmann, Lucas (2016): Ein bisschen Jungfrau. - In: Die Welt, 16.09.2016, S. 25.
33 Schlamp, Hans-Jürgen (2016): Papst-Vorstoß : Erst die Fußwaschung, dann das Diakonat . - In: Der Spiegel, 12.05.2016. Verfügbar unter: http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/papst-franziskus-diakonat-wird-moeglicherweise-fuer-frauen-geoeffnet-a-1092107.html

Alle Internetlinks wurden zuletzt abgerufen am: 05.02.2018

Auswahlbibliografie

Empfehlungen

Daly, Mary : Kirche, Frau und Sexus (1970). Olten : Walter, 249 S. (FMT-Signatur: ST.11.022)

Die Zeit des Schweigens ist vorbei : zur Lage der Frau in der Kirche (1979). – Kahl, Susanna [Hrsg.] ; Wolf, Carola [Mitarb.] ; Moltmann-Wendel, Elisabeth [Mirarb.] ; Reichle, Erika [Mitarb.] : Schirmer, Eva [Mitarb.]. Gütersloh: Gütersloher Verl.-Haus Mohn, 105 S. (FMT-Signatur: ST.11.053)

Raming, Ida: Frauenbewegung und Kirche : Bilanz eines 25jährigen Kampfes für Gleichberechtigung und Befreiung der Frau seit dem 2. Vatikanischen Konzil (1989). – Weinheim : Dt. Studien-Verl., 179 S. (FMT-Signatur: ST.11.029)

Kompendium : feministische Bibelauslegung (1998). - Schottroff, Luise [Hrsg.] ; Wacker, Marie-Theres [Hrsg.] ; Janssen, Claudia [Mitarb.] ; Wehn, Beate [Mitarb.]. Gütersloh : Kaiser [u.a.], 832 S. (FMT-Signatur: ST.11.090)

Frauen finden einen Weg: die internationale Bewegung "Römisch-katholische Priesterinnen" (2009). - Hainz McGrath, Elsie;  Mary Meehan, Bridget; Raming, Ida [Hrsg.]. Berlin [u.a.] : Lit-Verl.

Feministische Theologie - Politische Theologie : Entwicklungen und Perspektiven (2012). - Schäfer-Bossert, Stefanie [Hrsg.] ; Hartlieb, Elisabeth [Hrsg.]. Sulzbach/Taunus : Helmer, 251 S. (FMT-Signatur: ST.11.169)

Pressedokumentation

Pressedokumenation zum Thema Religion & Kirche: PDF-Download

Pressedokumenation zum Thema Religion in islamischen Ländern: PDF-Download

Die Pressedokumentation des FMT umfasst strukturierte, thematisch aufbereitete und inhaltlich erschlossene Beiträge der allgemeinen und feministischen Presse, meist angereichert mit weiteren Materialien wie z.B. Flugblättern und Protokollen.

Weitere Bestände im FMT (Auswahl)

FMT-Literaturauswahl Religion und Kirche: PDF-Download

EMMA-Artikel Religion und Kirche: PDF-Download

EMMA-Artikel Feministische Theologie: PDF-Download

Sprache der Geschlechter: Er spricht. Sie spricht.

Ab Mitte der 1970er-Jahre beginnen Feministinnen, die Unterordnung bzw. das Nicht-Benennen von Frauen in der Sprache anzuprangern und eine geschlechtergerechte Sprache zu fordern. Vorreiterinnen wie die Linguistinnen Senta Trömel-Plötz und Luise Pusch analysieren die männerdominierte (deutsche) Sprache mit wissenschaftlichen Methoden und etablieren so die Feministische Linguistik.

Linguistin Mary Ritchie Key, Public Domain, Bildquelle: https://www.librarything.com/pic/4648390
Linguistin Mary Ritchie Key

Der Kampf um die weibliche Präsenz in der Sprache wird zu einem Projekt der Frauenbewegung, die die wachsende gesellschaftliche Teilhabe von Frauen auch sprachlich gespiegelt sehen will. Parallel rücken auch das Sprachverhalten und die nonverbale Kommunikation der Geschlechter in den Fokus feministischer Reflexion.

1974/75

Die Macherinnen des legendären Frauenkalenders1, der im Herbst 1974 erstmals erscheint  (bis zum Jahr 2000), führen als erste das von da an vieldiskutierte Pronomen „frau“(statt „man“) ein. Sie meinen es halb ernst halb ironisch. Von da an geht das provokative „frau“ seinen Weg (siehe Dossier Frauenprojekte).

Lakoff, Robin (1975): Language and woman's place. New York: Harper & Row. (FMT-Signatur: KU.23.061)
Language and woman’s place

Nachdem die US-Amerikanerinnen Mary Ritchie Key (1972)2 und Robin Lakoff (1973)3 erstmals sprachwissenschaftliche Thesen zur „Frauensprache“ veröffentlicht haben, hält die Linguistin Ingrid Guentherodt im Wintersemester 1974/75 an der Universität Trier das erste Hauptseminar zum Thema Rollenverhalten der Frau und Sprache in Deutschland.4 Guentherodt wird 1983 geschlechtergerechte Richtlinien für die Rechts- und Verwaltungssprache5 entwickeln.

April 1977

In New York findet eine Tagung mit 35 Vorträgen zum Thema Frauensprache statt. Theresia Sauter-Bailliet berichtet darüber in Courage und resümiert:„Die Tagung in ihrer Gesamtheit hat mir gezeigt, wie wichtig es für ein weibliches Selbstverständnis und für die Rückgewinnung der Geschichte der Frau ist, dieser frauenspezifischen Erfahrungs- und Ausdrucksweise nachzuspüren.“

Herbst 1978

Gibt es eine Frauensprache? / Theresia Sauter-Bailliet. - [Electronic ed.]. In: Courage : Berliner Frauenzeitung. - 2(1977), H. 10, S. 37 - 38
Courage zu „Frauensprache“, 1977
Mit ihrem Text Linguistik und Frauensprache6 macht Senta Trömel-Plötz, die in den USA Linguistik studiert hatte, die Thesen von Key und Lakoff in Deutschland bekannt. Die Professorin an der Universität Konstanz analysiert die Sprache als „Männersprache“ und „Herrschaftsinstrument“. Denn: Die gesellschaftliche Unterordnung der Frau unter den Mann finde ihre Entsprechung in der Unterordnung der Frau in der Sprache. Sprache bilde nicht nur Realität ab, sondern schaffe auch Realität. Trömel-Plötz fordert, Frauen in der Sprache sichtbar zu machen und ihnen dort einen ebenso gleichberechtigten Platz zu verschaffen wie in der Gesellschaft. In der Fachzeitschrift Linguistische Berichte entwickelt sich eine Debatte um die Verknüpfung von Genus und Sexus: Werden Frauen durch das generische Maskulinum diskriminiert oder gelten sie als ‚mitgemeint‘?7 Die Sprachwissenschaftlerinnen Senta Trömel-Plötz und Luise F. Pusch legen gemeinsam den Grundstein für die Feministische Linguistik in Deutschland.8

1980

Senta Trömel-Plötz, 1987 © Erika Sulzer-Kleinemeier, 1.-7. Okt. 1987 Pfalz-Akademie Lambrecht Feministische Gesprächsanalyse mit Prof. Dr. Senta Trömel-Plötz
Senta Trömel-Plötz

Nach US-amerikanischem Vorbild geben Senta Trömel-Plötz, Ingrid Guentherodt, Marlis Hellinger und Luise F. Pusch 1980 (und erneut 1981) in den Linguistischen Berichten die Richtlinien zur Vermeidung sexistischen Sprachgebrauchs9 heraus. Sexistische Sprache wird darin wie folgt definiert: „Sprache ist sexistisch, wenn sie Frauen und ihre Leistung ignoriert, wenn sie Frauen nur in Abhängigkeit von und Unterordnung zu Männern beschreibt, wenn sie Frauen nur in stereotypen Rollen zeigt und ihnen so über das Stereotyp hinausgehende Interessen und Fähigkeiten abspricht und wenn sie Frauen durch herablassende Sprache demütigt und lächerlich macht.“10

Aufkleber OFRA (FMT-Signatur: VAR.01.051)
Aufkleber OFRA

22. Dezember 1982

Das Arbeitsgericht Frankfurt gibt einer Arbeitnehmerin recht, die gegen die Anrede „Fräulein“ in ihrem Arbeitszeugnis geklagt hatte. Die Wahl der Anredeform zeige ein „gewandeltes Selbstverständnis, das die Zuweisung unterschiedlicher gesellschaftlicher Stellungen an Frauen und Männer, an unverheiratete und ledige Frauen ablehnt.“11
Für den behördlichen Sprachgebrauch hatte bereits 1972 ein Erlass des Bundesinnenministeriums der jahrzehntelangen Kontroverse über die Anredeform für unverheiratete Frauen ein Ende bereitet. Die gesellschaftliche Debatte setzt sich dagegen noch bis in die frühen 1990er-Jahre fort.12  

Dezember 1983

Plakat Veranstaltungsankündigung, 1996 (FMT-Signatur: PT.1996-01)
Veranstaltungsankündigung, 1996

Die Schweizer Wochenzeitung WOZ führt das sogenannte Binnen-I ein, das Frauen, die bis dato mit der männlichen Form ‚mitgemeint‘ waren, sprachlich sichtbar machen soll, ohne dass männliche und weibliche Form genannt werden müssen. Statt „Leser“ oder „Leserinnen und Leser“ heißt es nun „LeserInnen“. Wenige Jahre später beschließt auch die taz nach heftigen innerredaktionellen Debatten, das Binnen-I als Standard anzuwenden.13 Die EMMA verwendet es ab 1987. Der Duden erkennt das Binnen-I trotz kontroverser Diskussionen bis heute nicht an und erklärt: „Die Verwendung des großen I im Wortinnern (Binnen-I) entspricht nicht den Rechtschreibregeln.“14

1984

Von Luise Pusch erscheint Das Deutsche als Männersprache15, ihre erste Sammlung von sprachkritischen Aufsätzen und Glossen, der noch zahlreiche Publikationen folgen werden. Darin enthalten ist auch ein Text von 1983 über Das Duden-Bedeutungswörterbuch als Trivialroman16, in dem Pusch die Geschlechterstereotype in Beispielsätzen des Wörterbuchs herausarbeitet und der DUDEN-Redaktion „abgründige Frauenverachtung“ attestiert.17 Das Deutsche als Männersprache ist heute mit 140.000 Exemplaren das bestverkaufte sprachwissenschaftliche Werk der Nachkriegsgeschichte.

Gewalt durch Sprache : die Vergewaltigung von Frauen in Gesprächen (1984). - Trömel-Plötz, Senta [Hrsg.]. Frankfurt am Main : Fischer-Taschenbuch-Verlag. (FMT-Signatur: KU.23.010)
Gewalt durch Sprache
Senta Trömel-Plötz veröffentlicht ihr Buch Gewalt durch Sprache – Die Vergewaltigung von Frauen in Gesprächen18, das ebenfalls zum Standardwerk der feministischen Linguistik wird. Trömel-Plötz stellt fest: „Unsere Sprache tut uns Gewalt an, weil sie die männlichen Formen bevorteilt. Damit wird eine Weltsicht geschaffen, in der Frauen nicht präsent sind.“19Die Analysen der Sprachwissenschaftlerinnen stoßen auf Widerstand in Wissenschaft und Medien, die die feministischen Linguistinnen wahlweise attackieren oder verspotten. So erscheint zum Buch von Trömel-Plötz eine Rezension in der Zeit. Darin versucht der Journalist Dieter E. Zimmer, den Begriff der „Gewalt“ in diesem Zusammenhang zu relativieren. Außerdem bezeichnet er feministische Sprachkritik als „lächerliche Polemiken gegen die Frauenfeindlichkeit der Sprache“.

11. September 1985

Auf Initiative der Landtagsabgeordneten Marita Haibach (Die Grünen)20 und vorangetrieben vom deutschen Juristinnenbund findet im hessischen Landtag die erste Anhörung zur sprachlichen Gleichbehandlung von Frauen und Männern in Gesetzestexten statt.21 Weitere Bundesländer und schließlich auch der Bundestag folgen dem hessischen Beispiel.

Postkartenserie A: Zeitgenösische Zitate, Nr. 7: Senta Trömel-Plötz, Sprachverrat 3, Vertrieb B. Dorothea Krüger (FMT-Signatur: VAR.03.028)
Postkarte Suffragettenpresse

November 1985

Die Internationale Frauen-Allianz, eine UN-Vereinigung mit weltweit über 70 Mitgliedsorganisationen, tagt in Berlin zum Thema Sexismus und Sprache.22

6. November 1987

Es findet eine Bundestagsdebatte zu den Anträgen aller Parteien statt, „geschlechtsneutrale Bezeichnungen, Formulierungen in Gesetzen, Rechtsvorschriften und Verwaltungsvorschriften“ einzuführen. Die Zeit druckt am 20. November den Redebeitrag der „pointiertesten Rednerin“ ab: Frauenministerin Rita Süssmuth (CDU). Süssmuth bezeichnet die Debatte aufgrund ihrer Überfälligkeit als „höchst ärgerlich“.23

Das Gelächter der Geschlechter : Humor u. Macht in Gesprächen von Frauen und Männern (1996). - Helga Kotthoff [Hrsg.]. Frankfurt am Main : Fischer-Taschenbuch-Verlag. (FMT-Signatur: KU.23.028; versch. Auflagen vorhanden)
Das Gelächter der Geschlechter

1988

Das von der Linguistin Helga Kotthoff herausgegebene Sammelwerk Das Gelächter der Geschlechter24 analysiert, wie Männer und Frauen Humor nutzen, um sprachlich Machtverhältnisse zu festigen (Männer) bzw. sich gegen sie aufzulehnen (Frauen).

Anfang der 1990er-Jahre

Nach der Wiedervereinigung gibt es so manche Spannungen zwischen den West-Feministinnen und den Ost-Frauenrechtlerinnen. Eine der Hauptdifferenzen ist die westliche Sprachkritik. Viele Ostfrauen finden die Einbeziehung der weiblichen Sprachformen oder gar das Binnen-I „lächerlich“. Sie fragen, ob Westfrauen denn keine anderen Sorgen hätten als diese Debatten um eine geschlechtergerechte Sprache.25 In weiten Teilen ist dieser Ost/West-Gap in Sachen feministischer Sprachkritik bis heute präsent.

Pressemitteilung BMFJ, 1993, Quelle: FMT-Pressedokumentation Frauen und Sprache II : Anredeform Frau - Fräulein in historischer Entwicklung (FMT-Signatur: PD-KU.23.02)
Pressemitteilung BMFJ, 1993

11. Mai 1990

Der Deutsche Bundestag beschließt auf Empfehlung des Rechtsausschusses, das generische Maskulinum in der Rechtssprache so weit wie möglich zu vermeiden mit dem Ziel, Frauen sprachlich nicht mehr auszugrenzen. Das generische Maskulinum soll durch alternative Formen ersetzt werden. Die Schreibweise des großen Binnen-I wird jedoch abgelehnt: Sie entspräche „nicht den anerkannten Regeln der deutschen Sprache“ und ihre Benutzung führe zu „schwer verständlichen Formulierungen“.26

1993

Am 20. Januar beschließt die Bundesregierung die sächliche Bezeichnung der Bundesministerien. Angela Merkel, Bundesministerin für Frauen und Jugend, begrüßt in einer Pressemitteilung diesen Schritt zur Umsetzung von Gleichbehandlung in der Rechtssprache.27

Von Coyote III - Eigenes Werk, CC-BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=39411941
Aufkleber auf Straßenschild

Im Auftrag der Deutschen UNESCO-Kommission formulieren die Linguistik-Professorinnen Marlies Hellinger und Christine Bierbach Richtlinien für einen nicht-sexistischen Sprachgebrauch28. Diese Empfehlungen sollen sich an alle richten, „die innerhalb, aber auch außerhalb der Institutionen der UNESCO die deutsche Sprache professionell verwenden, sei es in der Schule oder in der Universität, im Parlament, in den Medien oder in den Behörden. Sie wenden sich an die Verfasserinnen und Verfasser von Lern- und Lehrmaterialien, Sachtexten, Radio- und Fernsehtexten, Wörterbüchern, Enzyklopädien, Reden und Vorträgen, Werbetexten sowie Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln jeglicher Art.“29

1995

In ihrer Einführung in die feministische Sprachwissenschaft30 beklagt die Linguistin Ingrid Samel, dass es keinen eigenen Lehrstuhl für diesen Forschungsbereich gebe, obwohl das Thema weit über die universitäre Forschung hinaus in der Öffentlichkeit breit diskutiert wird.31 Selbst den beiden habilitierten Pionierinnen der feministischen Linguistik Senta Trömel-Plötz und Luise F. Pusch bleibt eine dauerhafte Professur verwehrt.32 

Broschüre Frauenbüro Bielefeld, Detail (FMT-Signatur: FB.01.087)
Broschüre Frauenbüro Bielefeld

Wie geht es weiter?

„In Deutschland muss heute die Notwendigkeit sprachlicher Gleichbenennung nicht mehr diskutiert werden“ resümiert Senta Trömel-Plötz 2004.33 Die Nennung beider Geschlechter hat sich als Standard im öffentlichen Raum weitgehend durchgesetzt: PolitikerInnen verwenden in der Regel die sogenannte „Splitting-Methode“ („Bürgerinnen und Bürger“), in der Nachrichtensprache hat sich diese Form ebenfalls durchgesetzt.  Auch kommunale Gleichstellungsgesetze schreiben inzwischen geschlechtsneutrale Formulierungen (Studierende) oder die Nennung beider Geschlechter vor.

Bibel in gerechter Sprache (2006) (FMT-Signatur der Taschenbuchausgabe von 2011: ST.11.167)
Bibel in gerechter Sprache

Mit der Bibel in gerechter Sprache34 erscheint 2006 das Ergebnis einer Neuübersetzung der Heiligen Schrift (siehe auch Dossier Religion & Kirche). Inititiiert wird das Projekt von einem „Herausgabekreis“ aus 13 TheologInnen, rund 50 TheologInnen übersetzen das Alte und das Neue Testament neu, wobei die geschlechtergerechte Sprache nur ein Aspekt einer gerechten Neuübersetzung ist, jedoch ein zentraler: „In der Bibel in gerechter Sprache wird durchgängig sichtbar gemacht, wo es nicht nur um Männer, sondern um beide Geschlechter geht. So begegnen im Wortlaut Apostelinnen, Diakoninnen, Prophetinnen und Pharisäerinnen. Es wird erkennbar, dass Frauen an den Geschehnissen aktiv beteiligt sind […], dass sie damals wie heute angesprochen und nicht nur mitgemeint sind.“ (siehe Pressemitteilung).

An der Universität Leipzig wird 2011 in der Neufassung der Grundordnung als Alternative zur Nennung beider Geschlechter mit Schrägstrich das generische Femininum eingeführt. Das bedeutet: Alle Berufsbezeichnungen werden in weiblicher Form angegeben. Es heißt also in offiziellen Schriftstücken der Universität nur noch „Professorinnen“  ̶  eine Fußnote erläutert, dass die Professoren mitgemeint sind. Im Juni 2013 veröffentlicht SpiegelOnline einen Artikel von Benjamin Haerdle mit dem Titel Sprachreform an der Uni Leipzig : Guten Tag, Herr Professorin, auf den sich die Medien stürzen: Mit Polemiken, gezielten Fehlinformationen und regelrechten Hassbekundungen greifen sie die Verantwortlichen an, insbesondere Uni-Direktorin Prof. Beate Schücking ist bevorzugtes Ziel der Attacken.35

Beate Schücking, Rektorin der Universität Leipzig, 2007 Foto: Uwe Lewandowski, Lizenz: CC BY-SA 3.0
Uni-Direktorin Beate Schücking

Jetzt fordert die sogenannte ‚Queer-Bewegung‘, das „Konstrukt der Zweigeschlechtlichkeit“ auch sprachlich infrage zu stellen und führt zwei neue Formen ein: 1. den Unterstrich (Bürger_innen), der als „Gender Gap“ den Raum symbolisieren soll, den es zwischen den beiden Polen männlich und weiblich gibt. 2. Das „Gender-Sternchen“ (Bürger*innen oder Frauen*), das ursprünglich aus der Trans-Bewegung kommt und verdeutlichen soll, dass es verschiedene Formen des Geschlechter-Switchens gibt (z. B. transsexuell, transgender, transvestisch etc., kurz: trans*). Über diese Formen wird eine kontroverse Debatte geführt. So kritisiert Luise Pusch den Unterstrich wie folgt: „Menschen, die sich dem weiblichen oder männlichen Geschlecht nicht zurechnen können oder wollen, sollen sich durch den Unterstrich repräsentiert sehen, Frauen durch das Suffix. Als Frau finde ich es mehr als unbefriedigend, mich nach 30 Jahren Einsatz für eine gerechte Sprache auf ein Suffix reduziert zu sehen. Das ist eigentlich noch schlimmer als Mitgemeintsein.“ Auch EMMA findet das Ganze übertrieben und bleibt beim Binnen-I.

Hornscheidt, Lann (2012): feministische w_orte : ein lern-, denk- und handlungsbuch zu sprache und diskriminierung, gender studies und feministischer linguistik. - Frankfurt am Main: Brandes & Apsel. (FMT-Signatur: KU.23.076)ignatur: KU.23.076
feministische w_orte

Als Gegenentwurf zur Norm der Zweigeschlechtlichkeit in der Anrede schlägt Lann Hornscheidt, Professorin für Gender Studies an der Berliner Humboldt-Universität, auf ihrer Homepage eine neutrale X-Form vor („Sehr geehrtx Professx“) und lässt sich selbst auch so bezeichnen. Der Vorschlag erregt medial Aufsehen. Es folgt ein Shitstorm inklusive Gewaltandrohung und dem öffentlichen Aufruf zum Entzug der Professur.36

Eine psychologische Studie von Dries Vervecken und Bettina Hannover von der Freien Universität Berlin belegt 2015, dass geschlechtergerechte Sprache die kindliche Wahrnehmung von Berufen beeinflusst.37 Fast 600 Grundschulkinder bewerteten Berufe unterschiedlich attraktiv für sich selbst — je nachdem, ob ihnen eine geschlechtergerechte oder männliche Berufsbezeichnung vorgelesen wurde.  Die Studie zeigt, was feministische Linguistinnen seit den 1970er-Jahren erklärt hatten: Sprache schafft Realität (siehe Pressemitteilung).

Quellen

1 Frauenkalender '75 (1974). -  Bookhagen, Renate [Hrsg.] ; Schlaeger, Hilke [Hrsg.] ; Scheu, Ursula [Hrsg.] ; Schwarzer, Alice [Hrsg.] ; Zurmühl, Sabine [Hrsg.]. Berlin : Selbstverlag. (FMT-Signatur: NA.09.013-1975)
2 Key, Mary Ritchie (1972): Linguistic behaviour of male and female. - In: Linguistics, 88, S. 15 - 31.
3 Lakoff, Robin (1973): The logic of politeness : or, minding your P's and Q's. - In: Papers from the Ninth Regional Meeting of the Chicago Linguistics Society. Corum, Claudia et al. [Hrsg.]. Chicago : Department of Linguistics, University of Chicago. S. 292 - 305.
4 Samel, Ingrid (1995): Einführung in die feministische Sprachwissenschaft. - Berlin : Schmidt, S. 10. (FMT-Signatur: KU.23.NA.002
5 Guentherodt, Ingrid (1984): Androzentrische Sprache in deutschen Gesetzestexten und der Grundsatz der Gleichbehandlung von Männern und Frauen. - In: Muttersprache 94, S. 271 - 289. (FMT-Signatur: KU.23-a; Objektnr.: 3587)
6 Trömel-Plötz, Senta (1978): Linguistik und Frauensprache. - In: Linguistische Berichte 57, S. 49 - 68 und in: Frauen - Sprache - Literatur : fachwissenschaftliche Forschungsansätze und didaktische Modelle und Erfahrungsberichte für den Deutschunterricht (1982). - Heuser, Magdalene [Hrsg.]. Paderborn : Schöningh. (FMT-Signatur: KU.23.017-a)
7 Pusch, Luise F. (1979): „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, doch weiter kommt man ohne ihr - Eine Antwort auf Kalverkämpers Kritik an Trömel-Plötz' Artikel über 'Linguistik und Frauensprache'“. - In: Linguistische Berichte 63, S. 59 - 64.
8 Samel, Ingrid (1995): Einführung in die feministische Sprachwissenschaft. - Berlin : Schmidt, S. 10. (FMT-Signatur: KU.23.NA.002)
9 Trömel-Plötz, Senta ; Guentherodt, Ingrid ; Hellinger, Marlis ; Pusch, Luise F. (1981): Richtlinien zur Vermeidung sexistischen Sprachgebrauchs. - In: Linguistische Berichte 71, S. 1-7. (FMT-Signatur: KU.23-a, Obj.-Nr. 3587). Zuvor erschienen in Linguistische Berichte 69 im Jahr 1980.
10 Ebenda, S. 1.
11 Becker, Barbara (1983): Anrede „Frau” im Zeugnis. - In: Streit, Nr. 2, S. 29. Siehe Pressedokumentation: Frauen und Sprache II, Anredeform Frau - Fräulein in historischer Entwicklung, 1849-1993 (FMT-Signatur: PD-KU.23.02).
12 Siehe Pressedokumentation: Frauen und Sprache II, Anredeform Frau - Fräulein in historischer Entwicklung, 1849-1993 (FMT-Signatur: PD-KU.23.02).
13 Tolmein, Oliver (2014): Wie das Binnen-I in die taz kam. Verfügbar unter: www.deutschlandfunkkultur.de/journalismus-wie-das-binnen-i-in-die-taz-kam.976.de.html
14 Beide Geschlechter richtig ansprechen (2011). - In: Duden, Geschäftskorrespondenz, Mannheim. www.duden.de/sprachwissen/newsletter/Duden-Newsletter-vom-070111
15 Pusch, Luise F. (1984): Das Deutsche als Männersprache. - Frankfurt a. M. : Suhrkamp Verlag. (FMT-Signatur: KU.23.021)
16 Pusch, Luise F. (1983): „Sie sah zu ihm auf wie zu einem Gott“ : Das DUDEN-Bedeutungswörterbuch als Trivialroman. - In: Pusch, Luise F.: Das Deutsche als Männersprache. Frankfurt am Main : Suhrkamp Verlag, S. 135 - 144. (FMT-Signatur: KU.23.021)
17 Ebenda, S. 144.
18 Gewalt durch Sprache : die Vergewaltigung von Frauen in Gesprächen (1984). - Trömel-Plötz, Senta [Hrsg.]. Frankfurt am Main : Fischer-Taschenbuch-Verlag. (FMT-Signatur: KU.23.010)
19 Ebenda, S. 56.
20 Trömel-Plötz, Senta (2004): Sprache : Von Frauensprache zu frauengerechter Sprache. - In: Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung  : Theorie, Methoden, Empirie. - Becker, Ruth u.a.[Hrsg.]. Wiesbaden : VS, Verlag für Sozialwissenschaften, S.639. (FMT-Signatur: FE.12.NA.001-a)
21 Antrag der Fraktion der GRÜNEN (Drucksache 11/3302 vom 26.02.1985) und Plenarprotokoll 11/56 des Hessischen Landtags vom 11. September 1985. Siehe Pressedokumentation: Frauen und Sprache I, 1977-1994. (FMT-Signatur: PD-KU.23.01, Kapitel 5)
22 Bericht Frankfurter Rundschau vom 21.11.1985. Siehe Pressedokumentation: Feministische Debatten und Ereignisse, 1983. (FMT-Signatur: PD-FE.03.02-1983, Kapitel 3.2, 26)
23 Siehe Pressedokumentation: Frauen und Sprache I, 1977-1994. (FMT-Signatur: PD-KU.23.01, Kapitel 1)
24 Das Gelächter der Geschlechter : Humor u. Macht in Gesprächen von Frauen und Männern (1996). -  Helga Kotthoff [Hrsg.]. Frankfurt am Main : Fischer-Taschenbuch-Verlag. (FMT-Signatur: KU.23.028; versch. Auflagen vorhanden)
25 Diehl, Elke (1994): An die -Innen gewöhnen : Sprache als Ausdruck gesellschaftlicher Realität. - In: Stiefschwestern : Was Ost-Frauen und West-Frauen voneinander denken. - Rohnstock, Karin [Hrsg.]. Frankfurt am Main : Fischer-Taschenbuch-Verlag, S.131 – 141. (FMT- Signatur: LE.01.068)
26 Deutscher Bundestag (1991): Maskuline und feminine Personenbezeichnungen in der Rechtssprache: Bericht der Arbeitsgruppe Rechtssprache vom 17. Januar 1990. - Drucksache 12/1041, S. 33f.. Verfügbar unter: dipbt.bundestag.de/doc/btd/12/010/1201041.pdf
27 Sahler, Gertrud (1993): Pressemitteilung Nr. 3 vom 20.01.1993, Kabinett beschließt sächliche Bezeichnung der Bundesministerien. BMFJ-Pressereferat [Hrsg.], Bonn. Siehe Pressedokumentation: Frauen und Sprache I, 1977-1994. (PD-KU.23.01, Kapitel 5)
28 Hellinger, Marlies ; Bierbach, Christine (1993): Eine Sprache für beide Geschlechter : Richtlinien für einen nicht-sexistischen Sprachgebrauch. Bonn: Deutschen UNESCO-Kommission. www.unesco.de/fileadmin/medien/Dokumente/Bibliothek/eine_sprache.pdf
29 Ebenda, S. 4.
30 Samel, Ingrid (1995): Einführung in die feministische Sprachwissenschaft. - Berlin : Schmidt. (FMT-Signatur: KU.23.NA.002)
31 Ebenda, S. 9.
32 Trömel-Plötz, Senta (1992): Der Ausschluss von Frauen aus der Universität. - In: Trömel-Plötz, Senta (Hrsg): Vatersprache - Mutterland. - München : Frauenoffensive. S.21-44. (FMT-Signatur: KU.23.035)
33 Trömel-Plötz, Senta (2004): Sprache : Von Frauensprache zu frauengerechter Sprache. - In: Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung : Theorie, Methoden, Empirie. - Becker, Ruth u.a. [Hrsg.]. Wiesbaden : VS, Verlag für Sozialwissenschaften, S.641. (FMT-Signatur: FE.12.NA.001)
34 Bibel in gerechter Sprache : Taschenausgabe (2011). - Bail, Ulrike et al. [Hrsg.]. Gütersloh : Gütersloher Verlagshaus. (FMT-Signatur: ST.11.167)
35 Pusch, Luise F.: Generisches Femininum erregt Maskulinguisten, Teil 1. Verfügbar unter: www.fembio.org/biographie.php/frau/comments/generisches-femininum-erregt-maskulinguisten-teil-1 und Pusch, Luise F.: Generisches Femininum erregt Maskulinguisten, Teil 2: Plötzlich weiblich? Verfügbar unter: www.fembio.org/biographie.php/frau/comments/generisches-femininum-erregt-maskulinguisten-teil-2-ploetzlich-weiblich/
36 Hornscheidt, Lann (2014): Es war einmal ein X. - In: Die Zeit Nr. 50, 4. Dezember 2014. Verfügbar unter: www.zeit.de/2014/50/gender-studies-sprache-ohne-geschlecht-lann-hornscheidt
37 Vervecken, Dries; Hannover, Bettina (2015): Yes I can! Effects of gender fair job descriptions on children’s perceptions of job status, job difficulty, and vocational self-efficacy. - In: Social Psychology, 46, S.76 - 92.

Alle Internetlinks wurden zuletzt abgerufen am: 29.01.2018

Auswahlbibliografie

Empfehlungen

Key, Mary Ritchie (1972): Linguistic behaviour of male and female. - In: Linguistics, 88, S. 15 - 31.

Lakoff, Robin (1973): The logic of politeness : or, minding your P's and Q's. - In: Papers from the Ninth Regional Meeting of the Chicago Linguistics Society. Corum, Claudia et al. [Hrsg.]. Chicago : Department of Linguistics, University of Chicago. S. 292 - 305.

Pusch, Luise F. (1979): „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, doch weiter kommt man ohne ihr - Eine Antwort auf Kalverkämpers Kritik an Trömel-Plötz’ Artikel über 'Linguistik und Frauensprache'“. - In: Linguistische Berichte 63, S. 59 - 64.

Wex, Marianne (1979): "Weibliche" und "männliche" Körpersprache als Folge patriarchalischer Machtverhältnisse. - Hamburg : Wex. (FMT-Signatur: KO.03.022) Textauszug

Pusch, Luise F. (1984): Das Deutsche als Männersprache : Aufsätze und Glossen zur feministischen Linguistik. - Frankfurt am Main : Suhrkamp. (FMT-Signatur: KU.23.021)

Gewalt durch Sprache : die Vergewaltigung von Frauen in Gesprächen (1984). - Trömel-Plötz, Senta [Hrsg.]. Frankfurt am Main : Fischer-Taschenbuch-Verlag. (FMT-Signatur: KU.23.010)

Cameron, Deborah (1992): Feminism and linguistic theory. - Basingstoke : Palgrave. (FMT-Signatur: KU.23.NA.004)

Feministischer Thesaurus : das Feministische Archiv und Dokumentationszentrum Köln legt den ersten feministischen Thesaurus auf Deutsch vor (1994). - Schwarzer, Alice [Hrsg.] ; Scheu, Ursula [Hrsg.]. Köln : FrauenMediaTurm. (FMT-Signatur: NA.07.001)

Samel, Ingrid (1995): Einführung in die feministische Sprachwissenschaft. - Berlin : Schmidt. (FMT-Signatur: KU.23.NA.002).

Das Gelächter der Geschlechter : Humor u. Macht in Gesprächen von Frauen und Männern (1996). -  Helga Kotthoff [Hrsg.]. Frankfurt am Main : Fischer-Taschenbuch-Verlag. (FMT-Signatur: KU.23.028; versch. Auflagen vorhanden)

Trömel-Plötz, Senta (2004): Sprache : Von Frauensprache zu frauengerechter Sprache. – In: Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung : Theorie, Methoden, Empirie. - Becker, Ruth u.a. [Hrsg.]. Wiesbaden : VS, Verlag für Sozialwissenschaften. (FMT-Signatur: FE.12.NA.001)

Vervecken, Dries; Hannover, Bettina (2015): Yes I can! Effects of gender fair job descriptions on children’s perceptions of job status, job difficulty, and vocational self-efficacy. - In: Social Psychology, 46, S.76 - 92.

Pressedokumentation

Pressedokumentation zum Thema Sprache der Geschlechter: PDF-Download

Die Pressedokumentation des FMT umfasst strukturierte, thematisch aufbereitete und inhaltlich erschlossene Beiträge der allgemeinen und feministischen Presse, meist angereichert mit weiteren Materialien wie z.B. Flugblättern und Protokollen.

Weitere Bestände im FMT (Auswahl)

FMT-Literaturauswahl Sprache der Geschlechter: PDF-Download

Neue Frauenbewegung: Frauenprojekte

„Ein Raum nur für uns Frauen!“ So lautete das Credo der autonomen Frauenprojekte, die sich ab Beginn der 1970er-Jahre mit dem Start der Frauenbewegung gründeten. So eroberten sie sich verschiedene Räume: Sie initiierten Frauencafés, Frauenkneipen und Frauenzentren, um sich ohne männliche Bevormundung auszutauschen und sich, statt wie gewohnt auf Männer, aufeinander zu beziehen. Sie gründeten Frauenarchive,  Frauenverlage und Frauenbuchläden, um weibliches Wissen wiederzuentdecken, zu sammeln und um „ihre“ Themen publizieren zu können.  Auch die ersten Frauenhotels und Frauenbildungshäuser entstehen in dieser Zeit. 

Januar 1973

Button (FMT-Signatur: VAR.02.015)
Button, undatiert

In Berlin gründen rund 120 Frauen das erste Frauenzentrum Deutschlands in der Kreuzberger Hornstraße 2.1 Initiatorinnen sind hauptsächlich die Gruppe Brot und Rosen und die Frauengruppe der Homosexuellen Aktion Westberlin (HAW). Mit der Gründung des Zentrums lösen sich die HAW-Frauen zusehends von den homosexuellen Männern und wenden sich verstärkt der Zusammenarbeit mit den Frauenzentrumsgruppen zu. Ab dem 24. März 1973 ist das Zentrum täglich geöffnet.2 Im November 1973 findet dort die erste von zwei amerikanischen Feministinnen angeleitete gynäkologische Selbstuntersuchung statt (siehe Dossier Körper & Gesundheit).3

15. Mai 1973

Frauenzentrum Hornstraße, Berlin, Bildquelle: EMMA-Archiv (FMT-Signatur: FT.02.0023)
Frauenzentrum Hornstraße, Berlin

Die Zeit der Hausbesetzungen. Frauen und Männer aus der alternativen Szene besetzen leerstehende Häuser (oft Objekte von Spekulanten), um billigen Wohnraum zu bekommen. Auch Frauengruppen beginnen, Häuser zu besetzen. In Frankfurt/Main wird am 15. Mai 1973 die erste Hausbesetzung  durch Frauen mit einer Hundertschaft und zwei Wasserwerfern beendet. Eine Gruppe junger Frauen – Studentinnen und Angestellte – hatte eine leerstehende Wohnung in der Freiherr-vom-Stein-Straße besetzt, um als ‚Frauenkollektiv‘ darin zu wohnen.4

Flugblatt zur Gründung des Frankfurter Frauenzentrums, 1973 (FMT-Signatur: FB.05.024)
Frankfurter Frauenzentrum, 1973

September 1973

In Frankfurt wird in der Eckenheimer Landstraße 72 das zweite Frauenzentrum in Deutschland gegründet.5 Initiatorinnen sind vor allem der Weiberrat und die Frauengruppe Revolutionärer Kampf. Das Zentrum ist Treffpunkt und Diskussionsort und startet bald seine ersten Aktionen: Es lädt zum Infoabend zur gynäkologischen Selbstuntersuchung ein, ruft zur gemeinsamen Demonstration gegen den § 218 auf und organisiert Hollandfahrten für Frauen, die einen (in Deutschland verbotenen) Schwangerschaftsabbruch durchführen wollen.6 Das Berliner und das Frankfurter Frauenzentrum sind die ersten von vielen Frauenzentren, die frauenbewegte Frauen im Aufbruch in den folgenden Jahren initiieren werden. Bis zum Jahr 1977 werden in 38 Städten fast 60 Frauenzentren gegründet.

11. Mai 1974

Plakat Rock-Fete im Rock, 1974 (FMT-Signatur: PT.1974-01)
Plakat zur Rock-Fete im Rock

In der TU Berlin findet das erste öffentliche Frauenfest statt: die Rockfete im Rock. Organisiert wird die Veranstaltung von einer Gruppe des Berliner Frauenzentrums. In ihrem Flugblatt heißt es: „Wir sind uns alle einig darin, dass wir diese erste öffentliche Frauenfete unter uns machen wollen. Wir wissen, auch aus den gemachten Erfahrungen, dass unser Verhalten freier ist, wenn Männer nicht dabei sind. Darum, Frauen, kommt an diesem Abend allein.“ Die Veranstalterinnen rechnen mit rund 500 Frauen, es kommen über 2000. Außerdem tritt eine Frauenband auf, die sich eigens zu diesem Anlass gegründet hat: die Flying Lesbians. Die Rockfete im Rock wird zum Event und zum Politikum.8

1974

18 Frauen der Münchner Frauenbewegung gründen die Frauenoffensive, Deutschlands ersten autonomen Frauenverlag.9 Noch im selben Jahr folgt der Frauenselbstverlag Berlin. Der Verlag nennt sich bald drauf Frauenpresse, ab 1980 sub rosa frauenverlag und seit 1986 Orlanda Frauenverlag (nach Virginia Woolfs Roman Orlando10).11

Rockfete im Rock, 11. Mai 1974 , © Lillemor Lutz - Angela Neuke Archiv - Rheinisches Landesmuseum (FMT-Signatur: FT.02.079)
Rockfete im Rock, 11. Mai 1974

Frauen des Berliner Frauenzentrums organisieren die beiden ersten Frauenraubdrucke. Das Ziel: Bedeutende feministische (historische) Texte, die sehr schwer zu beschaffen und daher weitgehend unbekannt sind, sollen möglichst vielen Leserinnen zugänglich gemacht werden. Das Berliner Frauenzentrum druckt Frauenstaat und Männerstaat nach, ein Buch der Matriarchatsforscherin Mathilde Vaerting aus dem Jahr 1921, sowie Der Mythos vom vaginalen Orgasmus von Anne Koedt.12 Auch der Frauenselbstverlag Berlin bringt wenig später als erstes Buch Frauenstaat und Männerstaat heraus. Die Nachfrage ist groß.13

Frauenkalender '75 (1974). - Bookhagen, Renate [Hrsg.] ; Schlaeger, Hilke [Hrsg.] ; Scheu, Ursula [Hrsg.] ; Schwarzer, Alice [Hrsg.] ; Zurmühl, Sabine [Hrsg.]. Berlin : Selbstverlag (FMT-Signatur: NA.09.013-1975)
Frauenkalender, 1975
Ende 1974 erscheint der erste Frauenkalender, initiiert von Ursula Scheu und Alice Schwarzer. Der Taschenkalender war 26 Jahre lang ein heimlicher Bestseller in fünfstelliger Auflage. Die Tagesmeldungen und Sonderseiten des Kalenders waren eine Chronik der Neuen und Wiederentdeckung der Historischen Frauenbewegung; Inspirateur, Ideengeber und DAS Forum zur Vernetzung der Feministinnen. Im Anhang wurden Jahr für Jahr alle deutschsprachigen Frauenzentren und -projekte aufgelistet, sowie die wichtigsten internationalen. Für Interessierte und Forschende ist dieser Kalender, der ein lebendiger Spiegel seiner Zeit ist, eine wahre Fundgrube! Übrigens: Im Frauenkalender 1975 tauchte zum ersten Mal das schöne Wörtchen „frau“ (statt man) auf. Und das kleine Maskottchen des Kalenders hieß Hedwig – nach der großen Hedwig Dohm.

September 1975

Anzeige Blocksberg, 1975, Quelle: UKZ 1975, Heft 10, S.31 (FMT-Signatur: Z-L301)
Anzeige Blocksberg, 1975

In Berlin-Kreuzberg eröffnet in der Yorkstraße die erste Frauenkneipe Europas: das Blocksberg. Das kleine Lokal wird schon bald zum Treffpunkt vieler Berliner Frauen. Doch bereits zwei Jahre nach der Eröffnung ist das Blocksberg hoch verschuldet und muss – nach einem Streit zwischen den beiden Gründungsfrauen – schließen. In den kommenden Jahren eröffnen in ganz Deutschland zahlreiche Kneipen, in denen nur Frauen Zutritt haben.14

1975

Stefan, Verena (1976): Häutungen. - München : Fischer-Taschenbuch-Verlag. (FMT-Signatur: FE.03.108; versch. Auflagen vorhanden)
Häutungen

Im Berliner Frauenselbstverlag erscheint der erste Frauenkalender15, die Frauenoffensive veröffentlicht ihr erstes Buch und ihr erstes Frauen-Journal. Im selben Jahr erscheint dort auch Verena Stefans Roman Häutungen16. Das Buch wird ein Bestseller und bringt dem Frauenverlag erstmals stärkeren finanziellen Rückhalt und ermöglicht so die Ablösung aus der bisherigen Produktions- und Vertriebsgemeinschaft mit dem linken Trikont-Verlag.

3. November 1975

In der Münchner Arcisstraße eröffnet Lillemor’s, der erste deutsche Frauenbuchladen. Die fünf Gründungsfrauen wollen feministische Literatur sowie Texte und Bücher von Frauen für Frauen zugänglich machen und einen Kommunikationsort für Frauen schaffen. Eine Woche später eröffnet in Berlin der zweite deutsche Frauenbuchladen: Labrys.17

Dezember 1975

Lillemor's Frauenbuchladen München, Bildquelle: EMMA-Archiv, © Monika Neuser (FMT-Signatur: FT.02.0230)
Lillemor’s Frauenbuchladen München

Auf Initiative des Frankfurter Frauenzentrums erscheint das Frauenjahrbuch 75: „Die Idee, ein Frauenjahrbuch herauszugeben, geht zurück auf die Erfahrungen mit Frauenbewegungen anderer Länder, deren Entwicklung wir aufgrund einer Vielzahl Veröffentlichungen verfolgen können. Das Frauenjahrbuch soll uns die Möglichkeit schaffen, den jetzigen Stand der Bewegung immer wieder zu erinnern und zu analysieren.“18

Plattencover Flying Lesbians, Externer Link: Flying Lesbians Website
Plattencover Flying Lesbians

Die Frauenband Flying Lesbians produziert ihr erstes und einziges Album. Die Gruppe hatte sich spontan im Vorjahr formiert, nachdem eine englische, für die Rockfete im Rock gebuchte Frauenband abgesagt hatte. Die LP erscheint 1976 im Münchener Verlag Frauenoffensive in einer Erstauflage von 5.000 Stück.19

Januar 1976

In Berlin wird der erste Frauenbuchvertrieb (FBV) gegründet. Die Idee: Frauenprojekte sollen autonom agieren können, das heißt in diesem Fall: Die in den neuen Frauenverlagen publizierten Bücher sollen nicht mehr von ‚Männervertrieben‘ verbreitet werden.20

April 1976

Aufkleber: Die Zukunft ist weiblich. Verlag Frauenoffensive, München (o.J.) (FMT-Signatur: VAR.01.164)
Aufkleber Verlag Frauenoffensive

In Berlin gründen vier Aktivistinnen des Lesbischen Aktionszentrums (LAZ) den Amazonen-Frauenverlag, der „das lesbische Anliegen selbstbewusst und offensiv vertreten“ will.21 Zu den ersten Büchern im Amazonen-Frauenverlag gehören Jill Johnstons Analyse Nationalität Lesbisch22 (Originaltitel: Lesbian Nation23, USA 1973) und der historische Lesbenroman Sind es Frauen?24 von Aimée Duc aus dem Jahr 1901. Der Verlag existiert bis 1984 (siehe Dossier Homo-Sexualität).25
Im Laufe des Jahres gründen sich weitere Frauenverlage: In München nach der Frauenoffensive der Frauenbuchverlag (ab Ende der 80er-Jahre: Antje Kunstmann Verlag), Motto: „Bücher für Mehrheiten, die wie Minderheiten behandelt werden.“ Im Jahr 1977 kommt der Verlag bereits auf 300.000 Mark Umsatz – Gehälter können sich die sechs Verlagsfrauen jedoch davon noch nicht auszahlen.26 KritikerInnen werfen dem Verlag die Zusammenarbeit mit Männern und die Publikation männlicher Autoren vor.
In Münster gründet sich der Verlag Frauenpolitik.27

Treffen schreibender Frauen, 1976, © Ina Suchert, Quelle: EMMA-Archiv, Treffen schreibender Frauen in München, Mai 1976 (FMT-Signatur: FT.02.0248)
Treffen schreibender Frauen, 1976

8./9. Mai 1976

In München lädt der Verlag Frauenoffensive zum 1. Treffen Schreibender Frauen. Etwa 100 Teilnehmerinnen kommen, darunter auch bekannte Autorinnen wie Christa Reinig, Monika Sperr und Hedi Wyss. Die programmatische Debatte über ‚Frauenliteratur‘ und das „Schreiben von Frauen“, die mit der Gründung der Frauenverlage begonnen hatte, wird fortgesetzt.28 

17. Juni 1976

Courage, Nr. 0, Juni 1976, FMT-Signatur: Z-Ü104
Courage, Nr. 0, Juni 1976

Die erste Ausgabe der feministischen Zeitschrift Courage erscheint als alternative Berliner Stadtzeitung. Die Zeitschrift versteht sich als kollektive Initiative, in der sich die ganze Breite der Frauenbewegung spiegeln soll. Ihre Mitarbeiterinnen sind überwiegend keine Journalistinnen und arbeiten zunächst ehrenamtlich. Mit Erscheinen der EMMA wird Courage auf einen BRD-weiten Vertrieb gehen. Im Jahr 1984 stellt die Courage ihr Erscheinen ein.29

Sommer 1976

Die Journalistin Alice Schwarzer, seit ihrem Streitgespräch mit Esther Vilar30 und seit dem Erscheinen ihres Bestsellers Der kleine Unterschied31 einer breiten Öffentlichkeit bekannt, beginnt mit der Vorbereitung eines professionellen feministischen Magazins, das an den Kiosk gehen soll. Sie wünscht sich eine Startauflage von 100 – 200.000 Leserinnen und schreibt einen Brief an alle Frauenzentren, in dem sie alle interessierten Frauen zur Mitarbeit auffordert. „Die Zeitung soll maximal allgemeinverständlich und populär sein, d.h. in breitem Umfang den Problemen und Interessen der Mehrheit der Frauen Rechnung tragen, gleichzeitig jedoch die theoretische Diskussion zur Frauenfrage kreativ und kühn mit vorantreiben.“32

Schwarze Botin, Nr. 1, 1976, FMT-Signatur: Z-Ü108
Schwarze Botin, Nr. 1, 1976

Herbst 1976

In der Schwarzen Botin erscheint drei Monate vor Erscheinen der ersten Ausgabe der EMMA ein Aufruf zum Informationsboykott gegen EMMA.33 Darin heißt es unter anderem: „Wir Unterzeichnerinnen rufen alle Frauengruppen, Zentren und einzelne Frauen dazu auf, keinerlei Materialien Adressen, Aktivitäten und Gelder für EMMA sprich Alice Schwarzer zur Verfügung zu stellen.“34 Die Unterzeichnerinnen befürchten „[…] die drohende Vermarktung der Frauenbewegung durch ‚Emma‘ als kommerziellem Unternehmen.“ Die Courage schließt sich dem Boykottaufruf an und erklärt: „Solidarität der Frauenbewegung kann es nur geben, wenn die Frauen auch bereit sind, sich solidarisch gegen Frauenprojekte zu stellen, die der Frauenbewegung durch ihr männlich-kapitalistisches Marketing schädlich sind.“35

Erste EMMA, 26. Januar 1977, Externer Link: EMMA-Lesesaal
Erste EMMA, 26. Januar 1977

26. Januar 1977

Die erste EMMA erscheint. Alice Schwarzer ist die Verlegerin und Chefredakteurin (siehe erstes Editorial). Die Aufregung ist groß. Die ersten 200.000 Exemplare sind innerhalb einer Woche ausverkauft, es werden 100.000 nachgedruckt. Die Medien überschlagen sich. Das ZDF zählt die fehlenden Kommata; die Bunte prophezeit, dass maximal noch eine Ausgabe erscheinen werde; und die FAZ vermutet: „Auf Dauer wird hier für die moderne Gesellschaft mehr Sprengstoff liegen als in den Traumtänzereien verworrener Systemveränderer.“36 – Im Jahr 2017 erscheint die EMMA weiterhin, inzwischen zweimonatlich.

4. Juni 1977

In Bonn eröffnet der Frauenbuchladen Nora.37 

1978

Frauenbuchladen Nora, © Barbara Metzlaff, Quelle: EMMA-Archiv (FMT-Signatur: FT.02.0351)
Frauenbuchladen Nora

Der Verlag Frauenoffensive in München lädt zur ersten Internationalen Feministischen Verlagskonferenz. Ein Resultat: Auf der Frankfurter Buchmesse veranstalten Frauenbuchverlage erstmalig eine gemeinsame Pressekonferenz und präsentieren ihre Bücher gemeinsam.38
In Berlin wird das Feministische Frauenforschungs-, -bildungs- und Informationszentrum (FFBIZ) gegründet. Das Archiv beginnt, die Spuren der Frauenbewegung zu sichern. Denn: „Viele der in der neuen Frauenbewegung aktiven Gruppen […] dokumentierten ihre Aktivitäten nicht strukturiert in förmlichen Akten, sondern vielmehr durch Arbeitspapiere, Protokolle, Flugblätter, Plakate, Fotos, Buttons und Sticker und vielen anderen Grauen Materialien. Hinzu kamen auch Schallplatten mit Songs von Demonstrationen und Frauenfesten.“39

Flugblatt (Detail), Frauen gehen zu Frauen e.V. (FMT-Signatur: FB.01.078)
Frauen gehen zu Frauen e. V., 1979

Im Bochum wird der Frauenbuchladen Amazonas gegründet. Dort und in Bochumer Lesbengruppen entsteht Ende der 1980er-Jahre die Idee zur Zeitschrift Ihrsinn – eine radikalfeministische Lesbenzeitschrift40, die von 1990 bis 2004 überregional erscheinen wird.41

1. August 1978

Die Münchner Frauenkneipe eröffnet. Zehn Frauen, die sich bereits aus anderen Frauenarbeitsgruppen kannten, eröffnen das Lokal gemeinsam. Es bietet eine Ausstellungsfläche für ‚Frauenkunst‘ und lädt zum Musizieren ein. Zwei der Gründerinnen, die als Sozialarbeiterinnen arbeiten, bieten einmal wöchentlich kostenlose Beratung an.42

1979

Wahlboykott? : Haben Frauen noch die Wahl? ; Eine Streitschrift zu den Wahlen '80 (1980). - Schwarzer, Alice [Hrsg.] ; Strobl, Ingrid [Hrsg.]. Köln : Emma-Frauen-Verlag. (FMT-Signatur: ST.03.028-1980)
Wahlboykott? EMMA-Sonderband 1
In Hamburg entsteht der Frauenmedienladen Bildwechsel.43 Neben einer Videothek mit Abspielstellen werden vor allem Ausstattungen zur Erstellung eigener Videoproduktionen angeboten: Aufnahmeeinheiten mit Kameras, Schnittgeräte, VHS-Abspielgeräte, Stative und Mikrofone, aber auch ein Fotolabor und ein Schneideraum. Bildwechsel ist heute ein eingetragener Verein und versteht sich als Künstlerinnennetzwerk.
Der Dachverband der feministischen Frauenprojekte Frauen gehen zu Frauen e. V. wird gegründet.44

1. Juli 1979

Das Frauenbildungs- und Frauenferienhaus Zülpich e. V. eröffnet. Entstanden ist das Projekt aus einer Initiative von Studentinnen der Kölner Fachhochschule. Der umgebaute Bauernhof bietet Seminarräume, Übernachtungs- und Freizeitmöglichkeiten. Bis heute haben über 48.000 Frauen an Kursen und Veranstaltungen im Frauenbildungs- und Frauenferienhaus Zülpich e. V. teilgenommen, im Jahr 2014 wurde das 35-jährige Bestehen gefeiert.45

1981

Im EMMA-Verlag, der seit 1977 die Zeitschrift EMMA herausbringt, erscheint das erste EMMA-Buch46 mit ausgewählten EMMA-Artikeln. Im selben Jahr erscheint dort auch Mein feministischer Alltag47 von Franziska Becker, es folgen z.B. 1983 Das kleine Mädchen, das ich war48 oder 1988 PorNO: die Kampagne, das Gesetz, die Debatte.49 (siehe Dossier Pornografie)

1982

Gründungsinformation des Frauennetzwerks Goldrausch in Berlin 1982 mit Beitrittserklärung (FMT-Signatur: FB.07.066)
Gründungsinformation Goldrausch

In Berlin wird das Frauennetzwerk Goldrausch gegründet. Der eingetragene Verein existiert bis heute, vergibt Mikrokredite für Existenzgründerinnen und Unternehmerinnen und ist Mitglied der Weiberwirtschaft eG. Zu den ersten geförderten Projekten gehört u.a. die Finanzierung eines Fotokopierers für das Lesbenarchiv Berlin und die Unterstützung der Zeitschrift Lesbenstich50. Bis heute hat Goldrausch rund mit 850.000 Euro (aus Vereinsbeiträgen und Spenden) 450 Frauenunternehmen und -projekte gefördert und unterstützt.51

1983

Das ehemalige Hotel Schöne Aussicht im rheinland-pfälzischen Charlottenberg wird zum Frauenlandhaus Charlottenberg e. V. und ist bis heute Frauentagungs- und Seminarhaus, Begegnungsstätte und ein Ort, an dem Frauen unter sich Urlaub machen können.

Frauenlandhaus Charlottenberg, Bildquelle: EMMA-Archiv
Frauenlandhaus Charlottenberg

29. Januar 1983

Im Rahmen der Bielefelder Frauenwoche findet auf Einladung des Frauenarchivs Osnabrück das erste überregionale Frauenarchivtreffen statt, an dem sieben Frauen aus Osnabrück, Hamburg und Frankfurt teilnehmen. Es entsteht eine Tradition zunächst halbjährlicher Tagungen der Frauenarchive, die schließlich 1994 zur Gründung eines Dachverbandes führen wird.52

8. März 1984

Eröffnung "Feministisches Archiv und Dokumentationszentrum in Frankfurt, 22.03.1984 (FMT-Signatur: FT.02.0255)
Feministisches Archiv und Dokumentationszentrum, 1984

In Frankfurt wird das Feministische Archiv und Dokumentationszentrum gegründet. In einer ersten Pressemitteilung heißt es: „Es ist die Absicht des Feministischen Archivs, die unverschleierte Lebensrealität von Frauen, ihre vielfältigen Versuche der Emanzipation und Befreiung und die Theorie des radikalen Frauenkampfes, den Feminismus zu dokumentieren. Dabei wollen wir so umfassend wie möglich die schon jetzt bedrohte Geschichte des Neuen Feminismus, wie auch partiell die des historischen radikalen Feminismus aufarbeiten, der Zeitgeschichte allerdings den Vorrang geben.“53  1988 zieht das Archiv nach Köln und 1994 in den Bayenturm ein, jenen symbolträchtigen Ort Kölner (Männer-)Geschichte, der dem feministischen Archiv einen würdevollen Rahmen gibt und unter dem neuen Namen FrauenMediaTurm zu einem stolzen Hort der Frauengeschichte werden lässt.

Ebenfalls am 8. März eröffnet in Kassel die Bibliothek und das Studienzentrum des Vereins Archiv der deutschen Frauenbewegung e. V. mit dem Ziel, Dokumente der ersten deutschen Frauenbewegung zu sammeln und eine „Möglichkeit für historisch orientierte feministische Forschungs- und Bildungsarbeit“ zu schaffen.54

12. Juni 1987

Plakat EMMA-Fest, 1987 (FMT-Signatur: PT.1987-06)
Plakat EMMA-Fest, 1987

In Köln feiert die EMMA ihr zehnjähriges Bestehen im Botanischen Garten, der Flora. Es treten unter anderem Ina Deter und Dirk Bach auf, moderiert wird die Veranstaltung von Hella von Sinnen. Über 6.000 Frauen nehmen am bis dato größten Frauenfest Deutschlands teil.55

1988

In Hamburg eröffnet das Frauencafé endlich, aus dem 1995 auch das Frauenhotel Hanseatin entsteht.56

1989

In Berlin eröffnet das Frauenhotel Artemisia.
Die Berliner Weiberwirtschaft wird als Genossenschaft gegründet. Auf dem Gewerbehof siedeln sich Frauenunternehmen an. Die Idee dahinter: „Bündeln wir die Initiativkraft, die ökonomischen Potenziale und vor allem die Unternehmens-Lust von Frauen und geben wir dieser Idee einen Namen und einen Raum.“57 Heute gibt es auf dem Gewerbehof rund sechzig Betriebe für und von Frauen, die Weiberwirtschaft ist Europas größtes Gründerinnenzentrum mit etwa 1.800 Genossenschafterinnen.

Wie geht es weiter?

Weiberwirtschaft, 1995, © Eric Richard, Frauengewerbehof WeiberWirtschaft, Berlin, Anklamer Straße 38; 8/95, 1995 (FMT-Signatur: FT.02.286)
Weiberwirtschaft, 1995

Nach dem Aufbruch der Frauenprojekte in den 1970er-Jahren setzt ab den 1990er-Jahren ein ‚Frauenprojekte-Sterben‘ ein. Grund dafür ist vor allem, dass die frauenpolitischen Inhalte und Forderungen Eingang in den Mainstream gefunden haben bzw. sich das gesellschaftliche Klima in Richtung Gleichberechtigung verändert hat. So hat der Kampf gegen sexuelle Belästigung dazu geführt, dass der Besuch von Kneipen oder Hotelbars (in denen Frauen ohne männliche Begleitung früher noch abgewiesen wurden) für Frauen zur Normalität gehört. Viele Frauenkneipen und –restaurants sind in ihrer Funktion als Schutzräume daher überflüssig geworden und haben aus Mangel an Besucherinnen ihre Pforten geschlossen. Die sogenannte ‚Frauenliteratur‘, die früher exklusiv in Frauenbuchländen erhältlich war, ist  heute in der Regel Bestandteil des Standardsortiments gewöhnlicher Buchläden. Die meisten Frauenbuchläden sind daher mittlerweile geschlossen oder haben ihr Sortiment breiter aufstellt, sodass sie nicht mehr als reine Frauenbuchläden bezeichnet werden können. Nur eine Handvoll hat überlebt, darunter Lillemore’s in München.58

Externer Link: Webseite i.d.a.
i.d.a.-Netzwerk seit 1994

Im März 2013 startet mit FemBooks die erste Internetbuchhandlung für „feministische, emanzipatorische und lesbisch_queere Literatur“. Es existieren noch rund 15 deutschsprachige Frauenverlage, davon haben allein fünf ihren Sitz in Berlin.59 

DDF, 2018, Externer Link: Webseite DDF
DDF, 2018

Der Dachverband deutschsprachiger Lesben/Frauenarchive, -bibliotheken und -dokumentationsstellen e.V., (i.d.a.) (informieren, dokumentieren, archivieren), wird 1994 gegründet. Ihm schließen sich in den folgenden Jahren rund 40 Einrichtungen aus Deutschland, Italien, Österreich, der Schweiz und Luxemburg an.

Quellen

1 Als die Frauenbewegung noch Courage hatte : die "Berliner Frauenzeitung Courage" und die autonomen Frauenbewegungen der 1970er und 1980er Jahre : Dokumentation einer Veranstaltung am 17. Juni 2006 in der Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin (2007). - Notz, Gisela [Hrsg.].Bonn : Friedrich-Ebert-Stiftung, S. 14. (FMT-Signatur: ME.03.071)
2 HAW-Frauen : Eine ist keine - Gemeinsam sind wir stark : Dokumentation (1974). - Homosexuelle Aktion West-Berlin Frauengruppe [Hrsg.]. Berlin : HAW-Frauengruppe, S. 33. (FMT-Signatur: LE.11.025)
3 Schmidt, Roscha (1988): Frauengesundheit in eigener Hand : die feministische Frauengesundheitsbewegung. - In: Der große Unterschied : die neue Frauenbewegung und die siebziger Jahre. - Soden, Kristine von [Hrsg.]. Berlin : Elefanten Press, S. 39. (FMT-Signatur: FE.03.065)
4 Frauenbesetzung in der Freiherr-vomStein-Straße (1974). - In: Frauenzeitung Nr. 2, S. 13f.. Siehe Pressedokumentation: Chronik der Neuen Frauenbewegung, 1973 (PD-FE.03.01-1973, Kapitel 3.2, 10)
5 Die Frau wird überall verkauft (1973). - siehe Flugblatt im Bildarchiv. (FMT-Signatur: FB.05.024)
6 Entdecken wir uns selbst wieder! : Früher waren die Frauen mit ihrem Körper vertraut (1975). - Frauenzentrum Frankfurt [Hrsg.], siehe Flugblatt im Bildarchiv. (FMT-Signatur: FB-05.069), Frauen gemeinsam sind stark! : Weg mit § 218 (1975). - Frauenzentrum Frankfurt [Hrsg.], siehe Flugblatt im Bildarchiv. (FMT-Signatur: FB.05.086) und Überfall auf das Frankfurter Frauenzentrum : Wir machen wieder eine Fahrt nach Holland - kommt alle mit! (1975). - Frauenzentrum Frankfurt [Hrsg.], siehe Flugblatt im Bildarchiv. (FMT-Signatur: FB.07.117)
7 Adressliste von Frauengruppen und Frauenzentren in: Schwarzer, Alice (1973): Der "kleine Unterschied" und seine großen Folgen : Frauen über sich : Beginn einer Befreiung. - Frankfurt am Main : Fischer-Taschenbücher. (FMT-Signatur: FE.10.226; versch. Auflagen vorhanden)
8 Strobl, Ingrid (1979): Von heute an gibt's mein Programm!. - In: EMMA, Nr. 12, S. 32. Verfügbar unter: www.emma.de/lesesaal/45167
9 Münch, Friederike (1978): Hat die Alleinherrschaft der Männerverlage jetzt ein Ende?. - In: Emma, Nr. 1, S. 8. Verfügbar unter: www.emma.de/lesesaal/45144
10 Woolf, Virginia (1928): Orlando : eine Biografie. - Frankfurt am Main : Fischer. (FMT-Signatur: KU.03.WOOL.009)
11 Orlanda : Über den Verlag. Website aktuell nicht verfügbar.
12 Vaerting, Mathilde ; Koedt, Anne (1975): Frauenstaat und Männerstaat [Beigefügtes Werk : Der Mythos vom vaginalen Orgasmus]. - Frauenzentrum Berlin [Hrsg.]. Berlin : Frauendruck 1. (FMT-Signatur: FE.06.401)
13 Zirm, Marie-Theres (2008): Verlagswesen - eine Frage des Geschlechtes? : 1973-2008 : 35 Jahre Frauenverlage in Deutschland, Österreich und der Schweiz im Kontext der Frauenbewegung. - Wien : o. V., S. 74. (FMT-Signatur: ME.03.070)
14 Just, Renate (1977): Frauen, Bier und keine Männer. - In: Zeit-Magazin. Siehe Pressedokumentation: Frauenkneipen, 1976-1987 (FMT-Signatur: PD-FE.03.07)
15 Frauenkalender '75 (1974). - Bookhagen, Renate [Hrsg.]; Lorez, Gudula [Hrsg.]; Scheu, Ursula [Hrsg.]; Schwarzer, Alice [Hrsg.]; Zurmühl, Sabine [Hrsg.].Berlin : Selbstverlag. (FMT-Signatur: NA.09.013-1975)
16 Stefan, Verena (1994): Häutungen.- München : Fischer-Taschenbuch-Verlag. (FMT-Signatur: FE.03.108, versch. Auflagen vorhanden)
17 Siehe Pressedokumentation: Deutsche und ausländische Frauenbuchläden, 1974-1993. (FMT-Signatur: PD-ME.03.07)
18 Frauen-Verein [Hrsg.] (1975): Frauenjahrbuch '75 - 1. Aufl. - Frankfurt am Main : Roter Stern. (FMT-Signatur: FE.03.001-1975.[01])
19 Raber, Ralf Jörg (2010): Wir sind wie wir sind : Ein Jahrhundert homosexuelle Liebe auf Schallplatte. - Hamburg : Männerschwarm Verlag, S. 183.
20 Goettle, Gabriele (1976): Frauen gemeinsam sind stark : Interview mit Regina Krause vom Frauenbuchvertrieb in Berlin. - In: Die schwarze Botin, Nr. 1, S.31-34. (FMT-Signatur: Z-Ü108)
21 Lesbischer Verlag gegründet! (1976). - In: Unsere kleine Zeitung von und für Lesben, Nr. 6, S. 25. (FMT-Signatur: Z-L301:1976-6)
22 Johnston, Jill (1977): Lesben-Nation : Die feministische Lösung. - Berlin : Amazonen-Frauenverlag. (FMT-Signatur: LE.11.072; versch. Auflagen vorhanden)
23 Johnston, Jill (1973): Lesbian Nation : the Feminist Solution. - New York : Simon & Schuster.
24 Duc, Aimée (1976): Sind es Frauen? : Roman über das 3. Geschlecht. - Berlin: Amazonen-Frauenverlag. (FMT-Signatur: KU.03.DUC.001)
25 Zirm, Marie-Theres (2008): Verlagswesen - eine Frage des Geschlechtes? : 1973-2008 : 35 Jahre Frauenverlage in Deutschland, Österreich und der Schweiz im Kontext der Frauenbewegung. - Wien : o. V., S. 95 u. 111. (FMT-Signatur: ME.03.070)
26 Frauenbücher: „Lieber sich gesund schimpfen“ (1977). - Der Spiegel, Nr. 51, S. 177. Verfügbar unter: magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/40693939
27 Siehe Pressedokumentation: Frauenverlage, Frauenbuchprojekte und Initiativen im Literaturbereich, 1974-1993. (FMT-Signatur: PD-ME.03.04, Kapitel 1)
28 Zirm, Marie-Theres (2008): Verlagswesen - eine Frage des Geschlechtes? : 1973-2008 : 35 Jahre Frauenverlage in Deutschland, Österreich und der Schweiz im Kontext der Frauenbewegung. - Wien : o. V., S. 95. (FMT-Signatur: ME.03.070)
29 Courage-Countdown : Zum letzten, zum dritten, zum zweiten, zum ersten, zero? (1984). - In: Courage, Nr. 20, S. 4-5. Verfügbar unter: library.fes.de/courage/pdf/1984_20.pdf
30 ALICE contra ESTHER : 6.2.75 ARD. - Siehe Pressedokumentation: Chronik der Neuen Frauenbewegung, 1975. (FMT-Signatur: PD-FE-03.01-1975, Kapitel 3.1, 3)
31 Schwarzer, Alice (1973): Der "kleine Unterschied" und seine großen Folgen : Frauen über sich : Beginn einer Befreiung. - Frankfurt am Main : Fischer-Taschenbücher. (FMT-Signatur: FE.10.226; versch. Auflagen vorhanden)
32 Schwarzer, Alice (1976). - Rundbrief Nr. 2, 13.06.1976. Siehe Pressedokumentation: Chronik der Neuen Frauenbewegung, 1976. (FMT-Signatur: PD-FE.03.01-1976, Kapitel 3.3)
33 Frauen-Presse : Kampf um Emma (1976). - In: Der Spiegel, Nr. 49, S. 221. Verfügbar unter: magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/41124889
34 Konflikt um Alice Schwarzers neue Zeitung "Emma" (1976). - In: Courage, Nr. 3, S. 42. Verfügbar unter: library.fes.de/courage/pdf/1976_03.pdf
35 Ebenda.
36 Pressereaktionen auf Emma (1977). - In: Emma, Nr. 2, S. 5. Verfügbar unter: www.emma.de/lesesaal/45660
37 Sonntag, Sonja (1977): Der Frauenbuchladen. - In: EMMA, Nr. 12, S. 44. Verfügbar unter: www.emma.de/lesesaal/45143
38 Zirm, Marie-Theres (2008): Verlagswesen - eine Frage des Geschlechtes? : 1973-2008 : 35 Jahre Frauenverlage in Deutschland, Österreich und der Schweiz im Kontext der Frauenbewegung. - Wien : o. V., S. 95f.. (FMT-Signatur: ME.03.070)
39 FFBIZ : Geschichte. Verfügbar unter: www.ffbiz.de/ueber-uns/geschichte/index.html
40 Ihrsinn : eine radikalfeministische Lesbenzeitschrift. - Ihrsinn e. V. [Hrsg.]. Bochum, 1.1990 - 15.2004; damit Ersch. eingest.. (FMT-Signatur: Z-L310)
41 Plogstedt, Sibylle (2006): Frauenbetriebe : vom Kollektiv zur Einzelunternehmerin. - Königstein/Taunus : Helmer, S. 226. (FMT-Signatur: AR.03.313) und Wie Ihrsinn entstanden ist (1990). -  In: Ihrsinn, Nr. 1, S. 112. (FMT-Signatur: Z-L310:1990-1-a)
42 Münchner Frauenkneipe mit Garten (1978). In: EMMA, Nr. 9, S. 44. Verfügbar unter: www.emma.de/lesesaal/45152
43 Über Bildwechsel. Verfügbar unter: www.bildwechsel.org/info/de/ueberuns.html
44 frauen gehen zu frauen (1979). - Münchener Frauenzeitung. Siehe Pressedokumentation: Chronik der Neuen Frauenbewegung, 1979. (FMT-Signatur: PD-FE.03.01-1979, Kapitel 3.2, 12)
45 Frauenbildungshaus Zülpich : Geschichte. Verfügbar unter: www.frauenbildungshaus-zuelpich.de/images/Geschichte.pdf
46 Wahlboykott? : Haben Frauen noch die Wahl? ; Eine Streitschrift zu den Wahlen '80 (1980). - Schwarzer, Alice [Hrsg.] ; Strobl, Ingrid [Hrsg.]. Köln : Emma-Frauen-Verlag. (FMT-Signatur: ST.03.028-1980)
47 Becker, Franziska (1984): Mein feministischer Alltag : Cartoons. - München : Dt. Taschenbuch-Verlag. (FMT-Signatur: KU.09.063)
48 Das kleine Mädchen, das ich war : Schriftstellerinnen erzählen ihre Kindheit (1983). - Strobl, Ingrid [Hrsg.] [Nachw.] ; Mitscherlich-Nielsen, Margarete [Vorw.]. Köln : Emma-Frauen-Verlag. (FMT-Signatur: Ku.07.202)
49 PorNo : die Kampagne, das Gesetz, die Debatte (1988). - Schwarzer, Alice [Hrsg.]. Köln : Emma-Frauen-Verlag. (FMT-Signatur: SE.09.059-1988)
50 Lesbenstich : eine Zeitung der Lesbenbewegung. - Berlin : Lesbenstichverlag, 0.1980; 1.1980 - 14.1993,1; damit Ersch. eingest.. (FMT-Signatur: Z-L303)
51 Arbeitsplätze selber schaffen : Chaos und Organisation, Gratisarbeit und Staatsgelder, Liebe und Konflikte, Engagement und Überdruß (1983). - Plogstedt, Sibylle [Hrsg.]. Berlin, S. 23. (FMT-Signatur: AR.03.211) Verfügbar unter: library.fes.de/courage/pdf/sh08.pdf und Goldrausch in Kürze. Verfügbar unter: www.goldrausch-ev.de/wir-ueber-uns/goldrausch-in-kuerze
52 Archivetreffen. Verfügbar unter: www.denktraeume.de/denktraeume-2/archiv/290-2/
53 Das feministische Archiv und Dokumentationszentrum - erste Anmerkungen zu Arbeitsweisen und Absichten (März 1984), Pressemitteilung. - Mitscherlich-Nielsen, Margarete ; Reinig, Christa ; Schwarzer, Alice [Hrsg.], S. 2. Siehe Pressedokumentation: Presseartikel Feministisches Archiv und FrauenMediaTurm, 1984-2010. (FMT-Signatur: PD-NA.05.05)
54 Eröffnung (1984). - Archiv der deutschen Frauenbewegung e. V. [Hrsg.], siehe Broschüre im Bildarchiv (FMT-Signatur: FB.06.016).
55 EMMA - Das Fest (1987). - siehe Plakat im Bildarchiv. (FMT-Signatur: PT.1987-06)
56 Frauenhotel Hanseatin : Über uns. Verfügbar unter: www.hotel-hanseatin.de//hotel/ueberuns.html
57 Weiberwirtschaft eG. Verfügbar unter: weiberwirtschaft.de/home/
58 Die Frauenbuchläden Lillemore's  in München, Laura in Göttingen, Xanthippe in Mannheim und Thalestris in Tübingen bestehen auch weiterhin seit ihrer Gründungszeit in den 1970er-Jahren.
59 Aktualisierte Information auf der Grundlage der Verlagslisten in: Taschenbuch Frauenpresse (2005). - RWE Energy [Hrsg.]. - Remagen-Rolandseck : Rommerskirchen, S. 191ff.. (FMT-Signatur: ME.01.NA.003-2005)

Alle Internetlinks wurden zuletzt abgerufen am: 05.09.2018

Auswahlbibliografie

Empfehlungen

Arbeitskreis Autonomer Frauenprojekte Berlin [Hrsg.] (1992): 20 Jahre und (k)ein bisschen weiser? Bilanz und Perspektiven der Frauenprojektbewegung. Bonn : Stiftung Mitarbeit. (FMT-Signatur: FE.03.138)

Eva Brinkmann to Broxten, Claudia Fuchs u.a. [Hrsg.] (1987): Ohne Netz und doppelten Boden. Frauenprojekte und Frauenpolitik in Hessen. - Frankfurt : Frauenbuchversand. (FMT-Signatur: FE.03.085)

Margrit Brückner (1996): Frauen- und Mädchenprojekte. Von feministischen Gewißheiten zu neuen Suchbewegungen. Opladen : Leske und Budruch. (FMT-Signatur: FE.93.113)

Frankfurter Frauen [Hrsg.] (1975): Frauenjahrbuch 1975. Frankfurt am Main : Verlag Roter Stern. (FMT-Signatur: FE.03.001-1975)

Renate Rieger [Hrsg.] (1993): Der Widerspenstigen Lähmung? Frauenprojekte zwischen Autonomie und Anpassung. Frankfurt am Main, New York : Campus Verlag. (FMT-Signatur: FE.03.121)

Alice Schwarzer (1981): 10 Jahre Frauenbewegung. So fing es an! Köln : Emma-Frauenverlag. (FMT-Signatur: FE.03.164-1981)

Pressedokumentation

Pressedokumentation zum Thema Frauenprojekte: PDF-Download

Die Pressedokumentation des FMT umfasst strukturierte, thematisch aufbereitete und inhaltlich erschlossene Beiträge der allgemeinen und feministischen Presse, meist angereichert mit weiteren Materialien wie z.B. Flugblättern und Protokollen.

Weitere Bestände im FMT (Auswahl)

FMT-Literaturauswahl Frauenprojekte: PDF-Download

Neue Frauenbewegung: Frauenhäuser

Ab Mitte der Siebziger Jahre macht die Frauenbewegung das dramatische Ausmaß der Gewalt von Männern an ihren eigenen Frauen und Kindern öffentlich und initiiert nach ausländischem Vorbild die ersten Frauenhäuser.

Illustration Frauenhaus Köln

Im November 1976 eröffnet in Berlin das erste autonome Frauenhaus in Deutschland, bald folgen weitere. Gegen die Propaganda von der Familie als ’sicherem Ort‘ und obwohl Männergewalt in Ehen und Beziehungen trotz der überfüllten Frauenhäuser weiter geleugnet wird, gelingt es der Frauenbewegung, zunehmend ein öffentliches Bewusstsein für diese alltägliche Gewalt zu schaffen, der viele Frauen und Kinder ausgesetzt sind. Bald professionalisieren sich die Frauenhäuser und es entsteht ein flächendeckendes Netz aus Frauenhäusern und weiteren Hilfsangeboten. Heute gibt es in Deutschland rund 350 Frauenhäuser. Ihre Finanzierung ist allerdings nach wie vor nicht staatliche Pflicht. Tausende schutzsuchender Frauen und Kinder müssen jedes Jahr abgewiesen werden.

Pizzey, Erin (1984): Schrei leise : Mißhandlungen in der Familie. - Frankfurt am Main : Fischer-Taschenbuch-Verl. (FMT-Signatur SE.07.008). Original von 1971, dt. Erstausgabe 1974.
Schrei leise

1971

Das weltweit erste Frauenhaus wird von der Sozialarbeiterin Erin Pizzey in London gegründet. Pizzey, die zunächst in einer kommunalen Beratungsstelle gearbeitet hatte, war dort immer öfter auf geschlagene Ehefrauen getroffen, die in Ermangelung einer anderen Unterkunft trotz jahrelanger Misshandlungen gezwungen waren, bei dem Schläger zu bleiben. Sie eröffnet zunächst ein inoffizielles Schutzhaus im Stadtteil Chiswick und später eine größere Unterkunft: das Women’s Aid Centre. Da Pizzey keine Frauen abweist, ist das Frauenhaus stets mit bis zu 150 Frauen und ihren Kindern überfüllt. Andere Frauengruppen nehmen sich ein Beispiel an Pizzeys Initiative. 1976 wird es in England schon 90 Frauenhäuser geben.

1974

Susan Brownmiller, New York 1986 © Bettina Flitner (FMT-Signatur: FT.02.664)
Feministin Susan Brownmiller

In Deutschland erscheint Erin Pizzeys Buch Schrei leise1 (Original: Scream Quietly or the Neighbours Will Hear, 1971) über ihre Erfahrungen mit dem Frauenhaus.2 Die Aktivistin wird mit dem Buch, das schon drei Jahre zuvor in England herausgekommen war, international zu Lesungen eingeladen und trägt so zur Gründung von Frauenhäusern auch in anderen Ländern bei. Weltweit eröffnen nun weitere Frauenschutzhäuser, beispielsweise in Schottland, den Niederlanden, den USA und Australien.3

27. Februar 1976

Unter dem Titel Die Frauen als Opfer der Männer berichtet die Zeit über das Thema Vergewaltigung und Gewalt in der Ehe. Sie referiert dabei auf das Buch Against Our Will der amerikanischen Feministin Susan Brownmiller, das kurz zuvor in den USA erschienen war. (Deutsch: Gegen unseren Willen, 1977). Das Thema (Sexual)Gewalt gegen Frauen, das von der Frauenbewegung nun immer stärker in die Öffentlichkeit gebracht wird, stößt auf eine so breite Resonanz, dass es nun auch immer öfter von den Medien aufgegriffen wird.

Internationales Frauentribunal Brüssel 4.-8. März 1976. Frauengruppen [Hrsg.] - Bremen : Selbstverlag (FMT-Signatur: SE.01.038)
Dabei: 1.500 Frauen aus 33 Ländern

4. – 8. März 1976

In Brüssel kommen 1.500 Teilnehmerinnen aus 33 Ländern zum Internationalen Tribunal Gewalt gegen Frauen zusammen. Die ‚Anklagen‘ der Frauen umfassen alle gesellschaftlichen Bereiche: Von Gewalt in der Ehe über diskriminierende Gesetze bis Pornografie. Das Tribunal liefert der bundesdeutschen Frauenhausinitiative, die mittlerweile entstanden ist, wichtige Impulse. Simone de Beauvoir schreibt in einem Grußwort: „Ich halte dieses Treffen für ein großes historisches Ereignis.“4

14. April 1976

Der Stern veröffentlicht die Ergebnisse einer von ihm in Auftrag gegebenen Umfrage. Titel: Mein Mann hat mich vergewaltigt. Ergebnis: „In jeder fünften Ehe wird die Frau zum Sex gezwungen.“ Das entspricht rund 2,5 Millionen Frauen in der BRD. Ebenfalls jede fünfte Frau ist der Ansicht, eine Ehefrau müsse „ihrem Mann sexuell zur Verfügung stehen, wann immer er es will“.5

Sarah Haffner (1976): Gewalt in der Ehe und was Frauen dagegen tun : Frauenhäuser. - Berlin : Wagenbach (FMT-Signatur SE.07.09).
Gewalt in der Ehe und was Frauen dagegen tun

26. April 1976

Die ARD zeigt die Dokumentation Schreien nützt nichts – Brutalität in der Ehe von Sarah Haffner. Auf rund 400 Fälle ‚Häuslicher Gewalt‘ war die Autorin bei ihren Recherchen gestoßen. „Wir hörten Geschichten, die an Grausamkeit alles übertrafen, was wir uns haben vorstellen können, ohne dass grundsätzlich Abhilfe geleistet wird“, berichtet Haffner, die ihre Recherchen auch in einem Buch verarbeiten wird: Gewalt in der Ehe und was Frauen dagegen tun: Frauenhäuser.6 Sarah Haffner wird bald darauf eine der Gründerinnen des Berliner Frauenhauses werden.

01. November 1976

In Berlin eröffnet das erste Haus für geschlagene Frauen. Initiiert wurde das Frauenhaus vom Verein zur Förderung des Schutzes misshandelter Frauen e.V. Seit 1974 hatte sich der feministische Verein aus Sozialarbeiterinnen, Psychologinnen, Ärztinnen und Anwältin um eine Finanzierung für das Projekt bemüht. Sie wenden sich an Ämter und Ministerien.

Plakat: Geschlagen - getreten - gedemütigt : Frauen werden von Männern mißhandelt! ; Wo finden sie Hilfe? ; Wir brauchen ein Frauenhaus!, 1976 (FMT-Signatur: PT.047)
Frauenhaus-Forderung, Berlin 1976

Eine Anfrage an Bundesfamilienministerin Katharina Focke (SPD) bleibt zunächst unbeantwortet. Erst als die Medien auf das geplante Projekt aufmerksam werden und der Wahlkampf für die Bundestagswahl am 03.10.1976 beginnt, bewilligt die Ministerin die Förderung des ersten deutschen Frauenhauses für drei Jahre als Modellprojekt. Der Berliner Senat steuert 20 Prozent der Kosten (489.500 DM)7 bei – auch dies erst nach öffentlichem Druck und einer Umfrage bei den Berliner Eheberatungsstellen: Jede achte Ehefrau wendet sich wegen Misshandlungen durch ihren Ehemann an die Beratung. Als das Haus für geschlagene Frauen schließlich eröffnet, sind die 80 Plätze für Frauen und Kinder innerhalb weniger Tage belegt. Allein in den ersten drei Monaten suchen 193 Frauen mit 300 Kindern im Frauenhaus Zuflucht.8

01. Dezember 1976

Quelle: EMMA-Archiv (FMT-Signatur: FT.02.0215)
Frauenhaus Berlin, 1977

In Köln eröffnet der Verein Frauen helfen Frauen das zweite deutsche Frauenhaus. Der Verein war aus einem Seminar der Fachhochschule zur Geschichte der Frauenbewegung entstanden. Eine 15-köpfige Studentinnengruppe, die sich auch praktisch engagieren wollte, hatte sich zwecks Gründung eines Frauenhauses an den Kölner Sozialdezernenten gewandt. Der bestritt den Bedarf. Die Studentinnen mobilisierten die Medien mit Aktionen in der Fußgängerzone und sammelten 2.000 Unterschriften. Nachdem der Kölner Stadtanzeiger die Telefonnummer einer Wohngemeinschaft veröffentlicht hatte, unter der sich schutzsuchende Frauen melden konnten, riefen dort permanent Frauen an, die die Initiatorinnen zunächst privat unterbrachten. Die Stadtverwaltung, die immer mehr unter Druck geriet, erfragte nun bei ihren Einrichtungen, wie viele Frauen dort Zuflucht vor ihren gewalttätigen Ehemännern suchten. Resultat: „Sie musste feststellen, dass durchschnittlich 100 Frauen monatlich bei der Polizei und den sozialen Einrichtungen auftauchten, die Schutz vor Männergewalt suchten, dass diese Klagen aber nicht behandelt werden konnten, weil Gewalt in der Familie als Privatangelegenheit galt.“9

Quelle: EMMA-Archiv
Unterschriftenaktion Köln, 1976

Da die Stadt jedoch weiterhin untätig bleibt, mietet der inzwischen gegründete Verein Frauen helfen Frauen selbst ein Haus und richtet einen ehrenamtlichen Rund-um-die-Uhr-Dienst ein. Auch dieses Frauenhaus ist von Anfang an überfüllt. Schließlich bewilligt die Stadt eine Stelle für eine Sozialpädagogin sowie die Finanzierung der Bewohnerinnen per Sozialhilfe. Der Fall erregt öffentliche Aufmerksamkeit, in weiteren Städten gründen sich Vereine Frauen helfen Frauen.

Januar 1977

Quelle: EMMA-Archiv (FMT-Signatur: FT.02.0217)
Frauenhaus Berlin, 1977

Das Frauenhaus Bielefeld eröffnet als drittes Frauenhaus in Deutschland. Weitere Frauenhäuser folgen. Zum 30. Jubiläum der Gründung der ersten deutschen Frauenhäuser wird die Zentrale Informationsstelle Autonomer Frauenhäuser (ZIF) die Ausgangssituation im Jahr 1977 rückblickend so beschreiben: „Vor 30 Jahren wurde die alltägliche Gewalt gegen Frauen von allen Seiten beschwiegen, verleugnet oder bagatellisiert und zum Einzelfall erklärt, wobei den Opfern immer auch ein Selbstverschulden unterstellt wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es keinen Ort, wo von Gewalt betroffene Frauen und Kinder Unterstützung finden konnten. In der Familie konnte Männergewalt gegen Frauen ungestraft ausgeübt werden.“10 

März 1977

Flugblatt: Schrei laut : gegen Männergewalt ein Frauenhaus, 1977, Frankfurt/M. (FMT-Signatur: FB.04.032)
Aufruf Frankfurt a. M. 1977

Im März erscheint in EMMA die Reportage Ein Tag im Haus für geschlagene Frauen von Alice Schwarzer. Sie schreibt: „Schätzungen über die Zahl der sogenannten ‚geschlagenen Frauen‘ schwanken in der Bundesrepublik zwischen 100 000 und vier Millionen. Untersuchungen und Statistiken existieren nicht. Was kein Zufall ist, sondern die totale Ignoranz dieses Problems ausdrückt.“11 

06.-08. Mai 1977

In Köln findet das erste Nationale Frauenhaustreffen statt. Es nehmen rund 100 Frauen von 22 Initiativgruppen teil. Die Initiatorinnen der vier schon gegründeten Frauenhäuser in Berlin, Köln, Bielefeld und Bremen berichten von ihren Erfahrungen, ebenso die Gruppen in Dortmund, Bonn und Rendsburg, die Wohnungen für schutzsuchende Frauen angemietet haben.12 

Flugblatt: Veranstaltung zum Thema "Gewalt gegen Frauen", 16.03.1977 (FMT-Signatur: FB.04.091)
Flugblatt Frankfurt a. M., 1977

Januar 1978

Die Frauenhaus-Initiativen kämpfen um eine stabile Finanzierung der Frauenhäuser, die gleichzeitig die Bewohnerinnen nicht entmündigt oder stigmatisiert. Den Plan der zuständigen Behörden, den Aufenthalt der schutzsuchenden Frauen in Zukunft nach § 72 Bundessozialhilfegesetz (BSHA) zu regeln, stößt bei den Frauen auf große Skepsis. Denn der Paragraf gilt für Personen, bei denen „besondere soziale Schwierigkeiten der Teilnahme am Leben in der Gemeinschaft entgegenstehen“.13 Voraussetzung für die Unterstützung ist, dass „dass das Unvermögen des Gefährdeten ursächlich auf einem Mangel an innerer Festigkeit beruht“.14 Diese Klassifizierung der vor ihren Misshandlern geflüchteten Frauen ist auch deshalb ein Problem, weil ihr angeblicher ‚Mangel an innerer Festigkeit‘ sich negativ in Sorgerechtsprozessen auswirken kann. Hinzu kommt: Das Anlegen einer Akte über jede Frau mit Angaben über ihren Zustand stünde im Widerspruch zur Anonymität, die die Frauenhaus-Initiativen ihren Bewohnerinnen garantieren wollen.15 Bei Migrantinnen kann die Meldung bei den Behörden sogar zu ihrer Abschiebung führen, weil ich Aufenthaltsstatus an den Fortbestand der Ehe geknüpft ist.

Quelle: EMMA-Archiv
Frauenhaus Berlin, 1977

20. Februar 1978

Auf das Berliner Frauenhaus wird ein Brandanschlag verübt. Ein Jahr später, im Januar 1979, folgt der zweite. Auch die anderen Frauenhäuser sind regelmäßig Ziel von Anschlägen.

28.- 30. April 1978

Auf Initiative des Kölner Frauenzentrums veranstalten Delegierte aus den Frauenzentren ein nationales Tribunal Gewalt gegen Frauen. Der ‚Gewaltkatalog‘, den die Initiatorinnen aufgestellt haben reicht von ‚Gewalt in der Ehe‘ über den ‚Mode- und Schönheitsterror‘ bis zur ‚Männerorientierten Sprachentwicklung‘.

20. September 1978

Quelle: EMMA-Archiv
Frauen-Haus-Demo in Bonn, 1977

Vor dem Münchner Frauenhaus erschießt ein Mann seine 23-jährige Ehefrau und danach sich selbst. Sie war vor ihm mit den Kindern in das Frauenhaus geflohen. Die Presse berichtet. Reporter halten sich tagelang vor dem Frauenhaus auf.16 Immer wieder werden misshandelte Frauen, die in Frauenhäusern Zuflucht gesucht haben, von ihren Ehemännern ermordet.

07. und 30. November 1978

Zwei Fernsehfilme im ZDF thematisieren das Thema Gewalt in der Ehe und die Flucht der Frauen in ein Frauenhaus: Ehen vor Gericht (von Sina Walden) und Die Macht der Männer ist die Geduld der Frauen (von Cristina Perincioli).  Die Sendungen bekommen große mediale Aufmerksamkeit und die Sender zahlreiche – teils heftige – Reaktionen von ZuschauerInnen.17

Flugblatt: Demonstration für Förderung von Frauenhäusern, 13.12.1980, Frauenhaus (FMT-Signatur: FB.04.094)
Flugblatt Kassel, 1980

27.-28. Oktober 1979

In Bochum findet das 5. Nationale Frauenhaustreffen statt. Zentrales Thema ist weiterhin die Finanzierungsfrage. Die Frauenhäuser verlangen statt einer Finanzierung über das Bundessozialhilfegesetz pauschale Tagessätze.

19. Dezember 1979

Abordnungen von zehn nordrhein-westfälischen Frauenhäusern demonstrieren im Düsseldorfer Landtag. Sie fordern Gesundheits- und Sozialminister Friedhelm Farthmann (SPD) zur finanziellen Sicherung der Frauenhäuser auf.18

Januar 1980

Nachdem die Finanzierung des Berliner Frauenhauses als Modellprojekt ausgelaufen ist, übernimmt nun das Land Berlin die Kosten, ebenso für das zweite Berliner Frauenhaus, das im September 1979 eröffnet hat. Die Finanzierung umfasst u.a. die Sanierung und Erstausstattung des zweiten Frauenhauses sowie Personalkosten für sechs Mitarbeiterinnen pro Frauenhaus und 90.000 Mark für psychologische, juristische, medizinische und therapeutische Fachkräfte. Die Finanzierung läuft über Pauschalen und nicht über das Bundesozialhilfegesetz.19

Flugblatt: Demonstration für Förderung von Frauenhäusern, 13.12.1980, Frauen helfen Frauen - Frauenhaus e.V. (FMT-Signatur: FB.04.090)
Flugblatt Frankfurt a. M., 1980

Auf dem 8. Nationalen Frauenhaustreffen in Braunschweig wird die Zentrale Informationsstelle Autonomer Frauenhäuser (ZIF) als Vernetzungs-, Informations- und Koordinationsstelle gegründet. Inzwischen gibt es in Deutschland 30 autonome Frauenhäuser.20

Januar 1981

Das Verwaltungsgericht Düsseldorf entscheidet: Flüchtet eine misshandelte Frau ins Frauenhaus, um „eine akute Bedrohung des körperlichen oder seelischen Wohls des Ehepartners und/oder der Kinder abzuwenden“, kann der Mann vom Sozialamt zur Übernahme der entstandenen Kosten herangezogen werden.

Es ist das erste Mal, dass sich ein deutsches Gericht mit dieser Frage beschäftigt. Das Urteil wird von den Frauenhaus-Initiativen als „wegweisende Entscheidung“ begrüßt.21

17. April 1981

In Gießen demonstrieren 1.500 Frauen gegen Männergewalt. Der Kurde Mehmed Urak hatte seine Frau Gülüzar im Gießener Frauenhaus mit 30 Messerstichen ermordet.22

23. März 1982

Bundesministerin für Familie und Gesundheit, Antje Huber, 1976 (Quelle: EMMA-Archiv
Bundesfamilienministerin Huber

Bundesfamilienministerin Antje Huber trägt den Abschlussbericht des Modellprojekts Frauenhaus Berlin vor, das drei Jahre lang wissenschaftlich begleitet wurde. Resultat: Zwischen 1976 und 1979 haben über 2.500 Frauen und etwa ebenso viele Kinder Zuflucht im Frauenhaus gesucht. Der vor der Eröffnung des ersten Frauenhauses so vehement bestrittene Bedarf steht also jetzt auch offiziell außer Frage: „Die Misshandlung von Frauen und Gewalt in der Familie, auch gegen Kinder, ist lange Zeit tabuisiert worden. Die Errichtung von Frauenhäusern hat dazu beigetragen, das Problem der Gewalt gegen Frauen öffentlich zu machen und einen Bewusstseinswandel einzuleiten.“23

1983

1 Jahr Frauenhaus Heidelberg - und nun? Frauen Helfen Frauen [Hrsg.]. Heidelberg: Selbstverlag, 1981, S. 6 (FMT-Signatur: SE.07.085)
Broschüre Heidelberg, 1981
Die Bundesregierung legt den Ersten Frauenhausbericht vor. Er stellt fest: „In der Bundesrepublik gibt es inzwischen weit über 100 Frauenhäuser, zumeist in großen und mittleren Städten, noch sehr selten in ländlichen Gebieten. Träger sind vielfach Initiativgruppen der autonomen Frauenbewegung, daneben auch Verbände der freien Wohlfahrtspflege und vergleichbare Verbände. In der Praxis wird deshalb auch zwischen autonomen und nichtautonomen Frauenhäusern unterschieden.“

Zur Bedeutung der Frauenhäuser heißt es: „Frauenhäuser haben mit ihren Aktivitäten wesentlich dazu beigetragen, dass die Öffentlichkeit auf das bis dahin weitgehend tabuisierte Thema der Gewalttätigkeit gegenüber Frauen in Ehe und Partnerschaft aufmerksam geworden ist und die Forderung nach ausreichenden Hilfen unterstützt. Frauenhäuser sind als Zufluchtsstätten für misshandelte Frauen und ihre Kinder notwendig. Sie leisten beispielhafte Arbeit vor allem durch Selbsthilfe und ehrenamtliches Engagement. Im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten sollte deshalb bewährte Frauenhausarbeit gefördert werden.“24

1 Jahr Frauenhaus Heidelberg - und nun? Frauen Helfen Frauen [Hrsg.]. Heidelberg: Selbstverlag, 1981, (FMT-Signatur: SE.07.085)
Titelbild Broschüre Heidelberg, 1981
Zentrales Thema des Berichtes ist die Frage der Finanzierung der Frauenhäuser. Denn: „Die Träger von Frauenhäusern (…) sehen ohne neue gesetzliche Absicherung die Existenz der Frauenhäuser gefährdet.“ Die Finanzierung der Frauenhäuser ist in das Ermessen des jeweiligen Bundeslandes bzw. der Kommune gestellt, weshalb die Frauenhäuser eine Finanzierung per Pauschale fordern, die sich an der durchschnittlichen Belegung orientiert. Diese soll bundesweit einheitlich per Gesetz geregelt sein. Die Bundesregierung aber erklärt: „Für die Schaffung neuer bundesgesetzlicher Grundlagen zur Sicherung der Finanzierung von Frauenhäusern fehlen nach Auffassung der Bundesregierung die Grundlagen. Die geltenden Vorschriften werden für ausreichend gehalten.“

Flugblatt: Aufruf zur Demo am 17. April 1982 (FMT-Signatur: FB.04.075)
Aufruf zur Demo am 17. April 1982

12.-13. Januar 1984

Das Familienministerium richtet in Bonn eine Fachtagung Gewalt gegen Frauen aus. SozialarbeiterInnen, JuristInnen, Ärztinnen, PolizistInnen, Journalistinnen, Frauen aus (autonomen) Frauenhäusern und Vertreterinnen der Notrufe für vergewaltigte Frauen diskutieren über Erscheinungsformen und Ursachen der Gewalt gegen Frauen sowie Hilfsmöglichkeiten.

September 1988

© Frauen helfen Frauen e.V. Köln (FMT-Signatur: PD-SE.07.05)
Broschüre Frauenhaus Köln

Die Bundesregierung legt den Zweiten Bericht über die Lage der Frauenhäuser vor. Zum ersten Mal liegen offizielle Zahlen über die Nutzung der Frauenhäuser vor: In den rund 180 Frauenhäusern, davon etwa 100 autonome, suchen jährlich geschätzt 25.000 misshandelte Frauen und etwa die gleiche Anzahl an Kindern Zuflucht. 10 bis 30 Prozent von ihnen sind Migrantinnen.

Wie geht es weiter?

Nach der Wiedervereinigung entstehen auch in Ostdeutschland die ersten Frauenhäuser. In der DDR existierten keine Frauenhäuser, da Männergewalt in Ehe und Familie nach offizieller Lesart nicht existierte. Anders als im Westen, gab es hier aber keine starke Frauenbewegung, die die sogenannte Häusliche Gewalt ans Licht bringen und Frauenhäuser und -beratungsstellen gründen konnte. Dabei berichten Mitarbeiterinnen in ostdeutschen Frauenhäusern von vergleichbarer Gewalt von Männern gegen Frauen zu DDR-Zeiten.25

Leitfaden für Frauen in Frauenhäusern. Frauenhausgruppe [Hrsg.]. - Frankfurt a.M.: Selbstverlag, 1985. (FMT-Signatur: SE.07.034)
Leitfaden FH Frankfurt, 1985
2001 wird unter der rot-grünen Regierung vom Parlament das Gesetz zum zivilrechtlichen Schutz von Gewalttaten und Nachstellung sowie zur Erleichterung der Überlassung der Ehewohnung bei Trennung vom Parlament verabschiedet. Dieses ‚Gewaltschutzgesetz‘ oder auch ‚Wegweisungsgesetz‘ ist ein Meilenstein: Misshandelte Frauen können nun in der gemeinsamen Wohnung bleiben, der Misshandler muss gehen. Es gilt das Prinzip „Wer schlägt, der geht!“. Wenn der Mann die Wohnung allein gemietet hat oder sie ihm gehört, wird der Frau die Wohnung für ein halbes Jahr zugesprochen.

Ein weiterer Paradigmenwechsel: Die Polizei ist gehalten, die Wegweisung des Schlägers sowie eine Strafanzeige auch ohne den Wunsch des Opfers vorzunehmen. Die PolizistInnen wurden inzwischen – auch von Frauenhaus-Mitarbeiterinnen – über die Mechanismen von Beziehungsgewalt geschult und wissen um die (finanzielle wie psychische Abhängigkeit) des Opfers vom Misshandler. Das Gewaltschutzgesetz, dem Österreichs „Gesetz zum Schutz vor Gewalt in der Familie“ als Vorbild diente, wurde von Frauenministerin Christine Bergmann und Justizministerin Hertha Däubler-Gmelin vorangetrieben (SPD).

Aufruf zur Demonstration gegen die Schließung der beiden autonomen Frauenhäuser in Frankfurt am 23.01.1988 am Paulsplatz in Frankfurt (FMT-Signatur: FB.07.083)
Demoaufruf Frankfurt/M, 1988

Im Dezember 2004 veröffentlicht das Bundesfrauenministerium die Studie Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland. Es ist mit 10.000 Befragten die größte Studie, die in Deutschland jemals zum Thema Gewalt gegen Frauen gemacht wurde. Ein Ergebnis: „Rund 25 Prozent der Frauen im Altern von 16 bis 85 Jahren haben mindestens einmal in ihrem Leben körperliche und/oder sexuelle Gewalt durch Beziehungspartnerinnen oder Beziehungspartner erlebt.“  Und weiter: „Zwei Drittel der von häuslicher Gewalt betroffenen Frauen haben schwere oder sehr schwere körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlitten. Frauen sind demnach von häuslicher Gewalt mehr bedroht als durch andere Gewaltdelikte wie Körperverletzung mit Waffen, Wohnungseinbruch oder Raub. Zu den Risikofaktoren gehören neben Trennung oder Trennungsabsicht auch Gewalterfahrungen in der Kindheit und Jugend. Frauen werden keineswegs nur in sozialen Brennpunkten von ihrem männlichen Partner geschlagen, vergewaltigt, beschimpft oder gedemütigt.“ Auch Frauen „in mittleren und hohen Bildungs- und Sozialschichten“ würden „in einem viel höheren Maß Opfer von Gewalt werden, als dies bislang bekannt war“. Von Beziehungsgewalt überdurchschnittlich betroffen sind laut Studie Migrantinnen. Rund jede zweite Frauenhaus-Bewohnerin hat einen Migrationshintergrund.

© ZIF-Geschäftsstelle
40 Jahre autonome Frauenhäuser

Erst ab 2011 weist die Polizeiliche Kriminalstatistik des Bundeskriminalamtes die ‚Beziehungsgewalt‘ aus und erfüllt damit eine jahrzehntealte Forderung der Frauenbewegung. Das im März 2013 beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) eingerichtete Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen registriert im ersten Jahr 47.504 Anrufe.26 Im Jahr 2014 erstatteten 73.830 Frauen Anzeige wegen Körperverletzung durch (Ex)Ehemann oder (Ex)Lebensgefährten. 241 Frauen wurden von ihren (Ex)Männern getötet.

© ZIF-Geschäftsstelle
Tour der Frauenhäuser, 2016

Aktuell gibt es in Deutschland rund 350 Frauenhäuser, davon rund 130 autonome Häuser. Seit der Jahrtausendwende mussten etwa 80 Frauenhäuser aus Geldmangel schließen, nachdem Länder und Kommunen Mittel gestrichen hatten. Mit Ausnahme von Schleswig-Holstein ist die Finanzierung von Frauenhäusern immer noch keine Pflichtaufgabe der Bundesländer oder Kommunen, ein Bundesgesetz zur Finanzierung von Frauenhäusern gibt es nach wie vor nicht. Deutschland erfüllt die vom Europarat empfohlene Quote von einem Frauenhausplatz auf 7.500 EinwohnerInnen nicht. Die Zentrale Informationsstelle Autonomer Frauenhäuser (ZIF) konstatiert: „Als Folge davon übersteigt in Deutschland die Zahl der Frauen, die wegen Überfüllung abgewiesen bzw. weiterverwiesen werden müssen, die Zahl der in den Frauenhäusern aufgenommenen Frauen bei weitem.“27 

Quellen

1Pizzey, Erin (1984): Schrei leise : Mißhandlungen in der Familie. - Frankfurt am Main : Fischer-Taschenbuch-Verl. (FMT-Signatur SE.07.008). Original von 1971, dt. Erstausgabe 1974.
2Siehe Falsche Scham (1976). - In: Der Spiegel, 08.11.1976, siehe Pressedokumentation: Frauenhäuser A-H (FMT-Signatur: PD-FE.07.04, Kapitel 4).
3Glahn, Lisa (1998): Frauen im Aufbruch : 20 Jahre Geschichte und Gegenwart Autonomer Frauenhäuser. München : Unrast-Verl., S. 22 f.
4Simone de Beauvoir schickte dem Tribunal folgende Grußbotschaft (1976). - In: AUF, Nr. 7, Rückseite des Covers. Siehe Grußwort als französischsprachiges Originaldokument von Simone de Beauvoir in der Chronik der Neuen Frauenbewegung 1976 (FMT-Signatur PD-FE.03.01).
5Schippke, Ulrich (1976): Mein Mann hat mich vergewaltigt. - In: Der Spiegel, Nr. 17, S. 68-74, siehe Pressedokumentation:  Gewalt in der Ehe II 1976-1992 (FMT-Signatur PD-SE.03.09).
6Sarah Haffner (1976): Gewalt in der Ehe und was Frauen dagegen tun : Frauenhäuser. - Berlin : Wagenbach (FMT-Signatur SE.07.09).
7Informationen des Bundesministeriums für Jugend, Familie und Gesundheit (1976): Modellversuch „Hilfen für misshandelte Frauen“ wird vom Bundesminsterium für Jugend, Familie und Gesundheit gefördert, 30.09.1976, siehe Pressedokumentation: Frauenhäuser A-H (FMT-Signatur PD-SE.07.04, Kapitel 4).
8Verein zur Förderung des Schutzes mißhandelter Frauen (1976): [Brief an die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie], 09.12.1976, siehe Pressedokumentation: Frauenhäuser A-H (FMT-Signatur PD-SE.07.04, Kapitel 4).
9Maria Mies: Der Kampf um das Frauenhaus Köln. - Verfügbar unter: Zentrale Informationsstelle Autonomer Frauenhäuser ZIF:https://www.autonome-frauenhaeuser-zif.de/sites/default/files/page_attachment/Maria%20Mies-Was%20haben%20wir%20gewollt-was%20ist%20daraus%20geworde.pdf [PDF-Dokument].
10Zentrale Informationsstelle Autonomer Frauenhäuser ZIF (2006): Pressemitteilung 30 Jahre Frauenhäuser 1976-2006, 15.11.2006. - Verfügbar unter: Zentrale Informationsstelle Autonomer Frauenhäuser ZIF: www.autonome-frauenhaeuser-zif.de/sites/default/files/page_attachment/pressemitteilung_30_jahre_1.pdf [PDF-Dokument].
11Schwarzer, Alice (1977): Ein Tag im Haus für geschlagene Frauen. - In: EMMA, Nr. 2, S. 6-12.
12Frauen helfen Frauen e.V. (1977): Nationales Frauenhaustreffen in Köln : Protokolle 15/1977, siehe Pressedokumentation: Frauenhäuser II (FMT-Signatur PD-SE.07.03, Kapitel 6).
13Neuer Angriff auf selbstverwaltete Frauenhäuser. (1979) - In: Arbeiterkampf, 08.01.1979, siehe Pressedokumentation: Frauenhäuser I (FMT-Signatur PD-SE.07.02).
14Roggenkamp, Viola (1980): Als haltlos abgestempelt : Mit Hilfe eines fragwürdigen Paragraphen werden Frauenhäuser kaputtgemacht. - In: Die Zeit, 07.04.1980, siehe Pressedokumentation: Frauenhäuser II (FMT-Signatur PD-SE.07.03, Kapitel 9).
15Gefahr für Frauenhäuser? : Paragraph 72 des Sozialhilfegesetzes stößt auf Ablehnung (1978). - In: Frankfurter Rundschau, 07.11.1978, siehe Pressedokumentation: Frauenhäuser II (FMT-Signatur PD-SE.07.039).
16Mord im Frauenhaus? (1978) - In: EMMA, Nr. 11., S. 43.
17Siehe Flut unflätiger Anrufe bei Frauenhäusern nach TV-Film (1978). - In: Frankfurter Rundschau, 09.11.1978 / Die Macht der Männer ist die Geduld der Frauen (1978). - In: die tageszeitung, 02.12.1978 / Koch, Getrud (1979): Die tägliche Gewalt : C. Perinciolis Spielfilm über Gewalt gegen Frauen - In: Frankfurter Rundschau, 08.05.1979. Alle drei Artikel (und weitere) siehe Pressedokumentation: Frauenhäuser I (FMT-Signatur PD-SE.07.02).
18Frauen demonstrierten im Landtag (1979). - In:  Frankfurter Rundschau, 20.12.1979, siehe Pressedokumentation: Frauenhäuser K-W (FMT-Signatur PD-SE.07.05, Kapitel 23) / Mißhandelte Frauen auf der Suche nach dem Minister (1979). - In: Kölnische Rundschau, 20.12.1979, siehe Pressedokumentation: Frauenhäuser II (FMT-Signatur PD-SE.07.03, Kapitel 3).
19In drei Jahren fanden 2180 Frauen eine Zuflucht im Frauenhaus (1979). - In: Tagesspiegel 07.11.1979, siehe Pressedokumentation: Frauenhäuser A-H (FMT-Signatur PD-SE.07.04).
20Gewagtes Stück (1981). - In: Der Spiegel, 02.02.1981, siehe Pressedokumentation: Frauenhäuser II (FMT-Signatur PD-SE.07.03, Kapitel 8).
21Ebenda
22Gekränkte Ehre : Prozeß in Gießen (1982). - In: die tageszeitung, 22.04.1982 / Prozeß wegen Mordes im Frauenhaus : Große Öffentlichkeit in Gießen (1982). - In: die tageszeitung, 22.04.1982 / Frauendemo gegen Männergewalt [Flugblatt Aufruf zur Frauendemo am 17.04.1982]. Alle Quellen siehe Pressedokumentation: Frauenmord I: Mord an Ehefrauen und Lebensgefährtinnen (FMT-Signatur PD-SE.01.02).
23Problem der Gewalt in der Familie wird verharmlost (1982). - In: die tageszeitung, 24.03.1984, siehe Pressedokumentation: Frauenhäuser II (FMT-Signatur PD-SE.07.03, Kapitel 3).
24Deutscher Bundestag, 10. Wahlperiode (1983): Bericht der Bundesregierung zur Frage, ob bundesgesetzliche Grundlagen zur Finanzierung von Frauenhäusern geschaffen werden können, Drucksache 10/291 vom 08.08.1983, siehe Pressedokumentation: Frauenhäuser II (FMT-Signatur PD-SE.07.03, Kapitel 3).
25Louis, Chantal (2010): Ein Blick ins Frauenhaus. - In. EMMA, Nr. 1, S. 124-129.
26 EMMA News vom 1. 04.2014: 47.504 Anrufe beim Hilfetelefon www.emma.de/artikel/gewalt-47504-anrufe-beim-hilfetelefon-316729
27 Risse, Eva (2014): Stellungnahme zum nichtöffentlichen Fachgespräch zur Situation der Frauenhäuser am 10. November 2014, 31.10. - Verfügbar unter: Zentrale Informationsstelle Autonomer Frauenhäuser ZIF: www.autonome-frauenhaeuser-zif.de/sites/default/files/report_attachment/zif-stellungnahme_zum_fachgespraech_zur_situation_der_frauenhaeuser_10.11.2014.pdf [PDF-Dokument].

Alle Internetlinks wurden zuletzt abgerufen am 5.09.2018.

Auswahlbibliografie

Empfehlungen

Frauen gegen Männergewalt : Berliner Frauenhaus für mißhandelte Frauen ; erster Erfahrungsbericht (1978). - Berliner Frauenhaus für Misshandelte Frauen [Hrsg.]. Berlin : FrauenSelbstverl. (FMT-Signatur SE.07.016).

Gewalt in der Ehe und was Frauen dagegen tun : Frauenhäuser. - Haffner, Sarah [Hrsg.]. Berlin : Wagenbach, 1976. (FMT-Signatur SE.07.009).

Hilfen für mißhandelte Frauen : Abschlußbericht der wissenschaftlichen Begleitung des Modellprojekts Frauenhaus Berlin (1981). - Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit [Hrsg.]. Stuttgart [u.a.] : Kohlhammer. (Schriftenreihe / Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit, 124). (FMT-Signatur SE.07.007).

Pizzey, Erin (1984): Schrei leise : Mißhandlungen in der Familie. - Frankfurt am Main : Fischer-Taschenbuch-Verl. (FMT-Signatur SE.07.008).

Pressedokumentation

Pressedokumentation zum Thema Frauenhäuser: PDF-Download

Die Pressedokumentation des FMT umfasst strukturierte, thematisch aufbereitete und inhaltlich erschlossene Beiträge der allgemeinen und feministischen Presse, meist angereichert mit weiteren Materialien wie z.B. Flugblättern und Protokollen.

 

Weitere Bestände im FMT (Auswahl)

FMT-Literaturauswahl Frauenhäuser: PDF-Download

EMMA-Artikel Frauenhäuser: PDF-Download

Frauenforschung

Ab Anfang der 1970er-Jahre beginnen Frauen – Studentinnen und Dozentinnen –  damit, die Geschichte des Ausschlusses der Frauen aus der Wissenschaft aufzuarbeiten. Sie fordern, dass sowohl die Forschung über Frauen als auch die Forschung von Frauen einen Raum in der Wissenschaft bekommen.

Detail vom Cover: Memorandum und Dokumentation zur Situation von Wissenschaftlerinnen an den Hochschulen von NRW und Vorschläge zu ihrer Verbesserung (1981). (FMT-Signatur : BI.05.041)
Frauen in der Wissenschaft

Denn diese ist extrem männerdominiert, weshalb die Forschung über Frauen und ihre Lebensrealität in nahezu allen Disziplinen unzureichend oder patriarchalisch verzerrt ist. Bald werden die ersten Lehrstühle für Frauenforschung eingerichtet, die Zahl der Doktorandinnen und Professorinnen steigt ebenfalls langsam, aber kontinuierlich. Parallel institutionalisieren sich Frauenforschung und Frauenstudien. Die sich in den 1980er-Jahren etablierenden Gender Studies wenden sich teilweise von der ursprünglichen feministischen Ausrichtung der Frauenforschung ab und fokussieren sich auf die Dekonstruktion der Zweigeschlechtlichkeit, was zu einer Aufgabe der politischen Kategorie ‚Frauen‘ führt.

1974

Feministische autonome Uni-Frauen Liste 2, Flugblatt Frauenreferat Frankfurt/Main (FMT-Signatur: FB.01.025)
Flugblatt Frauenreferat Frankfurt

Die ersten ‚Frauenseminare‘ werden gehalten. Die Universitäten Berlin, Münster, Frankfurt, München und Aachen machen den Anfang. Die Impulse dazu kommen von Studentinnen aus den Frauenzentren. Alice Schwarzer übernimmt 1974/75 einen Lehrauftrag bei den Soziologen an der Universität Münster und macht ein erstes Frauenseminar zum Thema Sexualität.

1975

An der Hochschule Saarbrücken gründen Studentinnen das erste Autonome Frauenreferat. In den nächsten Jahren folgen weitere Frauenreferate an mehr als zwanzig Hochschulen. Im Jahr 1984 existiert an etwa jeder dritten Hochschule ein Frauenreferat.

1976

© Ute Weller, Christina Thürmer-Rohr beim UniMut-Kongres in Berlin 1989
Frauenforscherin Prof. Thürmer-Rohr

Christina Thürmer-Rohr, Professorin am Institut für Sozialpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Berlin, gründet den Studienschwerpunkt Frauenforschung. Ihre Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind: feministische Theorie, Menschenrechte und Dialog/didaktisches Denken.

In dem Münchner Verlag Frauenoffensive erscheint eine Bibliografie zu etwa hundert unveröffentlichten, frauenspezifischen Diplom-, Magister- und Seminararbeiten, Dissertationen und Referaten.1

Frauen und Wissenschaft : Beiträge zur Berliner Sommeruniversität für Frauen, Juli 1976. Gruppe Berliner Dozentinnen [Hrsg.] - Berlin: Courage-Verl., 1977. (FMT-Signatur: FE.03.009.01)
1976: 1. Sommeruniversität in Berlin

Juni 1976

Eine Berliner Gruppe von zwölf Dozentinnen organisiert die erste Sommeruniversität für Frauen an der Freien Universität. An fünf Tagen kommen rund sechshundert Frauen aus Wissenschaft und Frauenbewegung zusammen.2 Das ist der Auftakt für weitere Sommeruniversitäten, bei denen zentrale Themen der Neuen Frauenbewegung diskutiert werden und die Vorreiterinnen für die spätere Internationale Frauenuniversität (ifu) sind. In der Folgezeit gründen sich an den Universitäten eine Vielzahl von Selbsterfahrungsgruppen, Frauenseminaren, Frauenringvorlesungen, Sommeruniversitäten, Kongressen, Tagungen und Kolloquien.

Ebenfalls im Juni findet in Aachen das erste Nationale Treffen von Frauen aus Naturwissenschaft und Technik mit sechzig Teilnehmerinnen statt.

Dokumentation des 2. Treffens von Frauen aus Naturwissenschaft und Technik, Hamburg, Januar 1978 (FMT-Signatur: BI.12.027-02)
2. FINuT Treffen im Hamburg, 1978

Das zentrale Thema ist die Diskriminierung von Frauen in Naturwissenschaft und Technik3, wobei hier nicht nur Studentinnen und Wissenschaftlerinnen an den Universitäten angesprochen sind, sondern auch Ingenieurinnen oder Physikerinnen, die in Unternehmen tätig sind. Die Naturwissenschaftlerinnen und Technikerinnen vernetzen sich und gründen 1988 den Verein Frauen in Naturwissenschaft und Technik NUT e.V. (FiNuT). Ein Ziel von FiNuT ist es, den Anteil von Professorinnen und Studentinnen in den naturwissenschaftlichen und technischen Bereichen der Universitäten zu erhöhen.

Oktober 1978

In Berlin wird das Frauenforschungs-, Bildungs- und Informationszentrum (FFBIZ) gegründet (siehe Dossier Frauenprojekte). Dem vorangegangen ist eine Debatte über die Autonomie oder Institutionalisierung von wissenschaftskritischer Frauenforschung. Barbara Duden und Irene Stöhr formulierten in der Courage die Vision eines autonomen Frauenbildungs- und Forschungszentrums.4

Bilder aus Dokumentation des 2. Treffens von Frauen aus Naturwissenschaft und Technik, Hamburg, Januar 1978 (FMT-Signatur: BI.12.027-02)
2. FINuT Treffen, 1978

24.-26. November 1978

Der Verein Sozialwissenschaftliche Forschung und Praxis für Frauen veranstaltet in Köln den Kongress Feministische Theorie und Praxis in sozialen und pädagogischen Berufsfeldern.5 Der Verein hatte sich im Februar 1978 in Darmstadt gegründet. Erklärtes Ziel ist die Durchsetzung eines emanzipatorischen Verständnisses von Frauenforschung: die Aufhebung der Trennung zwischen Theorie und Praxis, zwischen Wissenschaftlerinnen und anderen Frauen; die Bekämpfung von frauendiskriminierenden Tendenzen in der Wissenschaft; die Durchsetzung feministischer Forschungs- und Lehrprojekte.

Der erste Band der Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis erscheint. Die rund 150-seitigen Aufsatzsammlungen zu je einem Schwerpunktthema werden herausgegeben vom Kölner Verein Sozialwissenschaftliche Forschung und Praxis für Frauen und erscheinen zunächst im Verlag Frauenoffensive, später im Selbstverlag.

Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis, Nr.1 (FMT-Signatur: Z-F014:1978-1)
Erstausgabe der „Beiträge“

Maria Mies, Professorin an der Fachhochschule für Sozialpädagogik in Köln, veröffentlicht im ersten Band der Beiträge den Aufsatz Methodische Postulate zur Frauenforschung – dargestellt am Beispiel der Gewalt gegen Frauen.6 Sie plädiert darin u.a. für die Parteilichkeit feministischer Frauenforschung und sieht die Wissenschaftlerinnen nicht nur als Forschende, sondern gleichzeitig Betroffene. Sie fordert eine Abkehr von der bisherigen ,neutralen‘ Wissenschaft, stattdessen soll die Veränderung des Status Quo als Ausgangspunkt wissenschaftlicher Erkenntnis angesehen werden. Diese Postulate, die Mies aus ihren Erfahrungen mit der Gründung des Kölner Frauenhauses (siehe Dossier Frauenhäuser) entwickelt hatte, gelten als Ausgangspunkt für Debatten um die Methoden der Frauenforschung in Deutschland.7

20.-24. März 1979

Quelle: EMMA-Archiv
Pädagogik-Professorin Metz-Göckel

Über fünftausend Frauen kommen zum 1. Frauenforum im Revier in die Pädagogische Hochschule Dortmund. Motto: Frauen begreifen ihren Alltag. Organisiert wird die Frauenbildungs-Veranstaltung mit Filmen, Vorträgen und Kursen von einer Gruppe Dozentinnen, darunter der Pädagogik-Professorin Sigrid Metz-Göckel, und Studentinnen der Universität Dortmund. Die Initiatorinnen wollen vor allem „Hausfrauen, Mütter und ältere Frauen“ ansprechen, was ihnen gelingt: Neunzig Prozent der Teilnehmerinnen sind keine Akademikerinnen. Aus dem Frauenforum im Revier, dem weitere folgen, werden an der Universität Dortmund zwei Jahre später die Frauenstudien entstehen: Ein Studiengang mit frauenspezifischen Inhalten für Nichtakademikerinnen, Frauen nach der ‚Familienphase‘ und andere Frauen, die mit dem „Du heiratest ja sowieso“-Argument von Bildung ferngehalten wurden. In den folgenden Jahren werden an weiteren Universitäten ‚Frauenstudien’ etabliert.

Ziele, Inhalte und Institutionalisierung von Frauenstudien und Frauenforschung : Dokumentation der Internationalen Konferenz vom 16. bis 18. April 1980 in Berlin, West. (1982). (FMT-Signatur: BI.05.055)
Frauenforschungs-Konferenz, 1980

19. April 1979

In der Deutschen Gesellschaft Soziologie (DGS) wird auf Initiative der DGS-Gruppe München um Lerke Gravenhorst und Ilona Kickbusch die Sektion Frauenforschung in den Sozialwissenschaften gegründet. Die Sektion „sieht es als ihre Aufgabe an, Frauenforschung im Zusammenhang existierender Wissenschaftsstrukturen zu entwickeln.“8

22.-24. Februar 1980

An der Pädagogischen Hochschule Dortmund findet die Tagung Frauen in den Sozialwissenschaften statt. Wissenschaftlerinnen aus dem ganzen Bundesgebiet diskutieren Ergebnisse der Frauenforschung und stellen erste Erfolge, aber auch Schwierigkeiten bei der institutionellen Verankerung von Frauenforschung an den Universitäten dar. Die Teilnehmerinnen fordern feste Planstellen für die Frauenforschung.

16.-18. April 1980

In Berlin veranstaltet der Berliner Wissenschaftssenator Glotz an der Freien Universität einen dreitägigen internationalen Kongress zum Thema Ziele, Inhalte und Institutionalisierung von Frauenstudien und Frauenforschung. An dem Kongress nehmen zweihundertfünfzig Frauen aus Berlin, der Bundesrepublik, den USA, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Dänemark, Schweden und Großbritannien teil.9

Memorandum und Dokumentation zur Situation von Wissenschaftlerinnen an den Hochschulen von NRW und Vorschläge zu ihrer Verbesserung (1981). - Arbeitskreis der Wissenschaftlerinnen in NRW [Hrsg.]. Dortmund : Selbstverl. (FMT-Signatur : BI.05.041).
Forderungskatalog für NRW

Januar / Februar 1981

Der Arbeitskreis der Wissenschaftlerinnen an Hochschulen von NRW veröffentlicht ein Memorandum zur Situation von Wissenschaftlerinnen an nordrhein-westfälischen Hochschulen. Auf der Basis eigener Erhebungen geschlechtsspezifischer Hochschulstatistiken10 haben die Wissenschaftlerinnen einen Forderungskatalog entwickelt. Er beinhaltet z.B. die Quotierung von DozentInnenstellen, die geschlechterparitätische Zusammensetzung von Gremien, den Ausbau von Schwerpunkten für Frauenforschung und Frauenlehre. Gegründet hatte sich der Arbeitskreis, bestehend aus ca. fünfzig Wissenschaftlerinnen um die Soziologieprofessorin Sigrid-Metz-Göckel, 1980 mit dem Ziel, gemeinsam mit dem NRW-Wissenschaftsministerium zu verhandeln und die Institutionalisierung der Frauenforschung voranzutreiben.11

1981

Frauenforschung : Informationsdienst d. Forschungsinstituts Frau und Gesellschaft, IFG (FMT-Signatur: Z-F016)
Institut Frau und Gesellschaft (IFG)

Die FU Berlin gründet die Zentraleinrichtung zur Förderung von Frauenforschung in Deutschland. Gleichzeitig beschließt der Akademische Senat der Freien Universität Berlin, Frauen im gesamten Universitätsbereich besonders zu fördern und sie „bei gleicher Qualifikation“ bei der Stellenvergabe zu bevorzugen.

22.-24. Mai 1981

An der Universität Bielefeld findet die Fachtagung Frauen im Wissenschaftsbetrieb statt. Die Tagung wird im Rahmen eines Forschungsprojekts gleichen Namens organisiert, das an der Fakultät für Pädagogik durchgeführt wird. Rund einhundertsechzig Wissenschaftlerinnen und Studentinnen verschiedener Fachrichtungen und Hochschulen stellen in Referaten und Diskussionsgruppen laufende Forschungsprojekte an anderen Universitäten zum Thema vor.12

© Bettina Flitner, Rita Süssmuth, 1987 in Köln (FMT-Signatur: FT.02.2237)
ehem. IFG-Leiterin Rita Süssmuth

15. August 1981

In Hannover gründet die niedersächsische Landesregierung das Institut Frau und Gesellschaft (IFG), initiiert von der Bundestagsabgeordneten Dr. Helga Wex (CDU). Geleitet wird es von Rita Süssmuth, die damals noch Pädagogik-Professorin an der Universität Dortmund ist. Die Aufgaben des Instituts sind: Entwicklung und Durchführung eigener theoretischer und empirischer Forschungen, Anregung von Forschungsprojekten, Forschungsbündelung und Forschungsdokumentation sowie Öffentlichkeitsarbeit und wissenschaftliche Politikberatung.

© RoarMagazin
Maria Mies

Die feministischen Frauenforscherinnen sind hinsichtlich des Institutes gespalten. Während sie einen das IFG als weiteren Schritt Richtung Institutionalisiserung der Frauenforschung betrachten, distanzieren sich Prof. Dr. Maria Mies, Verfasserin der Methodischen Postulate zur Frauenforschung, und Dr. Carola Möller im Namen des Wissenschaftlerinnen-Vereins Sozialwissenschaftliche Forschung und Praxis für Frauen von dem Institut und empfehlen allen feministischen Forscherinnen, das Institut zu meiden, da dort „feministische Frauenforschung neutralisiert und absorbiert“ werde.13

Interdisziplinäres Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung (IFF) <Bielefeld>, Handzettel (FMT-Signatur: VAR.01.133)
I.F.F. Bielefeld, Handzettel

7. Juli 1982

An der Universität Bielefeld wird die Interdisziplinäre Forschungsgruppe Frauenforschung, Bielefeld (IFF) eingerichtet. Sie ist die erste offizielle Frauenforschungs-Einrichtung an einer deutschen Universität.14 Bereits 1980 war in Bielefeld eine Geschäftsstelle Frauenforschung eingerichtet worden, deren Ziel die dauerhafte Institutionalisierung des Universitätsschwerpunktes Frauenforschung sein sollte. 2004 wird das IFF umbenannt in Interdisziplinäres Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung und besteht bis heute als eigenständige Forschungseinrichtung.

Feministische Studien, Nr. 1, 1982 (FMT-Signatur: Z-F015)
Feministische Studien Nr. 1, 1982

November 1982

Die erste Ausgabe der fortan halbjährlich erscheinenden Feministischen Studien erscheint im Beltz-Verlag. Die Herausgeberinnen suchen gezielt den Dialog zwischen nicht-institutionalisierter und akademischer Frauenforschung: „Dazu kann nur eine interdisziplinäre Frauenforschung beitragen, die sich weder aus den Aktions- und Diskussionszusammenhängen der Frauenbewegung ins rein Universitären zurückzieht noch sich innerhalb des akademischen Feldes gettoisieren lässt.“15

1983

Herausgegeben vom Institut Frau und Gesellschaft erscheint die erste Ausgabe des Informationsdienstes Frauenforschung, in der sich das Institut vorstellt, welches sich fortan am Austausch und Diskussionen „zwischen den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen und Institutionen der Frauenforschung, -arbeit und -politik tätigen Kolleginnen beteiligen möchte“.16

Quelle: EMMA-Archiv
Sozialpsychologin Schmerl

Gefördert durch die NRW-Landesregierung veröffentlichen Ulla Bock, Anne Braszeit und Christiane Schmerl im Beltz-Verlag die Ergebnisse ihrer Studien zu Frauen im Wissenschaftsbetrieb und entwickeln auf Basis der empirischen Daten konkrete Handlungsempfehlungen zur Verbesserung der Studien- und Arbeitsbedingungen von Frauen an Hochschulen.17

1984

In der Gründungsbroschüre des von ihr mitbegründeten Hamburger Instituts für Sozialforschung kritisiert Alice Schwarzer in ihrem Beitrag Feministinnen sind Piratinnen esoterische Tendenzen in der Frauenforschung.

Flugblatt vom 21.11.1986 (FMT-Signatur: FB.02.073)
Flugblatt Frauenforschung Münster

Sie hatte 1974/75 selbst eines der ersten Frauenseminare, für die Soziologinnen in Münster, gehalten und schrieb nun: „Längst segelt unter der Flagge ,Frauenforschung‘ nicht nur Feministisches, sondern auch Reformistisches und eindeutig Reaktionäres. Die Konfusion ist groß. Das trifft Wissenschaftlerinnen und Studentinnen, die heute orientierungsloser sind als noch Mitte der siebziger Jahre. Veranstaltungen wie die alljährliche West-Berliner Sommeruniversität für Frauen, auf der zeitweilig mehr von Trancen, Sternkreiszeichen und Tarockkarten geredet wurde als von Wissenschaft, legen davon tristes Zeugnis ab.“18

Im gleichen Jahr initiiert Alice Schwarzer, mit der Förderung von Jan Philipp Reemtsma, das Feministische Archiv und Dokumentationszentrum (seit 1994 FrauenMediaTurm in Köln). Schwarzer versteht die Sicherung der historischen und aktuellen Geschichte von Theorie und Praxis als Voraussetzung für die Forschung zur Lage der Geschlechter.

1985

Plakat zum Symposium Frauenforschung sichtbar machen, 1986 (FMT-Signatur: PT.1986-05)
Internationales Symposium, 1986

Das Hochschulrahmengesetz wird novelliert und Frauenförderung wird darin als Aufgabe der Hochschulen formuliert: „Die Hochschulen wirken bei der Wahrnehmung ihrer Aufgaben auf die Beseitigung der für Wissenschaftlerinnen bestehenden Nachteile hin.“ (HRG §2, Absatz 2).

1987

Die Frauenförderung wird in das Hochschulgesetz sowie in das Fachhochschulgesetz übernommen. Außerdem sollen die Hochschulen Frauenbeauftragte bestellen.19 An der Goethe-Universität in Frankfurt am Main wird im Fach Soziologie die erste hoch dotierte C4-Professur für den Bereich Frauenforschung besetzt. Titel: Frauenarbeit in Produktion und Reproduktion, Frauenbewegung. Besetzt wird die Professur mit Ute Gerhard. Diese Professur ist heute die am längsten existierende C4/W3-Professur in der Frauen- und Geschlechterforschung.20

1989

Am Vorabend des Internationalen Frauentages wird in Frankfurt die Bundesarbeitsgemeinschaft Autonomer Frauenforschungseinrichtungen (BAFF) gegründet, ein Zusammenschluss von feministischen Wissenschafts- und Forschungseinrichtungen.21

Butler, Judith (1991): Das Unbehagen der Geschlechter. - Frankfurt am Main : Suhrkamp (FMT- Signatur: FE.10.085).
Das Unbehagen der Geschlechter

Wie geht es weiter?

Unter dem Titel Das Unbehagen der Geschlechter22 erscheint 1991 bei Suhrkamp die deutsche Übersetzung von Judith Butlers Gender Trouble (1990). Butlers radikale dekonstruktivistische Diskurstheorie führt in der deutschsprachigen Rezeption zu Kontroversen und Umbrüchen innerhalb der Frauen- und Geschlechterforschung. Butler betrachtet nicht nur das soziale Geschlecht (,Gender‘) als soziales und daher veränderbares Konstrukt, sondern auch das biologische Geschlecht (,Sex‘). Butler wird zu einer der zentralen VertreterInnen der ,Queer-Theory‘, die der Selbstdefinition von Menschen eine zentrale Rolle zuschreibt und davon ausgeht, dass geschlechtliche und sexuelle Identität durch die Handlung der jeweiligen Menschen erzeugt werden. Menschen können sich demnach selbst definieren, zum Beispiel als ,weiblich‘ oder ,männlich‘. Das führt zu einem Konflikt mit Vertreterinnen eines radikalen Feminismus, die Butler und der ,Queer-Theory‘ vorwerfen, dass sie die gesellschaftliche Repression von Frauen im Patriarchat nicht mehr als objektiv existierendes Problem definieren, sondern dem Subjekt und seiner Selbstdefinition zuschreiben. Als politische Kategorie lösen sich ,die Frauen‘ durch die queere Identitätspolitik, die Identität in immer kleinere Untergruppen zerfasert, zusehends auf. Die ,Gender Studies‘ werden von VertreterInnen der ,Queer-Theory‘ beeinflusst. Die ursprünglich feministische Frauenforschung wird durch die von Postmoderne und Dekonstruktivismus geprägten ,Gender Studies‘ ersetzt. Auch so manche feministische Forscherin kritisiert diese Entwicklung.

Quelle: EMMA-Archiv
Sozialpsychologin Marie Jahoda

Am 19. Januar 1993 wird in Nordrhein-Westfalen das Graduiertenkolleg Geschlechterverhältnis und sozialer Wandel – Handlungsspielräume und Definitionsmacht von Frauen unter Beteiligung von fünf Professorinnen des Netzwerks Frauenforschung aus vier Universitäten – Sigrid Metz-Göckel (Dortmund), Ursula Müller (Bielefeld), Ursula Beer (Dortmund), Doris Janshen (Essen), Ilse Lenz (Bochum) eröffnet.23

An der Universität Bochum wird 1994 die Marie-Jahoda-Gastprofessur für internationale Geschlechterforschung eingeführt.24 In den nächsten Jahren werden weitere Universitäten im deutschsprachigen Raum folgen, so 1999 die Universität Wien mit der Käthe-Leichter-Gastprofessur oder 2001 Rheinland-Pfalz mit der an den Universitäten rotierenden Klara-Marie Fassbinder-Gastprofessur. Insgesamt gibt es zwanzig Jahre später im deutschsprachigen Raum ein rundes Dutzend Gastprofessuren für Geschlechterforschung.25

Zum Wintersemester 1997/1998 wird am 21. Oktober 1997 an der Humboldt-Universität zu Berlin der bundesweit erste interdisziplinäre Magisterhauptfach-Studiengang Geschlechterstudien / Gender Studies eröffnet.

Externer Link: Download Genderreport von Netzwerk FGF
Gender-Report 2013

Mit der Genderkonferenz gründet sich 2006 ein Dachverband der rund siebzig Einrichtungen für Frauen- und Geschlechterstudien im deutschsprachigen Raum (KEG), der zu jährlichen Fachtagungen einlädt.

Laut des Gender-Reports 2013 liegt der Frauenanteil bei den Studierenden im gesamten Bundesdurchschnitt bei 47.5 %. Die Studentinnen- und Studentenzahlen unterscheiden sich in den neuen Bundesländern seit Jahren kaum, während in den alten Bundesländern die Zahl der Studenten überwiegt und der Abstand zu den Studentinnenzahlen konstant bleibt.26

Allerdings ist in vielen Studienfächern ein großer ,Gender Gap‘ zu verzeichnen. In den so genannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) ist inzwischen jeder dritte Student weiblich, in den Ingenieurwissenschaften allerdings nur jeder fünfte. Bei der Germanistik ist das Verhältnis genau umgekehrt: Der Männeranteil unter den Studierenden liegt bei dreiundzwanzig Prozent.

Quellen

1 Bibliografie von unveröffentlichten Arbeiten zu frauenspezifischen Themen : Diplom-, Magister-, Seminar- und Zulassungsarbeiten, Dissertationen und Referate (1976). - Spazierer, Monika [Hrsg.] ; Dombrowski, Kristine [Hrsg.]. München : Frauenoffensive (FMT-Signatur: NA.03.047).
2 Lenz, Ilse (2008): Die Neue Frauenbewegung in Deutschland : Abschied vom kleinen Unterschied ; eine Quellensammlung. - 1. Aufl., Wiesbaden : VS, Verlag für Sozialwiss., S.215.
3 2. [_Zweites] Treffen von Frauen aus Naturwissenschaft und Technik : Hamburg, 6. - 8. Januar 1978 ; Dokumentation. - Frauen in Naturwissenschaft und Technik (FiNuT) [Hrsg.]. Hamburg: o.V., S. 26-28 (FMT-Signatur BI.12.027-02).
4 Lenz, Ilse (2008): Die Neue Frauenbewegung in Deutschland : Abschied vom kleinen Unterschied ; eine Quellensammlung. - 1. Aufl., Wiesbaden : VS, Verlag für Sozialwiss., S.220.
5 Berichte vom Kongress werden 1979 in der zweiten Ausgabe der Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis veröffentlicht. Siehe Feministische Theorie und Praxis in sozialen und pädagogischen Berufsfeldern : Berichte vom Kölner Kongress. (1979) - In: Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis, Nr. 2 (FMT-Signatur: Z-F014:1979-2).
6 Mies, Maria (1978): Methodische Postulate zur Frauenforschung : dargestellt am Beispiel der Gewalt gegen Frauen. - In: Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis, Nr.1, S. 41 - 63 (FMT-Signatur: Z-F014:1978-1).
7 Frauenforschung - Postulate einer engagierten Wissenschaft (1982). - In: Lila Distel, Nr. 19, siehe Pressedokumentation: Hochschule: Theorie der Frauenforschung (FMT-Signatur: PD-BI.10.01).
8 Sektionsbericht für Soziologie 1/80, S. 73f. Zitiert nach Matthes, Bettina (2001): Aus der Geschichte… Die Sektion „Frauenforschung in den Sozialwissenschaften“ in der DGS, S. 7. Verfügbar unter: frauen-undgeschlechterforschung.de/tl_files/content_sektion/pdf/selbstverstaendnis/Sektionschronik.pdf [PDF-Dokument].
9 Ziele, Inhalte und Institutionalisierung von Frauenstudien und Frauenforschung : Dokumentation der Internationalen Konferenz vom 16. bis 18. April 1980 in Berlin, West. (1982). - Zentraleinrichtung zur Förderung von Frauenstudien und Frauenforschung [Hrsg.]. 2. Aufl. Berlin : Selbstverl., (FMT-Signatur  BI.05.055).
10 Memorandum und Dokumentation zur Situation von Wissenschaftlerinnen an den Hochschulen von NRW und Vorschläge zu ihrer Verbesserung (1981). - Arbeitskreis der Wissenschaftlerinnen in NRW [Hrsg.]. Dortmund : Selbstverl. (FMT-Signatur : BI.05.041).
11 Lenz, Ilse (2008): Die Neue Frauenbewegung in Deutschland : Abschied vom kleinen Unterschied ; eine Quellensammlung. - 1. Aufl., Wiesbaden : VS, Verlag für Sozialwiss., S.562 (FMT-Signatur: FE.03.NA.002).
12 Interdisziplinäre Forschungsgruppe Frauenforschung, Universität Bielefeld : Informationsmaterialien der IFF (1983). - Interdisziplinäres Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung [Hrsg.]. Bielefeld : Selbstverl. (FMT-Signatur BI.05.086).
13 Geisel, Beatrix: Mitarbeit oder Verweigerung? : Das Institut „Frau und Gesellschaft“ entzweit die Frauenforscherinnen. - In: Frankfurter Rundschau, 28.01.1984, siehe Pressedokumentation: Hochschule: außeruniversitäre Frauenforschungsstellen und Frauenuniversitäten 1978-1992 (FMT-Signatur PD-BI.10.04) / Frauenforschung bei der CDU : Das Institut „Frau und Gesellschaft“ Hannover. - In: taz, 12.10.1983, siehe Pressedokumentation Hochschule: außeruniversitäre Frauenforschungsstellen und Frauenuniversitäten 1978-1992 (FMT-Signatur PD-BI.10.04). 
14 Memorandum II des Arbeitskreises der Wissenschaftlerinnen von NRW 1984 : priviligiert - und doch diskriminiert (1984. - Arbeitskreis der Wissenschaftlerinnen in NRW [Hrsg.] ; Universität <Dortmund> / Hochschuldidaktisches Zentrum [Hrsg.]. Bielefeld : Selbstverl., S. 51 (FMT-Signatur BI.05.040). Siehe auch Rahmenplan der IFF: interdisziplinäre Forschungsgruppe Frauenforschung an der Universität Bielefeld (1986). - Universität <Bielefeld> / Interdisziplinäres Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung [Hrsg.]. Bielefeld : Selbstverl., S. 22-25 (FMT-Signatur BI.05.084).
15 Woesler de Panafieu, Christine (1982): Editorial. - In: Feministische Studien, Nr. 1, S.3 (FMT-Signatur: Z-F015).
16 Informationsdienst Frauenforschung (1983), Nr. 1, S. 1-2 (FMT-Signatur: Z-F016).
17 Bock, Ulla ; Braszeit, Anne ; Schmerl, Christiane (1983): Frauen im Wissenschaftsbetrieb : Dokumentation und Untersuchung der Situation von Studentinnen und Dozentinnen unter besonderer Berücksichtigung der Hochschulen von Nordrhein-Westfalen. - Weinheim [u.a.] : Beltz (FMT-Signatur BI.05.062).
18 Schwarzer, Alice (1984): Feministinnen sind Piratinnen. - In: Hamburger Institut für Sozialforschung 1984. - Hamburger Institut für Sozialforschung [Hrsg.]. Hamburg : Selbstverlag, 1984, S.107 (FMT-Signatur: BI.01.050).
19 Vorwärts - Auf der Stelle! (1996). - Arbeitskreis der Wissenschaftlerinnen NRW [Hrsg.]. Memorandum III. Dortmund : Univ. Dortmund (FMT-Signatur BI.05.220).
20  Bock, Ulla (2015): Pionierarbeit: Die ersten Professorinnen für Frauen- und Geschlechterforschung an deutschsprachigen Hochschulen 1984-2014. - Frankfurt am Main (u.a.) : Campus-Verl., S. 47 f. (FMT-Signatur BI.10.236).
21 Autonome Frauenforschungseinrichtungen bundesweit zusammengeschlossen. - In: zweiwochendienst, 07.03.1989, siehe Pressedokumentation Hochschule: außeruniversitäre Frauenforschungsstellen und Frauenuniversitäten 1978-1992 (FMT-Signatur PD-BI.10.04). / Pressemitteilung „Bundesarbeitsgemeinschaft autonomer Frauenforschungseinrichtungen (BAFF) gegründet“. - In: Fraueninformationsblatt, SS 1989, siehe Pressedokumentation Hochschule: außeruniversitäre Frauenforschungsstellen und Frauenuniversitäten 1978-1992 (FMT-Signatur PD-BI.10.04). 
22 Butler, Judith (1991): Das Unbehagen der Geschlechter. - Frankfurt am Main : Suhrkamp (FMT- Signatur: FE.10.085).
23 Schmidt, Uta C. (2013): Das Netzwerk Frauenforschung NRW : Geschichte und Gegenwart einer Wissenschaftsinstitution. - Essen : Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW, S. 111 (FMT-Signatur BI.10.101).
24 Bock, Ulla (2015): Pionierarbeit: Die ersten Professorinnen für Frauen- und Geschlechterforschung an deutschsprachigen Hochschulen 1984-2014. - Frankfurt am Main (u.a.) : Campus-Verl., S. 300 (FMT-Signatur BI.10.236).
25 Siehe Katrin Schäfgen (o.J.): Der Studiengang Geschlechterstudien/Gender Studies an der Humboldt-Universität zu Berlin. – Verfügbar unter: Humboldt-Universität zu Berlin. Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien: www.gender.hu-berlin.de/de/zentrum/geschichten/pdf-dokumente/geschichtestudgang [PDF-Dokument].
26 Kortendiek, Beate ; Hilgemann, Meike ; Niegel, Jennifer ; Hendrix, Ulla (2013): Gender-Report 2013 : Geschlechtergerechtigkeit an nordrhein-westfälischen Hochschulen. - Essen : Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW, S. 25 (FMT-Signatur BI.05.231).

Alle Internetlinks wurden zuletzt abgerufen am 29.01.2018.

Auswahlbibliografie

Empfehlungen

Tröger, Annemarie (1978): Summer universities for women: the beginning of women's studies in Germany? New German critique: an interdisciplinary journal of German studies, Heft 13, 1978 (FMT-Signatur: FE.03.147-a).

Kleinau, Elke (1983): Zur Studien- und Arbeitssituation von Frauen an bundesdeutschen Hochschulen und Universitäten. Oldenburg: BIS-Verlag, 1983 (FMT-Signatur: BI.10.064-a).

Mies, Maria (1984): Frauenforschung oder feministische Forschung?: Die Debatte um feministische Wissenschaft und Methodologie. In: Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis 7, Nr. 11, S. 40-60 (FMT-Signatur: Z-FO14:1984-11-a).

Pressedokumentation

Pressedokumentation zum Thema Frauenforschung: PDF-Dokument

Die Pressedokumentation des FMT umfasst strukturierte, thematisch aufbereitete und inhaltlich erschlossene Beiträge der allgemeinen und feministischen Presse, meist angereichert mit weiteren Materialien wie z.B. Flugblättern und Protokollen.

Weitere Bestände im FMT (Auswahl)

FMT-Literaturauswahl Frauenforschung: PDF-Download

Neue Frauenbewegung: Recht & Rechtsprechung

Als sich die Frauenbewegung auf den Weg macht, liegt der Anteil weiblicher Richter, Staats- und Rechtsanwälte im einstelligen Bereich. Recht wird zu diesem Zeitpunkt fast ausschließlich von Männern gesprochen. Feministinnen analysieren, dass es neben der bekannten „Klassenjustiz“ auch eine „Männerjustiz“ gibt, die Auswirkungen auf die Urteile hat – speziell in Mordprozessen und bei Sexualstraftaten.

Justitia, Bild: Elena Romanov, iStockphoto
Justitia

Traditionelle und im Zuge der Frauenbewegung neu gegründete Juristinnen-Netzwerke verändern frauendiskriminierende Gesetze bis hin zur Ergänzung des Gleichstellungsartikels 3 der Verfassung um den zentralen Passus: „Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“ 1994 wird mit Jutta Limbach die erste Frau und bekennende Feministin Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts. Heute ist fast jedeR zweite RichterIn weiblich.

1970

Mordprozess Ihns / Andersen, 1974, Bildquelle: EMMA-Archiv, Die Angeklagten mit Anwälten am 21.08.1974 vor Gericht
Mordprozess Ihns / Andersen, 1974

Der Frauenanteil in juristischen Berufen liegt im einstelligen Bereich: So sind von den RichterInnen sechs Prozent weiblich, der Anteil weiblicher Staatsanwälte beträgt fünf Prozent und der der Rechtsanwältinnen 4,5 Prozent.1

November 1972

Anne-Marie Hofmann, Oberstaatsanwältin am Bundesgerichtshof in Karlsruhe, wird als erste Bundesanwältin vereidigt.2 Die Stuttgarterin, die an den Universitäten Münster und Heidelberg Jura studiert hat, wird zwölf Jahre lang die einzige Bundesanwältin der BRD bleiben.

© Isolde Ohlbaum, Demonstration gegen Ihns/Anderson-Prozess, 1974
Frauendemo gegen Prozess, 1974

1. Oktober 1974

Im Mordprozess gegen Marion Ihns und Judy Andersen ergeht vor dem Landgericht Itzehoe das Urteil. Die beiden Frauen, die eine Liebesbeziehung miteinander haben, werden zu lebenslänglich verurteilt, weil sie den Ehemann von Marion Ihns von einem Auftragsmörder hatten töten lassen. Dabei berücksichtigt das Gericht keinerlei Faktoren, die eigentlich als mildernde Umstände hätten gelten müssen. Beide Frauen waren in ihrer Kindheit Opfer von sexuellem Missbrauch gewesen, Wolfgang Ihns hatte seine Frau jahrelang misshandelt, vergewaltigt und zur Abtreibung gezwungen. Das Gericht lässt Publikum und Presse während der gesamten Verhandlung zu.

Flugblatt gegen das Urteil im Ihns-Andersen-Prozess, 01.10.1974(FMT-Signatur: FB.04.129)
Flugblatt, 1974

Der Prozess wird von vielen Medien mit einer reißerischen Kampagne begleitet: „Wenn Frauen nur Frauen lieben, kommt es oft zu einem Verbrechen“, schreibt zum Beispiel Bild. Schon während der Verhandlung protestieren aus ganz Deutschland angereiste Frauengruppen vor und im Gerichtssaal gegen Prozessführung und Medienhetze: „Die Mordanklage ist Vorwand – am Pranger steht die lesbische Liebe!“ steht auf ihren T-Shirts. In einem Beitrag für konkret schreibt Alice Schwarzer: „Seit Wochen zelebriert eine männerdominierte Presse, wie man aus einem Mord-Prozess einen Lesben-Prozess macht.“3 Gegen die diffamierende Berichterstattung protestieren 136 Journalistinnen und 36 Journalisten beim Deutschen Presserat. Der spricht eine Rüge aus. Es ist der erste feministische Protest gegen einen (geschlechter)politischen Prozess.

1974

Prof. Elisabeth Trube-Becker, Bild: EMMA-Archiv
Prof. Elisabeth Trube-Becker

Die Düsseldorfer Rechtsmedizinerin Prof. Elisabeth Trube-Becker untersucht in ihrer Studie Frauen als Mörder4 86 Fälle lebenslänglich einsitzender, als Mörderinnen verurteilter Insassinnen der Strafanstalt Anrath. Es ist die erste systematische Untersuchung diser Art in der BRD. Trube-Becker, erste Professorin für Rechtsmedizin in Deutschland, kommt zu erstaunlichen Ergebnissen. So morden Ehefrauen häufiger als ledige Frauen, in neun von zehn Fällen sind die Opfer die eigenen Ehemänner oder Kinder. Zwei von drei Täterinnen hatten heiraten ‚müssen‘, die meisten hatten keine Ausbildung. Während Männer in Ausnahmesituationen morden, töteten Frauen in ’normalen‘ Situationen. Und: Frauen werden für gleiche Taten härter bestraft als Männer und seltener begnadigt.

1976

In Berlin, Hamburg und Frankfurt gründen sich erste feministische Anwältinnenbüros. Neben der Vertretung von Frauen in Scheidungs-, Sorgerechts- oder Vergewaltigungsverfahren arbeiten sie gemeinsam an „frauenorientierten juristischen Projekten“.5 So erarbeiten sie Scheidungsratgeber oder unterstützen Bewohnerinnen der ersten Frauenhäuser, die Ende 1976 gegründet werden (siehe Dossier Frauenhäuser).

Februar 1977

Erste EMMA-Ausgabe, 1977, Externer Link: EMMA-Lesesaal
Erste EMMA-Ausgabe, 1977

In ihrem Text Männerjustiz,6 der in der ersten Ausgabe der EMMA erscheint, analysiert Alice Schwarzer anhand zahlreicher Beispiele und u.a. unter Berufung auf die Studie von Prof. Elisabeth Trube-Becker, wie milde die Justiz mit männlichen Tätern umgeht, die Frauen – vor allem ihre eigenen Ehefrauen oder Geliebten – umgebracht haben. „Seine Frau zu töten“, schreibt Schwarzer, sei „für einen Mann unter Männern oft nicht mehr als ein Kavaliersdelikt“.7 Dies gelte vor allem dann, wenn der Täter zuvor vom Opfer „in seiner Ehre gekränkt“ wurde. Während die Täter oft zu geringen Strafen verurteilt werden, bekommen Täterinnen häufig unangemessen hohe Strafen. „Die ganze Gewalt von Männern gegen Frauen ist ja etwas Banales, Alltägliches. Er kann sie jeden Tag schlagen, kann drohen, sie umzubringen, und niemand wird sich darüber empören. Und wenn er sie dann eines Tages aus Versehen ‚totschlägt‘, ja, dann ist das eben nicht mehr als ein Ausrutscher; er ist eben ein wenig zu weit gegangen. Richtet sich aber Frauengewalt gegen Männer, so ist das etwas Unerhörtes! Dann statuiert einen Männergeselschaft rachsüchtig Exempel.“ Schwarzer beklagt außerdem, wiederum anhand vieler Beispiele, die „Komplizität von Männerjustiz und Männerpresse“. Und sie belegt: „Die gesamte juristische Fachliteratur ist Beweis für einen tief verankerten Sexismus.“

März 1977

Trube-Becker, Elisabeth (1974): Frauen als Mörder : mit 86 Falldarstellungen und 34 Tabellen. - München : Goldmann (FMT-Signatur: ST.15.021).
Studie zu Mörderinnen, 1974

Feministische Juristinnen weisen nach, dass juristische Fallbeispiele in Lehrbüchern, Arbeitspapieren und Repetitorien für Studium und Rechtsausbildung häufig sexistisch stereotype Frauenbilder transportieren. So stellen Vera Slupik und Franziska Pabst in ihrer empirischen Untersuchung Das Frauenbild im zivilrechtlichen Schulfall9 fest, dass Frauen in Fallbeispielen deutlich unterrepräsentiert sind. Die Frauen, die auftauchen, werden größtenteils über Männer definiert, männerlose Frauen dagegen häufig als männersuchend oder als schrullige alte Jungfern dargestellt. Sind sie überhaupt berufstätig, dann in typischen Frauenberufen wie Sekretärin, Putzfrau oder Verkäuferin.

1. Juli 1977

Die große Familienrechtsreform tritt in Kraft. Sie schafft u.a. das bisherige Schuldprinzip im Scheidungsrecht ab. ‚Schuldig‘ geschiedene Ehegatten hatten keinerlei Ansprüche auf Unterhalt. Davon betroffen waren vor allem Ehefrauen, weil sie häufig gar kein oder nur ein geringes geringes Einkommen hatten und sich daher schon aus ökonomischen Gründen nicht scheiden lassen konnten. Ebenfalls abgeschafft wurde der § 1356 BGB, der die Frau zur Haushaltsführung verpflichtet hatte: „Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung. […] Sie ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist.“ Stattdessen heißt es jetzt: „Die Ehegatten regeln die Haushaltsführung in gegenseitigem Einvernehmen.“(WDR Stichwort zum 01.07.1977)

Lore Maria Peschel-Gutzeit Bild: EMMA-Archiv
Juristin & Politikerin Peschel-Gutzeit

An dieser epochalen Reform wie auch weiteren Reformen, die die Stellung von Frauen im Recht verbessern, ist maßgeblich der Deutsche Juristinnenbund (DJB)  beteiligt. Zu der Zeit war die Familienrechtlerin und SPD-Politikerin Lore Maria Peschel-Gutzeit erste Vorsitzende des Juristinnenbundes. Die 1948 gegründete Lobby-Organisation, die „Verwirklichung der Gleichberechtigung und Gleichstellung der Frau in allen gesellschaftlichen Bereichen“ zum Ziel hat, hatte seit der Nachkriegszeit immer wieder für entsprechende Gesetzesreformen gekämpft. So hatte der Deutsche Juristinnenbund zum Beispiel schon 1958 mit einer Verfassungsklage erreicht, dass der sogenannte Stichentscheid des Vaters in familiären Angelegenheiten abgeschafft wurde, weil er gegen Art. 3 des Grundgesetzes („Männer und Frauen sind gleichberechtigt“) verstieß.

1978

EMMA 8/1978 © EMMA
Klage-Begründung in Emma 8/1978

Bei der von EMMA initiierten Klage gegen den Stern wegen der Darstellung von Frauen auf den Stern-Covern als Sexualobjekt (siehe Dossier Pornografie) ging es auch um die Veränderung des geltenden Rechts. Denn damals gab es zwar ein Gesetz, das rassistische Bilder, aber keine sexistischen Bilder unter Strafe stellt. Die Klägerinnen – beraten von den Anwältinnen Gisela Wild und Lore Maria Peschel-Gutzeit – wussten also, dass sie den Prozess rein rechtlich verlieren würden. Doch sie gewannen ihn moralisch. Richter Engelschall erklärte, er verstünde das Anliegen der Klägerinnen: „In 20 oder 30 Jahren werden die Klägerinnen vielleicht gewinnen können.“ – Doch auch 40 Jahre später gibt es in Deutschland noch immer kein Gesetz gegen Sexismus (im Gegensatz zu z.B. in den USA).

In Frankfurt, Berlin und Hamburg finden erste Jurafrauentreffen statt. Ziel: Feministinnen in juristischen Berufen vernetzen sich, tauschen Erfahrungen aus und diskutieren Themen wie ‚Gewalt gegen Frauen‘ oder ‚die Rolle der Frau im Familienrecht‘. An den Treffen nehmen bis zu 100 Frauen teil.10

Stern-Prozess, 1978, Quelle: EMMA-Archiv
Stern-Prozess, 1978

1982

Immer mehr Frauen studieren Jura. Wie das Statistische Bundesamt mitteilt, ist die Zahl der Frauen, die Rechtswissenschaften studiert, seit 1975 um 70% gestiegen. JedeR dritte Jura-StudentIn ist weiblich.11 Der Frauenanteil der RichterInnen an sämtlichen Gerichten der BRD hat sich im Vergleich zu 1970 mehr als verdoppelt: auf 14,4 Prozent. Nur an Bundesgerichten sprechen weniger als fünf Prozent weibliche Richter Recht.12

Mai 1983

Streit: feministische Rechtszeitschrift, Nr. 1, 1983 (FMT-Signatur: Z-F011)
Erste Streit-Ausgabe, 1983

Angeregt von den Jurafrauentreffen, gründen Juristinnen die feministische Rechtsfachzeitschrift STREIT. Sie erscheint in Frankfurt. Im Editorial von Heft 1/1983 hieß es: „Die mageren Zeiten sind vorbei; endlich haben wir uns unser eigenes Forum geschaffen: STREIT! Feministische Rechtszeitschrift! Keine zermürbenden Auseinandersetzungen mehr bei dem Versuch, frauenorientierte Ansätze in kritischen und unkritischen juristischen Zeitschriften unterzubringen. Keine männliche Zensur unserer unjuristischen, unwissenschaftlichen und für die Allgemeinheit uninteressanten Minderheitenpositionen mehr.“13

Juli 1983

Juristinnen prangern den Sexismus in juristischen Fachbüchern an, die Medien berichten groß über das Problem. Im Mittelpunkt der Berichterstattung stehen die Werke des Berliner Jura-Professors Hermann Blei, der in seinen Fallbeispielen einen Gynäkologen „Frauenfeind“, einen Zuhälter „Himmelstoß“ oder eine Jugendliche „Bertha Lüstlein“ nennt. Die Berliner Gerichtsreferendarin Luise Morgenthal hatte die sexistische Wortwahl des Professors im juristischen Fachblatt Kritische Justiz scharf kritisiert. Sie klinge wie „der schlüpfrigen Fantasie eines diliettierenden Pornoschreibers entsprungen“.14 Auch andere Lehrbücher bzw. Professoren verwenden sexistische Beispielnamen. Gleichzeitig gibt es immer wieder öffentliche Verlautbarungen von männlichen Juristen, die die rechtliche Zuverlässigkeit von Frauen in Frage stellen.15 So wird zum Beispiel im Aufsatz Die Frau als Zeugin im Handbuch des Strafverteidigers behauptet, Falschaussagen und Meineid seien typisch weibliche Delikte.16

1984

Gustav "Bubi" Scholz-Prozess, 1984, Siehe Pressedokumentation: Frauenmord III : Mord an Ehefrauen und Lebensgefährtinnen ; berühmte Fälle (FMT-Signatur: PD-SE.01.04)
Gustav „Bubi“ Scholz-Prozess, 1984

Der ehemalige Boxer Gustav, genannt ‚Bubi‘, Scholz wird für die Erschießung seiner Ehefrau Helga Scholz zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt, ein Jahr davon auf Bewährung. Scholz hatte seine Frau durch die Glastür der Gästetoilette erschossen, in der sie sich eingeschlossen hatte. Die Richter erkennen weder auf Mord noch auf Totschlag, sondern auf fahrlässige Tötung. Scholz erhält die Lebensversicherung seiner Frau: 650.000 DM. Gericht und Medien zeigen Verständnis für den Ex-Boxer, der sich nach seinem Karriereende von seiner Frau zurückgesetzt und gekränkt gefühlt habe. „Es musste so enden: weil ‚sie nicht zuhören konnte‘, weil ‚sie von Sex mit ihm nichts mehr wissen wollte‘, weil „sie ihn Bubilein rief‘, weil ‚sie Erfolg hatte und er nicht‘, weil sie ‚Oberschülerin‘ war und er nur der „junge vom Kiez‘“,17 zitiert EMMA die Medienreaktionen. Alice Schwarzer analysiert in einem Essay Politische Prozesse die Funktion des aufsehenerregenden Prozesses und des milden Urteils: „Dass ausgerechnet der Scholz-Prozess 1984 so gefeiert und gehandelt wurde, das lag nicht nur am prominenten Täter. Es lag auch daran, dass die Bubis der Nation nichts mehr hören wollten vom Gerede über die ‚Gewalt in der Ehe‘ […] Dabei ‚weiß doch jeder‘, dass es in einer Ehe ‚nach 29 Jahren mal handgreiflich zugehen kann‘ (Der Spiegel)“.18 Auch die Zeitschrift STREIT schreibt über die „Verwandlung von Tätern zu Opfern in der deutschen Presse im Fall Gustav ‚Bubi’ Scholz“.19

Juni 1985

Karikatur in Frauenzeitung, 1983, Quelle: Hexengewitter, 08.03.1983, S.12 (FMT-Signatur: Z112)
Karikatur in Frauenzeitung, 1983

Auf dem 11. Jurafrauentreffen beschließen die Teilnehmerinnen, sich in Feministischer Juristinnentag umzubenennen.20 Der Feministische Juristinnentag ist die Institution der deutschsprachigen feministischen Rechtswissenschaft und findet seit 1986 jährlich an wechselnden Tagungsorten statt. Es treffen sich Rechtsanwältinnen und Richterinnen ebenso wie Studentinnen, Rechtswissenschaftlerinnen und juristische Geschlechteraktivistinnen, um feministische rechtspolitische Handlungsstrategien zu diskutieren und zu entwickeln.

Februar 1986

Inzwischen stellen Frauen fast 15 Prozent der RichterInnen, bei den Neueinstellungen sind es rund 30 Prozent. Da unter den AbsolventInnen mit guten Noten überproportional viele Frauen sind, schlägt Rudolf Wassermann, Präsident des Oberlandesgerichtes Braunschweig, vor, die Anforderungen an die Qualifikation von BewerberInnen für das Richteramt zu senken. So soll verhindert werden, dass „in Bälde überwiegend Frauen in der Justiz tätig“21 seien. Die Vorschläge Wassermanns sorgen für Empörung, zumal der Jurist erklärt, Frauen in der Justiz könnten „einfach nicht leisten, was Männer leisten“, denn sie seien dreifach belastet: im Beruf, als Ehefrau und Mutter. Er wolle hingegen, dass sie „in Ruhe ihre Kinder bekommen und sie auch großziehen können“. Der Deutsche Juristinnenbund bezeichnet die Vorschläge, die teilweise gängige Praxis sind, als „Skandal“.22

27. Oktober 1986

© Bernd Kulow, Verhaftung: Monika Weimar 27. Oktober 1986
Verhaftung Monika Weimar, 1986

Monika Weimar (später geschiedene Böttcher) wird wegen Mordverdachts an ihren beiden Töchtern verhaftet, einmal verurteilt, einmal freigesprochen und zuletzt in dem Indizienprozess zu lebenslanger Haft verurteilt. Monika Weimar hatte stets ihre Unschuld beteuert.23 Obwohl ihr Mann und Vater der Kinder, Reinhard Weimar, ebenso als Täter in Frage kommt, konzentrieren sich die Ermittlungen ausschließlich auf die Mutter, die im Hessischen Philippstal massiv gegen die Geschlechter-Konventionen verstoßen hatte. Die gelernte Pflegehelferin war aus ihrer Ehe ausgebrochen, wieder berufstätig geworden und hatte ein Verhältnis mit einem amerikanischen Soldaten. „So war Gegenstand des Prozesses, der Monika Weimar gemacht wurde, nicht nur der Tod der Kinder, sondern auch der Lebenswandel der Mutter. „Eine ganz normale Frau aus eher konservativen Verhältnissen, die nicht mehr funktioniert wie erwartet“, analysiert Alice Schwarzer. „Das ‚Flittchen‘ konnte sich der Aggression aller ‚gehörnten‘ Ehemänner sicher sein; aber auch all derjenigen Frauen, die vom Ausbruch noch nicht einmal zu träumen wagten.“24 Nach insgesamt 15 Jahren Haft wird sie am 18. August 2006 entlassen.25

Wie geht es weiter?

© Bettina Flitner, Jutta Limbach, Juristin, ehemalige Richterin im Bundesverfassungsgericht Karlsruhe, 17.6.2001
1. BVerfG-Präsidentin Jutta Limbach

Nach der Wiedervereinigung setzen vier engagierte Juristinnen und Politikerinnen durch, dass Art. 3 des Grundgesetzes ergänzt wird um den Passus: „Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“ Damit ist der Staat qua Verfassung verpflichtet, die Gleichstellung der Geschlechter aktiv durchzusetzen.

Die vier entscheidenden Juristinnen sind Jutta Limbach (Berliner Justizsenatorin und spätere Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts), Lore Maria Peschel-Gutzeit (Hamburger Justizsenatorin), Heidi Merk (niedersächsische Justizministerin) und Christiane Hohmann-Dennhardt (hessische Justizministerin und später Richterin am Bundesverfassungsgericht).

Am 18. Mai 1992 wird Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) als erste Frau zur Justizministerin ernannt.

Die bekennende Feministin Jutta Limbach wird zwei Jahre später im März 1994 als erste Frau Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts.

In Berlin gründen Juristinnen zwischen dem 17. und 19. März 2000 die European Women Lawyers Association (EWLA), ein europäisches Juristinnen-Netzwerk. Die Gründungsversammlung hat das Motto: „Strategien zur Durchsetzung des Rechts auf Chancengleichheit“. Entstanden war die EWLA auf Initiative von Ursula Nelles, Vorsitzende des Deutschen Juristinnenbundes, und Cherie Booth, Präsidentin der British Women Lawyers.

© Bettina Flitner, Gründungskongress der Europäischen Juristinnenvereinigung unter dem Motto "Strategien zur Durchsetzung des Rechts auf Chancengleichheit", Berlin, 17. bis 19. März 2000
Gründungsmitglied Ursula Nelles

In Hamburg gründen Juristinnen im Jahr 2004 das Feministische Rechtsinstitut (FRI), eine bundesweite Plattform für feministische JuristInnen, die Fortbildungen anbietet und Kampagnen organisiert. Das FRI erklärt: „Im Recht spiegeln sich gesellschaftliche Machtverhältnisse. Auch der Wandel der Geschlechterverhältnisse ist im Recht sichtbar; hier finden wir sowohl Festschreibungen und Vertiefungen traditioneller Geschlechterbilder und -rollen wie Ansätze zur Gleichberechtigung, Gleichstellung und Emanzipation von Frauen und Männern. So sind in den letzten Jahrzehnten die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern auch durch Recht bereits verändert worden – wenn auch die Erfolge ständig bedroht und auf Dauer nur punktuell wirksam sind. […] Zu diesem Wandel haben feministische Jurist/innen wesentlich beigetragen. Sie analysieren die geschlechtsspezifische Parteilichkeit des Rechts und die Strukturen, die es so schwierig machen, der systematischen gesellschaftlichen Herabsetzung und Benachteiligung von Frauen durch Recht wirksam entgegen zu treten. Sie formulieren aber auch Forderungen und zeigen auf, wie das Recht Stereotypen und Vorurteile bekämpfen und neue, nichtstereotype Geschlechterverhältnisse ermöglichen könnte.“26

Logo der European Women Lawyers Association (EWLA)
2000 gegründet: EWLA

Justizminister Heiko Maas (SPD) setzt im Mai 2014 eine ExpertInnen-Kommission ein, die Vorschläge für eine Reform des ‚Mordparagrafen‘ § 211 im StGB ausarbeiten soll. Ein Grund für den Reformbedarf: Das Mordmerkmal der „Heimtücke“ führt immer noch dazu, dass Frauen, die z.B. nach jahrelanger Misshandlung durch ihren Ehemann einen ‚Tyrannenmord‘ begehen, dies meist ‚heimtückisch‘ (also z.B. durch Gift oder Ersticken im Schlaf) tun. Sie gelten damit automatisch als ‚Mörderinnen‘ und müssen zu lebenslanger Haft verurteilt werden. Der Ehemann hingegen, der seine Frau jahrelang misshandelt und frontal erschlägt, wird in der Regel wegen Totschlag belangt und geringer bestraft (siehe Artikel zum Thema).

2014 sind 42 Prozent der RichterInnen weiblich. Selbst beim höchsten deutschen Gericht, dem Bundesverfassungsgericht, ist jedeR dritte RichterIn eine Frau.

Quellen

1 Schultz, Ulrike (1990): Wie männlich ist die Juristenschaft?. - In: Frauen im Recht. Battis, Ulrich
[Hrsg.]. Heidelberg : Müller Juristischer Verlag, S.322 (FMT-Signatur: ST.13.133-a, Obj. Nr.: 22543).
2 Erste Bundesanwältin ernannt (1972). - In: Süddeutsche Zeitung, 08.11.1972, siehe Pressedokumentation: Frauen in der Justiz, 1913, 1954-1996 (FMT-Signatur: PD-ST.15.01, Kapitel 5).
3 Schwarzer, Alice (1974): Im Namen des gesunden Volksempfindens. - In: Konkret, Nr. 2, Heft 11, S. 11 (FMT-Signatur: ST.15-a, Obj. Nr.: 67913). Siehe auch Pressedokumentation: Mordprozess gegen Marion Ihns und Judy Andersen, 1973-1987 (FMT-Signatur: PD-LE.11.07).
4 Trube-Becker, Elisabeth (1974): Frauen als Mörder : mit 86 Falldarstellungen und 34 Tabellen. -
München : Goldmann (FMT-Signatur: ST.15.021).
5 Ewe, Petra; Pötz-Neuburger, Susanne (1983): Wie wir wurden, was wir sind. Zur Geschichte der Jurafrauentreffen Teil 1. - In: Streit, Nr. 1, S. 36, siehe Pressedokumentation: Juristinnen, Frauen in der Justiz, 1913, 1954-1996 (FMT-Signatur: PD-ST 15.01, Kapitel: Feministische Juristinnen).
6 Schwarzer, Alice: Männerjustiz (1977). - In: EMMA, Nr. 1, S.6 ff.. Verfügbar unter: www.emma.de/lesesaal/47040
7 Ebenda.
8 Ebenda.
9 Pabst, Franziska; Slupik, Vera (1977): Das Frauenbild im zivilrechtlichen Schulfall. Eine empirische Untersuchung zugleich ein Beitrag zur Kritik gegenwärtiger Rechtsdidaktik. - In: Kritische Justiz, Nr. 3, S. 242-256. Verfügbar unter: www.kj.nomos.de/fileadmin/kj/doc/1977/19773Pabst_Slupik_S_243.pdf ) und Die Frau in juristischen Fallbeispielen. Mit Brigitte Brunft lebensnah und heiter zu juristischen Weihen (1979). - In: Göttinger Nachrichten nicht nur für die Frau, Nr. 2. Beide Texte siehe Pressedokumentation: Frauen in der Justiz, 1913, 1954-1996 (FMT- Signatur: PD-ST.15.01, Kapitel 8).
10 Ewe, Petra; Pötz-Neuburger, Susanne (1983): Wie wir wurden, was wir sind. Zur Geschichte der Jurafrauentreffen Teil 1. - In: Streit, Nr. 1, S.36. Siehe Pressedokumentation: Juristinnen, Frauen in der Justiz, 1913, 1954-1996 (FMT-Signatur: PD-ST.15.01, Kapitel: Feministische Juristinnen).
11 Immer mehr Frauen wählen Jura-Studium (1986). - In: Weser-Kurier, 27.12., siehe Pressedokumentation: Juristinnen, Frauen in der Justiz, 1913, 1954-1996 (FMT-Signatur: PD.ST.15.01, Kapitel 8).
12 Männerrecht (1985). - In: Die Zeit, 31.05., siehe Pressedokumentation: Frauen in der Justiz, 1913, 1954-1996 (FMT-Signatur: PD-ST.15.01, Kapitel 8).
13 Editorial (1983). - In: Streit: feministische Rechtszeitschrift, Nr. 1, S.2.
14 Morgenthal, Luise (1983): "August Geil und Frieda Lüstlein" : Der Autor und sein Tätertyp. - In: Kritische Justiz, Nr. 1, S. 65-68. Verfügbar unter: www.kj.nomos.de/fileadmin/kj/doc/1983/19831Morgenthal_S_65.pdf und Herr Lustbold (1983). - In: Der Spiegel, Nr. 30. Verfügbar unter: www.spiegel.de/spiegel/print/d-14018116.html
15 Die Tageszeitung: Typisch männlich, 02.03.1983 und Sybille Uken (1983): Die Frau das einfältige Wesen. - In: Die Tageszeitung, Nr. 23, 12/83, siehe Pressedokumentation Frauen in der Justiz, 1913, 1954-1996 (FMT-Signatur: PD-ST.15.01, Kapitel 8).
16 Die Frau als Zeugin. - In: Dahs, Hans (1983): Handbuch des Strafverteidigers, 5. neubearb. Auflage, Köln : O. Schmidt.
17 Unser Bubi (1984). - In: EMMA Nr. 9, S.7.
18 Schwarzer, Alice (1989): Politische Prozesse - von Weimar bis Memmingen. - In: EMMA, Nr. 4, S.6.
19 Oberlies, Dagmar (1986): Die Bubis: wie Täter zu Opfern werden. -  In: Streit : feministische Rechtszeitschrift, Nr. 1, S. 3-8.
20 Borg, Dagmar; Walz, Claudia (1985): Der 11. Feministische Juristinnentag in Berlin. - In: Streit, Nr. 3, siehe Pressedokumentation: Juristinnen, Frauen in der Justiz, 1913, 1954-1996 (FMT-Signatur: PD-ST.15.01, Kapitel 10).
21 Hoffnungslos überfordert (1986). - In: Spiegel, Nr. 7 (10.02.1986), S.50. Verfügbar unter: www.spiegel.de/spiegel/print/d-13516959.html ) und Dumme Juristen (1986). - In: EMMA, Nr. 3, S. 44. Beide Texte siehe Pressedokumentation: Juristinnen, Frauen in der Justiz, 1913, 1954-1996 (FMT-Signatur: PD-ST.15.01, Kapitel 9).
22 Hoffnungslos überfordert (1986). - In: Spiegel, Nr. 7 (10.02.1986), S. 50. Verfügbar unter: www.spiegel.de/spiegel/print/d-13516959.html )
23 Böttcher, Monika (1997): Ich war Monika Weimar. - Köln : Kiepenheuer & Witsch (FMT-Signatur: ST.15.087).
24 Schwarzer, Alice (1989): Politische Prozesse - von Weimar bis Memmingen. - In: EMMA Nr. 4, S. 4-6.
25 Friedrichsen, Gisela: Ende eines Justizdramas: Zweifache Kindsmörderin Monika Böttcher ist frei. – In: Spiegel Online, 18.08.2006. Verfügbar unter: www.spiegel.de/panorama/justiz/ende-eines-justizdramas-zweifache-kindsmoerderin-monika-boettcher-ist-frei-a-432435.html
26 Feministisches Rechtsinstitut (2017): Wozu ein Feministisches Rechtsinstitut?. Verfügbar unter: www.feministisches-rechtsinstitut.de/wir_ueber_uns.htm

Auswahlbibliografie

Empfehlungen

Trube-Becker, Elisabeth (1974): Frauen als Mörder: mit 86 Falldarstellungen und 34 Tabellen, München : Goldmann (FMT-Signatur: ST.15.021).

Schwarzer, Alice (1977): Männerjustiz. - In: EMMA, Nr. 1, S. 6 - 14.

Kohleiss, Annelies (1985): Frauen im Recht. - In: EMMA, Nr. 9, S. 30 - 31.

Jones, Ann (1986): Frauen, die töten. - Drolshagen, Suhrkamp (FMT-Signatur: ST.15.028).

Oberlies, Dagmar (1995): Tötungsdelikte zwischen Männern und Frauen : eine Untersuchung
geschlechtsspezifischer Unterschiede aus dem Blickwinkel gerichtlicher Rekonstruktionen. -
Pfaffenweiler : Centaurus (FMT-Signatur: ST.15.079).

Frauen in der Geschichte des Rechts : von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart (1997). - Gerhard, Ute [Hrsg.]. München : Beck (FMT-Signatur: ST.13.162).

Hexenjagd : weibliche Kriminalität in den Medien (1998). - Henschel, Petra [Hrsg.] ; Klein, Uta
[Hrsg.]. Erstausg., 1. Aufl. - Frankfurt am Main : Suhrkamp (FMT-Signatur: ME.03.055).

Pasquay, Heide (2002): Alle Richter bleiben Brüder : der alltägliche Sexismus im Rechtsbetrieb. - In: Menschenrechte sind auch Frauenrechte. - Nagelschmidt, Ilse [Hrsg.] ; Schötz, Susanne [Hrsg.] ; Kühnert, Nicole [Hrsg.] ; Schröter, Melani [Hrsg.]. Leipzig : Leipziger Univ.-Verl. (FMT-Signatur: ST.13.225-a, Obj. Nr.: 61685).

Juristinnen in Deutschland : die Zeit von 1900 bis 2003 (2003). - Deutscher Juristinnenbund (DJB) [Hrsg.]. 4., neu bearb. Aufl. - Baden-Baden : Nomos (FMT-Signatur: ST.13.038-2003).

Flügge, Sibylla (2003): 25 Jahre feministische Rechtspolitik - eine Erfolgsgeschichte?. - In: Streit : Feministische Rechtszeitschrift Nr. 2, S. 51 – 62 (FMT-Signatur: Z-F011:2003-2-a, Obj. Nr.: 49447)

Schultz, Ulrike (2004): Richten Richterinnen richtiger?. - In: Landesweite Aktionswoche : Frauenbilder ; vom 25. Februar - 24. März 2005 in Nordrhein-Westfalen. - Ministerium für Gesundheit, Soziales, Frauen und Familie <Nordrhein-Westfalen> [Hrsg.]. Düsseldorf : Ministerium für Gesundheit, Soziales, Frauen und Familie des Landes NRW (FMT-Signatur: LE.01.121-a, Obj. Nr.: 57006)

MacKinnon, Catharine A. (2005): Women's lives, men's laws. - Cambridge, Mass. [u.a.] : Belknap Press of Harvard Univ. Press (FMT-Signatur: FE.10.050)

Frauenrecht und Rechtsgeschichte : die Rechtskämpfe der deutschen Frauenbewegung (2006). - Meder, Stephan [Hrsg.] ; Duncker, Arne [Hrsg.] ; Czelk, Andrea [Hrsg.] ; Köln [u.a.] : Böhlau (Rechtsgeschichte und Geschlechterforschung ; 4) (FMT-Signatur: ST.13.238) 

Röwekamp, Marion (2011): Die ersten deutschen Juristinnen : Eine Geschichte ihrer Professionalisierung und Emanzipation (1900 - 1945), Köln, Wien : Böhlau (FMT-Signatur: ST.13.266).

Schultz,  Ulrike (2012):  Frauen  in  Führungspositionen der  Justiz. - In: Deutsche  Richterzeitung, Nr. 9, S. 264 - 272.

Ulrike Lembke (2016): Feministische Juristinnen in der Bundesrepublik. Interview mit Susanne Pötz-Neuburger, Sibylla Flügge, Barbara Degen und Malin Bode. - In: Kritische Justiz (Hrsg.): Streitbare Juristinnen: Eine andere Tradition, Baden-Baden : Nomos, S. 617 - 642.

Fachzeitschriften

Zeitschrift des Deutschen Juristinnenbundes (djbZ), Nomos Verlag, ISSN 1866-377X (FMT-Signatur: Z-F086).

Streit: Feministische Rechtszeitschrift, Fachhochschulverl. ISSN: 0175-4467 (FMT-Signatur: Z-F011).

Pressedokumentation

Pressedokumentation zum Thema Recht & Rechtsprechung: PDF-Download

Die Pressedokumentation des FMT umfasst strukturierte, thematisch aufbereitete und inhaltlich erschlossene Beiträge der allgemeinen und feministischen Presse, meist angereichert mit weiteren Materialien wie z.B. Flugblättern und Protokollen.

Weitere Bestände im FMT (Auswahl)

FMT-Literaturauswahl Recht & Rechtsprechung : PDF-Download

EMMA-Artikel Frauen im Recht: PDF-Download

EMMA-Artikel Männerjustiz: PDF-Download

Neue Frauenbewegung: Körper & Gesundheit

Selbstbestimmung und Wissen über den eigenen Körper — die Frauengesundheitsinitiativen richteten sich gegen eine bevormundende, patriarchale Medizin, die den Männerkörper zum Maßstab macht und Frauenkörper zur Abweichung erklärt, die medikalisiert und pathologisiert wird.

Button Vulva-Symbol, (FMT-Signatur: VAR.02.054)
Button, undatiert

Die Frauengesundheitsinitiativen beginnen mit der Aneignung von Wissen über den eigenen Körper und der Gründung eigener Frauengesundheitszentren. Sie fordern eine am ganzen Menschen orientierte Medizin sowie mehr weibliche Ärzte (in den 1970ern sind rund 85 Prozent der GynäkologInnen Männer.1) Sie prangern die entmündigende medizinische Behandlung von Frauen an, die zwischen Überbehandlung (z.B. der oft überflüssigen Entfernung der Gebärmutter) und Unterversorgung (z. B. der jahrzehntelang vernachlässigten Brustkrebs-Früherkennung) schwankt. Außerdem beklagen die Frauengesundheitsinitiativen die Tatsache, dass der Männerkörper bei der Entwicklung  von Medikamenten als Norm gilt und fordern einen genderbewussten Blick auf Krankheiten. Dies führt zur Entwicklung der inzwischen weitgehend etablierten Gender-Medizin.2

November 1973

Women’s Health Center, 1976, Quelle: http://womenshealthinwomenshands.com/History.htm01
Women’s Health Center, 1976

Die Amerikanerin Carol Downer demonstriert vor 300 Frauen im West-Berliner Frauenzentrum zum ersten Mal in Deutschland die vaginale Selbstuntersuchung mit dem sogenannten Spekulum.3 Zuvor hatte Downer bereits im Los Angeles Women’s Health Center die erste öffentliche Selbstuntersuchung durchgeführt – was einen Durchsuchungsbefehl mit Polizeieinsatz und Beschlagnahmung ihrer Materialien zur Folge hatte (darunter die Joghurt-Packungen, die Downer zur Selbst-Behandlung von Vaginalpilzen verwendet hatte). Sie und ihre Mitstreiterin Colleen Wilson müssen sich vor Gericht wegen Betreibung von „Medizin ohne Zulassung„4 verantworten. Die Aneignung von Wissen über den eigenen Körper steht am Beginn der Frauengesundheitsinitiativen.

1974

Phyllis Chesler, 1986 © Bettina Flitner (FMT-Signatur: FT.02.0711)
Psychologin Phyllis Chesler

In Berlin eröffnet das Feministische Frauengesundheitszentrum (FFGZ).5 Es ist das erste seiner Art in Deutschland. Das FFGZ setzt auf einen ganzheitlichen Gesundheitsbegriff und einen selbstbestimmten Umgang mit dem eigenen Körper: „Durch Selbsthilfe wollen wir uns in die Lage versetzen, über unseren Körper und unsere Sexualität selbst zu bestimmen.“6 Schwerpunkte: Selbstuntersuchung, Durchführung von Abstrichen, Krebsfrüherkennung, Gespräche über Sexualität und Verhütung, Schwangerschaftstests und -beratungen, gesunde Ernährung.Das Buch Frauen – das verrückte Geschlecht7 der amerikanischen Psychologie-Professorin und Psychotherapeutin Phyllis Chesler erscheint (Originaltitel: Women and Madness8, 1972). Chesler, Mitbegründerin des National Women’s Health Network, analysiert in dem Grundlagenwerk psychische Störungen wie Depressionen oder Sucht von Frauen als Reaktion auf ihre einengende Frauenrolle, insbesondere auf Missbrauch und Gewalt. Das Buch ist für Psychologinnen, Analytikerinnen und Psychiaterinnen in der BRD ein entscheidender Anstoß. Das Thema psychische Gesundheit wird ein weiteres zentrales Thema für die Frauengesundheitsinitiativen.

September 1975

Plakat FFGZ Berlin (FMT-Signatur: PT.022)
Plakat FFGZ Berlin (undatiert)

Die Erfahrungen der Frauen des FFGZ Berlin werden in der Broschüre Hexengeflüster. Frauen greifen zur Selbsthilfe9 zusammengefasst und im Selbstverlag veröffentlicht. Weitere Themen sind der Kampf um das Recht auf Abtreibung, die hohe Zahl überflüssiger Gebärmutterentfernungen (Hysterektomie), die gerade Frauen über 40 leichtfertig verordnet wird, die enormen Nebenwirkungen der Pille und die Pathologisierung der Wechseljahre.

Juli 1976

Die feministische Gesundheitszeitschrift Clio10 erscheint erstmalig, herausgegeben vom Feministischen Frauengesundheitszentrum Berlin. Im Vorwort dieser ersten Ausgabe heißt es: „Frauen brauchen Macht! Kontrolle über unseren Körper ist ein entscheidender Schritt zu dieser Macht!“11 In der Ausgabe erscheinen Artikel wie etwa zum Göttinger Selbsthilfekongress, Solidarität mit Abtreibungskliniken in Holland oder Klagen gegen einzelne Mediziner. Die Clio erscheint bis heute (vollständig im Bestand des FMT).

Flugblatt der Roten Zora, April 1977 (FMT-Signatur: FB.07.102)
Flugblatt der Roten Zora, April 1977

28. April 1977

Die militante Frauengruppe Rote Zora, die sich als Teil der Revolutionären Zellen versteht, verübt einen Sprengstoffanschlag auf das Gebäude der Bundesärztekammer. Sie erklärt: „Wir verstehen die Bundesärztekammer als Vertreter der Vergewaltiger in weißen Kitteln, die sich über unser Selbstbestimmungsrecht hinwegsetzen!“12 Das Deutsche Ärzteblatt wird rückblickend die aufkommenden Frauengesundheitsinitiativen im Deutschen Herbst zur Terrorszene rechnen.13

14.-16. Juni 1977

Die Frauengesundheitsinitiativen vernetzen sich zunehmend international. In Rom kommen über 200 Frauen aus Europa, den USA, Südamerika und Australien zum ersten Internationalen Frauengesundheits-Kongress zusammen.14

1978

Orbach, Susie (1982): Anti-Diätbuch : Über die Psychologie der Dickleibigkeit, die Ursachen von Eßsucht. - München : Frauenoffensive. (FMT-Signatur: KO.09.009-Bd.1)
Das Anti-Diät-Buch

Das Feministische Frauengesundheitszentrum Frankfurt wird gegründet.15 In den nächsten Jahren folgen weitere Zentren in Hamburg, Bremen und Köln. Heute sind im Bundesverband der Frauengesundheitszentren 16 Zentren organisiert.

1979

In Deutschland erscheint das Anti-Diät-Buch16 der britischen Psychoanalytikerin Susie Orbach (Originaltitel: Fat is a Feminist Issue17, 1978), in dem sie das Phänomen der bei Frauen weit verbreiteten Essstörungen (von der obsessiven Beschäftigung mit Diäten bis hin zu Adipositas und Anorexie) als Reaktion auf die einengende Frauenrolle einordnet. Orbach kritisiert den massiven Druck auf Frauen, schlank und schön zu sein und wertet ihn als Reaktion auf die Emanzipationsbewegung der Frauen: „Das hyperdünne Schönheitsideal fällt so präzise mit dem Erstarken der Frauenbewegung zusammen, dass Misstrauen geboten ist. Es fällt schwer, in dieser ‚Ästhetik der Dürre‘ nicht einen Versuch zu sehen, auf die Forderungen von Frauen nach mehr Raum in der Welt zu kontern.“18 Das Thema Essstörungen wird zum weiteren zentralen Thema der Frauengesundheitsbewegung (siehe Dossier Diätwahn & Hungersucht).

Our Bodies, Ourselves : a Book by and for Women (1973). - Women's Health Book Collective [Hrsg.]. New York : Simon & Schuster. (FMT-Signatur: KO.01.001)
Our bodies, ourselves, 1971

1980

In Deutschland erscheint Unser Körper – unser Leben : ein Handbuch von Frauen für Frauen19 (Originaltitel: Our Bodies, ourselves20, 1971), das sich mit feministischem Blick mit verschiedenen Themen der Frauengesundheit beschäftigt: von Verhütung und sexuell übertragbaren Krankheiten über Psychotherapie und Medikamenten bis zu Ernährung und Körperbildern. Schon als das vom Boston Women’s Health Book Collective herausgegebene Buch elf Jahre zuvor in den USA erschienen war, war es von deutschen Leserinnen als Meilenstein wahrgenommen worden. Die deutsche Ausgabe wird bis Anfang der 1990er Jahre eine Auflage von 300.000 Exemplaren erreichen, der zweite Band, der 1988 erscheint, wird ähnlich erfolgreich.

1984

Plakat: Clio : Frauengesundheit in eigener Hand, 1982 (FMT-Signatur: PT.055)
Plakat zur Clio 18/1982

Der EMMA-Sonderband Durch dick und dünn21 erscheint. Er greift das zunehmende Problem der weiblichen Essstörungen auf. „Während Männer Raum einnehmen, machen Frauen sich dünne“, schreibt Alice Schwarzer im Vorwort. „Eine neue Frauenkrankheit breitet sich aus: die Bulimie, profaner auch Fress- und Kotzsucht genannt. An ihr leiden Frauen, die zwischen Hungerkuren und Fresstouren schwanken, in diesen Phasen ungeheure Mengen verschlingen und durch künstliches Erbrechen und Abführmittel gleich wieder ausscheiden. Allein in der Bundesrepublik schätzen Ärzte die Zahl der fresssüchtigen Frauen auf mindestens 300.000-400.000.“22 1986 gründen engagierte Frauen in Frankfurt und Berlin die ersten Beratungszentren für Essstörungen.23

1986

Durch Dick und Dünn (1984). - Schwarzer, Alice [Hrsg.]. Köln : Emma-Frauenverlag. (FMT-Signatur: KO.09.091-1984)
EMMA Sonderband 4, 1984
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) verabschiedet die sogenannte Ottawa-Charta. Darin heißt es: „Politische, ökonomische, soziale, kulturelle, biologische sowie Umwelt und Verhaltensfaktoren können alle entweder der Gesundheit zuträglich sein oder auch sie schädigen. Gesundheitsförderndes Handeln zielt darauf ab, durch aktives anwaltschaftliches Eintreten diese Faktoren positiv zu beeinflussen und der Gesundheit zuträglich zu machen.“ Und weiter: „Menschen können ihr Gesundheitspotential nur dann weitestgehend entfalten, wenn sie auf die Faktoren, die ihre Gesundheit beeinflussen, auch Einfluss nehmen können. Dies gilt für Frauen ebenso wie für Männer.“24 Die Abkehr der WHO vom eng gefassten schulmedizinischen Begriff und die explizite Erwähnung von Frauen macht es für die Frauengesundheitsbewegung leichter, die krankmachenden Lebensumstände von Frauen in die Gesundheitsdebatte einzubeziehen. Kurz darauf erklärt die WHO: „Der Gesundheit von Frauen muss ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit und Dringlichkeit zugemessen werden“.25 Denn: „Sogar in den reichsten Ländern Europas gibt es Ungleichheiten in der Gesundheitsversorgung von Männern und Frauen, die nicht zur Kenntnis genommen werden.“26

Wie geht es weiter?

Christine Bergmann, Quelle: EMMA-Archiv
Christine Bergmann (SPD)

In den folgenden Jahren und Jahrzehnten durchdringen die Erkenntnisse und Forderungen von Feministinnen zu Frauengesundheit zunehmend Medizin, Politik und Gesellschaft. In Deutschland ist diesbezüglich ein Meilenstein der Bericht zur gesundheitlichen Situation von Frauen, der 2001 unter der Ägide von Bundesfrauenministerin Christine Bergmann (SPD) erscheint. Dieser Frauengesundheitsbericht ist die erste Bestandaufnahme der gesundheitlichen (Unter)Versorgung von Frauen in Deutschland. Er weitet den schulmedizinischen Blick und bezieht die Lebensumstände von Mädchen und Frauen als Ursachen für Krankheiten ein. Der Bericht greift alle Themen auf, die die Frauengesundheitsbewegung in den 1970er-Jahren angestoßen hatte und teilt die feministische Kritik. In vielen Bereichen konstatiert der Bericht einen beunruhigenden Datenmangel, so zum Beispiel ausgerechnet bei den gynäkologischen Erkrankungen. (Erst 1999 wurde der erste Lehrstuhl für Gynäkologie mit einer Frau besetzt.)27 Auch die Folgen, die die „epidemischen Ausmaße“ der (Sexual)Gewalt gegen Frauen und Mädchen auf ihre Gesundheit haben, seien praktisch unerforscht.28

Erst zu Beginn der 2000er-Jahre gelingt es den Frauengesundheits-Aktivistinnen, die (Sexual)Gewalt und ihre (psychosomatischen) Folgen als eines der höchsten Gesundheits-Risiken für Frauen ins Bewusstsein der Schulmedizin zu rücken. Seither arbeiten verschiedene Projekte daran, ÄrztInnen und Pflegepersonal für einschlägige Symptome ihrer Patientinnen zu sensibilisieren und mit den Frauenberatungsstellen zu kooperieren. Neue Bündnisse entstehen.

EMMA 5/1996, Externer Link: EMMA-Lesessal
EMMA 5/1996

Einen entscheidenden Erfolg erringen die Frauen-Initiativen, die seit Mitte der 1990er-Jahre gegen die sträfliche Vernachlässigung der Brustkrebsforschung und für qualifizierte und systematische Früherkennungsprogramme auch in Deutschland kämpfen. 1996 erscheint in EMMA eine Titelgeschichte, in der die Ignoranz von Medizin und Politik gegenüber der ‚Frauenkrankheit‘ als „Genozid an Frauen“29 angeprangert wird. Während in vielen europäischen Staaten wie Holland, Großbritannien oder Schweden bereits Mammografie-Screening-Programme mit hochqualifizierten SpezialistInnen eingeführt wurden, hinkt Deutschland hinterher, obwohl Brustkrebs mit 42.000 Neuerkrankungen und 18.000 Sterbefällen pro Jahr die tödlichste aller Krebsarten für Frauen ist.30 Zahlreiche Brustkrebs-Initiativen bauen mit ihren Aktionen so viel politischen Druck auf, dass im Jahr 2005 auch in Deutschland das Mammografie-Screening für Frauen zwischen 50 und 69 flächendeckend eingeführt wird.31

Prof. Dr. med. Vera Regitz-Zagrosek © Bettina Flitner, 2010 (FMT-Signatur: FT.03.2146)
Erste medizinische Gender-Professur

Der Frauengesundheitsbericht hatte auch die Tatsache beklagt, dass bestimmte Krankheiten wie z. B. der Herzinfarkt als ‚Männerkrankheiten‘ gelten und daher bei Frauen unterdiagnostiziert sind – was für die Patientinnen tödliche Folgen haben kann.32 Im Dezember 2002 richtet die Berliner Charité gemeinsam mit dem Deutschen Herzzentrum die erste Gender-Professur ein: Prof. Regina Regitz-Zagrosek betreibt ab nun „Frauenspezifische Gesundheitsforschung mit Schwerpunkt Herz-Kreislauferkrankungen“. 2003 entsteht daraus das Institut für Geschlechterforschung in der Medizin.

Wichtige deutsche Medizin-Institutionen wie das Robert-Koch-Institut oder die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung richten Stellen für Geschlecht und Gesundheit ein. Für Arzneimitteltests gilt inzwischen die Vorgabe, dass sie auch an weiblichen Patienten getestet werden ’sollen‘.

Heute ist die Gender-Medizin, wenn in Deutschland auch noch nicht als Pflichtfach in die Medizin aufgenommen, so doch als Standard-Wissen in den Universitäten und Arztpraxen angekommen. Und auch die von der Frauengesundheitsbewegung kritisierte Vorherrschaft der ‚Halbgötter in Weiß‘ scheint gebrochen: Heute ist nahezu jeder zweite Arzt (45%) weiblich.33 

Quellen

1 Burgert, Cornelia; FFGZ e. V. (2014): Zwischen Selbstbestimmung und Fremdbestimmung - 40 Jahre Frauengesundheit in eigener Hand?!. - In: Clio, Nr. 79, November 2014, S. 5. (FMT-Signatur: Z-F002-2014-79)
2 Ebenda, S. 4f..
3 Schmidt, Roscha (1988): Frauengesundheit in eigener Hand : die feministische Frauengesundheitsbewegung. - In: Der große Unterschied : die neue Frauenbewegung und die siebziger Jahre. - Soden, Kristine von [Hrsg.]. Berlin : Elefanten Press, S. 39. (FMT-Signatur: FE.03.065)
4 Schwarzer, Alice (2007): EMMA : die ersten 30 Jahre. - München : Heyne, S. 169. (FMT-Signatur: ME.03.060)
5 Burgert, Cornelia; FFGZ e. V. (2014): Zwischen Selbstbestimmung und Fremdbestimmung - 40 Jahre Frauengesundheit in eigener Hand?!. - In: Clio, Nr. 79, November 2014, S. 3. (FMT-Signatur: Z-F002-2014-79)
6 Die Neue Frauenbewegung in Deutschland : Abschied vom kleinen Unterschied (2008). - Lenz, Ilse [Hrsg.]. Wiesbaden : VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 123. (FMT-Signatur: FE.03.NA.002) und Lauterbach, Jutta; Scharf, Doris; Schultz, Dagmar (1977): Es geht um unseren Körper als Ganzen. - In: Courage. 1977, Nr. 11, S. 13-18. Verfügbar unter: library.fes.de/courage/pdf/1977_11.pdf
7 Chesler, Phyllis (1974): Frauen - das verrückte Geschlecht?. - Reinbek bei Hamburg : Rowohlt. (FMT-Signatur: KO.05.006-1974)
8 Chesler, Phyllis (2005): Women and madness. - New York : Palgrave Macmillan. (FMT-Signatur: KO.05.006-2005)
9 Hexengeflüster : Frauen greifen zur Selbsthilfe (1975). - Frauenzentrum Die Rasenden Höllenweiber [Hrsg.]. Berlin : Selbstverlag. (FMT-Signatur: KO.07.006-1). Im folgenden Jahr erscheint auch die erste Auflage des zweiten Bandes: Hexengeflüster 2 : Frauen greifen zur Selbsthilfe (1976). - Ewert, Christiane [Hrsg.] ; Karsten, Gaby [Hrsg.] ; Schultz, Dagmar [Hrsg.]. Berlin : Frauenselbstverlag. (FMT-Signatur: KO.07.006-2)
10 Clio : die Zeitschrift für Frauengesundheit. - Berlin : Feministisches Frauen-Gesundheitszentrum, Nr.: 0.1976 - (FMT-Signatur: Z-F002)
11 Vorwort (1976). - In: Clio : Zeitschrift für Frauengesundheit, Nr. 0, S. 2. (FMT-Signatur: Z-F002:1976-0)
12 frauen erhebt euch und die welt erlebt euch! (1977). - Rote Zora [Hrsg.], siehe Flugblatt im Bildarchiv. (FMT-Signatur: FB.07.102)
13 Wolff, Ulrich (1979): Von Feministinnen, Hexen, Kräutern und Gynäkologen. - In: Deutsches Ärzteblatt, Nr. 7, S. 454, siehe Pressedokumentation: Medizin II : Gesundheitsinitiativen und Prävention, 1972-1994. (FMT-Signatur: PD-KO.07.02, Kapitel 1). Dort schreibt Wolff: „Prototyp der aggressiv-politisch destruktiv wirkenden Minderheiten sind die feministischen Frauengesundheitszentren (FFGZ), die seit zwei Jahren in der Bundesrepublik und in West-Berlin agieren.“
14 Frauengesundheits-Kongreß in Rom (1977). - In: EMMA, Nr.9, S. 59. Verfügbar unter: www.emma.de/lesesaal/45140
15 10 Jahre FFGZ : Feministisches Frauengesundheitszentrum Frankfurt 1978-1988 : Dokumentation (1988). - Feministisches Frauen-Gesundheits-Zentrum [Hrsg.]. Frankfurt am Main : Selbstverlag, S. 11. (FMT-Signatur: KO.07.061)
16 Orbach, Susie (1979): Anti-Diätbuch : Über die Psychologie der Dickleibigkeit, die Ursachen von Eßsucht. - München : Verlag Frauenoffensive. (FMT-Signatur: KO.09.009-Bd.1)
17 Orbach, Susie (1978): Fat is a feminist issue : the anti-diet guide to permanent weight loss. - New York : Paddington Press.
18 Orbach, Susie (1984): Wenn der Körper zu Welt wird. - In: Durch Dick und Dünn. - Schwarzer, Alice [Hrsg.]. Köln : Emma-Frauenverlag, S. 87. (FMT-Signatur: KO.09.091-1984)
19 Unser Körper, unser Leben : ein Handbuch von Frauen für Frauen (1984). - Lorenzen, Kerstin [Hrsg.] ; Menzel, Beate [Hrsg.]. "Bd." 1, Reinbek bei Hamburg : Rowohlt-Taschenbuch-Verlag. (FMT-Signatur: KO.01.002-Bd.1)
20 Our Bodies, Ourselves : a Book by and for Women (1973). - Women's Health Book Collective [Hrsg.]. New York : Simon & Schuster. (FMT-Signatur: KO.01.001)
21 Durch Dick und Dünn (1984). - Schwarzer, Alice [Hrsg.]. Köln : Emma-Frauenverlag. (FMT-Signatur: KO.09.091-1984)
22 Ebenda, S. 6.
23 Hofman, Barbara: Frankfurter Zentrum für Ess-Störungen : seit 25 Jahren durch Dick und Dünn, S. 6. Verfügbar unter: www.selbsthilfe-frankfurt.net/downloads/publikationen/leitartikel_shz_winter_12.pdf
24 Verfassung der Weltgesundheitsorganisation. Verfügbar unter: www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/19460131/201405080000/0.810.1.pdf
25 Wiener Erklärung über die Investition in die Gesundheit von Frauen in den mittel- und osteuropäischen Ländern, 1994, S. 1. Verfügbar unter: www.euro.who.int/__data/assets/pdf_file/0019/114238/E93952G.pdf
26 Women’s Lives and Health in Europe : A Dialogue Across Borders : Documentation of the Conference in Bad Salzuflen,Germany 28th September - 1st October 2000, S. 12. Verfügbar unter: www.gesundheit-nds.de/ewhnet/Documentations/Bad_Salzuflen.PDF
27 Louis, Chantal (2003): Dossier : Gesundheit ; der lange Marsch der Frauen durch die Institutionen. - In: EMMA, Nr. 5, S. 64. Verfügbar unter: www.emma.de/lesesaal/45393
28 Bericht zur gesundheitlichen Situation von Frauen in Deutschland : Eine Bestandsaufnahme unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Entwicklung in West- und Ostdeutschland (1999). - Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend [Hrsg.]. S. 275. Verfügbar unter: www.gesundheit-nds.de/downloads/Frauengesundheitsbericht.pdf
29 Filter, Cornelia (1996): Dossier : Brustkrebs ; Genozid. - In: EMMA Nr. 5, S. 76 - 93. Verfügbar unter: www.emma.de/lesesaal/45351
30 Ebenda, S. 76.
31 Ist das Screening wirklich ein Fehler? (2014). - In: EMMA, Nr.5, S. 65. Verfügbar unter: www.emma.de/lesesaal/59836
32 Bericht zur gesundheitlichen Situation von Frauen in Deutschland : Eine Bestandsaufnahme unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Entwicklung in West- und Ostdeutschland (1999). - Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend [Hrsg.]. S. 124. Verfügbar unter: www.gesundheit-nds.de/downloads/Frauengesundheitsbericht.pdf
33 Ärzteblatt (2014): Ärztestatistik : Mehr Ärztinnen, mehr Angestellte. Verfügbar unter: www.aerzteblatt.de/nachrichten/58336/Aerztestatistik-Mehr-Aerztinnen-mehr-Angestellte

Alle Internetlinks wurden zuletzt abgerufen am 29.01.2018.

Auswahlbibliografie

Empfehlungen

Chesler, Phyllis (1974): Frauen - das verrückte Geschlecht?. - Reinbek bei Hamburg : Rowohlt. (FMT-Signatur: KO.05.006-1974)

Hexengeflüster : Frauen greifen zur Selbsthilfe (1975). - Frauenzentrum Die Rasenden Höllenweiber [Hrsg.]. Berlin : Selbstverlag. (FMT-Signatur: KO.07.006-1)

Hexengeflüster 2 : Frauen greifen zur Selbsthilfe (1976). - Ewert, Christiane [Hrsg.] ; Karsten, Gaby [Hrsg.] ; Schultz, Dagmar [Hrsg.]. Berlin : Frauenselbstverlag. (FMT-Signatur: KO.07.006-2)

Clio : die Zeitschrift für Frauengesundheit. - Berlin : Feministisches Frauen-Gesundheitszentrum, Nr.: 0.1976 - (FMT-Signatur: Z-F002)

Orbach, Susie (1979): Anti-Diätbuch : Über die Psychologie der Dickleibigkeit, die Ursachen von Eßsucht. - München : Verlag Frauenoffensive. (FMT-Signatur: KO.09.009-Bd.1)

10 Jahre FFGZ : Feministisches Frauengesundheitszentrum Frankfurt 1978-1988 : Dokumentation (1988). - Feministisches Frauen-Gesundheits-Zentrum [Hrsg.]. Frankfurt am Main : Selbstverlag, S. 11. (FMT-Signatur: KO.07.061)

Unser Körper, unser Leben : ein Handbuch von Frauen für Frauen (1984). - Lorenzen, Kerstin [Hrsg.] ; Menzel, Beate [Hrsg.]. "Bd." 1, Reinbek bei Hamburg : Rowohlt-Taschenbuch-Verlag. (FMT-Signatur: KO.01.002-Bd.1)

Schultz, Dagmar (1997): Die Entwicklung der Frauengesundheitszentren in der Bundesrepublik Deutschland und ihre Bedeutung für die Gesundheitsversorgung von Frauen. - Berlin : Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. (FMT-Signatur: KO.07.160-1)

Frauengesundheit in Theorie und Praxis : feministische Perspektiven in den Gesundheitswissenschaften (2010). - Mauerer, Gerlinde [Hrsg.]. Bielefeld : Transcript. (FMT-Signatur: KO.07.229)

Gender-Medizin : Krankheit und Geschlecht in Zeiten der individualisierten Medizin (2014). - Gadebusch Bondio, Mariacarla [Hrsg.] ; Katsari, Elpiniki [Hrsg.] ; Fischer, Tobias [Hrsg.]. Bielefeld : Transcript. (FMT-Signatur: KO.07.251)

Pressedokumentation

Pressedokumentation zum Thema Körper & Gesundheit: PDF-Download

Die Pressedokumentation des FMT umfasst strukturierte, thematisch aufbereitete und inhaltlich erschlossene Beiträge der allgemeinen und feministischen Presse, meist angereichert mit weiteren Materialien wie z.B. Flugblättern und Protokollen.

Weitere Bestände im FMT (Auswahl)

FMT-Literaturauswahl Körper & Gesundheit: PDF-Download

Neue Frauenbewegung: Sexualität & Liebe

Sexualität und Liebe sind DIE Kernthemen der autonomen Feministinnen. Die sogenannte ’sexuelle Revolution‘ der 68er hatte das Machtverhältnis zwischen den Geschlechtern nicht infrage gestellt. Gehörte eine Frau früher nur einem Mann, so sollte sie jetzt allen gehören („Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.“). Erst die Frauenbewegung stellt die Machtfrage auch in der Sexualität und entlarvt die Liebe als Verschleierung dieses Machtverhältnisses. Das Primat des Koitus wurde von Feministinnen infrage gestellt und die Klitoris als körperliches Zentrum der sexuellen Lust entdeckt. Damit löst die Frauenbewegung die wahre sexuelle Revolution aus. 

1971

Millet, Kate (1971): Sexus und Herrschaft : die Tyrannei des Mannes in unserer Gesellschaft. - München : Desch. (FMT-Signatur: FE.10.225)
Sexus und Herrschaft

Kate Milletts Buch Sexual Politics1 erscheint unter dem Titel Sexus und Herrschaft2 auf Deutsch. Sie prägt darin den Begriff „Sexualpolitik“, zu dem der ganze Bereich gehört, in dem Sexualität politisch ist: von der Pornografie (am Beispiel von Henry Millers Roman Sexus3) über Missbrauch und Vergewaltigung bis hin zur Prostitution. Millett analysiert das Machtverhältnis zwischen Männern und Frauen sowie die biologistische Zuweisung von Charaktereigenschaften an die Geschlechter als vergleichbar den Machtverhältnissen zwischen Weißen und Schwarzen.

23. November 1973

Unter dem Einfluss der 68er und der Frauenbewegung reformiert die sozialliberale Koalition das Sexualstrafrecht. Bei dieser Vierten Großen Strafrechtsreform wird die ‚einfache Pornografie‘ straffrei gestellt (siehe Dossier Pornografie) sowie die Verfolgung der Zuhälterei durch eine schwammige Definition erschwert (siehe Dossier Prostitution). Allerdings legt der Gesetzgeber bei den Sexualstraftaten auch ein neues Verständnis zugrunde: Sie gelten nun nicht länger als „Verbrechen oder Vergehen wider die Sittlichkeit“, sondern als „Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung“.

Sherfey, Mary Jane (1974): Die Potenz der Frau : Wesen und Evolution der weiblichen Sexualität. - Luxemburg : Clepto-Reprint. (FMT-Signatur: KO.11.015)
Die Potenz der Frau

Damit steht als das zu schützende Rechtsgut nicht mehr Moral oder ‚Ehre‘ der Frau (und damit die des Mannes, der Anspruch darauf erhebt) im Mittelpunkt, sondern das Recht der Frau, über ihren eigenen Körper zu verfügen. Straftatbestände wie die „Kuppelei“ werden abgeschafft (bis dahin machten sich Eltern oder Hoteliers, die einem unverheirateten Paar das gemeinsame Übernachten unter ihrem Dach erlauben, strafbar).

1974

Die Potenz der Frau4 der Kinsey-Schülerin Mary Jane Sherfey erscheint auf Deutsch (1966 in den USA). Die Sexualforscherin erinnert daran, dass der Embryo ursprünglich weiblich ist und sich erst in der fünften Woche nach Geschlecht differenziert: „Am Anfang ist die Frau.“ Sie belegt die Klitoris als das körperliche Zentrum der weiblichen Lust und als Parallelsystem zum männlichen Penis. Für Sherfey war die ’sexuelle Befreiung‘ der 1960er Jahre nichts als eine „neue, perfide Variante der Unterdrückung weiblicher Sexualität“, denn sie ignorierte die Klitoris.

1975

Schwarzer, Alice (1975): Der "kleine Unterschied" und seine großen Folgen : Frauen über sich : Beginn einer Befreiung. - Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 7. (FMT-Signatur: FE.10.226; versch. Auflagen vorhanden)
Der kleine Unterschied

Der „kleine Unterschied“ und seine großen Folgen5 von Alice Schwarzer erscheint. Das Buch löst eine virulente gesellschaftliche Debatte aus und wird zum ersten feministischen Bestseller und Longseller bis heute. Am Beispiel von 17 exemplarischen Fallstudien (Protokolle) analysiert Schwarzer die Funktion des „Liebesmonopols“ von Männern über Frauen. Sie geht auch auf die innere Zerrissenheit der Frauen und deren (Selbst)Unterdrückung ein: „im Namen der Liebe“. Es ist Schwarzers drittes Buch – nach dem ersten über die Funktion des Abtreibungsverbotes6 und einem zweiten über Berufs- und Hausarbeit7 (heute „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ genannt). In der Einleitung schreibt sie: „Sexualität ist der Angelpunkt der Frauenfrage. Sexualität ist zugleich Spiegel und Instrument der Unterdrückung der Frauen in allen Lebensbereichen.“8 Schwarzer – die sich u.a. auf Millett, Sherfey und Firestone beruft – plädiert für die Befreiung von der „Zwangsheterosexualität“ und eine freie, nicht genormte Sexualität. Das Buch erscheint in neun Sprachen, bis hin nach Brasilien und Japan. Schwarzer rückblickend: „Die Themen Liebe, Sexualität und Gewalt sowie das Tabu der weiblichen Lust sind universell für Frauen, unabhängig von Klasse oder Rasse.“9 

Firestone, Shulamith (1975): Frauenbefreiung und sexuelle Revolution. - Frankfurt am Main : Fischer-Taschenbuch-Verlag. (FMT-Signatur: FE.10.007-1975)
Frauenbefreiung und sexuelle Revolution

1975

Erst jetzt erscheint Shulamith Firestones Frauenbefreiung und sexuelle Revolution10 auf Deutsch (1970 in den USA: The Dialectic of Sex11). Firestone analysiert die Rolle der Liebe und erklärt: „Die (männliche) Kultur ist auf der Liebe der Frauen aufgebaut worden – und auf ihre Kosten. Die Frauen lieferten den Nährboden für diese männlichen Meisterwerke, jahrtausendelang haben sie die Arbeit gemacht und die Nachteile einer einseitigen emotionalen Beziehung auf sich genommen, deren Vorteile den Männern und der Arbeit von Männern zugute kamen.“12 Firestone fordert: Am Ende einer feministischen Revolution müsse „nicht einfach nur die Beseitigung männlicher Privilegien stehen“, sondern auch „die Überwindung der Geschlechtsunterschiede“. Sie plädiert für ein androgynes Menschenbild.

Stefan, Verena (1976): Häutungen. - München : Fischer-Taschenbuch-Verlag. (FMT-Signatur: FE.03.108; versch. Auflagen vorhanden)
Häutungen

In dem neu gegründeten feministischen Verlag Frauenoffensive erscheint Verena Stefans Buch Häutungen13. Die Schweizer Krankenschwester war seit 1970 in der Berliner Gruppe Brot und Rosen engagiert. Aus einem Beitrag der Gruppe für das Kursbuch mit dem Titel Wie lässt sich die Emanzipation der Frau mit der Beziehung zu einem Mann vereinbaren?14 entsteht der Impuls zu Häutungen. Stefan schreibt über ihre Selbstaufgabe in Beziehungen mit Männern, ihre Anpassung an die (sexuellen) Wünsche ihrer männlichen Partner und schließlich ihre Hinwendung zu Frauen. Stefan verarbeitet autobiografische Erfahrungen und kreiert damit das Genre „Betroffenheitsliteratur“. Häutungen wird ein Bestseller und zum Kultbuch der Frauenbewegung.

1976

Die amerikanische Doktorandin Shere Hite veröffentlicht ihre Doktorarbeit als Hite-Report15, für den sie rund 3.000 Frauen nach ihrer Sexualität befragt hat. Die Antworten stellen die gängigen Klischees auf den Kopf. Auch die deutschen Medien berichten.16

Hite, Shere: Hite-Report : das sexuelle Erleben der Frau (1977). - München : Goldmann. (FMT-Signatur: KO.11.012; vers. Auflagen vorhanden)
Hite-Report

1977

In einer Titelgeschichte der EMMA über Sexuelle Phantasien analysiert die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich in einem Grundsatztext die Ursachen des ‚weiblichen Masochismus‘ und verwahrt sich gegen die biologistische Zuschreibung, Frauen seien ‚von Natur aus‘ masochistisch. „In der Psychoanalyse ist oft die Theorie vertreten worden, dass Frauen von Natur aus masochistisch seien, das heißt eine Tendenz zur Selbstquälerei und zur Lust am Leiden zeigten“, schreibt Mitscherlich. „Inzwischen wurden die ‚typisch masochistischen‘ Verhaltensweisen der Frauen als psychische Verarbeitungen von pathologischen sozialen Verhältnissen erkannt […] Die Tatsache, dass masochistische Phantasien so zahlreich bei Frauen anzutreffen sind, muss auf ihre jahrhundertelange familiäre und soziale Fesselung zurückgehen.“17

Externer Link: EMMA 9/1977
EMMA 9/1977

1978

Das Bundesverfassungsgericht beschließt die Einführung der Sexualaufklärung im Schulunterricht: „Die individuelle Sexualerziehung gehört in erster Linie zu dem natürlichen Erziehungsrecht der Eltern; der Staat jedoch ist aufgrund seines Erziehungs- und Bildungsauftrages berechtigt, Sexualerziehung in der Schule durchzuführen.“ (siehe Beschluss des Bundesverfassungsgerichts, 21.12.1977).

1978

Von der Amerikanerin Nancy Friday erscheint Die sexuellen Phantasien der Frauen18. Die Journalistin lotet die Wechselwirkung zwischen Realität und Fantasien aus, und die Verstrickung der Frauen in den seelischen Masochismus.

1981

Meulenbelt, Anja (1981): Für uns selbst : Körper und Sexualität aus der Sicht von Frauen. - München : Frauenoffensive. (FMT-Signatur: KO.11.029)
Für uns selbst

Von der Holländerin Anja Meulenbelt erscheint Für uns selbst: Körper und Sexualität aus Sicht von Frauen19 auf Deutsch.

1980

Auf die Initiative von Feministinnen hin erscheint in Deutschland Unser Körper – Unser Leben. Ein Handbuch von Frauen für Frauen20 (Originaltitel: Our Bodies, ourselves21, 1971). Das Buch beschäftigt sich aus feministischer Sicht mit verschiedenen Themen rund um den weiblichen Körper: von Verhütung und sexuell übertragbaren Krankheiten über Psychotherapie und Medikamente bis zu Ernährung und Körperbildern. Schon als das vom Boston Women’s Health Book Collective herausgegebene Buch elf Jahre zuvor in den USA erschienen war, war es von deutschen Leserinnen als Meilenstein wahrgenommen worden. Die deutsche Ausgabe wird bis Anfang der 1990er-Jahre eine Auflage von 300.000 Exemplaren erreichen, der zweite Band22, der 1988 erscheint, wird ähnlich erfolgreich.

1982

Externer Link: Sexualität (1982). - Mikich, Sonia [Hrsg.] ; Schwarzer, Alice [Hrsg.]. Köln : Emma-Frauen-Verlag. (FMT-Signatur: KO.11.027-1982)
EMMA-Sonderband 3
Der EMMA-Sonderband Sexualität23 erscheint. Er behandelt die Folgen der feministischen sexuellen Revolution. Es geht um weibliche Lust und frigide Männer, um Hetero/Homo/Bisexualität und Abstinenz. Um „Erotik als Fessel und Entfesselung“ (Schwarzer). Und um Sado-Masochismus. Letzteres hat – in Reaktion auf die neuen Freiheiten der weiblichen Lust? – gerade einen medialen Hype und bewegt auch die Frauenszene.

1983

Von der britischen Feministin Jill Tweedie erscheint Die sogenannte Liebe. Von den Zwängen der Zweisamkeit24 (1981 Originaltitel: In the Name of Love25). In ihrem Buch nennt die Autorin Frauen das „liebende Geschlecht“. Sie erklärt: „Die Liebe ist ein von Männern kolonialisiertes Königinnenreich, und im Gouverneurspalast schrubben Frauen die Fußböden“26

Tweedie, Jill: Die sogenannte Liebe : von den Zwängen der Zweisamkeit. - Reinbek bei Hamburg : Rowohlt. (FMT-Signatur: KO.01.016)
Die sogenannte Liebe

Wie geht es weiter?

Das Thema „Sexualität und Liebe“ aus feministischer Sicht ist ein zu weites Feld, um es in wenige Sätze zu fassen. Resümierend lässt sich sagen: Es ging seither zwei Schritte vor und einen Schritt zurück. Die neuen sexuellen Freiheiten der 70er- und frühen 80er-Jahre sind neuen Normen gewichen. Propagierte die Frauenbewegung in den 70er-Jahren noch eine nicht normierte, freie Sexualität, so gibt es jetzt wieder Etiketten: Menschen sind hetero- oder homosexuell, queer oder trans. Einzige Veränderung: Statt zwei Schubladen gibt es nun mehrere. Gleichzeitig allerdings nimmt die kommunikative Sexualität zwischen den Geschlechtern zu. Doch auch die sexuelle Gewalt ist weiterhin gegenwärtig, zusätzlich befeuert von einer allgegenwärtigen (Gewalt)Pornografie. Und die Kritik an den repressiven Seiten der Liebe ist leiser geworden.

 

Quellen

1 Millet, Kate (1985): Sexual Politics. - London : Virago Press. (FMT-Signatur: FE.10.210)
2 Millet, Kate (1971): Sexus und Herrschaft : die Tyrannei des Mannes in unserer Gesellschaft. - München : Desch. (FMT-Signatur: FE.10.225)
3 Miller, Henry (1970): Sexus : Roman. - Hamburg : Rowohlt.
4 Sherfey, Mary Jane (1974): Die Potenz der Frau : Wesen und Evolution der weiblichen Sexualität. - Luxemburg : Clepto-Reprint. (FMT-Signatur: KO.11.015)
5 Schwarzer, Alice (1973): Der "kleine Unterschied" und seine großen Folgen : Frauen über sich : Beginn einer Befreiung. - Frankfurt am Main : Fischer-Taschenbücher. (FMT-Signatur: FE.10.226; versch. Auflagen vorhanden)
6 Schwarzer, Alice (1971): Frauen gegen den § 218 : 18 Protokolle, aufgezeichnet von Alice Schwarzer. - Frankfurt am Main : Suhrkamp. (FMT-Signatur: SE.11.158)
7 Frauenarbeit - Frauenbefreiung : Praxis-Beispiele und Analysen (1973). - Schwarzer, Alice [Hrsg.]. Frankfurt am Main : Suhrkamp. (FMT-Signatur: AR.07.040-1973)
8 Schwarzer, Alice (1975): Der "kleine Unterschied" und seine großen Folgen : Frauen über sich : Beginn einer Befreiung. - Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 7. (FMT-Signatur: FE.10.226; versch. Auflagen vorhanden)
9 Schwarzer, Alice (2011): Lebenslauf. - Köln : Kiepenheuer & Witsch, S. 312. (FMT-Signatur: BG.03.SCHWAR-A.004)
10 Firestone, Shulamith (1975): Frauenbefreiung und sexuelle Revolution. - Frankfurt am Main : Fischer-Taschenbuch-Verlag. (FMT-Signatur: FE.10.007-1975)
11 Firestone, Shulamith (1988): The Dialectic of Sex : the Case for Feminist Revolution. - London : Women's Press. (FMT-Signatur: FE.10.007-1988)
12 Firestone, Shulamith (1975): Frauenbefreiung und sexuelle Revolution. - Frankfurt am Main : Fischer-Taschenbuch-Verlag, S. 120. (FMT-Signatur: FE.10.007-1975)
13 Stefan, Verena (1976): Häutungen. - München : Fischer-Taschenbuch-Verlag. (FMT-Signatur: FE.03.108; versch. Auflagen vorhanden)
14 In einem Interview mit der taz erklärte Verena Stefan 2008, warum der Text nicht zustande kam: „ Unsere 'Brot und Rosen'-Gruppe sollte für das Kursbuch einen Beitrag schreiben: 'Wie ist die Emanzipation der Frau mit der Beziehung zu einem Mann zu vereinbaren?' Wir haben uns sehr amüsiert, weil wir meinten, das sei eher nicht vereinbar. Zu dem Text kam es so dann doch nicht, weil wir in Berlin 1974 das große Teach-in gegen den Paragrafen 218 organisierten.“ Aus: Oestreich, Heide ; Stefan, Verena (2008): „Ich bin keine Frau. Punkt.“. – In: Die Tageszeitung, 10.05.2008, verfügbar unter: www.taz.de/!5182326/
15 Hite, Shere: Hite-Report : das sexuelle Erleben der Frau (1977). - München : Goldmann. (FMT-Signatur: KO.11.012; vers. Auflagen vorhanden)
16 Siehe Pressedokumentation: Sexualität II, 1970-1993. (FMT-Signatur: PD-KO.11.02, Kapitel 1) und Hite-Report: Abnabeln von Doktor Freud (1977). - In: Der Spiegel, Nr. 37, S. 182 - 185.Verfügbar unter: www.spiegel.de/spiegel/print/d-40831475.html
17 Mitscherlich, Margarete (1977): Sind Frauen masochistisch?. - In: EMMA, Nr. 9, S. 11f..
18 Friday, Nancy (1978): Die sexuellen Phantasien der Frauen : eine umfassende Untersuchung über einen bisher verborgenen Bereich der weiblichen Erotik und Sexualität. - Bern : Scherz. (FMT-Signatur: KO.11.007)
19 Meulenbelt, Anja (1981): Für uns selbst : Körper und Sexualität aus der Sicht von Frauen. - München : Frauenoffensive. (FMT-Signatur: KO.11.029)
20 Unser Körper, unser Leben : ein Handbuch von Frauen für Frauen (1984). - Lorenzen, Kerstin [Hrsg.] ; Menzel, Beate [Hrsg.]. "Bd." 1, Reinbek bei Hamburg : Rowohlt-Taschenbuch-Verlag. (FMT-Signatur: KO.01.002-Bd.1)
21 Our Bodies, Ourselves : a Book by and for Women (1973). - Women's Health Book Collective [Hrsg.]. New York : Simon & Schuster. (FMT-Signatur: KO.01.001)
22 Unser Körper, unser Leben : ein Handbuch von Frauen für Frauen (1981). - Lorenzen, Kerstin [Hrsg.] ; Menzel, Beate [Hrsg.]. "Bd." 2, Reinbek bei Hamburg : Rowohlt-Taschenbuch-Verlag. (FMT-Signatur: KO.01.002-Bd.2)
23 Sexualität (1982). - Mikich, Sonia [Hrsg.] ; Schwarzer, Alice [Hrsg.]. Köln : Emma-Frauen-Verlag. (FMT-Signatur: KO.11.027-1982)
24 Siehe Pressedokumentation: Sadomasochismus, 1977-1990. (FMT-Signatur: PD-KO.11.05, Kapitel 2)
25 Tweedie, Jill: Die sogenannte Liebe : von den Zwängen der Zweisamkeit. - Reinbek bei Hamburg : Rowohlt. (FMT-Signatur: KO.01.016)
26 Tweedie, Jill (1979): In the Name of Love : A Study of Sexual Desire. - London : Random House.
27 Ebenda, S. 51.

Alle Internetlinks wurden zuletzt abgerufen am 17.07.2017

Auswahlbibliografie

Empfehlungen

Millet, Kate (1971): Sexus und Herrschaft : die Tyrannei des Mannes in unserer Gesellschaft. - München : Desch. (FMT-Signatur: FE.10.225)

Beauvoir, Simone de (1972): Das andere Geschlecht : Sitte und Sexus der Frau. - Reinbek bei Hamburg : Rowohlt. (FMT-Signatur: FE.10.209-1972; versch. Auflagen vorhanden)

Schwarzer, Alice (1973): Der "kleine Unterschied" und seine großen Folgen : Frauen über sich : Beginn einer Befreiung. - Frankfurt am Main : Fischer-Taschenbücher. (FMT-Signatur: FE.10.226; versch. Auflagen vorhanden)

Firestone, Shulamith (1975): Frauenbefreiung und sexuelle Revolution. - Frankfurt am Main : Fischer-Taschenbuch-Verlag. (FMT-Signatur: FE.10.007-1975)

Stefan, Verena (1976): Häutungen. - München : Fischer-Taschenbuch-Verlag. (FMT-Signatur: FE.03.108; versch. Auflagen vorhanden)

Hite, Shere: Hite-Report : das sexuelle Erleben der Frau (1977). - München : Goldmann. (FMT-Signatur: KO.11.012; vers. Auflagen vorhanden)

Friday, Nancy (1978): Die sexuellen Phantasien der Frauen : eine umfassende Untersuchung über einen bisher verborgenen Bereich der weiblichen Erotik und Sexualität. - Bern : Scherz. (FMT-Signatur: KO.11.007)

Unser Körper, unser Leben : ein Handbuch von Frauen für Frauen (1984). - Lorenzen, Kerstin [Hrsg.] ; Menzel, Beate [Hrsg.]. "Bd." 1, Reinbek bei Hamburg : Rowohlt-Taschenbuch-Verlag. (FMT-Signatur: KO.01.002-Bd.1)

Hite, Shere (1991): Hite-Report : das sexuelle Erleben des Mannes. - Bindlach : Gondrom. (FMT-Signatur: KO.11.013)

Sexuelle Vielfalt und die UnOrdnung der Geschlechter : Beiträge zur Soziologie der Sexualität (2015). - Lewandowski, Sven [Hrsg.] ; Koppetsch, Cornelia [Hrsg.]. Bielefeld : Transcript. (FMT-Signatur: KO.11.172)

Pressedokumentation

Pressedokumentation zum Thema Sexualität & Liebe: PDF-Download

Die Pressedokumentation des FMT umfasst strukturierte, thematisch aufbereitete und inhaltlich erschlossene Beiträge der allgemeinen und feministischen Presse, meist angereichert mit weiteren Materialien wie z.B. Flugblättern und Protokollen.

Weitere Literatur im FMT (Auswahl)

FMT-Literaturauswahl Sexualität & Liebe: PDF-Download

Neue Frauenbewegung: Weiblichkeit&Mütterlichkeit

Eins der zentralen Themen der Neuen Frauenbewegung ist, die automatische Verknüpfung von Frausein und Mutterschaft zu lösen. Das Dogma von der Frau, die nur dann eine vollwertige Frau ist, wenn sie Mutter ist, wird infrage gestellt. Die Frauenbewegung entlarvt die Heuchelei der patriarchalen Gesellschaft in Bezug auf die Mutterschaft: Einerseits wird die Mutter überhöht, andererseits wird sie mit der gesamten Haus- und Kinderarbeit alleingelassen. Die (heimliche) Verachtung der Mütter spiegelt sich auch in so mancher Frauengruppe, wo die Nichtmütter sich gegen den omnipräsenten Mutterschaftszwang abschotten – und Mütter auch aufgrund von Zeitmangel und fehlender Kinderbetreuung unterrepräsentiert sind. Ab Mitte der 1970er-Jahre reagieren Politik, Wissenschaft und Medien auf das Aufbegehren der Frauen gegen den Zwang zur Mutterschaft mit der Propagierung einer sogenannten „Neuen Weiblichkeit“ bzw. „Neuen Mütterlichkeit“. Doch die neue Propagierung einer ’natürlichen Weiblichkeit‘ kommt keineswegs nur aus dem konservativen Lager, sondern auch aus der Frauenbewegung selbst. Die Frau als gefühlsbetontes ‚Naturwesen‘ ist wieder en vogue. Der Konflikt zwischen Differentialistinnen und Antibiologistinnen beginnt, der sich bis heute fortsetzt.

Kinderladen, 1970, © Monika Seifert, 1970
Kinderladen, 1970

Januar 1968

In Berlin kommen auf Initiative der damaligen Filmstudentin Helke Sander rund 100 Frauen und einige Männer aus dem Umfeld der Studentenbewegung zusammen, um die ersten „Kinderläden“ zu gründen. Denn die Kinderbetreuung obliegt auch im linken studentischen Milieu komplett den Frauen. Die Studentinnen wollen mithilfe sogenannter Kinderläden — selbstorganisierten Kindergärten, die oft in leer stehenden Ladenlokalen eröffnet werden — erreichen, dass auch sie studieren und an den oftmals abendlichen Treffen der Studentenbewegung teilnehmen können.1

Selbstverständnis des Aktionsrats zur Befreiung der Frauen, Berlin 16.10.1968 (FMT-Signatur: FB.04.161)
Aktionsrat zur Befreiung der Frauen

Neben der praktischen Selbsthilfe entwickelt sich aus der Kinderladen-Bewegung jedoch bald auch die Debatte über die Arbeitsteilung zwischen Frauen und Männern, die von den Müttern zunehmend in Frage gestellt wird. Kurz nach dem ersten Kinderladen-Treffen gründet ein Teil der Teilnehmerinnen den Aktionsrat zur Befreiung der Frauen2. Bald entstehen nicht nur in Berlin Hunderte Kinderläden.

14. Mai 1972

Im ganzen Land organisieren Frauengruppen Proteste gegen den Muttertag. Motto: „Muttertag – ein Feiertag? Was feiern wir da eigentlich? Unsere Unterbezahlung? Unsere unbezahlte Hausarbeit? Unsere illegalen Abtreibungen?“3

12. März 1975

Muttertag - Ein Feiertag? (1972). - Frauenaktion 70 [Hrsg.] ; DKP-Frauenarbeitskreis [Hrsg.] ; Weiberrat [Hrsg.], siehe Flugblatt im Bildarchiv (FMT-Signatur: FB.07.047)
Frauenaktion 70, 1972
Das Buch Die Mutter4 von Karin Struck erscheint. Die Schriftstellerin, deren zwei Jahre zuvor erschienener Debütroman Klassenliebe5 als literarische Sensation gilt, veröffentlicht nun ein Plädoyer für „mütterliche, wärmende Weiblichkeit“ und eine „neue, weibliche Wahrnehmung der Wirklichkeit“.6 Ihre Protagonistin Nora Hanfland, Mutter von zwei Kindern, macht sich auf die Suche nach der Bedeutung von Mutterschaft und Geburt und fordert schließlich, „[…] dass wir kämpfen für die Wertschätzung der Mütter, der Kinder, der Kinderreichen, dass wir Mütterlichkeit auf unsere Fahnen schreiben“.7Struck wird mit ihrem Buch zu einer der Hauptvertreterinnen der „Neuen Weiblichkeit“, einer Strömung, die – im Gegensatz zu den Antibiologistinnen – auf die ’natürlichen Unterschiede‘ zwischen den Geschlechtern pocht. In der Titelgeschichte Zurück zur Weiblichkeit, die wenige Wochen später im Spiegel erscheint, heißt es über Strucks Buch: „Kaum denkbar wäre vor drei Jahren noch ein Roman wie Die Mutter‘ von Karin Struck gewesen, der von der Sehnsucht handelt, ‚fruchtbar wie ein Acker‘ zu sein, und Schwangerschaften als Stationen auf dem Weg zur Freiheit preist, zur ‚Großen Erotischen Mutter‘.“8

30. Juni 1975

Karin Struck, 1975, © Adolf Clemens
Karin Struck, 1975

In seinem Essay Der anatomische Imperativ beschwört Autor Wilhelm Bittorf den biologischen Geschlechtsunterschied, der Frauen und Männer stärker präge, ja: definiere, als von den Feministinnen behauptet. Damit rollt nur wenige Jahre nach dem Aufbruch der Frauenbewegung mit Macht der Backlash an. Aber auch in der Frauenbewegung selbst werden jene Stimmen lauter, die auf die ’natürlichen Unterschiede‘ zwischen Frauen und Männern pochen. So seien Frauen und besonders Mütter zum Beispiel von Natur aus friedfertiger als Männer. Es gehe folglich nicht darum, die Geschlechterunterschiede zu negieren, sondern die besonderen ‚weiblichen Qualitäten‘ der Frau stärker wertzuschätzen als bisher. Frauen seien nicht ‚gleich‘, sondern ‚gleichwertig‘. Es ist dieselbe Strömung, die auch die Forderung nach einem „Lohn für Hausarbeit“ aufstellt (siehe Dossier Arbeit: Beruf & Familie).

April 1976

Der Spiegel, Nr. 27, 1975, Externer Link: Der Spiegel
Der Spiegel, Nr. 27, 1975

Im Spiegel erscheint ein Interview von Alice Schwarzer mit Simone de Beauvoir, in dem es auch um das Phänomen der „Neuen Weiblichkeit“ innerhalb der Frauenbewegung geht. Beauvoir warnt in dem Gespräch eindringlich davor, Frauen aufgrund ihrer ‚Natur‘ bestimmte Eigenschaften zuzuschreiben und zu unterstellen, „[…] die Frau habe eine besondere Erdverbundenheit, habe den Rhythmus des Mondes und der Ebbe und der Flut im Blut und all dieses Zeug […] Sie habe mehr Seele, sei von Natur aus weniger destruktiv et cetera. Nein! Es ist etwas dran, aber das ist nicht unsere Natur, sondern das Resultat unserer Lebensbedingungen.“9 Und sie erklärt weiter: „Wenn man uns sagt: ‚Immer schön frau bleiben. Überlasst uns nur all diese lästigen Sachen: Macht, Ehre, Karrieren […] Seid zufrieden, dass ihr so seid: erdverbunden, befasst mit menschlichen Aufgaben…‘ Wenn man uns das sagt, sollten wir auf der Hut sein! […] Frauen, die das glauben, fallen ins Irrationale, ins Mystische, ins Kosmische zurück. Sie spielen das Spiel der Männer – denn so wird man sie besser unterdrücken, besser von Wissen und Macht fernhalten können. Das Ewig Weibliche ist eine Lüge, denn die Natur spielt bei der Entwicklung des Menschen eine sehr geringe Rolle, wir sind soziale Wesen. Außerdem: Da ich nicht denke, dass die Frau von Natur aus dem Manne unterlegen ist, denke ich auch nicht, dass sie ihm von Natur aus überlegen ist.“10

Simone de Beauvoir und Alice Schwarzer, 1971, Privatsammlng A.Schwarzer
Simone de Beauvoir und Alice Schwarzer, 1971

Beauvoir und Schwarzer gehören zu den bedeutendsten Vertreterinnen des antibiologistischen Gleichheitsfeminismus. Dem gegenüber steht der sogenannte Differenzfeminismus, der über die Gebärfähigkeit hinaus von biologisch gegebenen, prägenden Unterschieden zwischen den Geschlechtern ausgeht. Für die Differentialistinnen besteht das entscheidende Problem darin, dass die sogenannten ‚weiblichen‘ Eigenschaften im Patriarchat als weniger wertvoll betrachtet werden als die ‚männlichen‘. Sie fordern deshalb, die „symbolische Ordnung“ des Patriarchats zu revolutionieren, um die sogenannten ‚weiblichen Werte‘ aufzuwerten.11 Die wichtigsten Vertreterinnen dieser Strömung sind die französische Psychoanalytikerin und Kulturtheoretikerin Lucy Irigaray und die französische Schriftstellerin Hélène Cixous.

1977

Flyer für Kururlaub, Beilage zur MGW-Presseinformation
Flyer Müttergenesungswerk, 1978

Im Verlag Frauenoffensive erscheint im Frauenjahrbuch 197712 der Text Feministinnen und Kinder13 von Eva-Maria Stark. Der Text, in dem sie ihr Buch Gebären und geboren werden – Eine Streitschrift für die Neugestaltung von Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft14 zusammenfasst, wird breit rezipiert und diskutiert.15 Stark postuliert: „Die Zuneigung und Opferbereitschaft der Mütter wird zwar gesellschaftlich enorm verstärkt, ist aber eine im physisch-psychischen System von Mutter und Kind tief verankerte, sonst nirgends vorhandene und mit nichts anderem zu vergleichende Beziehung.“16 Antibiologistische Feministinnen kritisieren die Ausblendung der Vater-Kind-Beziehung, die zudem dazu führe, dass die Väter aus der Verantwortung für die Kinderbetreuung entlassen würden.

© Franziska Becker, Bildquelle: „Leben mit Kindern - Mütter werden laut“ : Dokumentation des Kongresses vom 22./23.11.86 : Gedanken zur Mütterpolitik (1987). - Die Grünen [Hrsg.], Selbstverlag. (FMT-Signatur: LE.05.065)Juli 1979

Am 1. Juli tritt das Gesetz zum Mutterschaftsurlaub in Kraft.17 Es verlängert den bezahlten ‚Urlaub‘ der Mutter nach der Geburt eines Kindes von bisher acht Wochen auf ein halbes Jahr. Feministinnen kritisieren das Gesetz als als „Zementierung einer Lebensregel aus der Steinzeit: Vati ernährt die Familie – Mutti gehört zum Kind.“18 Sie warnen vor der Falle, die die lange Abwesenheit aus dem Beruf für berufstätige Frauen bedeutet und fordern einen „Elternurlaub“, der auch die Väter in Sachen Kinderbetreuung in die Pflicht nimmt. – Der Elternurlaub, also die sogenannte „Elternzeit“ inklusive „Vätermonate“, sollte erst 2007 Gesetz werden. Zumindest theoretisch.

1979

Nicht Blumen, Rechte fordern wir! : Wir machen Putz in Bonn! (FMT-Signatur: PT.1986-04)
Plakat Aktion Muttertag, 1986

Mit dem sogenannten NATO-Doppelbeschluss beginnt die Friedensbewegung, in den folgenden Jahren nehmen Hunderttausende Menschen an Demonstrationen gegen Wettrüsten und Kalten Krieg teil. Innerhalb der Friedensbewegung formiert sich ein Teil der darin aktiven Frauen als gesonderte Kraft im Namen einer „natürlichen Friedfertigkeit der Frau“. So fordert zum Beispiel die feministische Zeitschrift Courage unter Berufung auf diese angebliche weibliche Friedfertigkeit, Frauen müssten „darum kämpfen, dass Frauen allein die Entscheidung über Krieg und Frieden zusteht“.19 EMMA kritisiert diese Haltung als biologistisch: Zwar sei „[…] der Kampf für den Frieden mehr als berechtigt und notwendig, ihn aber im Namen einer ’natürlichen Friedfertigkeit der Frau‘ und der ‚besonderen Beziehung von Frauen zum Leben‘ zu führen, ist nicht nur naiv und dumm, es ist schlicht reaktionär. Denn: 1. sind Frauen nicht von ‚Natur‘ aus friedfertiger, sondern bestenfalls aufgrund ihrer Prägungen und Lebensumstände menschlicher, und schlimmstenfalls nur gut, weil sie eben nicht die Macht zum Bösen haben. 2. Ist die Friedensfrage mehr noch als alles andere eine Frage der Macht.“20

Mütter an die Macht : die neue Frauen-Bewegung (1989). - Pass-Weingartz, Dorothee [Hrsg.] ; Erler, Gisela [Hrsg.]. Reinbek bei Hamburg : Rowohlt-Taschenbuch-Verlag. (FMT-Signatur: LE.05.015)
Mütter an die Macht
Mit der Propagierung einer „weiblichen Friedfertigkeit“ einher geht die Welle der „neuen Innerlichkeit“ und der Suche nach der „verschütteten Spiritualität“ der Frauen.21 Kritikerinnen werfen dieser Strömung vor, sich damit aus dem Feld der (Frauen)Politik zurückzuziehen. So erklärt Helke Sander: „Es gibt bisher keine feministischen Analysen zur Stationierung der Mittelstreckenraketen in Europa, zum Putsch der CIA in Chile oder zum Einmarsch der Russen in Afghanistan. Während wir – neufeministisch – den Mond anheulen, ist er vielleicht schon eine Basis für die nächsten Killersatelliten. Während wir Vergißmeinnicht pflanzen, liegen vielleicht einige Meter tiefer schon die neuesten nuklearen Modelle.“22

Juni 1981

Der CDU-Politiker Norbert Blüm lanciert das Schlagwort von der „sanften Macht der Familie“. Blüm, damals Vorsitzender der Christlich-Sozialen Arbeitnehmerschaft (CDA) und bald darauf Arbeits- und Sozialminister unter Kohl, legt ein Grundsatzpapier vor, in dem er fordert: „Die Mutter muss aufgewertet werden.“ Blüm erklärt, die „biologischen Ungleichheiten zwischen Mann und Frau“ entsprächen „unterschiedliche Verhaltensweisen“. Und: „Mutterarbeit führt zur Selbstverwirklichung der Frau.“23 Mit seinen Thesen bringt er sogar Frauen in seiner eigenen Partei gegen sich auf. EMMA macht Blüm zum Pascha des Monats. Die CDU kreiert außerdem den Begriff der „Wahlfreiheit“ für Frauen bei der Wahl zwischen Beruf und Familie.24

Jaeckel, Monika: Wer - wenn nicht wir : zur Spaltung von Frauen in d. Sozialarbeit : eine Streitschrift für Mütter. - München : Frauenoffensive. (FMT-Signatur: LE.05.006)
Streitschrift für Mütter

1981

Im Verlag Frauenoffensive erscheint die Streitschrift für Mütter25 von Monika Jaeckel . Die Soziologin und kinderlose Aktivistin der Frauenbewegung kritisiert in ihrem Buch eine angebliche Mütterfeindlichkeit der Frauenbewegung. Statt Mütter zu „Streikbrecherinnen abzustempeln“, fordert Jaeckel: „Es ist Zeit zu sagen, zu erfahren, zu akzeptieren, was Mütter empfinden. Es ist Zeit, sie zu bestätigen und in ihrem Stolz, der allen Frauen gehört, zu unterstützen.“26 Jaeckel wird 1987 zu den Erstunterzeichnerinnen des sogenannten Müttermanifestes, das die Aufwertung der Haus- und Familienarbeit fordert.

22./23. November 1986

„Leben mit Kindern - Mütter werden laut“ : Dokumentation des Kongresses vom 22./23.11.86 : Gedanken zur Mütterpolitik (1987). - Die Grünen [Hrsg.], Selbstverlag. (FMT-Signatur: LE.05.065)
Kongressdokumentation, 1986
Aus dem von den Grünen praktisch und finanziell unterstützen Kongress Leben mit Kindern – Mütter werden laut in Bonn, an dem rund 500 Frauen teilnehmen, geht Das Müttermanifest27 hervor, das 1987 veröffentlicht wird. Das Manifest postuliert: „Letztlich geht es darum, ein Emanzipationsbild zu entwickeln, in dem die Inhalte traditioneller Frauenarbeit, d.h. die Versorgung von Personen, Wahrnehmung sozialer Bezüge, Hinterfragung sogenannter ‚Sachzwänge‘, als legitime Werte integriert sind und entsprechend wertemäßig sozial, politisch, finanziell anerkannt werden.“28 Zu den Forderungen des Manifestes gehören eine „ausreichende und unabhängige finanzielle Sicherung für die Betreuungsarbeit, die wir leisten“, sprich ein Hausfrauenlohn. Man wolle sich außerdem nicht mehr vom „Schneckentempo“ der Männer hinsichtlich ihrer Teilhabe an der Familienarbeit anhängig machen und stattdessen eigene Strukturen wie Mütterzentren schaffen.29 Zu den 22 ErstunterzeichnerInnen gehören Monika Jaeckel, die grüne Bundestagsabgeordnete Christa Nickels und die Soziologin Gisela Erler, die 1987 die Streitschrift Mütter an die Macht30 herausbringen wird.
© Monika Jaeckel: 1. bundesweiter Mütterzentrums-Kongress in Langen (FfM), März 1988 (FMT-Signatur: in PD-LE.05.01)
Mütterzentrums-Kongress, 1988

Das Müttermanifest wird heftig diskutiert, in den Medien wie in der Frauenbewegung.31 Auch innerhalb der Grünen stößt das Manifest auf Kritik: In einer u.a. von den Bundestagsabgeordneten Marieluise Beck und Verena Krieger sowie der Landesarbeitsgemeinschaft Frauen der Grünen in Niedersachsen unterzeichneten Stellungnahme grüner Frauen zum Müttermanifest heißt es: „Wir bedauern es, dass die berechtigten Anliegen von Müttern in dem Müttermanifest mit einem Frauenbild verknüpft werden, das wir seit Jahren bekämpfen.“32

Wie geht es weiter?

Die folgenden Jahre und Jahrzehnte stehen im Zeichen eines Kampfes um gesellschaftlich bessere Bedingungen für Mütter (sowie Väter) und Kinder. Ziel ist, dass Frauen nicht länger wählen müssen zwischen „Kind oder Karriere“. Allerdings wird der fatale Begriff der „Wahlfreiheit“, einst geprägt von den Konservativen, auch von der SPD und allen Parteien übernommen. Gleichzeitig wurden Schutzgesetze für Mütter und Hausfrauen systematisch im Namen der „Gleichberechtigung“ abgebaut.

OECD-Studie, 2017, Externer Link: OECD (2017), Dare to Share – Deutschlands Weg zur Partnerschaftlichkeit in Familie und Beruf, OECD Publishing, Paris. http://dx.doi.org/10.1787/9789264263420-de
OECD-Studie, 2017

Bis heute ist in keinem westlichen Land der Anteil der Teilzeitarbeit von berufstätigen Müttern mit knapp 40 Prozent so hoch wie in Deutschland (siehe OECD-Studie zu Partnerschaftlichkeit in Familie und Beruf 2017). Nicht nur Feministinnen, auch ExpertInnen prophezeien eine hohe Altersarmut für diese scheinemanzipierte Generation der Frauen, die der Verlockung der „Wahlfreiheit“ folgen und für die Erziehungsarbeit die Berufstätigkeit aufgeben oder nur Teilzeit arbeiten. Es ist eine Zeit der Umbrüche und der Widersprüche, des Fortschritts und Rückschritts.

Quellen

1 Sander, Helke (1973): Rede vor dem Aktionsrat zur Befreiung der Frauen, siehe Pressedokumentation: Chronik der Neuen Frauenbewegung, 1968-1970. (FMT-Signatur: PD-FE.03.01-1968-1970, Kapitel 3, 1)
2 Selbstverständnis des Aktionsrats zur Befreiung der Frauen (16.10.1968): Aktionsrat zur Befreiung der Frauen [Hrsg.], siehe Flugblatt im Bildarchiv (FMT-Signatur: FB.04.161) und Selbstverständnis des Aktionsrats zur Befreiung der Frauen (16.10.1968). - Aktionsrat zur Befreiung der Frauen [Hrsg.], siehe Pressedokumentation: Chronik der Neuen Frauenbewegung, 1968-1970. (FMT-Signatur: PD-FE.03.01-1968-1970, Kapitel 3.2, 4)
3 Muttertag - Ein Feiertag? (1972). - Frauenaktion 70 [Hrsg.] ; DKP-Frauenarbeitskreis [Hrsg.] ; Weiberrat [Hrsg.], siehe Flugblatt im Bildarchiv (FMT-Signatur: FB.07.047)
4 Struck, Karin (1978): Die Mutter : Roman. - Frankfurt am Main : Suhrkamp.
5 Struck, Karin (1973): Klassenliebe : Roman. - Frankfurt am Main: Suhrkamp.
6 Monika Sperr (1978): Karin Struck - wozu sie benutzt wird und was sie dazu beiträgt. - In: EMMA, Nr. 3, S. 45. Verfügbar unter: http://www.emma.de/lesesaal/45146#pages/45
7 Peter Handke über Karin Struck: „Die Mutter“ Denunziation ohne Wahrnehmung (1975). - In: Der Spiegel, Nr. 12, S. 147, verfügbar unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41599913.html
8 Frau '75: "Grosse Erotische Mutter" (1975). - In: Der Spiegel, Nr. 27, S. 31. Verfügbar unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41496347.html
9 Schwarzer, Alice (1976): Das Ewig Weibliche ist eine Lüge. - In: Der Spiegel, Nr. 15, S. 201, verfügbar unter: www.spiegel.de/spiegel/print/d-41279965.html
10 Ebenda.
11 Metzler-Lexikon Gender Studies, Geschlechterforschung : Ansätze - Personen - Grundbegriffe (2002). - Kroll, Renate [Hrsg.]. Stuttgart : Metzler, S. 50f., S. 68f. , S. 191f.. (FMT-Signatur: FE.12.NA.002)
12 Frauenjahrbuch '77. - Stahmer, Anne [Hrsg.] ; Pulz, Traudi [Hrsg.] ; Jaeckel, Monika [Hrsg.] ; Reinig, Christa [Hrsg.] ; Kahn-Ackermann, Susanne [Hrsg.] ; Kowitzke, Gerlinde [Hrsg.]. München : Frauenoffensive. (FMT-Signatur: FE.03.001-1977)
13 Stark, Eva-Maria (1977): Feministinnen und Kinder. - In: Frauenjahrbuch '77. - Stahmer, Anne [Hrsg.] ; Pulz, Traudi [Hrsg.] ; Jaeckel, Monika [Hrsg.] ; Reinig, Christa [Hrsg.] ; Kahn-Ackermann, Susanne [Hrsg.] ; Kowitzke, Gerlinde [Hrsg.]. München : Frauenoffensive, S. 54 - 60. (FMT-Signatur: FE.03.001-1977)
14 Stark, Eva-Maria (1981): Geboren werden und gebären : eine Streitschrift für die Neugestaltung von Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft. - München : Frauenoffensive. (FMT-Signatur: LE.05.013)
15 Wetterer, Angelika (1983): Die neue Mütterlichkeit : Über Brüste, Lüste und andere Stil(l)blüten aus der Frauenbewegung. - In: Bauchlandungen : Abtreibung, Sexualität, Kinderwunsch. - Häußler, Monika [Hrsg.] ; Helfferich, Cornelia [Hrsg.] ; Walterspiel, Gabriela [Hrsg.] ; Wetterer, Angelika [Hrsg.]. München : Frauenbuchverlag Weismann, S. 117-134. (FMT-Signatur: SE.11.033-a)
16 Stark, Eva-Maria (1977): Feministinnen und Kinder. - In: Frauenjahrbuch '77. - Stahmer, Anne [Hrsg.] ; Pulz, Traudi [Hrsg.] ; Jaeckel, Monika [Hrsg.] ; Reinig, Christa [Hrsg.] ; Kahn-Ackermann, Susanne [Hrsg.] ; Kowitzke, Gerlinde [Hrsg.]. München : Frauenoffensive, S. 55. (FMT-Signatur: FE.03.001-1977)
17 Kischke, Martina I. (1979): Wo sind denn nun eigentlich die Väter geblieben?. - In: Frankfurter Rundschau, 07.04.1979, siehe Pressedokumentation: Chronologie der Neuen Frauenbewegung, 1979. (FMT-Signatur: PD-FE.03.01-1979, Kapitel 3, 4)
18 Pinl, Claudia (1978): Gefährlicher Mutterschutz. - In: EMMA, Nr, 9, S. 29. Verfügbar unter: http://www.emma.de/lesesaal/45152#pages/31
19 Schwarzer, Alice (1981): So fing es an! : 10 Jahre Frauenbewegung. - Köln : EMMA-Frauen-Verlag, S. 114. (FMT-Signatur: FE.03.164-1981)
20 Ebenda.
21 Ebenda, S. 109ff..
22 Ebenda, S. 109.
23 Die neue Zeit kommt im Gewand der Mütterlichkeit : Das Grundsatzpapier der Sozialausschüsse (CDA) für die nächste Bundestagung, die unter dem Motto „Familie - Freiheit - Zukunft“ steht : Leitsätze : Die sanfte Gewalt der Familie (1981). - In: Frankfurter Rundschau, 04.08.1981, siehe Pressedokumentation: Feministische Debatten und Ereignisse, 1981. (FMT-Signatur: PD-FE.03.02-1981, Kapitel 3.1, 6)
24 Schwarzer, Alice (1981): So fing es an! : 10 Jahre Frauenbewegung. - Köln : EMMA-Frauen-Verlag, S. 111. (FMT-Signatur: FE.03.164-1981)
25 Jaeckel, Monika: Wer - wenn nicht wir : zur Spaltung von Frauen in d. Sozialarbeit : eine Streitschrift für Mütter (1981). - München : Frauenoffensive. (FMT-Signatur: LE.05.006)
26 Ebenda, S. 6.
27 „Leben mit Kindern - Mütter werden laut“ : Dokumentation des Kongresses vom 22./23.11.86 : Gedanken zur Mütterpolitik (1987). - Die Grünen [Hrsg.], Selbstverlag. (FMT-Signatur: LE.05.065)
28 Ebenda, S. 6.
29 Ebenda, S. 7.
30 Mütter an die Macht : die neue Frauen-Bewegung (1989). - Pass-Weingartz, Dorothee [Hrsg.] ; Erler, Gisela [Hrsg.]. Reinbek bei Hamburg : Rowohlt-Taschenbuch-Verlag. (FMT-Signatur: LE.05.015)
31 Siehe Pressedokumentation: Mütter II: "Müttermanifest" aus dem Umfeld Grüner Frauen, 1986-1988. (FMT-Signatur: PD-LE.05.02)
32 Wo liegt der Frauen Glück? : Neue Wege zwischen Beruf und Kindern (1988). - Beck-Oberdorf, Marieluise [Hrsg.] ; Bussfeld, Barbara [Hrsg.] ; Meiners, Birgit [Hrsg.]. Köln : Kölner Volksblatt-Verlag, S. 128. (FMT-Signatur: AR.07.045)

Alle Internetlinks wurden zuletzt abgerufen am: 29.01.2018.

Auswahbibliografie

Empfehlungen

Frauen und Mütter (1979): Beiträge zur 3. Sommeruniversität von und für Frauen, 1978. - Berlin : Selbstverlag. (FMT-Signatur: FE.03.009-03)

Wetterer, Angelika (1983): Die neue Mütterlichkeit : Über Brüste, Lüste und andere Stil(l)blüten aus der Frauenbewegung. - In: Bauchlandungen. - Wetterer, Angelika [Hrsg.]. München : Frauenbuchverlag Weismann, S. 117-134. (FMT-Signatur: SE.11.033-a)

Nicht nur Blumen - Rechte fordern wir! : Dokumentation der Frauen-Demonstration am 12. Mai 1984 in Bonn anlässlich des Muttertages (1984). - Arndt, Tina [Hrsg.] ; Baumann, Heidi [Hrsg.] u.a.. Bonn : Leppelt. (FMT-Signatur: LE.05.099)

Badinter, Elisabeth (1985): Die Mutterliebe : Geschichte eines Gefühls vom 17. Jahrhundert bis heute. - München : Dt. Taschenbuch-Verlag. (FMT-Signatur: LE.05.001)

Mütter im Zentrum - Mütterzentrum : Wo Frauen mit ihren Kindern leben (1985). - Deuschle, Dorle [Hrsg.]. München : Goldmann. (FMT-Signatur: LE.05.035)

Neue Mütterlichkeit : Ortsbestimmungen (1986). - Pasero, Ursula [Hrsg.] ; Pfäfflin, Ursula [Hrsg.]. Gütersloh : Gütersloher Verlagshaus Mohn. (FMT-Signatur: LE.05.025)

Scheich, Elvira (1986): Frauenpolitik nach Tschernobyl. - In: Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis, Nr. 18, S. 21 - 30. (FMT-Signatur: Z-F014:1986-18-a)

"Leben mit Kindern - Mütter werden laut" : Dokumentation des Kongresses vom 22./23.11.86 : Gedanken zur Mütterpolitik (1987). - Die Grünen [Hrsg.]. Bonn : Selbstverlag. (FMT-Signatur: LE.05.065)

Mütter an die Macht : Die neue Frauen-Bewegung (1989). - Pass-Weingartz, Dorothee [Hrsg.] ; Erler, Gisela [Hrsg.]. Reinbek : Rowohlt-Taschenbuch-Verlag. (FMT-Signatur: LE.05.015)

Chamberlayne, Prue (1990): The mothers' manifesto and disputes over 'Mütterlichkeit'. - In: Feminist Review : Selbstverlag.(FMT-Signatur: Le.05.a)

Hrdy, Sarah Blaffer (2000): Mutter Natur : die weibliche Seite der Evolution. - Berlin : Berlin-Verlag. (FMT-Signatur: LE.05.009)

Diehl, Sarah (2010): Die Uhr, die nicht tickt : eine Streitschrift. - Zürich : Arche. (FMT-Signatur: LE.05.055)

Donath, Orna (2016): # _regretting motherhood : wenn Mütter bereuen. - München : Knaus. (FMT-Signatur: LE.05.079)

Pressedokumentation

Pressedokumentation zum Thema Weiblichkeit und Mütterlichkeit: PDF-Download

Die Pressedokumentation des FMT umfasst strukturierte, thematisch aufbereitete und inhaltlich erschlossene Beiträge der allgemeinen und feministischen Presse, meist angereichert mit weiteren Materialien wie z.B. Flugblättern und Protokollen.

Weitere Bestände im FMT (Auswahl)

FMT-Literaturauswahl Weiblichkeit und Mütterlichkeit: PDF-Download

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